Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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anläßlich der Goethefeier der „Goethe Society of America" geschrieben hat. Es heißt
darin: „Sein umfassender Genius sollte alle Menschen zu der Überzeugung bringen, daß
die kundige Ausübung der vornehmsten Form der Kunst nicht eine Betätigung im un-
mittelbaren Interesse des eigenen 1 andes ausschließt, und daß eine tiefe Versenkung
in Philosophie und Wissenschaft erfolgreich mit dem lebhaften Gefühl für die Erfüllung
der Bürgerpflichten verbunden werden kann."

Notizen

Am 22. und 23. Juni versteigert Hugo Helbing, Frankfurt a. M., den Nachlaß des Samm-
lers Dr. H. Wagner: Holzplastiken des Mittelalters und der Renaissance, ostasiatische
Kunst und deutsche und schweizer Scheiben. Sodann wird eine Bildersammlung und der
Nachlaß R. u. S. versteigert: Werke des neunzehnten Jahrhunderts.

Im Sächsischen Kunstverein Dresden wird Kunst des Goethe-Kreises gezeigt (Juni und Juli).

Die großen und die kleinen Werte des Graphikmarktes

von ERHARD GÖPEL

Die ausgezeichneten Verkaufsergebnisse der Leipziger Graphikversteigerungen sind ge-
eignet, die wahre Lage des Graphikmarktes zu verschleiern. Sie gelten, so erfreulich und
erstaunlich sie sind, außergewöhnlich guten Blättern und Drucken, die als Maßstäbe für
den vorkommenden Durchschnitt nicht in Betracht kommen. Preise, die in den Jahren
der Konjunktur den guten Mittelblättern gegeben wurden, zahlte man jetzt für außer-
ordentliche Werke, die damals ein Mehrfaches gekostet hätien. Der Preisfall, und was
noch wesentlicher ist, die Unverkäuflichkeit, wurde in Leipzig durch das weit über dem
Durchschnitt liegende Niveau namentlich der Sammlung Yorck von Wartenburg erfolg-
reich bekämpft. Wie aber die wahre Situation für Mittelgut ist, zeigte eine vorausgehende
Versteigerung in Berlin. Zugegeben, daß jedermann sich für die tadellos frischen Drucke
der Sammlung Yorck zurückhielt und von dem Erwerb unfrischer und restaurierter Drucke
Abstand nahm; die meisten etwas höher, etwa über 1000 Mark, ausgerufenen Blätter
blieben dort unverkauft. Eine Grenze gegen die Unverkäuflichkeit und die fallenden
Preise bildeten erst die kleinen Werte zwischen zehn und hundert Mark Im Verhältnis
früherer Preise für das gleiche Kleingut des Marktes sind die gezahlten Beträge meist
noch kleinere Bruchteile als die entsprechenden Verhältniszahlen für begehrte außer-
ordentliche Seltenheiten und für schöne Drucke großer Meister.

Diese Tatsache erklärt sich daraus, daß die steigenden Preise für erstrangige Drucke —
von Dürer und Rembrandt zum Beispiel — einen gewissen spekulativen Anreiz auch für
den Kauf des letzten späten Dürer- oder Rembrandtblattes boten. Die steigenden Freise
der ersten Zustände wirkten sich als Vorspann für den spätesten Zustand desselben Blattes
aus Die rückläufige Preisbewegung der besten Blätter, wie Dürers Hauptwerke — Ritter,Tod
und Teufel (21 000 Mark), Hieronymus, Melancholie, Adam und Eva (14000 Mark) — voll-
zieht sich, weil vielseitig gestützt, nur langsam. Trotzdem nimmt sie den „kleinen Werten''
jeden spekulativen Kaufreiz, da der Kupferstichmarkt noch nicht soweit Börse geworden
ist, um jedermann zu erlauben, auf Baisse mit zu spekulieren. Eine Grenze für das Fallen
der kleinen Werte ist einzig die Freude am Besitz, die Freude am Kunstwerk. Sie liegt
da, wo ein Student, ein Arzt, ein Rechtsanwalt plötzlich sich der Möglichkeit gegenüber
sieht, für zehn, zwanzig oder fünfzig Mark den langgehegten WTunsch zu erfüllen, ein
Original von Rembrandt oder Dürer kaufen zu können. An dieser Stelle ist alle Speku-
lation ausgeschaltet und ein Werk wird allein seines inneren Kunstwertes wegen gekauft.

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