Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Inspirationen Manets. Diese Wirkung natürlicher Anmut erreichte er, nachdem er das
Bild unzählige Male abgekratzt und neu begonnen hatte.

Es ist kaum ein größerer Gegensatz denkbar, als der zwischen der Arbeitsweise Manets
und Renoirs. Dieser selbst sagte: „Ich gebe mich erst zufrieden, wenn meine Leinwand
zum Bersten voll ist." Man braucht nicht darauf hinzuweisen, wie kostbar die Wirkungen
sind, die Renoir mit dieser Methode erreicht hat . . . Und doch muß man gestehen, daß
in dem Vorgehen Manets mehr geistige Größe liegt. Ihm sind leere Stellen ein Bedürfnis,
er spielt mit ihnen. Mit ihrer Hilfe entwickelt er den prachtvollen Wurf seiner Zeich-
nung und die Ausdrucksfülle, die in einem einzigen Zug eine ganze Figur auszuschöpfen
scheint. Auch zaubern die großen, glatten Hintergründe, die das Sujet außerhalb von
Raum und Zeit zu setzen scheinen, jenes „nirgendwo" Baudelaires vor das geistige Auge,
sie erheben den scheinbar banalen oder trivialen Vorwurf zur Größe und schafFen ihm
eine weite, unbestimmte und geheimnisvolle Resonanz.

Aus: „Die Poesie Manets" von Paul Jamot
in „L'amour de l'art , Paris.

Werkbundausstellung „Wohnbedarf" Stuttgart

von ANNA WERTH EIMER

Die Stuttgarter Ausstellung „Wohnbedarf" stellt in gewissem Sinne einen Rechenschafts-
bericht über die Arbeit des Werkbundes auf dem Gebiet des gesamten Gebrauchs- und
Wohngerätes dar. Sie verlangt daher ernsthafteste Würdigung.

Diese Ausstellung befaßt sich fast ausschließlich mit dem maschinell hergestellten Serien-
produkt und behandelt damit eines der wichtigsten Aufgabengebiete des Werkbundes.
Die durch die veränderte soziale Struktur und durch die allgemeine Entwicklung der
Produktionsmittel bedingte Ausdehnung des Massenproduktes verlangt nach einer scharfen
Kontrolle, wenn es nicht ins Uferlose wuchern soll. Hier liegt ein ganz großes Verdienst
des Werkbundes: daß er aus der richtigen Erkenntnis, der Wirkungsradius eines Massen-
produktes sei ein viel weiterer als der eines Ilandwerksproduktes, versucht hat, seinen
Einfluß auf die Leichtindustrie geltend zu machen und das Gefühl der Verantwortung
selbst für den wohlfeilsten Gegenstand zu wecken.

Es scheint überflüssig, das ausgestellte Material im einzelnen aufzuführen, da ja ähnliche
Veranstaltungen, wenn auch mit beschränkterer Programmsetzung, im Gedächtnis sind.
Wichtig bei dieser Veranstaltung im Vergleich zu den vorhergegangenen ist die klare
Systematik, mit der das Material zusammengestellt ist: die Ausgestaltungsmittel des
Innenrauines sind nach Kategorien — Boden, Wand, Vorhang, Beleuchtung, Heizung,
Möbel — das Gerät nach seinen Funktionen — Kochen, Essen, Trinken, Reinigen usw.
— geordnet. Als Zusammenfassende Teile sind die „wachsende Küche" und die Abteilung
„Möbel im Raum" gedacht.

In der Auswahl der Gegenstände hat man sich möglichst an typisierte Formen gehalten, alle
Variationen ausgeschieden — also gewissermaßen das Gerät „an sich" zu zeigen versucht.
Man hätte vielleicht für diese Ausstellung eine vollere Bejahung, man könnte ihre ex-
klusive Stellung (die übrigens nicht auf allen Gebieten mit gleicher Konsequenz durch-
geführt ist) aus pädagogischen Gründen sogar freudig begrüßen, wäre nicht versucht wor-
den, ihr in einem Vorwort zum Katalog einen ideologischen Überbau zu konstruieren,
der die Gefahren einer solchen Programmsetzung deutlich macht.

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