Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Berliner Chronik

von KARL SCHEFFLER

Das Reichsehrenmal

In den Ausstellungshallen am Lehrter Bahnhof sind Ergebnisse des Ideenwettbewerbs
für ein den Gefallenen des Weltkrieges gewidmetes Reichsehrenmal ausgestellt. Mehr
als achtzehnhundert Entwürfe sind eingegangen. Zugrundegelegt war dem Wettbewerb
von den Frontkämpferverbänden und deren Ausschüssen der Gedanke eines „Heiligen
Haines"; als Ort für das Ehrenmal ist ein großer Forst in der Nähe des Bades Berka,
zwischen Weimar, Jena und Rudolstadt, bestimmt worden.

Dem jahrelang geführten Kampf der Meinungen hat man nicht gern zugehört, da sich
gezeigt hat, daß Klarheit über die Aufgabe nicht zu gewinnen war. Einig waren und
sind alle nur in dem dunkeln Gefühl, daß das Gedächtnis unserer Gefallenen früher
oder später einmal würdig verewigt werden muß. Auch von dem Entschluß, die Um-
gegend Berkas als Standort zu wählen, hat man ohne besonderes Interesse Kenntnis
genommen, da der Zwang einer Gefühlsassoziation in keiner Weise für diesen Platz
spricht. Angesichts der Ausstellung findet man nun die Befürchtungen bestätigt, daß
alle Lösungsversuche von vornherein zur Problematik verurteilt seien.
Es wäre zwecklos, die Augen vor diesen Feststellungen zu verschließen um des schönen
nationalen Vorhabens willen. Im Gegenteil: da alle Deutschen beteiligt sind, kann die
Aussprache nicht offen und rückhaltlos genug sein.

Einer der Leitgedanken heißt: das Ehrenmal muß im Herzen Deutschlands liegen. Das
hört sich gut an, ist aber eine abstrakte Vorstellung, keine Anschauung. Obendrein
stimmt es nicht einmal, weil die tschechische Grenze verhältnismäßig nahe ist. Ein
anderer Leitgedanke fordert einen Hain. Nun wirkt das Geheimnisvolle eines Haines
nur, wenn dieser, wie es bei den Griechen war, irgendwo im freien Lande liegt, sei
es in der Ebene oder — besser — auf einem Hügel, nicht aber, wenn der Ehrenhain,
wie in diesem Fall, nur der Teil eines weiten, hügeligen Forstes ist. Es geht die Wir-
kung des Kontrastes verloren, wenn der Besucher schon durch Wald gewandert ist,
bevor er den Ehrenhain betritt, wenn dieser nur der beliebige Teil eines großen Waldes
ist. Entscheidend ist auch die Art des Waldes. Bei Berka handelt es sich — nach den
sachlichen Ausführungen des Forstmeisters Pfeifer in einer offiziellen Druckschrift —
um ein reines Nadelholzrevier, um Kiefern- und Fichtenbestände, um einen forstwirt-
schaftlich gepflegten Nutzwald mit Schonungscharakter in den neueren, mit Stangenholz
und Dickungen in den älteren Teilen. Ein solcher Wald kann eine schöne Gesamtland-
schaft schaffen, er kann jedoch in seinem Inneren nicht das entfalten, was der Deutsche
sich vorstellt, wenn vom Schauer und vom Geheimnis der Waldeseinsamkeit die
Rede ist.

Es bleibt den Bewerbern die Möglichkeit, den Natureindruck durch Kunst zu steigern:
durch Architektur und Skulptur. Alle Einsichtigen wissen aber, daß wir heute zur Not
von einer eigenen Profanarchitektur für Siedelungs- und Industriebau reden dürfen,
nicht aber von einer rein darstellenden, lebendig symbolkräftigen Baukunst, die sich
der Natur organisch einfügt. Wenn aber eine Baukunst, durch die ein ganzes Volk
in gleichnishaften Formen mit sich selber spricht, nicht vorhanden ist, so schaltet von
selbst auch die Skulptur aus. Denn Monumentalplastik wächst nur auf dem Boden einer
Monumentalbaukunst.

Hinzu kommt noch, daß es auch an allgemeingültigen lebendigen religiösen Sym-
bolen fehlt.

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