Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Briefe aus Amerika. III.

von GEORGE GROSZ

Ich habe heute Nachmittag gearbeitet, habe schon acht Skizzenbücher voll
gezeichnet, zeichne viel auf den Straßen. Das sind eben meine Fühler, so
komme ich langsam und sicher in Berührung mit diesem turbulenten
„Miljöh" . ..

Die Drinks, die man hier trinkt, wirken eher erfrischend und kühlend als
aufregend. Ich bin Stammgast unten an der Ecke im Drugstore. Da kannst
Du mich an der Bar auf dem Hocker sitzen sehen ... ja da sitze ich und
ordere eine frostet chocolate oder ein sunday pineapple oder eine Orangeade —
aber without sugar, denn sonst weiß man vor Süßigkeit nicht wohin; die
Brüder hier zuckern ja alles doppelt und vierfach, selbst die jetzt so wunder-
baren Melonen, die ich immer früh zum breakfast esse, werden, obwohl
schon sehr süß, noch mit Bergen von Zucker überstreut. Habe da im
Drugstore übrigens eine Aufnahme gemacht, hoffentlich ist es was ge-
worden.

Merkwürdig, wie vertraut mir hier schon alles geworden, fühle mich
vollkommen sicher, als wäre ich zwanzig Jahre hier; benutze jetzt alle
Verkehrsmittel, zumal die einseitige parallele Bauweise der Straßen die
Findung ungemein erleichtert, sobald man es einmal weg hat. Also nun
will ich einstweilen hier abschließen, treffe mich mit J. zum Dinner im
Madison Hotel...

Wir aßen zuerst also im Madison Hotel. Das Essen ist ausgezeichnet. Beginnt
traditionell mit „horsdövres", dann meist chicken, dazu Salat. Hinterher
was Eisiges, mittendrin mischt man sich den üblichen Hi-ball aus mit-
gebrachtem oder dem Kellner vorher abgegebenen Whisky. Gelegentlich
kommt auch einmal eine Flasche Rheinwein auf den Tisch. Immer gibt es
herrlichen Staudensellerie und Oliven, die man mit den Fingern langt und
ißt. Nebenbei will ich erwähnen, daß I. B. mir ein kleines italienisches
Restaurant empfahl in der Thompson Street, nahe beim Washington Square;
da ißt man recht gut, kolossale italienische Vorspeisen mit echten Knob-
lauchzwiebeln usw. (die ich aber lieber nicht esse). Man bekommt dort
auch ganz guten Wein, ganz und gar öffentlich, es ist kein Speak-easy,
ebenso zum Kaffee einen Schnaps auf Verlangen. Kurios ist das hier mit
der Prohibition. Das Viertel dort unten in Thompson Street ist schon ganz
italienisch. Die hocken da auf den Treppen, alle krausköpfig und dunkel,
am Zeitungsstand drei bis vier italienische Zeitungen. Die Mussolinis sind
hier meist, falls sie nicht Gangster sind, Schuhputzer und Icecream-Männer
mit neapolitanisch bunten Kästen, die sie umhängen. Am Unionsquare

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