Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Wichtigkeit deffen erkennen, was den Kindern
so oft nur als sruchrlose Schulplagereien vor-
kommt — dazu bedarf es keiner hohen Bildung,
sondern nur ein Bischen Liebe für die Kinder
und ein wenig Voraussichl in ihre Zukunft,
und deffen werden sich doch wohl alle Familien-
vater fähig halten.

Die Frage der Religion und Consession, die
in so ungehörigcr Weise mit in die Schulreform
hereingezogen wurve, sollte doch auch jetzt den
streng katholischen Gemeinden zur Klarhcit gc-
kommen sein, nachdem vom hochwürdigen Ordi-
nariat selbft die Reform als eine bestehende
Thatsache anerkannt ist und für die sorgfältige
Pflege des katholischen Glaubens die Maßregeln
getroffen sind. Wie bei solcher Bcaufsichtigung
des NeligionsunterrichtS unter Mithülfe eines
streng katholischen Ortsschulrathes — denn des-
sen Wahl liegt ja in der Hand der katholischen
Bürger — die Religion Schaden leiden sollte,
läßt sich schwcr begreifen und jede derartige
Besürchtung kommt gewiß cinem Zweifel gleich
an der Befahigung der kirchlichen Organe für
einen fruchtbringenden Religionsünterricht.

Oder glauben etwa dic theilnahmlosen Ge-
meinden, wie es ihnen wohl vorgehalten werden
mag, durch ihre Zurückweisung der Wahl die
ganze Schulreform stürzen zu können? Das
wäre doch wohl ein Bischen kühn, und wir
können kaum glauben, daß sich so Etwas Je-
mand ernstlich einreden läßt; wir halten auch
die Bevölkerung jener Orte sür zu verstandig,
als daß sie solchem Glauben sich hingeben könnten.
Jn dieser Beziehnng wird die beste Belehrung
darin bestehen, daß die Gemeindcn einsehen, die
Sache geht auch ohne sie, und ihnen selbst als
den fern Stehenden erwachst wedcr Vortheil
noch besöndere Ehre hieraus. Man sollte kaum
glauben, wo die Mohl geboten ist zwischen freier
Selbstbestimmung und Einsetzung von Sciten
einer amtlichen Behörde, daß die Gemeinden
nicht alle in der Betrgchtung einig seien: „wenn
es doch sein muß, so wollen wir lieber unsere
Leute selbst wählen, als unS solche von Oben
sctzen laffen." Ohne die künstliche Aufregung
in den Gemüthern und Geistern, die noch fort-
während genährt wird, uud die daS klare Bc-
wußtsein nicht zum Nechte kommen läßt, wären
wohl solche gegen daS eigene Wohl gerichteten
Verkehrtheiten und Verkeuuung alles Bernünf-
tigen und Heilsamen nicht möglich. Die beste
Einsicht werden die Thatsachen bieten, sie haben
immer das entscheidendste Gewicht und sind am
ehesten im Stande, die künstlich gemachten Be-
fürchtungen und Aufregungen wieder in die
Bahn ruhiger Ueberlegung 'und ruhigen Sich-
selbstbesinnens zurück zu leiten.

Nürnberg, 5. Jan. Die heutige „Abend-
zeitung" veröffentlicht cinen Aufruf zur Lil-
dung eines Volksvereins in Nürnberg. Der
Aufruf sagt:, „Nachdem reichlich über ein Jahr
die politische' Thäligkeit fast ausschließlich der
schleswig - holsteinischen Sache zugewandt war,
erscheint es jetzt, ohnc den Blick von dort ab-
zuwenden, an der Zeit, die übrigen Aufgaben
des politischen Lebcns wieder in's Auge zu
fasien. Die Lage des gesammten deutschen
VaterlandeS, nicht minder aber die Gestaltung

ist schön gebaut, zählt 22 Plätze und durck sämmt-
liche Straßen ziehen sich Allcen von Palmettos.

Jn Wetmar wird rin Strafproccß gegcn den
Geometer Grrstenbergk verhandelt, der Deutsch-
land mit gefälschten Hanbschriften Schillers über-
schwemmte und damit ein sehr nutzbares Geschäft
trieb, biS ihn Professor Dielitz in Berlin als Be-
trüger entlarvte, indem rr besonders darauf auf-

dazu alteS Papier, jedoch so altes, daß, nach
Aussage der Sachverständigen, dasselbe schon LO
Iahre vor Schillrr nickt mehr zu haben war; er
schrirb Gedichte auS schlechten Ausgabrn mit allen
Druckfehlern ab, und Gedichte von Karl Müchler
unterzeichnete er mit dem Namen SchillerS, deffrn

daß selbst ScdillerS Tochter für mehr als 1400 Thlr.
gefälschte Handschriften ihres Vaters kaufte.

London. SchotUand hat bekanntlich noch Iagd-
gründe, wie fie die Zünger Nimrod'S auf dem

der iunern bayerischen Verhaltniffe und hier
nicht zum Wenigsten der Wiedereintritt eines
vor fünf Jahren, wie man damals hoffte, für
immer gestürzten MinisterS in die Staatsregie-
rung erfordern den engsten Zusammenschluß
und die energische Thätigkeit aller entschieden
freisinnigen Männer. Die schon errungenen
Freiheiten wahrcn und schützen, die Volksrechte
erweitern und ausbilden, einen wirklich freien
Staat erringen, an die Stelle der jetzigen ent-
würdigenden und trostlosen Zustände Gesammt-
deutschlands einen Bau setzen, der den gerech-
tcn Ansprüchen einer großen. 'und gebildeten
Nation entspricht, dieS sind die Aufgaben der
Fortschrittspartei. Um wirksamer, als seither,
nach diesen erhabenen Zielen zu streben, muß
aber auch die Organisation der volksthümlichen
Elemente in den einzeluen Landestheilen eine
besscre Geftalt gewinnen." Demgemäß wird
die Absicht der Unterzeichner, zur Verwirk-
lichung der politischen Grundsätze der Fort-
schrittspartei einen Volksverein in's Leben zu
rufen, angekündigt und zu diesem Behufe eine
Versammlung auf den 9. Januar im Cafe
Noris anberaumt. Die Zahl der Unterzeichner
ist 47, darunter mehrere Mitglieder des in der
Versammlung vom 26. December constituirtcu
Gesammtausschusses der „Fortschrittspartei in
Bayern."

Wien, 3. Jan. Es ist so eben das neue
Namensverzeichniß der Mitgliedcr deS Abge-
ordnetenhauses ausgegeben worden. Nach diesem
zählt daffelbe gegenwärtig 204 Mitglieder. Ge-
mäß dem Slaatsgrundgesetze vom 26. Fcbrugr
1861 soll das AbgeordnetenhauS 343 Mit-
glieder zählen. Noch ganz unvertreten sind
Ungarn mit 85, Croatien mit 9, Venetien mit
20 Abgeordnelen, zusammcn 114.

F r a n k r e i ch

Paris, 5. Zanuar. Die Kaiserin wohntc
gestern, wie der „Moniteur" heule berichtet,
der Berathung des vereinigten geheimen und
Ministerrathes bei. Dic „France" sagt, die
Sitzung sei sehr interessant gewesen und Prinz
Napoleon habe bei der Discnssion der vom
Kaiscr' gestellten Fragc sich sehr lebhaft bethei-
ligt. Was für einc Fragc das gewesen, sagt
die „France" nicht. Morgen wird der geheime
Rath eine Sitzung halten, in welcher der Prinz
Napoleon zum ersten Male präsivireil und das
DeccntralisationSgesctz zur Discussion stellen
wird. Die ,;France" hebt hervor, daß der
Prinz sehr für die größere Freiheit der Depar-
temenls und Gemeinden ist. Dasselbe Blatt
meldct, die Kaiserin habe dem Prinzen zu sei-
ner neuen hohen Stellung die herzlichsten Glück-
wünsche abgestattet; übrigenS sci diese den ge-
heimen Rath betreffende Maßregel schon längst
vom Kaiser beschloffen gewesen. Die Eröff-
nung der Kammern ist, laut „Francc" bestimml
auf oen 13. Februar angesetzt.

E n g l a n d

London, 7. Jan. Die neuesten Nachrich-
tcn aus New -'Iork melden, daß Hardee am
20. Dec. mit seiner Ärmee nnd Artillerie Sa-
vannah geräumt hat. Es sind in dieser Stadt

Auf den Zagben eines schottischen EdelmanneS
schossen sieben Schützen in dreizehn Tagen: 9 Birk-
hühner, 792 Fasanen, 1042 Rebhühner, 79 Wald.
schnepfen, 25 Wasserschnepfcn,' 3040 Hasen und
1836 Kaninchen, im Ganzen 6823 Stück Wild.
Nach dem Gewichte brtrug diese Gesammtmasse
ungefähr 300 rngl. Centner oder 330 Pfund auf
jeden Sckützen per Tag, so daß jrder dersrlben
zwei Mal sein eigenes Gewicht in Wild täglich
erlegte. Die Treffer auf dte Zägrr gleickmäßig
vertheilt, ergeben für jeden ungefähr 75 Treffer
täglich.

(AleranderDumaS Sohn) wird fich ver-
hrirathen, und zwar mtt einer Rusfin, der Wittwe
drs Kürstrn Narifchkin.

* Li'terarifches.

Von drr Allgemeinen IKustrirten Zeitung
„Ueber Land und Meer" (Stuttgart, Eduard ,
Hallbcrger) liegen die ersten Nummrrn drS kürzlich i

etwa 25,000 Ballen Baumwolle zurückgeblie-
ben, die, weil Ausländern gehörig, von den
Conföderirten nicht verbrannt worden waren.
Hardee hat seine Vcreinigung mit Beauregard
bewerkstelligt. Sherman marschirt gegen Eu-
gonSville. — Die gegen Mobile ausgesandlen
Ünionstruppen waren bei Pollard (in Ala-'
bama) zurückgeschlagen worden. — Am 17.
December war eine Abtheiluug der Cavallerie
Sherman's in Stücke gehauen worden. Man
sagtc, daß die von Suffolk gegen das am Rea-
noake gelegene Fort ausgesandte Expedition ge-"
schlagen worden sei. — Die „New-Nork-Times"
warnt das Publikum vor allzu lebhaften Hoff-
nungen auf Grund der neuesten Erfolge.

Loirdon, 8. Jan. Die Königin hat heute
in Osborne eine Ministersitzung abgehalten, in
der beschloffen wurde, das Parlament vom 13.
Januar auf den 7. Februar zu vertagen.

Z ta l t en

Rom, 6. Jan. HkUte frnh verfügte der
Papst in Anwesenheit der im Vatican versam-
melten Cardinäle die Veröffentlichung eines
Decretes, kraft deffen zur seierlichen Canoni-
sirung von 19 Märtyrern geschritten werden
sollte.

. Turin, 7. Zan. Die ofsicielle Zeitung
veröffentlicht ein Decret, welchcs die römischen
Gold- und Silbermünzen in Umbrien und den
Marken außer Curs erklärt. Jn Neapel ist
der Commandant der dortigen Nationalgarde,
MarquiS Trupputi, gestorben.

T V a » i e n

Madrid, 6. Jan. Die Königin Marir
Chriftinc ift über Logrono, wo stc dem Mar-
schallc Espartero cinen Besnch abstattete, nach
Krankreich abgereist. Der bei der mcxicanischen
Regierung beglaubigte jpanische Gcsandte ist
auf seinen Posten abgegangen.

Madrid, 7. Zan. Der Ministerpräsident
Narvaez hat der Dcputirtenkammer einen Ge-
setzesentwurf vorgelegt, der die Zurücknahme
deS Decrets »on 1861 ausjpricht, dnrch wel-
chcs San Domingo wicder ats Bestandthcil dcr
spanijchen Monarchie crklärt wurde. Jn der
Darlegung der Bewcggründc zu diesem Ge-
sctzescntwurf ist gesagt, dasz Spanien Anfangs
im Glauben war, die Dominikancr wünschten
unter spanischem Schntz zu leben, daß aber dcr
Widerstand gegen dicse Zdee zn ernsthaft ge-
wordeu jei, uin sich noch tänger einer Jllusion
darnber hinzugeben. Es würde sich demnach
um einc Eroberung handcln; aber die spanische
Politik sei keine Eroberungspolitik.

A m e r i k a.

Neuyork, 28. Dez. Laut offizieller An-
zeige hat Sherman am 22. d. Savannah ein-
genommen, wobei er 150 Kanonen und 30,000
Ballen Baumwolle erbcutete, jedoch nur 800
Gefangene machte. Hardee war nämlich mit
seiner Armee, nach Zerstörung der Panzerschiffe
und der Werfte, in der Nacht enlwichcn; in
der Stadt waren 20,000 Einwohner verblieben.
Wie Correspondenteu melben, hatte Syerman
nach Eroberung des Forts Lee und mehrerer

allen anderen Zournalen auSzeichneten. Lüchtigkeit
und Grwiffenhaftigkeit der Durchführung prägen
dtesem wahrhasten Famtlien-Zournal deutlich
ihre^ Stempel auf, sie zeigen sich tn der ausge-
zeichneten, mannichfachen, auS den Federn unserer
bestrn Schriftsteller stammendm Unterhaltungs-
lectüre, in den verschiedensten, alle Gebiete des
menschlichen Zntrreffes erschöpfenden Aufsätzen, so
wie hauptsächlich auch in den außerordentlich ;ahl-
reichen, großen, ost unübertresflich schönen Zllustra-
tionen, welche in künstlerischem Bilde dem Auge
zeigen, waS das Wort beschretbt. Wtr wünschen
dirsem der deutschen Literatur zur Ehre gereichen-
den Unternehmen eine immer weitere Derbrettung,
welche rs, trötzdem seine Auflage schon 50,000
beträgt, ficher finven wird.
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