Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Ueidrlbergrr Zeiluna.

KrelsverküuüigMlgüblatt sür den Kreis Heiüelberg unü a?ntliches Äerkünsigungsblatt für üie AintS- und Aiuts-
Gerichlsbczirke Hcidelbcrg uud Wicsloch und den AnitsgerichtSbezirk Neckargeuiüuü.


Auf die „Heidelberger
> I ^ Zeitung" kann man sich

noch für den Monat
Iuni mit 21 Kreuzcrn abonnircn bei allen Post-

stanstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schifsgasse Nr. 4).

* Politische Nmschan.

Die „Rhein. Ztg." meldet telegraphisch, daß
daS Präsidium des Herrenhauses durch Circu-
lar vom 27. d. M. die Mitglieder desselben
benachrichtigt. daß vom 10. Iuni an wichtige
Sitzungen erfolgen und dann baldigst oer Land-
tag geschlossen werde.

Marschall Magnan, Commandant der Armee
von Paris, eincr der treuesten Anhänger der
kaiserlichen Dynastie, ist gestorben. Der Mar-
schall war am 7. Decbr. 1791 zu Paris ge-
boren, hat also sein Lebcn auf 74 Jahre ge-
bracht.

Dem Handelsvertrag mit England
stnd nun sämmtliche Zollvereinsregierungen bei-
getreten.

Die mexicanische Regierung hat ein Decret
erlassen, welches Einwanderern jegliche Con-
tractabschließung mil Juarez verbietet und Zu-
widerhandelnde mit Strafen bedroht.

Jn dcr venetianischen Provinz Padua wurde
eine vollständige geheime Pulver-sabrik mit nicht
unbedeuteuden Vorräthen bereits verfertigten
Schießpulvers aufgefunden, welche wahrschein-
lich für Rechnung der Actionspartei arbeitete.
Mehrere Arbeiter, sowie auch der Leiter dieser
Fabrik wurden verhaftct. .

D e u t sch l a n -

Karlsruhe, 27. Mai. Dem „Sch. M."
wird geschrieben: Der erzbischöflichc Commifsär,
rvelcher zur Einleitung von Verhandluugen mit
dcr großh. Regierung wegen der Schulangele-
gcnheit hieher gesandt war, hat unsere Stadt
wieder verlassen. Wie man hört, ist für's Erste
das Ziel ciner Verständigung nicht erreichr, ja
es scheint sogar der Gegensatz der einander
gegenüber stehenden Auffassungsweise durch
die Besprechungen sehr beftimmt hervorgetreten
zu sein. Wie bekannt, wünscht die Curie Garantie
für den confessionellen Character der Volks-
schulen dadurch zu erhalten, daß ste bei Be-
setzung der Mch ihrer Ansicht nothwettdig con-

DonnerAag, I Zuni

feffioncllen Schulbehörde in irgend einer Wcise
mitzuwirken hatte, während die Rcgierung nach
ihreu politischcn Maximen, die durch daS Kir-
chen- und Schulaussichtsgesctz zu staatsrechtlich
verpflichtenden Grundsätzen erhoben worden
sind, eiu irgeud wie geartetes Eingreifen der
Kirchc in den staatlichen Schulorganismus
nicht zugeben känn. Gleichwohl dürfte die Aus-
sicht auf eine Verstäudigung näher gerückt sein.
Die Curie wird erkannt haben, daß sie auf
dem von ihr gewünschten Wege keine Erfolge
zu erwarten hat, daß dagegcn die Absicht der
Regierung wirklich und ohne Hintergedanken
auf die Erhaltung der confessionellen VolkS-
schulen in dem historisch gcgebenen Sinne ge-
richtet ist, und daß es demnach keine Schwie-
rigkeiten bieten kann, den Kirchenbehörden zu
den staatlichen Schulbehörden eine Stellung
einzuräumen, nach welcher die ersteren in den
Stand gesetzt stnd, dic kirchlich religiösen Zn-
teressen in der VolkSschulc in wirksamer Weise
zu vertreten. Nach klarer Erkenntniß der Sach-
lage wird es nicht ausbleibcn, daß die Macht
der Thatsachen im Bunde mit beiderseiligem
gutem Willen zu dem Ziele einer Verständi-
gung führe.

Karlsruhe, 26. Mai. 2>em Vernehmen
nach hat die zur Revision der akadcmischen
Gesetze seit längerer Zeit bestehende Special-
commission ihre Aufgabe vollendet, so daß über
diesen Gegenstaud ohne Zweifel auch die höhere
Entschließung baldigst ersolgen kann. Es ift
an der Zeit, daß den vielbeschrieenen Ausnahms-
zuständigkeiten so weit irgend möglich der Gar-
aus gcmacht werde, und man freut sich des in
der Milltärgerichtsbarkeit gegebenen AnfangS,
wenn auch freilich dcr wichtigere Theil, die
Militärstrafrechtspflege, noch nicht neu geord-
net ist. (S. M.)

Heidelberg, 29. Mai. Es ist schon
vielsach darüber gestritten worden, ob Prinz
Napoleon zu seinen bekannten Neden von starker
demokraüscher Färbuug vom Kaiser autoristrt
gewescn sei oder nicht. Mit Bczug auf die letzte
berüchtigte Rede in Ajaccio, worin der rothe
Pripz seine znr Schau getragenen Tendenzen
auf die Spitze trieb, liegt eine vollständige Klä-
rung der Sachlage vor. Der Kaiser hat die
Ansichten seines Vetters in einer Weise des-
avouirt, wie dieseS dem Mitgliede einer Fürften-
familie und einem hohen Staatswürdenträger
noch seltcn widersahren ist. Der Kaiser wirft


ihm in einem durch dcn Monitcur veröffent-
lichten Schrciben vor, daß er das zur Zeit der
Abwesenheit des Kaisers in ihn gcsetzte Ver-
trauen nicht gerechtfertigt. die Einigkeit in der
kaiserlichen Familic gcstört, und ihn, den Kaiser
vor seinen politischen Gegnern compromittirt
habc. Bezüglich des vom Prinzen in Ajaccio
auseinandergesetzten Programms Napoleon I.
wird ihm gesagt, daß er, gleich andern Pyg-
maecn dies nicht zu beurtheilen vermöge. Aller
Wahrscheinlichkeit nach hat die Rücksicht auf die
Kaiserin, den jungen Kronprinzen und dessen
Zukunft, sowie ihrc Stellung zu den auSwär-
tigen Mächten (nach dcm Ableben des Kaisers)
diescn dazu bewogen, diese Angelegenheit also
auf die Spitze zu treiben, nachdem der rothe
Prinz doch schon viele andere phrasenreiche
Reden gehalten, von dcnen man keine odcr nur
wenige Notiz genommen hat. Wenn Napo-
leon !!!. fortan, wie er sagt, eine strenge Dis-
ciplin in sciner Familie und Regierung wahren
will, so heißt das so vicl, daß die politische
Stellung des Prinzen sehr eingeengt werden
soll. Für die Lebensdckuer des KaiserS ist dieser
unmöglich geworden, und hat bereitS. nach neue-
ster Nachricht, mit der freiwilligen Abdankung
als Vicepräsidcnt des Geh. Rathes und als
Präsident der Weltausstellnngs -Commisfion
geantwortet.

Dnrmfiadt, 30. Mai. Die Generalver-
sammlung der Darmstädter Bank beschränkte
fich auf laufende Gcschäfte, Ertheilung der De-
charge pro 1864 und Wiederwahl austretender
Mitglieder des AuffichtSraths, die für beide
einstimrnig erfolgte.

Geisenheim, im Rhcingau, 29. Mai. Die
geftrige Versammlnng zur Besprechung der
Wahlen im Herzogthum war so zahlreich be-
sucht, daß das geräumige Local nicht ausreichte
und Viele im Garten Platz nehmen mußten.
Als Redner traten Dr. Braun, Zachariä, Bur-
kart, Herber und Dilthcy auf. indem sie die
Verfolgung des Limburger ProgrammS, alS
das unverrückte Ziel der Fortschrittspartei, und
die Mittel zu dcssen Verwirklichung bezeich-
neten. Die Versammlung entschied stch einstim-
mig für die Wiederwahl des Dr. Braun. Das
Feldgeschrei: „Die Religion ist in Gefahr!"
zieht nicht mehr. (Hoffentlich ist dessen Wir»
kung auch bei uns vorbei)

Fulda, 29. Mai. Gestern ist in den hie-
sigen Pfarrkirchen die päpstliche Encyclica nebst

Friedberg, 25. Mai. Zwischcn der Familie
Gutzkow und der Besitzerin des Hotels dahier, in
welchem der kranke Dichter in cinem Anfalle tiefer
Mclancholie Hand an sich legte, ist bckanntlich cin
Proceß anhängig, worüber man aus den Hessischen
Volksblättern, welche darüber mil Herrn Avvokat
Trapp u., dem Anwalt der Klägerin, in Eonflict
gertrthen, einiges Nähcre erfährt. Besagter An-
walt verkitt nämlich die Wirthin des Hotel Trapp,
Krau Theobalv, welche Anfangs eine Fordernng
von 470 fl. erhob, mit derftlben indeffen, als die
FamiUe Gutzkow ebenfalls einen Anwalt legiti-
mirte, sofort anf 400 fl. herunterging.

Erst in Folge der allgemeinen Indignation, die
fich hrer ob drcses Auftretens kundgab, reducirte
Frau Theobald die Klagesumme um Weiteres, nach-
dem fie vorher einrn zur Vermeibung eines Pro-
crffes gemachtrn Vergleichsvorschlag der unglücklichen
und tiefbetrübten Familie Gutzkow, welche Letztere
ihr behufs defivittver Erledrgung der unange-
nehmen Angelegenheit 100 fi. grboten, ausae-
schlagen hatte.

Frau Theobalb hatte alSbald Angefichts der blu-
tenden und im ersten Augenblick als lebensgefähr-

lick erscheinenden Wunden Gutzkow'S an den ihr >
zugefügten Schaden gedacht und die Brieftasche bes l
Dickters, der in daS Hospital gebracht wurde, zu-
rückbchalten, in der fich 700 fl. befundm haben.

Gndlich verstand fie fich auch zu deren HerauS-
gabe, jedoch wurden bis zur ausgemachten Sache
270 fl. davon bei dcm hiefigen Vorschuß- und Ere-
ditverein verzinslich angelegt und das Einlage-
büchelchen der Klägerin Throbalv behändigt.

Der Anwalt der Gutzkow'schen Familie, welcher
keinen Grund zur Zurückbehaltung jener Summe

Befitzerin iricht zü erlangrn war, sah fick bierauf !
zu Anrufung gerichtltcher Hilfe genötbigt, wobei >
er das erwähnte Geld und vas Büchelchen für ftine
Elientrn in Anspruch nahm.

Hiergegen erhob der Anwalt Trapp li. dahker
im Auftrag der Frau Theobald Widerklage, worin
er vollständige neue Herrichtung deS Zimmers ver-
langte, in dem Gutzko« den Srlbstmordversuch ge-
macht hatte (neue Dtelen, weißen Oelfarbenanstrich,
Tapezieren rc.), und neurS Mobiliar. Wie weit
hirrtn gegangen wurde, möge daraus erhellen, daß i

napf, Wafferglas u. f. w., refp. die zu drren An-
fchciffung erforderliche, vorläufig auf 375 fl. firirte
! Summe 'vkrkangt wurde. Frau Theobald war hicr-
l bei so freundlich, daS alte Mobiliar, für welchcs

> fie neurs haben wollte (weil sie glaubte, die Gäste
! empfänden einen Abschrn vor dem Gedanken der

hier verübten That und würden keine Meubles be-
nutzen, die zu der betreffenden Zeit in drm Zim-
mer gewesen-ftikn), auf 135 st. zu tariren und fich

betrag in Abzug bringen zu wollrn, falls ihr Tara-
lum und ihr deSfallfiger Vorschlag Billigung finden
sollten.

Frau Theobald verlangte hiernach also klageud
240 fl. nebst Zinsen und evcntiikll für den Kall
ihr nur die an drm Mobiliar durch Gutzkow ver-
ursachten Beschädigungen vergutet würden, außer
dieftr Eutschädigung noch 54 fl. Schadensersatz für
j entzogene Miethe, da Gutzkow's Zimmer nach der
! That etne entsprechende Z«tt lang habe leer stehrn

> müffen.

Nun faud am 13. l. M. etne geriebtliche Befich-
tigung deS Gutzkow'schen ZimmrrS tm Hotel Trapp
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