Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

Page: 421
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865/0421
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Utidklberger Zeilung.

KreisveMidigungSblatt für den Kreis Heidelberg und amtliches Äerkündignngsblatt für die Aints- nnd Aints-
Gerichtsbezirkc Heidelberg und Wiesloch und den Aintsgerichtsbezirk Neckargemünd.



Dienstag, 23 ApriL


L8«L.

X Unsere Aufgabe.

Wenn auch die Mittel, welche unsere GcA-
ncr, die Ultramontanen und Pietisten, zur Er-
reichung ihrer Parteizwecke anwenden, so wie
die Triebfcdern ihrer Agitation und die man-
cherlei Vorwände von Religionsgeiahr rc. höchst
vcrwerfiich und unlauter sind. so haben sie doch
manches Gute, das uns bei unsern Beftrebun-
gen abgeht: die Einigkeit namlich, die Opfer-
berettwilligkeit, die weder Mühe, Zeit noch Geld
scheut, das berechnete, einige Zusammenwirken,
welches sie fortwahrend und nie ermüdend an
den Tag legen. Es ist freilich kein gutes Zei-
chen für ihre Sachc, daß sie so handeln müssen.
um dieselbe noch einigermaßen aufrecht zu er-
halten. Allein es entschuldigt die Manner des
Forlschrittes nicht, wenn sie zu sehr auf das
Zeitgemäße, Vernünftige, Wahre und Reine
und aus die darausfließende Lebcns- unv Ent-
wicklungsfähigkcit ihrer Sache bauend, diesclbe
sich selbst überlassen zu können glauben. Der
Sieg des gesunden Menschenverstandes, der
Fortschritt und die damit zusammenhängenden
Reformen in Staat und Kirche, das Alles
würde rascher, schöncr und vollkommener seiner
Lösung entgegengeführt werden. wenn sich die
aufgeklärten Männer auch eng aneinander schlös-
sen, um so in imposanter Phalanx die hindern-
den Bestrebungen der Gegner zu paralysiren
und zu veretteln. Während wir leider so in der
größten Glcichgültigkeit verharren, Höchstens
einige Reden halten und Adressen unterzeichnen,
sobald die Schwarzen zu frech das Haupt er-
heben, sind diese stcts bemüht, ihren Grund-
sätzen mehr Eingang und Anhang zu verschaf-
fen und sich auf die Macht der Dummheit
zu stützen. Sie trachten unaufhörlich darnach,
Einfluß überall da zu erhalten, wo sie auf die
jugendlichen Herzen wirkcn und in ihren Dienst
gefangen nehmen können, besonders in Klein-
kindexjchulen, Waisenhäusern rc.. die sie zu Pflanz-
stätten ihrer Ansichten machen und die wir
oft noch durch unsere Geldbeiträge unterstützen.
Hier, in nnserm aufgeklärten Heidelberg
treten auch ziemlich unverholen pietistische Be-
strebungen zu Tage, denen entschieden ent-
gegengetreten werden sollte. Gilt es das Volk
für Etwas zu gewinnen oder gegen Etwas' ein-
zunetzmen, so reguet es von Freiburg her mit
Flugschriften in die geringsten Dörflein, wo es
die Affiliirten unentgeltlich verbrciten. Außer-

^ Heidelberg, 23. April. Der gestrige Vortrag
des Herrn Hofrath Häufser im Museum schloß
in glänzendster Weise die Reihe der Wintervor-
lesungen. Unser berühmter Historiker bewährte
wiedrrum seine Meisterschaft in plastischer, fein
nüancirter und lebensvoller Eharakterzetchnung ge-
schichtlicher Persönlichkeiten.

Trotz bes herrlichen KrühlingSwetters war der
Saal des Museums gefüllt. Das gewählte Thema,
eine biographifche Skizze der Pfalzgräfin Elisa-
beth Charlotte, Herzogln von Orleans, muß
nothwendig für jedes vaterländische Gemüth von
erhöhtem Interesse sein. Elisabeth blieb ja, ob-
wohl fie tn rinen ihr ganz fremden und seinem
innersten Wesen nach widcrwärtigen Boden ver-
Pflanzt wurde, auf das Engste mit den Erinne-
rungen ihrer Heimath verknüpft, fie bewahrte daS
deutsche Wesen am Parisrr Hose auf daS Iugend-
kräftigste, ja ihre Thetlnahme dafür wuchs trotz
ihrer tn Frankreich ganz tsolirten Stellung mit den
Iadren. Keinr Kürstin hat so, wie fic, die Liebe
zum Vaterlande frisch und unverschrt in fich gepflegt,
keine ist so in jrder Fiber deutsch in ihrem grsamm-

dem ziehen Jesuitenpatcrs und ihre Anhänger
von Dorf zu Dorf; es werden Conventikel,
Casino's abgehalten, die alle darauf angelegt
sind, das Volk in der Dummheit und Unter-
würfigkeit zu erhalteu. Jn der That, Nichts
ist da zu viel, Alles wird daran gesetzt. Kein
Wunder. wenn unter solchen Umständen die
fchwarze Partci sich immer uoch einigen Boden
erhält und fähig ist, dem Fortfchritt Schwierig-
keiten zu bereiten und ihm hemmend in den Weg
zu treten! Wenn wir aber fo diese syftematische
und wohlberechnete Agitation und Orgqnisation
unscrer Gegner bedenken, fo müsfen wir zu der
Ueberzeugung gelangen, daß unsere Aufgabe
keine andere als die sein kann, endlich aus un-
ferer Gleichgültigkeit und Thatlosigkeit zu vr-
wachen, daß wir uns auch organisiren und das
Volk, namentlich auch im Hinblick auf die bevor-
stchenden Abgeordnetenwahlen durch populär ge-
schriebene u. unenrgeltlich zu vcrthettende Schrif-
ten über die wichtigsten Zeitfragen aufzuklären
suchen, wie in diesen Blättern der zeitgemaße Bor-
schlag gemacht worden ist,u.wieesderProt.-Ver-
ein schon angefangcn hat zu.thun. Tretenwirdeß-
wegen enger zusammcn, lernen wir unS und
unsere Krafte befser kennen und benutzen! Der-
einigen wir uns zu einem nach Kops und Glie-
dern geschiedenen Ganzen! Es bedarf weiter
keiner Statutcn; das Ziel ist bekannt, Zeder
trägt es im Herzen. Es genügt, wenn einige
Manner, die das allgemeine Vertrauen des
Laudes besitzey, an die Spitze gestellt werden.
Diefe leiten das Ganze, fetzen sich mit den Ver-
trauensmänncrn der einzelnen Städte und Dör-
fei: in Verbindung, welch letztere ausführen,
was jene anordnen. Die Vertrauensmänner
sammeln dje Geldbeiträge ein, vertheilen die
Druckschriften rc. So würden wir eine impo-
fante Phalänx bilden und einen Boden schaf-
fen, auf dem der Samen, den unsere Gegner
ausfäen, keine Wurzel schlagen könnte, — eine
Reaction ein Ding der Umnöglichkeit werden
müßte.

* Pplitische Umfchau.

Das unterm 30. November v. I. ansge-
sprochene Verbot des Debits der in Leipzig er-
scheinenden „Deutsch. Allg. Ztg." in Preußen
ist wieder aufgehoben.

Nach einer telcgraphischen Nachricht der
„Fr. P. Z." aus Wieii vom 22. d. M. feien
die thatsächlichen Resultate der Verhandlungen

ten Empfinden und Betrachten geblieben. Gerade
an dem Gegensatz des franzöfischen Wesens ent-
wickelte sich diese Seite immcr lebenskräftiger in
ihr. Eine solche Fraurngestalt von der Hand eines
echten Historikers in ihrer Gesundheit, Kraft und
doch schönen Weiblichkeit gkschildert zu sehen, hat
gewiß jedem der Anwesenden einen bohen Genuß
gewährt. Häuffer bemerkte zunächft, daß die Gestalt
der Fürstin durch neuere Forschungen immer be-
stimmterc Formen gewinne, daß ein sehr werth-
volles Material namentlich durch die Herausgabe
des Bricfwechsels zwischen Elisabeth und ihrer Tante
Sophir von Hannover zugänglich geworden set,

fich jetzt die Geschichte" der Roman und selbst daS
Drama dirser Gestält bemächtigt hätten, und fie
in ihrer ganzen Bedeutung zu würdigen anfingen.

Karl Ludwig, der Wiederhersteller der Pfalz,
nach den Schrecken deS 30jährigen KriegS, ist der
Vater unserer Llisabeth.

Sie hat manche Züge von ihm gerrbt, wte er
denn stets für diesc Tochter eine fichtbare Vorliebe
hegte. Sie war eine derbe, gefunde, naturwüchfige

zwischen den Cabinetten von Wien und Bcrlin
das bestimmte Aufgeben der Befestigung Kiels
und des dorligen Flottenetablissements. Die
Stationirung einer fest begrenzten Zahl preu-
ßischer Kriegsschiffc ist zugestaiideu. Ob sich
biese Mitthcilung bestätigt, muß abgewartet
werden. (Vergl. Wien, 24. April.)

Napoleoii hat den rnffifchen Kaiser nach einem
kurzen Aufeitthalt an der Station auf der Pariser
Nordbahn empfangen und ihn nach dem Lyoner
Bahnhof begleitet.

Während der Reise des Kaisers von Ruß-
land durch Frankreich wurden auf Befehl von
Paris aus alle Eisenbahnzüge eingestellt, damit
der Eilzug des Kaisers keincir Aufenthalt er-
leide.

Der Bericht des ArzteS des Geheimenraths
über die in Rußland und Norddeutschland herr-
fchende Epidemie erklärt erstere für aus schlechter
und ungenügende Nahrung entstandenen Typhus.
letztere für eine schmerzliche und gefährliche
Ncrvenaufregung, die aber nicht von einer Per-
son auf die andere sich übertrage; es sei daher
kein Grund zur Anordnung einer Quarantäne
vorhanden, doch solle man Fieberfälle auf rus-
fischen und deutschen Schiffen nicht unbeachtet
laffen.

Die Crisis in Spanien wird mit jedem
Tage drohender. Pariser Correspondenzen wollen
wissen, der Nepräsentant der spanischen Re-
gierung am Hofe der Tuilerien befürchte jedcn
Tag die Nachricht von dem AuSbruch einer
allgcmeinen Nevolution und der Flucht dcr
Königin zu crhalten.

Brasilren rüstet 40,000 Mann u. 20 Dampf-
boote gegen Paraguay. Jn Uruguay hat sich
der Führer der GucrillaS unterworfen.

D e n t s <h L a n d.

Karlsruhe, 21. April. Durch Allerhöchste
Ordre vom Heutigeu erhält Portepeefähnrich
Otto vonWalterstorffim Jägerbataillon
die unterthänigst nachgesuchte Entlasfung aus
dem Armeecorps, unter Ertheilung des Cha-
rakters als Lieutenant; ebenso Portepeefähnrich
Adolph von Vangerow im 2. Dragoner-
regiment, mit der Erlaubniß, in fremde Dienste
zu treten. «

Karlsruhe, 21. April. 27. öffentliche
Sitzung der Ersten Kammer. (Schluß.)
Von Sciten des hohen Präsidiumö wird hier-
anf der Austritt des Vice-Präsidenten v. Göler

Erscheinung von tief sittlicher Gesinnung und jener
Wahrscheinlichkkit, die jedes Ding beim rechten
Namen nennt, daneben freilich auch aufbrauftnd,
heftig, voll jäher Laune. Dies find die Züge, die
sie mtt ihrem Vater gemrinsam hat. Dafür blieb
ihr sein Bilb auch unvergeßlich und unauSlöschlich,
trotz ihrer strengen Erziehung fühlte fie bis in'S
höchste Alter die treueste, hingebendste Liebe für
ihn. Mit eigenthümlicher Gewandtheit fand fie fich
in ihre schwierige Stellung der rechten und der
Stiefmutter gegenüber. Von der ersteren hatte fich
Karl Ludwig bekanntlich bald gctrennt. Die rechte
Mutter blieb ihr stets die nächste Freundin, aber
auch die zweite stand ihrem Herzen nahe; denn
waS „unser Herr Vater seliger lieb gehabt", sagte
fie, „das muß ich auch lieben". Ebrn so herzltch
war ihr Verhältniß zu den Halbschwestern. Es ist
bekannt, wie Elisabeth aus Rückfichten der Polittk
mit dem Bruder Ludwig XlV. vermahlt wurde.
Mit tiefem tnnern Widerstreben fügte fie fich alS
gehorsame Tochter der väterlichrn Autorität. Aber
nte hat fich vtelleicht der Abfall eines kerndeutschen
ManneS von feiner eigrnen Natur schwerer gerächt,
alS dieftr Schritt Karl LudwigS. Er wurde für ihn
loading ...