Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Ueidelbkrger Ieilung.

Kreisveüündigllligsblatt für deu Kreis Heidelberg und aintliches Berkündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirl Neckargemünü.

Nl 1«


Sonntag, ss Za»«ar


* Politische Umschau.

Zahkeich betheiligen stch jetzt namenllich LUch
die Grundbefitzer an den Protesten gegen die
Siebenzehner-Adreffe. So ist Neuefiens eine
Adresse von 103 Grundbcsitzern aus Beiden-
fleth in der Wilster Marsch an dcn KSnig
von Preußen und de» Kaiser von Oesterreich
abgegangcn.

Die „Frkf. Post-Ztg." meldet telegraphisch
aus Wien, Bayern hätte daselbst erklärt, eS
werdc keiner Vcrabredung PreußenS mit den
Herzogthnmern widcrstreben, «elche iNnerhalb
des Rahmens der Brmdescompetenz verbleibe.

Die „Correspondcncia" behauptct, daß die
spanische Regierung zu nachdrücklichem Handeln
sür dcn Fall entschlossen ist, daß man die En-
cyclica ohne vorher eingeholte Erlaubniß des
StaatSraths veröffentlichen sollte.

Die spanische Regierung hat sich bereit er-
klärt, das Königreich Ztalien anzuerkennen,
jobald die Haupkstadt nach Florenz verlegt sei.
Freilich sollen die Vorbehälte, die Spanien in
Bezug auf die Rechte deS Papstes gemacht,
ungleich bestimmter sein, als die PreußenS und
RußlandS.

Der Kaiser von Rußland hat cine Medaille
zum Andenken an die Dämpfuug des polnischen
Aufstaudes gestiftet. Diese Ntedaillen erhalten
auch Civilbeamte aller Ressorts und Gristliche,
welche in irgend einer Weije zur Beruhigung
dcs Aufstandes beigetragen.

Deutschland.

Heidclberg, 21. Zan. Die Gegen-
sätze zwischen dcm Ministerium Bismarck und
der feudalen Partei in Preußen einerseitS, und
der Volksvertretnng anderseits spitzcn sich immer
schärfer zu.. Außer der so eutschicden gchal-
teuen Rede des Präsidenten Grabow, habcn die
zwei bis jctzt abgehaltenen Sitzungen, nnd in
diesen besonders die scharfen Entgegnungcn der
Minister ». Eulcnburg und Jtzenplitz, sowie
auf der andern Seite die eruste und würdige
Erklärnng des Abgeorducten Grafen Schwerin
hinsiihllich der Budgetfrage diese Aunahme auf
das augenjchcinliche kundgethan. Zugleich wird
dic lleberzeugung immcr mehr hcrrschcnd, daß
stch der Conflict nicht mehr auS der inucrn
Jnitiative der streitenden Parteien herauS löscn
odcr dnrch deren Zuthun-allein beschwichtigen
laffe, jondern daß dnrch das Dazwischentreten
anderer Ereignisse eine Aendcrung herbeige-
sührt werden müsse. Abermalige Vertagung
oder Auflösung der Kammeru, Octroyirungen
und Staatsstrciche sind hiebei frcilich nicht
anßer dem Bereiche der Mcgltchkeit. Doch ist
cine klare Streitlage am Ende günstiger als
ein halber Ausgleichungsversuch, der möglicher-
weise die verfaffungstreuc Atajorität nur zer-
splittern köiinte. Es hält diese mit R-cht an
dcm von Schwerin betonten Tatzc, als einer
Principienfrage fest: Ohne wiederhergestelltes
volles Budgetrecht ist jeder Gedanke an Besei-
tigung des Conflictes eine -itle Jlluston l
— Mannheim, 21. Zanuai^ Der von
Jhrem Heidelberger Lehrer Riedel gcmachtc
Vorschlag, daß die „SchulzeUgnisse", die
bisher in den Lyccen und höheren Bürger-
schulen cingeführt waren, auch in die Volks-
schule verpflanzt werden svllen, wird mit all-
gemeinem Beifall aufgenominen. Durch diese
Zeugnisse, deren Vorzcigung die Eltcrn zu be-
sch-inigen haben, wird bei Letzteren, dic sich
oft sehr wenig um die Leistungeii der Schule
bekümmerten, das Jnteresse an der Bildung

und dem Fortschritt ihrer Kinder erweckt, Liebe
zur Schule genährt und ein geistigeS Band
zwischen ihnen und den Lchrern geschaffen, daS
für beide Theilc nur fruchtbringend sein kann.
DaS Bcwußtsein, datz die Eltern von Fleiß
und sittlichcm Betragcn regelmäßig untcrrichtet
werden, wird den Eifer dcr Kiuder anspornen
und sie vor llnarten und sittlichen Bergehen
bewahren; der Schulverjäumnisse werden we-
niger werden, ünd die Schulstrafen, bei denen
nicht immcr das rechte Maß eingehalten wird
und die in der Regel eben so viel schaden als
nützen, werden fich allmälig als übcrflüssig und
eutbchrlich erweisen. Der Vorschlag dcs Hrn.
Riedel ist daher dem Geiste unserer Schul-
reform und den Forderungen, die unsere Zeit
an die Schule zu stcllen hat, vollkominen ge-
mäß, weßhalb wir wünschen, daß ihm eine
baldige thatjächliche Anerkeunung zu Thcil
werde. Jn den hiesigcn Vokksschuleii ist, so
viel wir wissen, die Ausstellung von Schul-
zeugnissen, wenn auch nicht allgemein und ex
oklioiv, doch von einzelnen Lchrern etngesührt.

Münche«, 16. Zan. Der König hat den
GeschäftSträger in der Schweiz, geheimen Lega-
ttonSrath Dr. Wilh. v. Dönniges, von dieser
Mission abberufen und bis zu anderweitiger
Besiimmung einstweilen in Disponibilität ver-
setzt; an jcine Stelle kam Graf Kerdinand v.
Hompcsch.

Berlin, 16. Jan. Da die Uebergriffe der
römischen Curie, wie sie dic Encyclica signali-
strt, nicht bloS die Stellung des Volks zu seinem
Souverän in Frankreich, sondern alle weltliche
Macht auf Erden anrühren, so vermuthet man
hier ein gemeiusames Handeln allerGroßmächte,
ctwa mit Ausnahme Mexico's und Spauiens.
Rußland würde geneigt sein, die Znitiative zu
ergreifen; auch soll man bereits in PeterSburg
damit umgehen, eine allgemeine katholische
Kirchenordnung für daS gesammte Reich zu
entwerfen; nach Analogic der Gallicanischen
Kirche soll damit eine russisch-kalholische Kirche
gestiftet werden, deren Obcrhaupt abermals dcr
Czaar sein würde.

Berlin, 19. Jan. Der Vorstand der con-
scrvativen Fraction besteht aus den Herren «.
Blanckenburg, v. d. Hcydt, v. Denzin, v. Gott-
berg, v. Niedelschütz und Wagener. Diese Frac-
tion zählt 34 Mitglieder. Von den Sicugc-
wählten haben sich ihr die Herren v. Ernst-
hausen und v. Tettau angeschlossen. '— Die
Fraction Bockum-Dolffs (linkeS Ccntruin) hat
111 Mitglicdcr. Die Fraction der Fortschritts-
partei zählt gegenwärtig 13k Mitgliedcr.

Kiel, 19. Januar, Abends. Die heutige
„Kieler Ztg." veröffentlicht dic auf der gestri-
geu Versammlung holsteinischer Grundbesitzer
zu Hohenwcdstedt beschloffene Adreffe an die
Monarchen von Oesterrcich nnd Prcußen. Jn
derselben ist gesägt, die Scheel - Pleffen'sche
Adresse habe dcrcn Unterzeichnern deu Uuwillen
der überwiegenden Majorität des LandeS zu-
gezogen. Es wird darin aüsgeführt, daß die
Berufung der Ständc dringcnd geboten sei, und
am Schluß wird gebeten, dem Rechte und dem
Verlangen Schleswig-HolsteinS, als ein Theil
dcs dcutschen Vaterlandes unter dem eigenen
Hcrzog zu leben, freien Lauf zu lasscn.

Wien, 17. Zan. Aus Anlaß der Bor-
laduug deS Stndentencomites vor dcn Senat,
wcgen Verschiedenheit der Ansichten über Be-
gehung der SOOjährigen Zubclfeier der Univer-
sität, versammelten sich MittagS gegen 600 Stu-
denten auf dem Universitätsplatze und demon-
strirten durch B-isallsrus- für Hyrtl und Pereats
gegen mißliebige Professoren; Hyrtl ward auf

j Lie Schultern gchoben und über den Platz ge-
tragen. Die Demonstration dauerte 2 Stiindcn.

Auf dcm schwarzen Brette der Universttät ist
heute Folgendes zu lesen:

E „I.j Vom Coiisistorium der Wiener Universitätt Um

lichen. Weiter^ dießsällige Mitth^lungen werden recht-
zeitig erfolgen. Wien, den 16. Jan. 1865. Hyrrl."

„Ü.. Se. Ercellenz d^er Hr. Staatsminister hal durch

Januar 1865.. Hyrtl."

Zn Folge disser Anschläge bot der Univer-
sitätsplatz heute VormittagS ein bewegieS
Bild. Die Maffe der Studenten, wclche
dort sich zusammenfand, schwoll von Mi-
iiute zu Minute an, so daß um 11 Uhr
der Platz und die Seitenstraßen von Studenten
gefüllt waren. Nachdem der Andrang der
Studentcn, welche die Oeffentlichkeit der Ver-
handlungen fordcrten, befchwichligt wurde und
ein nur geringer Theil zugelaffcn ward, begann
Profeffor Arndts die Verhandlnng, indcm er
erklärtc, daß in der in den Zeiiungen gedruck-
ten Erklärnng der Thalbcstand ciiies DiScipli-
narvergehens vorhanden sri. Profeffor Arndts
stellle an jeden Einzelnen die Frage, ob ste mit
dem Jiihaltc deS Schriftstücks einverstanden
wärcn, ob sie noch hcutc die Wvrte billigien.
Es bejahten Alle diese Fragen mit der Erklä-
rung, es wäre ihnen kcin anderer Weg offen
gestanden, nachdem sowohl die Veröffenllichung
einer Einladüng zu einer zweiten Plenarver-
fammlung, als auch jene ciner Erklärung an
die Studirenden am schwarzen Brett verweigert
wurde. Während die Sludenten die Behaup-
tung deS Vorhandenseins des Thatbestandes
eincs Disciplinarvergehens zu cnikrästen such-
ten, wurde uuten daS Lärmen immer größer
und Profcffor Späth versuchte vergebeus einc
Beschwichtiguug. Plötzlich drangen sämmtiiche
Studenten in den Saal ein, verlangten Oeffent-
lichkeii nnd erklärten, nicht eher stch entfernen
zu wollen, bis iiian ihnen das Verjprechen ge-
gcben, das von ihncn gewählle Comite nicht zn
„maßregeln". Dcr Rector vcrsprach dics und
sagte, wenn die Stiidenten seiner Aulontät zu
solgcn bereit wäreu, würde er „dcn heutigen
Tag für dcn schöiistcn jcincs Lebeus halten."
Die Studcnten verlicßen hieranf den Saal.
Es wurde nuu die Sitzung weitergeführt, das
Urtheil nicht kunogethan, aber daS Versprechen
gegebcn, bei der Fälluug deffeiben mit der
größten Schoimng vorzngchen. A!s die Mit-
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