Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Heidtlbrrgrr Zrilung.

KrciStierkündiguilgsblatt für dm Kreis Hcidclberg und amtliches Verküiidiguugsblatt für die Aiiits- und Amts-
Gerichlsbczirkc Heidelbcrg uud Wicsloch und den Aintsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Nl.- 7 »


Mittwoch, 2S März


18KS

* Politische Nmscl-nn.

Der „Bresl. Ztg." wird von Berlin am
24. März telegrapyirt: Die Fvrtschrittspartei
hielt heute,die dritte Fractionsberathung über
die Herzogthümerfrage. Ungefähr vierzig Stim-
mcn, daruntcr fämmtliche Äbgeordncte Breslaus,
erklärteN sich für die Annexion. Es wurde be-
schlossen, die Frage nicht im Plenum anzuregen.

Das linke Centrum der preußischen Abge-
ordnetcnkammer hat den präjudiciellen Antrag
von Michaelis wegen der Berathung der Eiscn-
bahnen mit großer Majorität abge^ehnt. Damit
hat es sich von der FortschrittSfraction entschie-
dcn getrennt; ebenso hat dasselbe auch das
Amendement Virchow zu dem Generalbericht
(die Rcgierung zu einer Modification des Bud-
gets gemäß den Resolutionen des Berichtes auf-
zufordcrn) abgelehnt.

Die Majorität der Commission der italien.
Deputirtenkammer ist für das Anlehen und die
anderen ministcriellcn Vorlagen, mit Ansnahme
der das Engregiftrement und dcn Stempel be-
trcffenden.

Die Brigandage an der Südgränze dcs päpst-
lichen- Gebietes nimmt zu, General Montebello
hat Verstärkungen dorthin gesandt.

D e ir t s ch l n »r d.

Karlsruhe, 26. März. Durch Allerhöchste
Ordre vom 23. d. M. wird die Dienstaus-
zeichnung H. Klasse für Offizicre und Kriegs-
beamte: dem Hauptmann Arnold im 4. Jn-
fantericregiment Prinz Wilhelm; dem Ober-
lieutenant Hammer im Festungsartillerie-Ba-
taillon und dem Reg.-Quartiermeister Meyer
im 3. Jnfanteriekegiment verliehen.

/ Heidelberg, 28. März. Heute Abend
hält der Protestantenverein eine Versammlung,
auf die wir, um der Sache willen, alle Freunde
eines freien, kirchlichen Lebens, aufmerksam
machen. Hr. Decan Zittel wird übcr Lehr-
und Gewisfensfrcihcit und die dagegcn gerich-
teten Angriffe sprechen.

Es kann die Lieblosigkeit, Anmaßung und
Unredlichkeit ciner kleinen, alle AnderSdenkenden
verurtheilenden Partei nicht scharf gcnug zurück-
gewiesen wcrden. ES handclt sich um wahres
Christcnthum auf der cinen und um blinden
Secteneifer auf der andern Seite.

Wir freuen uns darum auch des UrtheilS

1° Dom Neckar, 28. März. Der Seelsorger
einer katholischen Dorfgemeinde des Odeuwaldes,
welcher die verunglückte Februarfahrt nach Mann-
heim mitmachte, hat bei dem dortigen Amtsgerichte
wegen der ihm widerfahrenen Beleidigungcn Klage

festen Pfarrkinde brgleitet, in den Hafen des heir
ligen Ludwig oder nach LudwigShafen zurückzuziehen
gedachte, ist er im Schloßgarten von allerlei lofem
Volke geneckt, gefoppt und gehänselt worden, denn
die Casinofabrt fiel auch gerade in die lustige Fa-
schingszeit. Nu» gtbt der Herr Pfarrer an, nicht
böse, muthwillige Gaffenbuben hätten ihn verfolgt
und insultirt, sondern gutgekleidete Gentlemans,
am Sndr gar Mitglieder des GemeinderatheS, der
Handrlskammer, drs großen Bürgerausschuffes, am
Ende gar Mitglirdrr drr Harmonie! Es ist jedoch
dem Seelenhirten, den sein fanatischer Sifer ver-
blrndrt zu haben scheint, bereitS nachgewiescn wor-
ben, daß fich achtbare honette Bürger bei dilsem
Unfug in keiner Weise betheiligt haben, die Un-
annehmlichkeiten, die ihm widerfuhren, habe er
sich somit sclbst zuzuschreibcn. Man bleibe dahetm

der hiesigen Kirchengemeindeversammlung. Bei
Erwähnung dieser möchten wir einen Jrrthum
Jhrer gestrigen Correspondenz berichtigen. Diese
bezcichnet den dcr Kirchengemeindeversammlung
vorgeschlagencn und von derselben angenom-
menen Wahlmodus für die erledigte Pfarrstelle
als den bisher üblichen, mit der Verfassung
nicht ganz übereinstimmenden, und es habe Hr.
Dr. E. Otto auf die Wahrung der Wahlfrei-
heit und der Verfafsung hingewiesen. Es vcr-
hält sich nahezu umgekehrt. Der Vorschlag ist:
Es wird auf einc Stcllc an der Providenzge-
mcinde gewählt, damil aber die Gemeinde,
resp. der Oberkirchenrath, in der Wahl ganz
unbeschränkt ist, uud vom jüngstcn bis zum
ältesten Pfarrer die Auswahl hat, wird keine
bestimmte Besoldung mit ausgeschrieben, son-
dern der Spiclraum zwischen der niedcrsten mit
1200 fl. und der höchsteu mit 1800 fl. ge-
lassen; jc nach dem Dienstalter des neu er-
wählten Pfarrers tritt er in die ihm entspre-
chende Besoldung ein.. Diefer Vorschlag ent-
spricht^der Verfassung und wahrt eine Wahl-
freihcit wie sie andere Pfarrcien mit fixirter
Besoldung gar nicht haben können.

Wollte man nun dem Vorschlag des Herrn
Dr. Otto folgen, so würden damit die beioen
höchsten Besoldungen, die durch die bisherigen
beiden ältesten Geistlichcn jetzt zufällig an
die Providenzgemeindc gekommen sind, dort ver-
bleiben und es würde die Heiliggeistgcmeinde
sortan dic beiden geringsten Besoldungen haben.
Sodann würde, wenn eine bestimmtc Stelle
mit fixirter Besoldung ausgeschrieben würde,
der Wahlkreis der Geistlichen sich dadurch ge-
mäß der Besoldung bedeutend verengen. Man
könnte bei einer hohen Besoldung meist nur auf
ältere, bei einer niederen zumeist nur auf jün-
gerc Geistliche greifen. Außerdem würden dann
die bereitS hier angestellten Geistlichen, wenn
sie einmal sich verbeffern wollten, sich genöthigt
sehen, sich von einer Gemeinde an die andere
wegzumelden, oder gar mit cinander zu con-
curriren.

Zn richtiger Erwägung desien nahm darum
die Kirchengemeindeversammlung den ersten, von
dem Kirchengemeinderathe gemachten Vorschlag
an, mit dem auch Hr. Dr. Otto, nach gewor-
denen Erläuterungen, sich einverstanden erklärte.
Es ist dann hier factisch durchgcführt, was
man im Geist der Verfasfung im ganzen Lande
durchzuführcn sucht, Classification der Besol-

Klnge erheben, die man nicht gehörig begründcn
kann, sonst hat man zu dem Verdruß und Aergcr
auch noch dte Kosten und die unvermeidlichen Spor-
telzettel und Servietten, wie etnst ein dummer
Bauer las, statt Deserviten. „Kaspar," sagtc
feine Frau, „bringe doch dem Herrn Rath dic vcr-
langten Srrvietten, sonst verlangt er später auch
noch Hanvtücher und Letntücher!" Merke, sagen
wir im Geiste und Tone unseres alten rheinlän-
dtschen HauSfreundes, merke: Man soll nach
Mannheim fahren, um cine gute Oper zu hören,
nicht aber um den Frieden zu stören und das Volk
zu bethören! Der Heidelberger Verfaffer einer
Broschüre über Gewisscnsfreiheit sagt zwar: Wir
wollen den Frieden der Lonfesfionrn nicht stören,
im Gegentheil, wir wollen ihn herbeiführen. Das
schrint uns und Andern jedoch einc auf einem Lrug-
schlusse heruhendc sophistische Ein- und Ausrcde
zu setn. Mit solchcn verwerstichen Mitteln und
Manövern untergräbt man den confessionellen
Frieden, ader man fördert ihn wahrlich ntcht.

i dung und damit unbeschränktere Wahl der
' Geiftlichen.

^ Aus dem bad. Unterlande, 26

März. Wer glaubt, daß die ultramontan-jesui-
tische Partei durch die Riederlage, welche die-
selbe im „Kasinosturm" erlitten, sich eines Bcs-
! sern besinnen wird, der irrt sich schr. Die
! Führer diescr Partei sind Fanatiker uno die
! Vcrführten glcichfalls Fanatiker, blindc, willen-
! lose Werkzeuge, die sich zu Allem gebrauchen
! lassen, weil sie alauben, damit den Himmel
^ zu verdienen. Wir erinncrn hier nur an die
jüngsten Vorfälle bei einigen Verwaltungsbe-
i amten, die da beauftragt sind, die Jrregeführ-
i lcn zu belehren. So kamcn auck Bürgcr aus
> Heddesheim, in der aufgeklärten Pfalz, vor den
! Bcamten in Weiuheim, der sie über die Schul-
reform belehren wollte, aber fand, daß hier
jeder Versuch ciner Belehrung scheitere und sie
entließ. Es wird wenig nützen, solche Leute
eines Bcfferu belehren zu wollen, wenn dcr
Fanatismus einmal so weil gediehen ist. Unbe-
greiflich ist es immerhin, daß die ultramontan-
jesuitische Partei in einzelncn Orten der Pfalz,
wie Hcmsbach und andcren diesen Anhang ge-
winnen und nur einigen Boden fassen konnte,
während im südlichen Baden jeder Versuch die-
ser Partei an dem gesunden Sinne der Bevöl-
kerung scheitert.

Welche Mittel auch in der Pfalz, den con-
fessionell gemischten Gemeinden, angewendet
werden, um die Lcidenschaft unwiffender Leute
zu erregen, ist bekannt. Die Pietisten sind in
Anwendung solcher Mittcl nicht im Geriugsten
in Verlegenheit; sie senden Flugblättcr in die
Häuser, worin man geradczu sagt: „Man will
Euch Leuten nichts weniger als Euer Heilig-
stes, Euern Glauben, Euern Heiland nehmen!"
Schlichten Leuten gibt man dieß gedruckt in
die Hände; denn waS sie gedruckt zu lesen be-
kommen, das gewinnt an Glaubhaftigkeit. Die-
sem Unwesen muß durch Flugblätter, die man
masscnhaft zu vcrbrciten sucht, entgegengesteucrt
werdcn. Die ultramontan-jesuitischc Partei ist
in dieser Richtung glcichfaüs schr rührig; so
wird jetzt ein Schriftchcn, daS den Namen des
Kaufmanns Lindau trägt und in der ultra-
montan-jesuitischen Brochürcn - u. Artikel-
Fabrik von Freiburg und Mainz ausge-
heckt wurde, verbreitet. Es unterliegt wohl
keinem Zweifel mehr, daß diese Partci bei uns
keinen geeigneten Boden mehr findet, um
sich wie in Belgien auszubreiten. UebrigenS
ift es durchaus nöthig, dieses Trciben, das pcrio-
disch in allcr Stille stattfindet, genau zu be-
obachtcn und demselben mit Entschiedenheit ent-
gegenzutreten. Man verbreite, wie in diesem
Blatte in schr wohlgemcinter Absicht gesagt
wurdc, daS Schriftchen: Wesscnburg und
der UltramontanismuS rc. massenhaft
unter dcm Volke, ebenso die von Hrn. KreiS-
gerichtsrath Lang in Freiburg gehaltene vor-
treffliche Rede, welche sogar in Nachbar-
staaten zahlreich verlangt und vcrbreitet wurde.
Dieses aber kostet Geld und die Vaterlands-
freunde, die Freunde wahrer Religiosität und
Bildung dürfen vor Opfern nicht zurückschrecken,
wenn es gilt, den schlimmstcn Feind des Vater-
landes, der Volksbildung und wahren Freiheit
zu bekämpfen.

Mannheim, 27. März. Se. Gr. Hoheit
Prinz Wilhelm von Baden ift zur Jnspec-
tion der hiesigen Garnison hier anwesend.

(Mannh. J.>

Freiburg, 23. März. Aus den zuverläs-
sigsten Quellen ist die „B. Ldsztg." ermächtigt,
mitzutheilen, daß in jüngster Zeit Derhand-
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