Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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die Regierung ihre Macht nur im Geifte des
Gesetzes üben dürse, welche Ausnahmsfälle zu-
zulassen, wo blos bestimntte Jnteressen die
Gründe zur Ausnahme aufstellen, nicht ge-
stattet. Sie würde zwar mit dieser Lehre Viele
nicht überzeugen, denn es gehört zu den schwer-
sten und am seltensten geübten Pflichten, Ge-
setz und Recht hochzuhallen, wo ein leiden-
schaftlich ersaßtes Jnteresse damit in Wider-
spruch steht; und selbst die höchste Rechtsübung
kann nie erwarten, von blindem Eifer anerkannt
zu werden. Er schill das Urtheil des Richters,
wie das Verhalten der Regierung so laut und
so lange er kann.

Die Staatsregierung trägt sur diesen Stand-
punkt ihre Verantwortüchkeit offen und gern.
Dem Kirchenregiment schiebt sie keine zu, wie
der „Bad. Beobachter" die Stellung der Re-
gierung mißdeutet; es hat das Kirchenregimenl
sie zufolge seiner selbständigen Stellung und
wird sie zu tragen wissen. Seine Näthe, geist-
liche wie weltliche, werden diesen Stolz und
Muth, deffen sind wir überzeugt, besitzen, und
nicht, um sich deren zu entschlagen, das Recht
der Kirche an den Staat überantworten.

Was den Schlußsatz in der letzten Nr. des
„Bad. B?ob." vom 19. d. M. belrifft, so wird
jeder treue Badener nur tiefen Ekel über das
Verfahren des „Bad. Beobachters" empfinden,
mit welchem er die erhabene Person des Lan-
desfürsten in seine trüben Diskussionen in den
allerentgegengesetztesten Richtungen zu ziehen
sucht. (Karlsr. Ztg.)

Karlsruhe, 21. Januar. Die praklische
Herstellung der zur Znteressenverwaltung be-
stimmlen Orgaue hat im Laufe dieses Jahres
einzutrcten. Dem Vernchmen nach werden die
Vorarbeiten hiczu eisrigst betrieben. In erster
Reihe wird die Wahlordnung sür die Wahl-
männer- und Abgeordnetenwahl zur Kreisver-
sammlung herzustellen sein. Bekanntlich sind
nach dem Verwaltungsgesetz die Kreiswahl-
männerwahlen alle 3 Jahre im September zu
wahlen und zwar ein Wahlmann auf je 250
Scelen. >Dtimmfähig und wählbar sind alle
StaatSbürger, welche das 25. Lebenöjahr zurück-
gelegt haben und seit mindestens einem Jahre
im Amtsbezirke -nsässig siud. Die Kreisver-
sammlung selbst besteht auö den von den
KrciSwahlmäunern gewählten Mitgliedern (ge-
nerellstcs und liberalstes Element), aus den in
den AmtSbezirken gewählten Abgeordneten der
Gemeinden, aus den Vertretern der größeren
Städte, aus den Mitgliedern des Kreisaus-
schuffes, aus den größten Grundbesitzern der
Kreise. (S. M.)

— Mannheim, 23. Ian. Wenn man
liest, wie daS Anzeigeblatt der Erzdiöcese Frei-
burg bei Verkündigung der päpstlichen Encyclica
sür die darin enthaltcnen Verdammniffe in gleich
verdammungssüchtigem Geiste seinen Dank aus-
spricht und Alles, was in Kirche und Staat
für Licht und Recht, für Freiheit und gesetzliche
Ordnung, für Humanität und Civilisation er-
strebt und geschaffen wird, als modernes Hei-
denthum und als eine Ausgeburt „des in de^
Kindern diescr Welt so mächtigen Geistes der
Lüge" verlästert: so muß man sich als Badener

Engländer zerstückelte mit wenig Witz und viel Be-
hagen rtn halbrS Feldhuhn, verschlang es mit einer
hewunderungswürdigen Geschwindigkeit unb ertrank
eS in riner Fluth Lhateau Lafitte. Bei drr fünften
Schüffel — daS Mahl bestand auS deren neun —
begegneten fich die fünf Zecher mit bem sechsten,
aber während jene den Berg hinabstiegen, stieg ihn
dieser munter hinan und näherte sich immer mehr
der KrebSsuppe, ohne irgend eine Erschlaffung zu
verrathen. Als ihm die Krebssuppe vorgesetzt wurde,
merkten die Künf an dem Zögern, mit welchem ddr
junge Brttte den Löffel in bie rökhliche Fluth tauchte
und nach denKrebsschwänzchen fischte, eine Abnahme
drr Kräfte, die fie mit neuer Zuversicht belebte.
Indeffrn ward er auch dieser Schwierigkeit rndlich
Meistrr. Run kamen 2 Dutzend Ostender Austern.

EnglandS und brfiegte das erste Dutzend; aber bei
dem zweiten waren srine Kräfte rrschöpft. Er ent-
färbte fich, ließ dte drrizehnte Auster, nach der er
mit ungehrurer Anstrrngung gegriffcn, wieder auf
den Teller, fich selbst aber vom Stuhle fallen und
mußte in einem nicht zu beschreibenden Zustande
nach seinem Hotel in der Rue Neuve St. Augustin

gehoben fühlen ebensowohl durch die unerschöpf-
liche Libcralität nnd Milde, als durch das ihr
einwohnende Bewußlsein ihrer siegreichen Stärke,
womit unsere Regierung dieses fanatischeTreiben
ungeahnvet geschehen läßt, aber dabci fortfährt,
die von ihr ausgegangenen und von dcm Volk
gut gehcißeneu Gesetze und Einrichtungen mit
krästiger Hand in's Leben einzuführen. Wir
können daher denjenigen nicht beipstichten, welche
der Meinung sind, daß die Regierung gegen
solche AuSschreitungen. wobei allerdings das
Gcwand der Neligion mißbraucht wird, sogleich
mit Neprcssivmaßregeln und Strafen vorgehen
solle. Dadurch würde sie nur vas Haupt der
Fanatiker mit der Glorie des Märtyrerthums
umgeben und der guten Sache mehr schaden
als nützen. Wenn sreilich die Verblendung,
Leidenschaft und Frechheit sich so weit wergessen
sollte, daß ihr Unterfangen dem Strafgesetze
anheimfiele, dann würoe und müßte die Regie-
rung, wie sie auch schon gethan hat, dem Rechte
seinen Lauf lassen und es nicht hindern, daß
benjenigen, welchcr die Majestät dcs Gesetzes
antastet und das Fundament der Staatsord-
nung mit frevelnder Hand unterwühlt, die ver-
diente Strafe erreiche. Zur richtigen Beurthei-
lung des milden, aber keineswegs auf Furcht
oder Schwäche beruhenden Verfahrens unserer
Regierung muß man übrigens bedenken, daß in
dem Gesetze, welches das Verhältniß der Kirchen
zum Staate ordnet und feststellt, für die von
der römischen oder erzbischöflichen Curie aus-
gehenden kirchlichen Erlasse und Rundschreiben
das landesherrliche Placet nicht vorbehalten,
sondern stillschweigend darauf. verzichtet ift, und
daß darum die Stcllung der badischen Negie-
zu der Encyclica und zu den erzbischöflichen
Hirtenbriefen eine andere, als die der franzö-
sischen, italieuischen und auch manchcr deutschen
bundeSstaatlichen Rcgierungen ist. Jn dieser
Verschiedenheit der Gejetzgebung liegt auch der
Grund, daß, hinsichtlich der Verkündigung
des päpstlichen Rundschreibens, die bayerische
Negierung z. B., obwohl die eines vorzugsweise
katholischen Landes, doch strengere Maßregeln
einhält, als die Negierung des proteflantischen
preußischen Staates. Wcr räsonniren will, muß
daher zuerst distinguiren und die Lage der Dinge
kenncn.

Gotha, 20. Jan. Wegen eines Artikels
des „Fortschritt" war der Buchdruckereibesitzer
Stollberg hier der Beleidigung deS Königs von
Preußen angcklagt, jedoch vom Kreisgerichte
freigesprochen worden. Auf die dagegen er-
hobene Appellation der Staatsanwaltschaft ist,
wie 'die „Kreuzztg." meldet, .das Erkenntniß
des Appellationsgerichtes publiclrt worden, wel-
ches das erstinstanzliche Urthcil aufhebt und
den Angeklagten zu drei Wochen Gefängniß
verurtheilt; eben so ordnet das Erkenntniß die
Vernichtung der betreffenden Nummer des
„Fortschritt" an.

Harnburg, 23. Jan. Die „Norddeutsche
Bank" eröffnele hcutc Giroconten in preutz.
Courant-Thaler. Die Einzahlungen und Aus-
zahlungen geschehen in */i, ^ Thalern und
preuß. Banknoten zum Nationalwerth nach dem
Belieben der Einzahler, bei Auszahlungen nach

gebracht werden. Der jungk Mann ist Bräutigam;

kühnen und mißlungenen Versuche in Kenntniß
gesetzt worden, auf das Gtück verzichtet habe, ihm
am Traualtare die Hand zu reichen.

Leipzig, 20. Zan. Wie sehr dem unglücklichen
Gutzkow Freundeszuspruch Noth thut, kavon gab
eine Bitte um Trost und aufrichtende Worte Zeug-
niß, die er durch seine Familie an hiesige Freunde
richten ließ, alS sein Zustand kürzlich einigc Augen-
blicke ruhigere Gedankenbildung zugelaffen hatte.
Der Bitte wird ficher in der sorglichsten Wcise nach-
gekommen werden. Dresden hat etnfn der intim-
sten Freunde Gutzkows nach Friedberg entsendet,
um dem kranken Dichter dte herzlichste Thetlnahme
der dorttgen Freundeskreise aussprechen und um
fich direct von der Lage der Dinge Bertcht geben
zu lassen. Der Abgesandte ist der Rechtsanwalt
vr. Judßich. Derselbe reist heute nach Friedberg
ab. Man schreibt hier die Krankheit Gutzkows
weniger den GcmuthSbewegungen der letzten Mo-
nate, als seinen angestrengten dichterischen Arbeitcn
im Laufr der letzten Zahre zu. (Am 20. wurde

dem Belieben der Bank. Die „Nordd. Bank"
gibt vom 26. Januar ab Solawechsel in Ab-
schnittcn von zehn und fünfundzwanzig Thaler
aus, die von der Bankkasse bei Vorzeigung baar
eingelöft werden.

Kötn, 16. Jan. Dem Kobl. Tagbl. ent-
nehmen wir Folgendes: Der Graf von Fürsten-
berg-Stammheim, welcher vor einiger Zeit in
der Nahe von Aachen den Lieutenant v. Hoch-
wächter im Duell erschoß, hat Schritte gethan,
um seine Aussöhnung mit der Kirche anzu-
bahnen. Derselbe ist nämlich, wie wir hören,
vor seiner geistlichen Behörde erschienen, hat
seine Reue über das verübte Unrecht ausge-
drückt, um Befreiung von der Excommunication
gebeten und sich bereit erklart, die von der
Kirche zu verlangende öffentliche Sühne zu
leisten. Das Ordinariat hat hierauf nach An-
hörung der geistlichen Räthe dem Grafen unter
den entsprechenden Bedingungen die Wiederver-
söhnung mit der Kirche gewährt.

Wien, 21. Ian. Der erste Schritt gegen
jene bekannte Petition der Professoren an das
Staatsministerium, die Reform der Universität
betreffend, wurde vorgestern im Doctoren-Col-
legium der medicinischen Facultät gethan. Dr.
Kraus stellte den DringlichkeitSantrag, ein Co-
mite von 5 Mitgliedern zu wählen, das bis
Montag eine Gegenantwort an's MiniDrium
vorlegen sollte. Dr. Hofmann sagte: „Die
Selbstüberschätzung, welche dieses Schriftstück
(die Petilion) durchweht, läßt sich nur dadurch
erklären, daß die Herren cben gewohnt sind,
von einer gläubigen Schülerjchaar als Autori-
tät ob ihres größeren Wiffens angestaunt und
bewundert zu werden, zuletzt habe dieser Weih-
rauch cinen solchen Nebel um ihren Gesichtskreis
gezogen, daß sie in ihrem engen Kreise sich selbst
als leuchtendes Sternenmeer wahrnehmen."
Redner geht auf die bevorftehende Iubelfeier
über, wo aller Hader, aller wissenschaftlicher
Meinungsstreit, alle nationale Eifersucht und
religiöser Unterschied schwcigen sollte, wo die
slmn innter sreudig alle ihre Kinder begrnßen
werde. Doch wie ganz anders droht das zu
werven. Wir besitzen keinen heimathlichen Hero,
an dem wir die Gäste begrüßen könnten, zer-
streut in alle Vorstädte einer großen Residenz
sind unsere Ablheilungen, und das alte uns
liebgewordene Haus gehört uns nicht mehr.
Aber was ist diesc räumliche Zerrissenheit und
Zerfahrenheit? Nur eiu schwaches Symbol
unserer moralischen Zerspaltung, Streit und
Häder überall, in allen Corporalionen, in allen
Factoren der Universität unler und gegen ein-
ander. An dem Leichenfeste der Universität wird
sich außer diesen 59 Niemand betheitigen. —
In ähnlichem Sinne und mit Entrüstung
sprachen über diese Petition noch die Doctoren
Patruban, Lerch, Steiner, Sacks. Es wurde
jedoch die Wahl deS Comite's zur Abfassuug
der Entgegnung auf Montag verschoben.

(N. Fr. Pr.)

Wien, 23. Jan. Jn der heutigen Abend-
sitzung des Finanzausjchusses wuroe eine den
Vrints'schen Antrag bctreffende Zuschrift des
Staatsministers an das Präsidium des Abge-
ordnetenhauses verlesen. Die Zuschrift sagl:

Haus eineS Arztes, der sein naher Verwandter ist
(vr. Walter) gcbracht. Durä» die Sorgfalt des
KrrisarzteS vr. Müller in Friedberg (wird der
Köln. Ztg. geschrieben) war in der körperlichen
und geistigen Krankhcit des llnglücklichen bereits
eine Befferung ringetrelcn; ein Stich in die Brust
schcint die Lunge vrrletzt zu haben und vernrsacht
Athmungsbeschwerden. Sein geistiger Zustand ist
noch ein sehr bedenklicher, da Gutzkow offenbar an
riner Monomanie, überall und von Allen verfolgt
zu sein, leidet, und nur der aufopferndsten Pfiege
mag es viklleicht gelingen, seine gcistige Krafr ihm
wieberzugeben, deren Schwächung sich crklärt, wenn
man bedenkt, daß ihm seit zwei Monaten der
Schlaf mangelt. _ (S. M.)

(An Hamburg) wuroe jüngst eine finnische
Anleihe an bie Börse gebracht, fand aber keine
Abnehmer. Der dort erscheinende „Freischütz" macht
darüber folgenden treffenden Witz:

Geh, alter Freund, mit dem Papier von hinnen
Und schließ eS wieder in den Arnheim ein:

Man hat zwar häufig mit oeni Schweine Kinnen,
Doch mtt ben Kinnen niemals Schwein.
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