Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Erfüllung gegangen, obwohl es an Stoff und
Material zu anregenden Besprechungen nicht
fehten dürfte. Die Gründe und Ursachen,
wevhalb feit dem November keine Sitzung ge-
halten wurde, find uns nicht bekannt. Ebenso
scheint uns hinsichtlich der iocaleu neclionen
oder öttlichen Zweigvereine des deutschen Na-
tionalvereinS eine gcwifse Apathie eingetretcn
zu fein, veranlaßt durch momentane Lahmleg-
ung der deutfcheu Verfafsungsfrage von Seiten
RänkespinnenderDiplomatcn. Ein neuer lebens-
frifcher Schwung wird nur dann in den Natio-
nalverein kommen, wenn in Preußen ein Sy-
stemwechfel, wozu sür jetzt frcilich noch keine
Anzeichen fprechen uud keine Ausficht vorhan-
den ift, eingetreten fein wird. — Jn der jüng-
sten Nummer eiues Berlincr Blattes gibt ein
preußifcher Patriot der österreichischen Regie-
rung den wohlgemeinten Rath, fie möge dem
Staate des großcn Friedrich die Hegemonie oder
Führerschaft in Deutfchland überlassen; dann
werde Preußen in bundesgelreuer nachbarlich
freundlicher Stellung zu Oefterreich bleivcn uno
an OesterreichS Seite marjchiren. Preußen fei
in der glücklichen Lagc, feiue politische Richtung
unabhangig von der Windrichtung, die in Wien
gerade vorherrsche^ bestimmen zu können; es
habe mit gejundcu Finanzen und eincm ftarken
Heere die größtmögliche Bewegungöfreihcil;
Oesterreich werde durch ncue >schachzüge
NichtS gewinnen, fondern dcn cinzig möglichen
BundeSgenosscn sich völlig cnlfremden. Daß in
diefen und ähnlichen politischen Bctrachtungen
manche treffende Wahrheit gesagt wird, läßt fich
nicht läugnen.

* Aus dem badischen Oberlande.

Wir ftnd eben daS Product der frühern Zeiten
und Derhältnisfe. Mit den alten Ueberlieferun-
gen crhiclten wir zugleich die neuen Idccn des
vorigen ZahrhundertS und filld nurl angewie-
sen, alS UebergangSperiobe für kommcude Ge-
schlechter zu ordnen und zu fchaffen. Es ist
aber wohl auch eine veroienstvolle Aufgabe
unferer Zeit, daS Neue mil feincn Vorzügeu an
die SteUe deS Alten unb Vcralteten zu setzen,
over mit dem Hergebrachten, wo dieses noch
eine berechtigte Lebenskrafk zeigt, zu verjöhncn.
So traurig, wie eS manchmal erklärt wird, ist
doch die Erscheinung unserer Gegenwart nicht.
Allerdings haben alle - Uebergangszeiten, iu
wclchen die Crijen im Lcben der Culturvölker
eintreten, für manche Personen und Stände
besondere verhängnißvolle Ncomente. Wer jetzt
z. B. in die Brandung geräth, wo gerade das
weltliche und geistliche Ncgiment feinen Prin-
cipienstrcit auöficht und wo die Gesellschaft sö
in ihren verschicdensten Elementen aufgcregt
wird, der wird freilich manchmal bangen und
mit Sorge in die Zukunft blickeu. Aber mit
dcm beruhigenden Goltcsfricden in der eigenen
Brust wird auch diese Prüfung lcichter über-
standen. Handle nur Jeder jo, wi-' ihn das
Gefühl sür das Rechle mahnt. Jn unferen
Tagen und in unferem Lande dürfen wir der
ruhigen und fichern Hand am Steuerruder
unfercS Staatsschiffcs wohl vertrauen. Hütcn
wir uns nur vor oen faljchcn Propheten, die
da vorgeben, daß sie allein im Besitze des

London, 21. Ian. Diese Wocke, scdreibt man
der „Köln. Ztg.", hat mit eincm grauen Nebel

der aUeS, waS ein Mensch an Melancholie in sich
birgt, zum Durchbruch sreibt. Bon Selbstmorden
hat man zwar nichtS gehört (weil überhaupt der
Seldstmord in drn Nebrlmvnaten außer Mobe ist),
dafür gab eS andere UnglückSiälle die Hülle und
Külle. Zn der Eity wurde ein 140 Fuß hoher
Dampfschornstein vom Winde niedergeworfen, im
Fallen zerschmetterte er rinrn jüngerrn ZwillingS-
brudrr, die betben sielen auf ein Haus, und sechs
Prrsonen wurden schwrr, zwet daruntrr lrbens-
grfährlich verlrtzt. Es hat nur wenig gcfehlt, daß
die grsammte Redaction deS Morning Herald,

stehen und vergehen in drmsel-en Eitygäßchen, wo
fene Schornstrtne zusammrnkrachten, und nur der
llnpartetlichkrit der letzterea baben fie es ru danken,

Htmmelsschlüfsels feisn, den sie allein vergeben
können. An ihren Früchten werdet ihr fic er-
kennen!

Freiburg, 19. Jan. Wenn man von
andern Städten unfcres Landes die Nachricht
liest, wie man dafelbst bestrebt ift, durch öffent-
liche Vorträge geistige Nahrung und Anregung
zu bictcn, fo muß es wünschenswerth erfchei-
nen, daß in der Musenstadt Freiburg mehr
als bisher geschieht. Außer oer zweimaligen
öffentlichen Vorlesung des Herrn Dr. von
Treitjchkc, außerordentlichem Profesfor der
L>taatswisseiischaft, ist gar nichts derartigeS
gedoten, und felbft diefe genannte Vorlesung,
frcilich von einer großen, aus allen gebildetcn-
Kreiseii der männlichen Bevölkerung zusammen-
gesetzten Hörerzahl befucht, ist ausdrücklich
zunächst für die akavemischen Iünger bestimmt
und eben so bcstimmt sind die Damen ausge-
schlosfen, welche in den ersten Stuiiven ihre
Theilnahme wie bei früheren öffentlichen Vor-
lesungen zu bethätigen suchten. Wenn man
auch nichl durchweg mit den Anschauungen des
geistreichen, fo beredten als liebenswürdigen
RednerS, der vorzugsweife die Gefchichte der
Jahre 1848 und 1849 zeichnet, einverstanden
fcin kann, so wird man doch gestehen müssen,
daß er durch seine Gcnialität und sein ausrich-
tig und warm begründetcs prununeirimento zu
Gunsten der dcutschen Einheitsidee unter preu-
ßischer Führung auserordentlich anspricht und
patriotisch anregt. Wir hörten schon manchen
Politiker von Ansehen sprechen, allein wir
müssen anerkennen, daß Hr. von Treitschke in
ruhiger, ausrichtiger Aufsassung der Thatsachen,
in genialer, so ofsener als anständiger Critik
der handelnden Perfonen und in nüchternem
Blicke in die Znkunft eine der hervorragendsten
Stellen einnimmt. Der große Autheil der
Zuhörerjchaft mag dem gefeierten Mannc fagen,
waS er unS gilt.

Stuttgart. Das Gerücht meldet, daß
nun, nachdem die großen Fragen dcr neuen
Uniformirung des ArmeecorpS und der -Lchaf-
fung von Kammerjunkern entschiedcn sind, die
noch erheblichere Frage der ErnenikUng eines
CorpS von Edelfräulein auf die Tagesordnung
gefetzt ist.

Äoburg, 23. Ianuar. Gch. Staatsrath
Franke hat in einem von Kiel auö an die hie-
sige Mliiisterialabtheilung crlastenen Schreiben
seiil Amt hier völlig niedergelegt und von sei-
nen AmtSgenossen Abfchied genommen.

Verlin, 26. Ian. Die preußische Bank
veröstentlicht heute folgende Bekanntmachung:
So eben isl eine Nachbildung der auf der Rück-
feile mit einem Uebcrdruck versehenen Bank-
noten ü 10 Thlr. zum Vorschein gekommen,
die zwar nach ihrcm Gdsammleindruck den ächten
sehr ähnlich erscheint, bei einiger Aufmerksam-
keit jedoch von dcnselben durch die Farbe deS
PapierS und deS Aufdrucks leicht zu untcr-
fcheiden ist. Wir machen dcßhalb das Publikum
auf die dringende Nothwendigkeit aufmerksam,
in feinem cigenen Intcreste die Banknoten
ä 10 Thaler vor der Annahme genan zu
prüfen.

Berlin, 29. Jan. Buchhändler N. Meck-

solchrr Gewalt gegen und durch eine Ziegelmauer,
daß der größte Theil seiner Gehirnmaffe in seine
Mütze zu steckrn käm. Diesem Auffiiege» folgte am
nächsten Tage zur AdwechSlung wieder ein Einsturz.
ES brach fich ein grvßeS, schweres Stcingefims von
einem im Bau begriffenen Hause drr Lity loS,
riß Gerüste und Arbeiter mit sich in die Tirf«;
wieder erhtelten medrcre Personen lebenSgefähr-
liche Verletzungen. Dann ereignete sich dcr obli-
gate Eiscnbahn-Unfall, dirsrs Mal allerdings ein
sehr anspruchsloser und bescheidener, trotzdem büßte
ein Schaffner sein Leben und ein zweitrr etliche
Rippen ein. ES wurde Tag und wieder Racht, da
brachte der Telegraph auS Edinburgh die Trauer-
botschaft, daß daS dortige Tbeater abgebrannt sei
und mrh-ere Personen in seinen Ruinen begraben
habe. Und als ob die Elemente in ihrer Zerstö-
rungSwuth rinander den Rang ablapfen wolltev,

lenburg in Berlin wnrde wegen Verbreitung
der in Preußen verbotenen „Gartenlaube" zu
30 Thalern Geldbuße event. 14 Tagen Ge-
fängniß verurtheilt. Der Gerichtshos überzeugte
sich, daß die Blätter: „Familien - Album",
„Rofenflor", „Am warmen Osen" rc., um
deren Verbreitung es fich handelte, mit der ver-
botenen „Gartenlaube" identifch seien.

Verlin, 29. Jan. Se. Maj. der König
crtheilte heute Nachmittag dem bisherigen Ge-
fandten des Konigs von Italien, Grafen L au-
nay, im Beisein des Ministerpräsidenten eine
Abschiedsauoieiiz. Der neue italienifche Ge-
fandte, Graf Barral, tristt morgen ein. —
Man verstchert, auch Bayern habe die hier ab-
gelehnte öfterreichifche Forderung wegen der
Weinzölle als praktisch schwer ausführbar be-
zeichnel und beanstandet.

Wien, 28. Jan. Die osftcielle Wiener
„Abendpost" sagt: Es bedarf nichl erst einer
auSdrücklichen Hervorhebung, daß Oefterreich
noch immer an den Principien festhält, die eö
für die gedeihliche Erledigung der Herzogthümer-
frage im Jntereste der Herzogthümer und Ge-
fammtdeutfchlandS als maßgebend auerkennen
mußle. — Die Meldung, daß Oesterreich die
Begünstigung ver Weinzölle zur Bedingung der
Fortsetzung der ZoUverhandlungen gemacht
habe, ift unrichtig. — Für die Eröffnung des
migarischen LandtagS ist bisher kein Termin
gesetzt worden.

Krankrerch.

Paris, 27. Ian. Das neue Werk, welches
der Kaiser nach Beendigung seines Lebens CL-
sars begonnen hat, bckommt den Titel: „Gc-
schichte der Polilik Heinrichö IV." Es meroen
bereilS in allen Bibliolheken Frankreichs dtach-
forschungen nach Urkunden und Haiidschriften
aus jcner Zeit angestellt. Auch an fremde
Bibliotheken sind in diefer Richtung Bitten er-
gangen.

Nicht dcr Senator und srüherer Minister
Thouvenel ist gcstorben, fvndern nur ein Ver-
wandter desselben.

C « g L a i, d

Lonöon, 27. Jan. Gestern Abend hat sich
hier ein schweres Unglück ereignet. In dem
obcren Saale des Schulgebäudes in Great St.
Peter Street, Westminster, waren mehrere hun-
dert Menschen, zumeist Frauen und Kinder,
versammell, um einer Gewinnverloosung bei-
zuwohnen, welche zur Unterstützung eines Kir-
chenfonds eingerichtet wordeu war. Plötzlich,
ohne daß irgend ein Anzeichen vorhergegangen
wäre, brach einer oer großen Qnerbalken, ein
Theil dcs Fußbodens stürzte hinab in den un-
tercn, glückticherweise leeren Saal und mit ihm
eine Menge von Menschen. Cine schreckliche
Scene bot sich dar. Ueber hmiderte Mämier,
Wciber, Kinder, viele verletzt, betäubt, einige
fast getödtet, lagcn in einem wilden Kiiänel
auf einander. Eine dichte Staubwolke stieg
empor, und die noch im oberen Saale Befind-
lichen glaubteu, cs sei eine Feuürsbrunst aus-
gebrochen. Diescr Jrrthum, schnell verbreitet,
rief die Feuerwehr herbei, welche mit großer

kam Schlag auf Schtag die Mcldung aus Ltver-
pool, daß ber Schraubendampfer Columbian im
Sturme mit 63 Personen versunken, und daß daS
KriegSschiff Bombay vor Montevideo mit seiner
93 Köpfe starken Bemannung verbrannt sei. So
drängte eine Katastrophe die andere; man ist or-
benklich sroh, baß die Woche vorüber ist. Der
Sturm hat sich gelegt, bas Barometer steigt, die
Nebel find Vorboten größerer Kälte, schon haiten
wir heute Morgen einen verschämten Schneefall.

-j- Monolog eines Chriften.

Dem Elerus wtll der Staat nicht mehr pariren,
Man droht daher mit Sturm, mit Pestilenz,
Mich soll die Schulrrform in Zukunft nicht geniren,
O theure Reise nach der Resivenz!

Ich wtll die Kunbschaft nicht deßhalb verlieren,
Metn Lebtag geh' ich nimmer in Audtenz!

ES mag etn finstrer Elubb von „ttefer Gäh-
rung" reden,

Ich lkg' von nun an mtch nur auf Tapesen.
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