Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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6. Dre protestaniiscke Kirche hat einen ge-
rechtcn Anspruch darauf. daß der Staat ihre
Gleichberechtigung mil der katholischen Kirche,
den confessioncllen Frieden und die Freiheit der
Eheschließung schütze, und demgemäß alh jene
ungehörig abgeforderten Versprechen übcr küns-
tige Kindererziehung als rechtlich uuwirksam
erkläre.

7. Obwohl sie die kirchliche Trauung sür
gecignet erachtet, der Ehe auch eine religiösc
Weihe zu geben, so erkcnnt sic doch an, daß
die Einsührung der bürgerlichcn Form der
Eheschließung als cincr nothwendigen geeignet
sei, das bürgerliche Eherecht zur vollcn Gcllnng
zu bringen und zugleich die Gleichberechtigung
der Bckenntnisse und die Freiheit dcr Personen
besser zu sichern.

Wir bemerken zu Nro. 7, daß bereits die
Kirchengemeinde - Versammlnng in Mannheim
und hier, so wie die letzte Diöcesansynodc hier
meist cinstimmige Anträge auf bürgerliche
Traunng (wobei die.kirchliche in den weitaus
meisten Fallen noch hinzukommt) gestellt haben.
Gegenwärtig isl vor Allem Nr. 5: „Verw e i-
gerung jeder Erklärung'' dasHauptmit-
tel, allen Zudringlichkeiten zu entgehen.

Aus Baden, 31. Jan. Die „Fr. Z."
schreibt: Die Einführung unseres neuen Volks-
schulgesctzes ist zwar noch jungen Datums und
seine volle Bewährung kann crst von der Zu-
kunft erwartet wcrden. Wir glaubcn aber sür
den Augenblick nicht zu viel zu sagen, wenu
wir behanpten, daß die Wirknngen. die es be-
reits verursacht hat, so erfreulicher Natur sind,
daß dadurch der Vorwurf der Experimentirlust
auf das Schlagendste zurückgewiesen wird. Es
ist erstaunlich und erhebend, wahrzunehmen,
was für ein lebendiges Interesse sür die große
Sache dcr Volkserziehung unter den besten
Bürgcrn in aufopserndem Eifer sich offenbart.
Jn dcn Städten vorab sind cs die ersten No-
tabilitäten, die Wissen und Kraft in ancrken-
nenswerthcr Weise dieser so lange vernachläs-
sigten Seite des VolkSlebens zuwenden, und
die Lehrcr rühmen es laut, daß für ihrc Schul-
bedürfnisse nie so gesorgt und den Kindcrn nie
eine solche Achtung vor den Ordnungen der
Schule eingeflößt worden sei, wie eben jetzt.
Aber aucb auf dcm Lande, wo die Verwirkli-
chung deS Gesetzes an dem wcitreichenden Man-
gel an Bildung und Selbstständigkeit ihre cigen-
thümlichcn Schwierigkeiten findet, werdcn, wcnn
auch in geringcrem Maße, scgenSreiche Erfolge
sichtbar Wenn der einfachc Landmann aus
eigenem Antriebe regelmäßig die Schulc be-
sucht und den Lehrer in dcr Handhabung der
Zucht unterstützt, so ist gewiß fchon nicht we-
nig erreicht; kommt dazu noch die Anweisung
cincS gehildeten Schnlfreundes, so wird auch
hier das Möglichste für die Schule gelciftet
werden; sollte lctztere fehlen, so müßte doch
unausbleiblich die schöne Arbeit der Städte
nach und nach von dem Lande erkannt und
nachgeahmt werden. Während sich unser bür-
gerlichcs Lcben in dieser Weise einer geräusch-
losen Beschäftigung heiligster Art widmet, be-
nützten die verbitterten Männer des alten Ne-
gimes die >in der Offentlichkeit eingctretene
Stille, um mit Aufbictung allcr Mittel den
Confiict des Staates mit dcr Curie und die
Schenkelsche Angelegenheit für ihre Zwecke aus-
zubeuten. Doch lasset sie lärmen und schreien,
bis Heiserkeit sie befällt; arbeitet nur inzwi-
schen treu an der Erfüllung der großen Pflich-
ten, die euch übcrtragen find! Einer anderen
Widerlegung bedarf es nicht.

*Aus Baden, 7. Febr. Wie man ver-
nimmt, sollen von Seiten der clericalen Partei
bei den in diesem Jahre bevorstehenden Er-
neuerungswahlen für die zweite Kammer groß-
artige Anstrengungen gemacht werden,. um die-
selben in ihrem Sinn zu lenkcn und die Zahl
der ultramontanen Abgeordneten, die sich bis-
her auf zwei beschränkte, zu vermehren. Jft
auch nicht entfernt an eincn besondern Erfvlg
dieser Bestrebungen bei dem gcsunden Sinne
des badischen Volkes zu denken, io mag eS doch
eine Aufforderung für die freisinnige Partei
sein, sich unter einem gemeinschaftlichen Banner
zu schaaren und den ultramontanen'Gelüsten
energisch entgegenzutreten.

Aus Bayern, 8. Febr. Die (schon beregte)
Nachricht von einer beabhchtigten engen Verbin-

dnng der deutschen Mittelstaaten soll nach der F. P.
Z. nichr ganz ohne Begründung sein. und man
vernimmt, daß an der Ausführung des darauf
bezüglichen Plans ganz in der Stille gearbeitet
wird. Zwar soll es fich nicht um die Dnrch-
führung der vielberüchtigten Triasidee handeln,
sondern nur übcrhaupt um eine Verbindung,
welche es diefen Staaten möglich machen würde,
den Grcßmächten gegenüber eine unabhängigere
nnd selbstständigere Stellung einzunehmen.
Wenn selbst anfänglich nur wenige Staaten
sich in dieser Weise verbindcn sollten, so wäre
damit wenigstens ein Kern gebildet, an den
sich die andern Staaten allmälig anschließen
könnten. Die Entstehungsgeschichte des Zoll-
vereins wenigstens liefert den Beweis, daß ein
solches Verfahren immerhin möglich, selbft prak-
tisch und naturgemäß ist. Wenn auch solche
Verbindungen sich nicht plötzlich in's Leben
rnfen lassen, vielmehr zu ihrer Entwicklung
Zeit verlangen, so ist es doch eine erfreuliche
Erscheinung, daß in den Mittelstaatm an maß-
gebender Stelle mehr und mehr die Ueberzeu-
gung Platz greift, daß die gegenwärtigen öffent-
lich - rechtlichen Zustände in Deutschland un-
haltbar sind, und daß etwaigem drohenden Un«
heile durch klugeö und energischeS Handeln vor-
gebaut werdcn nmß.

Berlin, 9- Febr. Jn Betreff der Militär-
vorlage geht, wie dem Fr. I. von hier ge-
schrieben wird, in den liberalen Kreisen des
Abgeordnetenhauses die Ansicht dahin, daß die
offen gehaltene Frage wegen der geschäftlichen
Behandlung dcr Vorlage lediglich im Sinne
einer cinfachcn Schlußberathung zu entscheiden
sei. Es bedarf inzwischen wohl kaum eines be-
sondern Hinweises darauf, wie aus den Wor-
ten, welche der Abg. Dr. Virchow gestern
an den Kriegsminister richtete, hervorgeht, daß
die Angaben übcr gewisfe Differenzen im Mi-
nisterium auch innerhalb der Fortschrittspartei
vollen Glauben finden. Der Kriegsminister
stellte das Vorhandcnsein eincr lltichtüberein-
stimmung zwischen ihm und dem Ministerprä-
sidenten frcilich in Abrede, aber in etwas ge-
schraubter Form, und es ist unter allen Um-
ständen höchst auffallend, daß cin hiesiges
Blatt, dem man die directesten Beziehungen zu
Herrn v. Bismark zuschreibt, übcr die Mili-
tärvorlage des Kriegsministers hente den Stab
bricht.

Wien, 9. Febr. Der Referent des Finanz-
Ausschusses beantragte beim Flotten-Budget
eine Herabsctzung von drei Millionen Gulden.
Der Finanz-Ausschuß hat die außerordcntli-
chen PenssionSzulagen für die Grafen Rech-
berg und Forgach nnd für Herrn v. Wicken-
burg gestrichcn. Nächstcns, viclleicht morgcn,
wird Mühlfeld's Intrrpellation wegen der Her-
zogthümer beantwortet werden.

Wien. 9. Febr. Die „Gen.-Corresp." de-
mentirt die Gerüchte und Zeitungsnachrichten
über eine nngünstige, mit dem Domänenver-
kauf zusammenhängende Geldoperation der Rc-
gierung anläßlich der bis zum 14. Februar
bevorstehcnden Begkeichung einer Schuldrate von
11 Mill. gn die Nationalbank.

F r a n k r e i ch

Paris, 9. Febr. Der heutige Wochenaus-
weis der französischen Bank zeigt eine Zu-
nahmc des Baarvorraths von 20^/- Mill., des
StaatSschatzes von ^/g Mill., der Privatrech-
nungen von N/z Mill. Dagegen eine Abnahme
des Portefeuilles von 15 Mill., der Vorschüsse
auf Unterpfänder von 1 Mill. und des Noten-
umlaufS von 6Vz Mill.

S ch w c i z.

Genf, 9. Febr. (A. Z.) Dic eidgenössische
Okkupation hört morgen definitiv auf. Die
Parteiorgane drohen gegenseitig mit neuen Ent-
hüllungen. Die Stimmung ist sehr gereizt. Ein
neues Spielhaus wurde aufgehoben.

Z t a l r ? :z.

TurLn, 4. Febr. Die hier von allen Sei-
ten heule ankommenden Telegramme melden,
daß der Empfang, der dem König gestern Nacht
in Florenz zu Theil ward, nicht begeisterter und
freudiger fein kountc. Der König mußte sich
drci Mal auf pem Balkon des Palastes Pitti
zeigen und zuletzt erschien er in Begleitung des

Generals Lamarmora. Ueber die Motive, welche
diese uncrwartet schnelle Abreise Viktor Ema-
nuels von der Stadt, wo er geboren, die er
vielleicht in sehr langer Zeit nicht mehr besu-
chen wird. herbeigeführt haben, kann ich mei-
nem gestrigen L>chreiben noch hinzufügen, daß
der Bruch der Regierung und speziell Viktor
Emanuels mit dem hiesigen Magistrat den
Hauptanlaß hierzu bot. Der König hatte am
Dienstag den Bürgermeister Rora zu sich be-
schciden lassen und ihn, nachdem die desfallsi-
gen Schritte Lamarmora's fruchtlos gebliebcn
waren, im Jnteresse der Stadt anfgefordert,
die Demoustration vom Montag öffentlich >;u
mißbilligen und ihm außcrdem eine Deputa-
tion zu entsenden, welche das Bedauern des
Magistrates über das Vorgcfallene ausdrücktc.
Als der Bürgermeister auch hierzu den Magi-
strat versammelte, erhob sich nur eine Stimme
zu Gunsten jeneS Schrittes, und dem Könige
wurde nicht einmal in 24 Stunden, welche er
dem Magistrat zum Bedenken ließ, einc Ant-
wort ertheilt, sondern eine albernc Proklama-
tion an die Nationalgarde erlassen. Einem sol-
chen Benehmen des Magistrats gegenüber, rieth
das Ministerium im Jntcresse der Würde des
Königs die sofortige Abrcise desselbcn an und
auch bie alten bewährten Frcunde Viktor Ema-
nuels stimmten diesem Rathe bei. Auf dicse
Weise ward gcstern Turin wahrscheinlich auf
immer der Residenz des Hauses Savoyen
verlustig.

A m e r i k a.

Newyork, 28. Jan. (Per Moravian.)
Der von Richmond gus gemachte Versuch, des
Bundesgenerals Grant's Vorräthe bei City
Point vermittclst eines Geschwaders zu zerstö-
ren, mißlang. Das Corps Slocum's von der
Armec dcs Generals Thomas stieß zu Grant.
General Sh'erman verlangt Verstärkungen, weil
sich die Gegncr über Erwarten stark zcigen.
Admiral Porter's Recognoscirungen gegen Wil-
mington trafcn überall auf bedeutende Verthei-
digungskräfte. Der Finanzminister Fcffendcn
wurde ermächtigt, statt dcr goldverzinslichen
10—40 Bonds papierverzinsliche 7—30 Schatz-
noten zum Betrage vou 200,000,000 Doll.
auszugeben.

Nenestc Skachriehte».

Bukarest, 9- Fcbr. Der ncucrnannte Ju-
stizminister Bentshesco hat cbenfalls seine Ent-
laffung genommen und ist durch Hrn. Verncsco
ersetzt. Somit bcsteht das neue Ministerium
aus dcn Herrrcn: Konstantin Bosiano (Präsi-
dentschaft, Inncres, Ackcrbau und öffentliche
Arbeiten), Georg Vcrnesco (Justiz, Kultus
und Unterricht), Johann Stratt (Finanzen),
General Maun (Krieg), Balanesco (Aeußeres.)

Wien, 10. Febr. Jn ber heutigcn Sitzung
des Untcrhauses wurden die Gesctzesentwürfe
über die Ermäßigung der Personalsteucr in
Siebenbürgen und über Negelung des perio-
dischen Personentransports (?) in dritter Lösung
angenommen. Am Schluß der Sitzung wurden
mehrere Jnterpellationen verlesen, worin ange-
fragt wird, wann die Regierung die noch un-
heantwortete Jnterpellation beantworten werde.

Z Dietheim, Amts Wicsloch. Wenn jetzt
das Schulgesetz uicht fällt, dann fällt es nicht
mehr, denn die Diclheimer sind (zum Theile)
jetzt auch mit ihrem „kätholischcn Gewisscn" in
die Schranken geritten, gespornt von ihrcm
Seelsorger, den seine Bruchsaler Lorbeercn nicht
mehr ruhcn lassen, obwohl ihm sogar Amts-
brüder dieselben, aber wohl nur aus Neid, ab-
sprechen wollen. Nun hat er gedacht, durch
das Zustandebringen der Adresse nicht nur
seinen Ruhm zu erhöhen, sondern auch
seincn Namcn in den Neihen der Geschichts-
forscher crglänzen zu lassen. Jhr Corre-
spondent hat zufällig einen Blick in die
Adresse, welche die „Biedern" von Diclheim in
Karlsruhe übergaben, gethan, und sich cincs
Lächelns nicht erwehren können, wic er las,
daß die guten Leutc, wohl in Folge einer
wunderbaren Erleuchtung, vom Pflugc hiuweg,
unserm Großherzog eine Vorlesung aus der
Kirchengeschrchte, über den Primat nnd dessen
ununterbrochenc Nachfolgerschaft Christi auf
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