Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

Page: 161
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865/0161
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
UMibklger Zeilung.

Kreiöverklliidigunggülatt für öen Kreis Heidelberg und amtliches Berkündigungsblatt für die Amts- und AmtS-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wicsloch nnd den Amtsgerichtsbezick Ncckargemünd.

M 38


Di-nstag, l'i Z-ebruar 18«L.

* Pslitifche Nmschau.

Dre Berlincr Zeidler'schc- Corresspondeuz
sagt, der Graf v. Sarolyi habe nur Auftrag,
in Berlin die Nothwendigkcit einer baldigen
Einigung zwischen dem österreichischen und dem
preußischen Cabinet über das Schicksal der
Herzogthümer vorzustcllen. Oesterreich könne
ernstlicb nicht auf eine provisorische Regent-
schaft des Erbprinzen von Augustenburg zu-
rückkommen. Jm preußischen Ministerium sei
jetzt die Berathung über die Art dcr Wahrnng
der Jntercssen Preußens beendigt. Aber in Be-
treff der neuen Organisation der Herzogthümer
fehle es- an staatsrcchtlichen Vorarbeiten, dic
erst mit dcm Gutachtcn der Kronsyndici vor-
handen sein würden. Weiter bemerkt die Cor-
respondenz: ' Die Vorarbeiten für Hcrstcllung
des Nord-Ostseekanals seien vollendet; ihr Ne-
sultat werde bald durch cine Druckschrift ver-
öffentlicht wcrden. Fcrner: Die Nückkchr des
Hrn. v. Ahlcfeldt sei weder verlangt, noch er-
wartet worden ; dic Regierung habe mit einem
Prätendenten, der nur eine Privatperson sei,
nichts zu vcrhandeln und abzuschließen.

Nach sehr verläßlichen Mittheilungen der
Karlsr. Ztg. aus den Donaufürstenthümern
haben sich dort in neuestcr Zeit wieder sehr
zahlreiche politische Flüchtlinge uugarischer Na«
tionalität angcsammelt, welche sich dießmal fast
ohne Ausnahme in Besitz von großh. hessischen
Päffen befindcn , dic aber offenbar gcfälscht
sind.

Der clericale „Monde", welcher von Beginn
der mexicanischen Expedition an zu den eifrig-
sten Fürsprechern der Kaiscrcandidatur Maxi-
milian's gehörte, hat jetzt, scitdem der Con-
flict zwischen dem neuen Kaiser und dem Clc-
rus ausgebrochcn ist, wenig oder gar keine
Zuvcrsicht mehr auf den Bestand des mexica-
nischen Thrones. Wenn der Clerus sich von
der weltlichen Negierung lossage, mit wcm und
mit was wolle alsdann Marimilian eincr ameri-
kanischen Jnvasion widerstchen? sagt das ultra-
montane Blatt. Frankreich und England wür-
den ein lautes Geschrei erheben, allein es würde
zu spät sein." — Jn einem andern Artikel
scuszt der „Mondc", daß Marimilian, der ka-
tholische Kaiser, jetzt die Glückwünsche der li-
beralen Preffe erhalte und sich im Zustande
dcs halben Bruchs mit dem päpstlichen Stuhle
befinde. Er mache allen Feinden deS Katholi-
zismuö Freude und werfe die Situation der
mexicanischen Kirche um.

Die neueste „Deutsche Petersburgcr Zeitung"
widcrlegt das Gerücht von einer sranzösisch-
russischenmoralischenUnterstützung der deutschen
Mittclstaaten nnd sagt: Beider Jntercssen für
Deutschland seicn verschieden. Deutschland sei
für Frankreich einc Drohung und für Nuß-
land eine Schntzmauer. Die Einigkeit Deutsch-
lands sei für Nußland von Vortheil. während
Zwietracht in Deutschland für Rußland von
Gefahr sei.

Deutschland.

Karlsruhe, 11. Fcbr. Se. Köngl. Hoheit
der Großherzog haben gnädigst geruht, den
Lehrern deS Zeichuenunlernchts an der Poly-
iechnischcn Schulc, Prosessvr Koopmann und
Prosessor Meichelt, oic StaatSdiener-Eigcn-
schaft zu verleihcn.

Voi» Neckar, 12 Februar. Unter
Friedrich dem Grohen war Prcnßen eine patriar-
chalisch gcleitete Militärmonarchic, wclche nich«
nur an daS Vvlk, sondern anch än sich selbst

die höchsten Anfordcrungen stellte. WaS aber
vor hundert Jahren von cinem wahrhaft gro-
ßen Regcnten mit Erfolg durchgcfnhrt ward,
entspricht dcn jetzigen staatlichen Verhältnisscn
und Bcdnrfnissen «nicht mehr. DeShalb ist eS
jehr zu bcktagen und erfüllt den deutschen Patrio-
tcn mit Schmerz, daß die feudalcn Blätter Tag
für Tag eifern gcgcn jcden AnSzlcich deS be-
dauerlichen Eonfiicts zwischcn Krone und VolkS-
vertrctung, waS abcr ganz natürlich ist, da die
kleine aber mächtige Partei ja nur so lange
obcnaus ist, als Fürft und Volk in Prcußeii
uneins sind. Sie verschmähcn dahcr kcin
Mittcl, nm die Wnnde deS Staatskörpers
offcn zu erhalten; sie ocrwerfen jedeS, auch
daS lleinste Zugeständniß, sei eS in Bczug auf
die HcereSeinricbtung, sei es wegen der verfas.
sungSmäßigen Rcchte dcr Bvlksvertretung. Die
Beeliner Revue schrcibt und die Krcuzzeitnng
druckt mit Wohlgcfallcn nach: „Es wird hier
nnd vori gcrügt, daß die Arinecorganisation
durchgeführt sei, bevor daS Abgeordiictenhaus
jcine Znstimmung ertheilt habc. Hicrauf ist
zu erwidern, daß dieser Corporation rcchtzeitig
die Möglichkeit der Zustimmung gewährt ward,
daß aber dicselbe Zahre lang immer und immcr
wieder verweigcrt wurdc." Nach der Theorie
der Feudalen bestcht also daS Wesen der con-
stitutionctlcn Monarchie darin, daß der VolkS-
vcrtrclnng rcchtzeitig dic Möglichkeit eröffnet
wird, dcn Maßregeln der Regfcrung ihre Zu-
stimmung zu ertheiten; ob sie die Zustimnmng
erlheilt oder nicht, daranf konlmt eS gar nicht
an. Die Regiernng thiit, was sie will, nnd
daS iicnnen die Altras in Pommern und
der Uckermark, deren Sinne und Hcrzcn ver-
stocki sind, wie wciland Pharao'S Herz, consii-
tutionrlle Rcgierung. Man könnle darübcr
lachen, jo lotl ist diesc Berdrchung allcr Bc-
griffe, wenn nicht jeder Frcund dcS Vatcrlan-
deS mit tiesstem Schmerz sähe, wie im Volke
von jener unseligen, Hader und Zwictracht
sördernden Partei jeder Glaubc an die Mög-
tichkeit eiuer chrtichen coiistitnlioncllen Ncgie-
rung auszurolten gcsucht wird, obgleich Me
Einsichiigen seit lange in dieser Regierungs-
svrm dic einzige Möglichkcit erblickcn, den
Monarchismus in unjerer Zeik auSznsvhnen
mit den Bedürsnisscn nnd mit dem Bewußt-
sein der mchr nnd mchr mündig gewordenen
Völker. Dic Feudalen gchen aber immcr wci-
tcr; daß sic mit ihren Tendenzen und Entwür-
fcn daS StaatSschifs in verderblichc Klipxcn oder
Sandbänkc bringen könnten, scheincn dicse
Lente, dic sich die Wächter der Krone nennen,
nichl zu dedcnkcn. Jn einem Lcitartikel der
Krcuzzeitung wird sogar jeder Minister-
wechjel pcrhorrcscirt; es heißt darin: „ES
köiincu andcre Ansichtcn Platz greisen und als-
dann andere Männcr nothwendig werdcn; so
lange aber dicS nicht dcr Fall ist, geschieht durch
eine Ministerialverändcriing dcm Anschen der
Krone und dcr Treue ihrer Diener der bitlerste
Abbruch, der stch frühcr odcr später strast."
Ob die Unabhängigkeit der Kroue bci einer
solchcn Abhängigkcit »on ihren jedeSmaligen
Dicnern gewinnt, lasjcn wir dahin gestcllt.
Der Vater des jctztregierenden KönigS glaubte
auch, von trenen Dienern umgeben zn scin,
bis der Frciherr von Stein so frei und srci-
müthig war, ihm klar zu beweisen, daß eS theilS
gänzlich unsähige, thcils entjetzlich vcrblendcte
Menschen gcwejen seien. Nnnmchr wird sogar
jede Auflvsung dcS AbgcordnetcnhaujcS von dcr
Zunkerpartci verworfen, denn daS sähe ja
aus, als ob die Ncuwahlen einen Appel an das
Volk enthielten und das s-i, jagen flk, „versas-

§ sungswidrig !" Die Mras wissen freilich, daß
dieser Appel iehr entschicden gegen ihre An-
' sichtcn ansfaüeii würde. Diesen Leuten, welche
doch gute Preußen sein wollen, geltcn die Tra-
ditionen von VersaillrS mehr als die von SanS-
souci.

l F Hridelberg, 11. Febr. Die von Sei-
ten dcs prcußischcn KriegSministerS von Rovn
dieser Tage erfolgte neue Militärvorlagc ist
nicht mehr iind nicht wcnigcr. als dic Forde-
rung an das AbgeordnctenhauS, die Arniee-
Reorganisation in ihrcm ganzen Umfangc zu
genchmigen. Es wird in derselben ebensv die
drcijährige Präicnzzcit wie die Beiseiteschiebung
der Landwehr festgchalten und wcdcr die Größe
dcs stehenden HeercS, noch die Zahl dcr jähr-
lichcn AuShebung festgcstcllt. so daß der Re-
gierung nur noch weiterer Spielrauin sür die'
militärischc Entwicklnng bleibt, als sie stch be-
rcits mit der Armcereorganisation angceignet
hat. Daß daS AbgcordnetenhauS ein solches
Gesetz nicht annehmen kann, hätte dic Regicrnng
wissen inüssen. Um io mehr ist der pathctische
Ernst zu bewunocrn. mit dem Hr. von Roon
dic Annahme deS GejctzcS als cinen Weg zur
Vermittlung des übrigen BerfassungSconfiictS
empsahl. Dic Armeereorganisation wird nun
allcm Anschein nach freilich bestehcn blciben,
ob daS AbgcordnetcnhauS ste genehmigt oder
nicht, aber so lange sie nicht gesetzlich geworden,
ist eS jedenfalls lcichter, sie in der Folge eininal,
alS dies im entgcgengcsetzten Falle möglich ist,'
wieder loS zu wcrden.

Stuttirart, 10. Febr. Zn dcr gestrigcn
Sitzung der zweiten Kammer erhob sich,
nachdem der Etat des ZnstizdepartcmcntS voll-
cnds durchbcrathen und die Erigenzen der Re-
giernng alle ohnc wcientliche Aendernngen gc-
nehmigt warcn, dcr Ministcr beS Auswärtigen,
Frhr. v. Värnbnler, von scinem Sitz als
Abgcordnetcr-nnd crjuchtc den Herrn Präsi-
denten, die der Kammer im Mai1864 vorgc-
lkgtcn drei Staatsverträgc mit Baden nnd
Hesscn über die Hersicllung von Verbindungen
zwischcn dcn dicsseitigen Eiscnbahnen und der
Heidrlbcrg-Würzburger, soivie der Lauda-Werth-
Hcimcr Bahn anf die nächste TageSordnnng zu
setzen. Die Kamm er habc seiner Zeit beschlos-
sen, diese StaatSverträge nicht cher zu bera-
then, bis die Anjchlüsse unserer Schwarzwald-
bahncn an die badischen als gesichert crscheincn,
Dieser Zeilpunkt jei nun gekommen. Er könne
der Kammer die ersreutiche Mittheilnng machen.
daß dic Vcrh«idlungen mit Baden so weit ge-
diehen scien, nm dic Anschlüffe der wnrtein-
bcrgischcn Schwarzwaldbahnrn an dic badischen
bei Tnttlingen und Villingen, jowic der Thaler
der Enz und der Nagold bci Pforzhcim alS
gesichert erscheinen zu laffen. Damit sei auch
der weiterc von ihm bezeichnete Zcitpnnkt ge-
kommcn, nm die Verhandlungen mit Preußcn
über den Bau durchs Hohenzollern'sche und
der Bahnen in diesem Landc mit- AnSsicht auf
baldigcn erwünschten Erfolg zu 'Ende zu füh-
rcn. Die drci Länder Würlemberg, Badcn und
Hohenzollcrn haben nnnmchr ein und daffclbc
Jntercsse in Eijenbahnsachen, und eS werden
deßhalb die Untcrhandlnngen nnn von allen
dreien gemeinsam gesührt. Da abcr den obe»
gcnannten Vcrträgen gemäß die Bahn von
Heilbronn nach Zartseld bgld zu bauen sei,
so wünsche er die Berathung dieser Verträge,
um sofort, ohne erst die Verabschiedung dcs
EisenbahngesctzcS abzuwartcn, mit dcm Bau
beginnen, kcinc Bauzeit nnnütz verstreichcn las-
sen zu müffeN und die brachliegcnden Baukräfte
sofort wenigstenS theilwcise verwendcn zu kön-
loading ...