Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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französisch-n Truppen cin Aufst-nd zu Gnnsten
dcr itnlienischcn Frciheit in R°m ausbricht.
Dies edcn ist gerade die Hanptsache!
Die Scptcmberconvcntidn gibt alio Frankreich,
nach dem Jnhalte der Thronrede, zwar daS
Rccht in Rvm zu intervcnircn, salls cS die
Znterocntion als scin momcntancs Jntcrcsse
ansehcn sollte; aber sie gestattct ihm anch unter
dcm stillschweigenden Vorwande, daß das Volk
von Rom übcr scinc eigene Regierung b-jchlichen
dürsc — die wettlichc Macht dcS PapsteS im
Stiche zu lassen, wenn cs ihm gcsallt.

FHeidelberq, 18. Febr. Die „deutjche Ta-
geSprefle" crschöpst stch noch fortwährend in
Conjccturen über die Einzelnheilen deS in d-r
Herzogthümcrsrage gegenwärtig stattftn-
deudcn diplomatischen VcrlehrS zwischrn deu
beiden dcutschen Großmächtcn. Mitthcilungen
auS Bcrlin zufolgc läge dic niuc prcußische
Depesche, welche dic Forderungcn deS Berliner
KabinetS auf das künstige Vcrhältniß Ler Hcr-
zogthümer zu Preußcn »Lhcr präzisirt, schon
jetzt zur Absendung nach Wicn bcrcit, und
würdc iu den nächstcn Tageu dort cintrefsen.
Das Wicner Kabinct joll jcinerjcits sein wei-
t-res Vorgchcn nach der Beschaffcnhcit dcr zu
gcwärtigenden prcußischcn Erössunngcn einrich-
ten wollcn. Solltcn die Fordcrungcn PreußenS
maßvoll genug scin, so dürstc man in Wicn
nicht um jedcn Preis aus der absoluteu Nothwen-
digkeit einer vorauSgehcndcn provisorischcn Lö-
sung dcr Souvcränitätsfrage bestehen. Jm um-
gckchrten Fallc dagcgen würde daS Wiener Ca-
binet wie man vcrnimmt, an dicjer Forderung
nach wie «or -nergisch festhaltcn.

--- Heidelberg, 19. Febr. Dic Cajino-
Agitatiou hat nnn den obersten Gipfel ihrer
schwindliclien Höhc crrcicht. Das Maß der
Bcrunglimpsungen und Schmihungcn, die gc-
gen das Gcsetz und gcgcn die allzu langmüthige
und geduldigc Regierung g-schleudcrt wurden,
ist crschöpst und eS läßt sich kaum uoch ^twaS
hinzujügen, was nicht dem uncrbittlichcn L-traf-
gcjetzc versallcn müßte. Vou jetzt an sällt aber
das bcijpicllos freche Treiben unier ciucn au-
deren, wcit ernsteren GcsiebtSpunkt. D-r Groß-
hcrzog sclbst hat nun g-sprochen; er hat nicht
nur dieses, dic gesetzliche Repräjentalivii um-
gehende, Agitircn gegen ein bestehcndcS Gesctz
als versassungSwidrig bczcichuct, sondcru auch
die Meinung cnlschic'dcii zurückgcwicjen, alS
könnc oder werdc Er sich je entjchließen, cin
solchcS Gcsctz einscitig, wenn auch nur provi-
sorisch, aufzuheben Der Minister des Jniicrn
ist angewiesen, die Pelenten hiernach zurccht-
zuweisen. Den Adreffcn ist nun ihre Spitze
abgcbrochen und den Deputativncn dcr Weg
'verjpcrrt. Jede wciter sortgcjctzte Agitation cr-
scheint fortan als gegcn den Landcsfürstcu jclbst
und gegc» di- in ihm rcpräjcntirte StaatS-
ordnung gcrichtet; sie trägt den Stcmpel des
Hochverrathcs an sich. Aber auch das, was be-
reits g-schch-n ist, wird nachträglich zur Rechcn-
schast gezogen werden; denn bezüglich derjeni-
gen Eingabcn, welche nach Form und Znhalt
dic dem LandeSherru und der Regicruug jchul-
digen Rücksichten außer Acht gelassen haben,
sicht der Großherzog einem besonderen Vor-

alten Jberer, ist ein Brucksti'ick davon erbalten.
Aber auch fern in der ostlichen Wclt, in Hinbostan,
in Dckan, ui China rbenso gut wie in den Wobn-

treffen wir Spurcn solcher rassenfremder Ur-
bevölkerug, zahlreiche Zeugniffe für einstige
Raffen-Vermengungen und -Verschiebungen an.
(Fortsetzung folgt.)

Ein Hannake als Wiener Venlleman.

Aus Proßnitz in Mähren wird der,)Br. Ztg."
folgendes lustige, aber etwas unwahrscheinlich klin-
gende Geschichtchen erzahlt: Ein lediger Burschc aus
Otaslamic in Mahren^, der fich n^t ^m Anfertigen

Großartiges crfahren. Mit einer Kutte, angefüllt
mit seinen Erzeugnissen, schlenderte er vor beiläufig
dkei Wochen nach Wien und dnrchwanderte stannen-

trage von Seite deS Vertreters des Mimsteri-
ums des Jnnern entgegen. Wir sind begierig,
was untcr solchen Auspicicn aus dem zu Mann-
heim abzuhaltcndcn Casino werden wird, wel-
cheS nun auf Donnerstag den 23. d. M. Nach-
mittags halb 2 Uhr öffentlich angekündigt ist
und im Aula-Saale statlfinden soll. Eingela-
den sind „die kirchlich gesinnten katholischen
Männer der Stadt und Umgegend." Ohne
Zweifel wird auch Jhr Lindau, der Unvermeid-
liche, nicht feh.len; und die Mannheimer sind
voller Erwartung, diese hervorragende Persön-
lichkeit, die so lange unbekannt in ihrer Nähe
wohnte, von Angesicht zu Angesicht zu schauen.
Wir sind aber noch immer, und zwar jetzt auf
neue Gründe gestützt, der Meinung, daß ihnen
ihre Freude verdorben, d. h. daß das Casino
zu Wasser werden wird.

Aus Baden, 16. Febr. Die klerikale Par-
tei ereifert sich schr über den aufgestcllten Satz,
daß ihr Wunsch, eS möge ein provisorisches
Gesetz wegender L>chulfrage erlaffen werden,
verfafsungsmäßig unerfüllbar sei. Gleichwohl
ist diese Behauptung notorisch richtig. Ver-
fassungsmäßig zu Stande gekommene, vom
Landesherrn jailktionirte und öffentlich verkün-
digle Gesetze können natürlich nicht beliebig
außer Wirksamkeir gesetzt werden; das ganze
Jnstitut der provisorischen Gesctze enthält über-
dieß eine Ausnahmsbestimmung einzig und al-
lein für solche Fälle, in welchen eine gesetzliche
Vorsolge „durch das Dtaatswohl dringend ge-
boten ist," eine Vorsorge überdieß, deren „vor-
übergehender Zweck durch jede Verzögerung
vereitelt würde." (§. 66 der Verfassung). Alle
ordnungsmäßig durch Gesetz geregelten Ver-
hällnisse eutzieheu sich daher regclmäßig der
Umgestaltung durch provisorisches Gesetz. Bei
der L>chulfrage gar liegt die Sache geradezu
gegen ein solches. Denn hier haben die Stände
erklärt, das Staatswohl gebiete die jetzt gel-
tende Neuorduung dcr Schulaufsicht und von
einem „vorübergehenden Zweck" kann gar nicht
die Nede sein, Lenn die INerikalen verlangen ja
eine „bleibende" Aendcrung. Daß die ultra-
monlane Partei den'Satz aufstellt, die Aen-
derung deS Gejetzes sei durch das Staatswohl
geboten, daö giebt natünlich nicht den Aus-
schlag, denn nicht sie hat in letzter Znstanz
über Wohl und Wehe des Staates zu entschei-
den, und daß sie eine Aenderung dringend
„wünscht", das beweist noch langc nicht, daß
diese Aenderung auch dringend „geboten" ist.
Vorübcrgehend ist der Zweck der Agitation
allerdings, aber nur in dem ironischen ^inn,
daß wenn es ihr nicht bald gelingt, ein großes
Resultat zil erzielen, die L-ache reltungslos im
Sand verläuft. Daö fühlen die Männer, die
an der Spitze stehen, schon heute sehr gut, und
sie glauben nicht an die Möglichkeil eines wirk-
lichen Sieges. (S. M.)

Frankfurt, 17. Febr. Die geschäftsleitende
Commission des Sechsunddreißiger-Ausschusses
hat zur Unterstützung der in Folge der Kriegs-
ereignisse noch in großer Noth befindlichen Be-
wohner der Stadt Sonderburg und Umgcbung
(deren Habe größtentheils verbrannte) n^rer-
dings 28,000 fl. bewilligt, womit die Gesammt-

glkich übernahmen zwei Llvreebevienten ven neuen
^ Glücklichen, schten ihn in ein mittlerweile berei-
j tetes Bad, wuschen, rieben, schoren und striegelten
ihren zukünftigen Gebieter, kleideten ihn sodänn
in die frinsten Linnen und in Salonkleider, drück-
ten ihm den unvermeidlichen Cylinder auf sein
i edlcs Haupt-, und, nachdem noch die Havanna ihm
! nngrzü)tdet ward, stand dcr Gentleman str und
fertig da. Noch fehlten aber die nöthigen Znthaten
! von Nhr, Ketten und Ringen. Alsbald stieg man j
i in eine Caroffe und fuhr durch die Stadt. Vor l
- einem der schönsten Zuwelenladen wurde gehalten;

ausgabe des Ausschusses auf die volle Summe
vou 100,000 fl. gebracht ist. Gleichzeitig
werden aber auch die Schleswig-Holstein-Ver-
eine zu weiterer Einsendung von Gaben auf-
gefordert.

Sruttgart, 16. Febr. Jn der heutigen
Sitzung vcrlangte Hölder von unserer Negie-
rung die Ancrkennung des Königrcichs Jtalien,
denn Würtemberg werde die vollendete That-
sache nicht länger ignoriren-wollen, nachdem
die Mehrzahl dcr Großmächte dieselbe anerkannt
habe. Der Minister des Aeußeren, .Frhr. von
Varnbüler, erhob sich und antwortete:

Jch erkläre, daß lch in dieser Frage auf einem Stand-

München, 16. Febr. Wegen der Schlie-
ßung des 'katholischen Seminars zu Speyer
haben die bayrischen Bischöfe sich in einer ver-
öffentlichten Erklärung direkt an den König
gewendet und bitten denselben, indem sie feier-
lich - Verwahrung gegen die vom StaatSmini-
sterium geltend gemachten Grundsätze einle-
gen, es wollc das, „weder staatSrechtlich noch
kirchenrechtlich zu begründende Vcrbot" der
Anstalt zurückgeuommen wcrden; eventuell solle
„die unvcrweilte Austragung der streitigen
Frage durch Vereinbarung mit dem hciligen
Stuhl" stattfinden. Zugleich ist in der betref-
feuden Erklärnng bemerkt, daß die Bischöfe
selbst, „bereits den Papst um Verhaltungsmaß-
regeln in dicser ernften Lage" gebeten hätten.

Berlin, 18. Febr. Heute fand im Abge-
ordnetenhaus die Debattc nber den Gesctzent-
wurf bezüglich Errichtung von Banksilialen im
außerpreußischen Deutschland statt. Dcr Refercnt
Reichenheim empfiehlt Anuahme des Entwurfs;
Hennig und Michaelis bekämpfen denselben;
der Handelsminister hält ihn aufrecht. Schließ'-
lich wird Graf Schwerins Antrag auf Ueber-
weisung an die durch 7 Mitglieder verstärkte
Handels- und Gewerbckommission mit großer
Majorität angenommen. — Der englische Kon-
sul in Hambnrg war hier anwesend, wie es
heißt, wegen Abschluß eines Handelsvertrages
zwischen Preußen und England — Der Kö-
nig ist lcicht katarrhalisch afficirt und hütet
das Zimmcr.

Berlin, 18. Febr. Die Bank hat ihren
Disconto für Wechsel aus 4 und für Lombard-
geschäfte auf 4Vz Proz. herabgesetzt.

Wien, 18. Febr. Jn der heutigen Sitzung
dcs UnterhauseS erklärte Graf von Mensdorff,
in Betreff der Mühlfeld'schen Znterpellation
wegen der noch schwebenden Verhandlungen mit
Preußen, sei er nicht in der Lage, eine ent-
scheidende Anskunft zu geben. Eine verfassungs-
mäßige Verpflichtung zur Vorlage deS mit
Däncmark abgeschloffenen Friedensvertr ages ver-

dem für ihren Zukünftigen unverständlichen Auf-
trag, „die Rechnung einstweilen zu begleichen",
entrcrnte> sidoch versprach,^hn sog^leichb>vicder ab-

welenhändlerS wurde, weil rS eben nicht verstan^en
worden, nur ein verächtliches StiUschweigen ent-
gegengesetzt, wodurch dieser bald einsah, daß er
ein Opfer des schlauesten Bctruges geworden. Und
so war es auch. Unser Galan gerieth nun in die
Hände der Polizei. Drei Wochrn mußte er an den
verschiedensten Aufbewahrungsorten der Gerecktig-
keit Betrachtungen über die Herrlichkeiten der Re-
sidcnz ansteUen^ ^von ber Polizei fast^in der ganzen

seiner^Waare, oder wie die bösen Nachbarn mei-
nen, scines unerhörten Feenglückes, unter polizei-
! licher Asfistenz wieder heim.
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