Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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scheknlich, datz die südstaatiichen FriedenSboten
sich bald mit neuen Vollmachten auf den Weg
machcn wcrden. Die Unterhandlungen haben
einmal begonncn; sie werden fortgeführt wer«
den. dcnn die Consöderirten können nicht weiter
kämpfen, ihre Kraste sind allmälig erschöpft,
sie müssen Frieden schließen.

Z Bremen, 16. Febr. Die Borbereiwngen
zu dem zweiten deutschen Bundesschietzen, wel»
chcs im kommcnden Juni in unjcrer Staot ge-
feiert werden wird. werden geräuschloS, aber
mit allem Eifer betricben, und eS kann als
gewiß bctrachtet werden, datz den aus der
Fremde eintreffenden Schützen hiersclbst ein
eben so herzlicher und gastfreier Empfang be-
reitet werden wird, wie dieS in Franfurt der
Fall war. Die Bedenken, welche von mehreren
Seiten erhoben wurden, ob eS angemessen sei,
bei der gcgewärtigen pölitischen Lage Feste die-
ser Art zu feicrn,.sind auch hier aufgeworfen
worden, und bestehen bci cinzelncn fort; doch
hat sich im Allgcmeincn die Ansicht befestigt,
daß wenn von dem AuSgange früherer Tchützcn-,
Turn- und SLngerfeste Viele sich nicht befrie-
digt gefundcn habcn. dcr Grunv für diesc Er-
scheinung nur darin zu suchen ist, datz sie zu
hohe Ansprüche erhoben haben. Dcr hauptsäch-
lichc Gewinn auS allen solchen Festen besteht
allerdings nur in der Möglichkeit cincs per-
sönlichen Gedankenaustausches zwischen Tau-
senden von Mänuern, die sonst nie in Berüh-
ruug mit einandcr trcten würdcn, und in dcr
Stärkung des BewußtseinS von der Zusam-
mengehörigkeit allcr deutschen Stämme. Bei
dcm in Bremcn vorherrschenden nüchternen
und praklischcn Sinne ist hier nur eine sehr
geringc Gcfahr vorhanden, in überschwängli-
chem Gcfühle die Wirkung dcö FesteS zu über-
schätzen. Allein man sieht auch ein, daß poli-
tische Erfolge sich dadurch nicht erreichen las-
sen, daß man im Volke eine verbitlcrtc und
allcn Festfreuden abgcncigtc Stimmung nährt.

DaS Comite, daS sich den Vorbcreitungen
zum Feste unterzogen hat. und welchem gegen
200 Personcn angehören mögen, hat sich nach
dem Vorgange dcs Frankfurter Comite'S in
zehn Special-Comite'S getheilt.

Dem Borwurfe, wclcher daS Comite von
Einer Scite her gclroffcn. daß eS an die Zu-
gendwehren kcinen Aufruf zur Theilnahme er-
lasscn, ist durch einen Hinwciö auf die Ver-
einsgesetze der meistcn deutschen Staaten zu
begegncn.

Berlin, 15. Febr. Jn der heutigen Siz-
zung des Hauscs der Abgeordncten wurden die
Verhandlungcn über die Frage dcs Koalitions-
rechtes der Arbcitcr fortgesctzt. v. d. Hcydt
sprach sich gegen dic gestellten Anträge und für
die Ausrechthaltung der dem Koalitionsrechte
entgegenstehenden Bestimmungen der Gewerbe-
ordnung von 1845 aus. Das Bedürfniß einer
Bejeitigung der betr. Schrankcn sei nicht nach-
gewiesen, von keiner Scite; die gegcnwärtige
Bewcgung sei eine in den Arbeiterstand künst-
lich hincingetragene. Dieselbcn Arbeiter, die
jetzt das Koalitionsrccht forderten, HLtten 1848
Schutz der Gewerbe verlangt. Jm Jahre 1848

niß deS Ackerbaurs, der Anfänge deS staatlichen
und gesrllschaftlichen Lebens, dkö Gebrauchs der
Metalle, des Mahlens dcr Ackersrucht, der Weberei.

(Schluß solgt.)

(Gigenthümlicher B e ttel b r i ef.) Der
„Messager du Midi" erzählt, daß der Baron von
R.othschild dle großartigste Billetbrief-Sammlung
besäße, die je cin Finanzmann erhalten habe. Jn
neuester Zrit ist ihm ein Brief zugekommen, den
reizenden Vorschlag enthaltend, daß der Schreiber
für die Klcinigkeit von 50,000 Fr. dem Baron
zeigen würde, wie dikser das Älter vvn 150 Iahren
rrrrichrn könne. Des Barons Antwort sagt hierauf:
— Mcin Herr, oftmals ist es mir vorgekommen,
daß ich mit dem Tode bedroht wurde, wenn ich
nicht eine Summe Geldes hergebe. Six find für-
wahr dcr Erfte, welcher Geid von mir verlangt,
um mcin Lrdcn zu verlängern. Jhr Vorschlag ist
ohne Zwkifrl bci Weitem besser und menscklicher.
Abcr meine Rrligion lehrt mich, daß wir Alle

miL dem kwigen Bcschluß zn entz'eben Mclne
Wcigrrung indeffen soll in keiner Weife Ihre Ent-

HLttcn sich alle politischen Partcien mit dem
Wohle der Arbeiter beschäftigt und die letzt^ren
irre gesührl; gerade so sei es auch jetzt wieder.
Unserc Gesetzgebung gewähre bem Arbeiter ge-
nügcnden Schutz; glaube der Arbeiker, in an-
derer Weise besser fortkommen zu können, so
könne er daS ihn etwa bindende Vertragsver-
haltniß ja lösen. Man solle an die Ereignisse
von 1848 denken; sei eine Bewegung einmal
im Rollen, so könne man sie nicht mehr nach
Belieben hemmen. Wenn man aber gleichwohl
das Koalitionsrccht einsühren wolle, so sehe er
nicht ein, warum man dassclbe Recht denn nicht
auch dcn ländlichen Arbeitern gewähren wollte,
und er werde in diesem Falle für das Amende-
ment des Abg. Becker stimmcn. (Sensation
links.) Schließlich warnte Redner nochmals
vor dem gestellten Antrag, indem er auf den
großen Schaden hinwies, der aus dem Koali-
tionsrechte seiner Ueberzeugung nach für dic
Arbeitgeber, wie nicht wcniger für die Arbeiter
selbft entstehen müsse. Schulze-Delitzsch
tritt zunächft dem Vorredner entacgen. Das
Bedürfniß sei allerdings nachgewicsen, es liege
vor Allem in der bcrechtigten. Forderung dcr
Rechtsgleichheit. Was die Ereignissc von 1848
betrefse, so müsse man in ruhigen Zeiten eben
dafür sorgen, daß solche Erscheinungen nicht
mehr wiederkehrten. Die übcrgroße Anerken-
nung, die ihm von der linkcn Seite des Hauses
geworden, lehne er ab; wenn aber Wagencr
meine, seine Redc entbehre diesmal des Schwun-
gcs, so müsse er ihm bemerken, daß cr da, wo
so laut die Thatsachen sprächcn, keincs Schwun-
ges bedürfe. Wagener wcise auch anf die Hin-
termänner der Linkcn hin; ohne Zwcifel aber
sei die Organisation der conservativcn Partei
eine besserc; sie habe z. B. eine Presse organi-
sirt, deren Lüge und Schmutz (O? O! bei den
Conscrvatlven; Ja! Ja! aus der Linken) Keiner
aufhcben könne; mit einer solchen Organisation
der Verläumdung sei selbstredcnd gar nicht zu
wetteiscrn. (Murren rechtS, Beifall links.)
Zur Sache setbst wicder zurückkehrend, hemerkte
Nedncr, wie daö Associatiouöwcsen eine Machl
geworden sci, die man nicht mehr auS der Welt
schaffen könne; der deutsche Geist zeige hier der
Welt, daß cr auch praktisch sein könne. Die
Förderuttg des Associationswesens sci eine Pflicht
des Christenlhums; nichl könnc es sich da blos
um Kirchcnherrschaft und Pricsterthum handeln,
sondern cs komme auch darauf an, in praklisch-
intellectucller Bcziehung vorzuschreitcn. Das
hättcn z. B. auch die Pricstcr in Belgien sehr
wohl begriffen, die nach Deutschland gekommen
scien, um sich von unsercm Asiociationsweien
zu untcrrichten. Gerade derjenige, der das
Christcnthum begreife, müsse sich mit der so-
cialen Fragc beschästigen. Zur conservatiSen
Partei zurückkehrend, bemerkt Redner, wie eS
diese Herren mit dem Koalitionsrechte, so viel
sie auch von demselben sprächen , nicht ernst
meinten. Sie sprächen vom KoalitionSrecht,
wollten dasselbe jedoch nicht für sich allein, son-
dern nur in Vcrbindung mit gewiffen anderen
Dingen, nämlich mit künstlichen Staatsunter-
stützungen, mit dem Wagener'schen Fabrikin-

deckung antasten, denn Sie werden, so hoffc ich,

Ihnen aufrichtig Glück zu ben 150 Iabren, welche
Sie berufen find, in dieser Wclt noch zu leben.
Genehmigen Sie rc. I. de Rothschild.

* Bei der Belagcrung von Neuenburg stand ein
Preußc und ein Schweizer (Züribieter) einander
nahe auf dem Vorposten. Der Preuße schwatzte
lange und viel; der Schweizer schwieg. Endlich
sragte der Preuße dcn Letztcren: Was sagst du
! dazu? Dcr Schweizer erwiderte: „Halt's Muul,
i Chaib, i vcrstand di doch nit."

! Londoncr Sortimrnts-Buchhandlungen bei der Ver-
! lagSfirma Eaffcl und Comp. bereits nahe an 4000
Eremplare auf feste Rcchnung bestellt.

Literarifches.

Untcr dcn illustrirten Zeitschriften zeichnet stch !
vor AUen die in Stuttgart bci KraiS u. Hoff-

spector, also nur unter Bedingungen wolle, die
dem Arbeiter daS KoalitionSrecht wieder nutz-
los machen würden. (Sehr gut! linkS.) Die-
selbcn Leute. die 1854 den landlichen Arbeitern
das Koalikionsrecht genommen haben, sollten
doch 1864 nicht für daS Koalitionsrecht auf-
tretcn wollen. Nicht handle es sich hier um
cine Parteifrage; Zeder, er möge in diesem
Hause sitzen, wo er wolle, oder im Lande einen
noch so stillen Wirkungskreis haben, möge an
der Lösung dieser Frage mithelfen; so viel sei
aber gewiß, daß es cine Frage deS Fortschritts
sei, und daß es der Partei dcs Abg. Wagener
nicht gclingen werde, die Entwicklung des mcnsch-
lichen Geistcs rücklaufig zu machen. Dieselbe
Partei habe auch die Erfüllung der Verheißun-
gen von 1815 verhindert, da sei aber das Zahr
1848 gekommen. Jetzt drohten die Herren mit
den Arbeiterbataillonen; mögen diese Herrxn
sich indessen wohl vorschen. Die sociale Frage
gleiche der Sphinx deS Alterthums, vaS Räthsel
müsse gelöst werden. Die thierischcn Leiden-
schaften herauszufordern, sei leicht, aber auch
höchst gesährlich, man könnte am Ende selbst
von den Krallen des Thicrs zerrissen werden!
(Bravo!) (Schluß folgt.)

Berlin, 18. Febr. Ein Handschrciben des
PapsleS an den König Wilh^lm dankt dem
Letztern sür die erfolgreiche Vermittlung der
Jntereffen deS heiligen Stuhles beim franzö-
stschen Hofc. König Leopold von Belgien hat
den am hiesigen Hofe angesagten Besuch^ ver-
schoben. — Nach Warschauer Berichtcn ver-
suchten polnische Adelige eine Verständigung
mit der ruffischen Adelsversammlung in Mos-
kau; die Znitiative zu dein bekannten Verlan-
gen ver letztern nach einer Conftitution wird
auf diese polnische Anregung zurückgcführt.

Berlin. 19. Febr. Der „Voss. Ztg." steht
ein Proceß bevor, weil sie einen Ausspruch des
Abg. v. Hennig während dcr 'Debatten nber
daS KoalitionSrecht in einem ihrer Artikel wie-
derholt hat. Jn Königsberg ist die Konsiska-
tion der dortigen Zeitung wegen einer Depe-
sche, die Aeußerungen deS Abg. Twesten ent-
hielt, ausrecht erhalten worden. Man wird,
meint die „N. Fr. Z." also das interessante
Schauspiel erleben, daß Acußerungen, die im
Abgeordnetenhause straflos geschehcn dürfen,
vor dic Schranken der Gerichte gczogen und
voranssichtlich zum Gegenstande von Vernrthei-
lungen gemacht werden.

Die Preßdeputation dcs Berliner Kriminal-
gerichtes verurtheilte den Redaktenr d. Deutschen
Gemeindezeitung, Dr. Stolp, wegen Schmahung
von Staatseinrichtungen und Belcidigung deS
Ministcrs dcS Jnnern zu 20 Thlrn. Geldbuße.

F r a n k r e i ch

Perris, 17. Febr. Fürst Chigi, der hiesige
päpstliche Nuntius, wird PariS verlassen. Ueber
dessen Nachfolger vernimmt man aber noch
nichts. — Vom Erzbischofe von Paris soll
morgen ein Hirtenbries über die Enciclica er-
scheincn. Nach der Patrie wird cr sich mit
großer Unabhängigkeit. aussprechen. Msgr.

mann seit Iahren erscheinende „Frcya" auf daS

keine Anstrengungen gcscheut, die brdeutendsten
Schriftsteller und Künstler für das Unternehmen
zu gewinuen, von denen wir u. A. nur K. Andree,

gesammelt und zn einem schönen Ganzen zusam-
mengefügt worden. Die Kunstbeigaben in Holz-
schnitten, Stahl- und Kupferstich sind ebenfalls
der Art, daß sie mit dem Eharakter des Tertcs
barmoniren und einem befferen als dem landläu-
sigen IlliistrationSgcschmacke gcnügen. Die Re-
daction verspricht den begonncnen Iahrgang mit
crneuten Kräften und crweitertem Aufwande aus-
'zuführen. Das gebildete Publikum sei daher auf
dre vorgenannte Zeitschrift „Freya" — Illustrirte

! Blätter für die gebildcte Welt — mit Ueberzeugung

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