Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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sieht er sich jetzt brtter getäuscht. Waruin hal
Herr Lindau in der berüchtigten Würzburger
Versammlung im September v. I. dem Groß-
herzog Friedrich kein Lebehoch gebrachl? Hörte
er dort nicht ruhig und mil wohlgcMigem
LLchetn die Schmähungen mit an, womil Emil
Brummel und andere Brummler die badische
Negierung übcrhäuften? Er wird sich detzhalb
nicht wundern, wenn man in Carlsruhe auf
sein heuchlerisches breisgau'icheS Vivat keiu ab-
sonderliches Gewicht legt. Nächsten Donners-
tag soll deS Landes erste Stadt, das aufgeklärte
Mannheim, mit dem Blcndewerk und Gaukel-
spiel eines wandernden Casino's beglückt wer-
den. Die Schwarzen und Dunkelmänner
werden aber dort empfangen we>den, wie sie
es verdienen. Die maskirte Straßenjugend wird
sie mit Klappern, Pfeifen und Kindertrommeln
am Bahnhof erwarten nm mit caruevaliftischen
Vivats und Hosianna's durch die Straßcn der
Stadt gcleiten. Man wird auch nicht ermangeln,
den Zöglinger Loyola's und guten Freunden
der Mucker schöltgezierte Schelleukappen anzu-
bieten. Herr Lindau uud sein Anhang dürfen
sich freuen auf eincn solchen Empfang.

Aus ?Bnden, 16. Febr. wird der National-
zeitung geschrieben: Der Artikel „Wanderndes
Kasino" fnllt gegenwärtig die Spalten unserer
Blätter. LLßt sich auch zunächst politisch und
rechtlich nicht absehen, welche praktischen Er-
folge durch diese kunstvoll hervorgerufene Agi-
talion erzielt werden sollen, so bleibt doch die
Thatsache bestehen, daß durch Bearbeitung L>ei-
tens der Geistlichen und eines ultramoutanen
Hauptblattes einige tausend, vorzugsweise der
unterstcn Bildungsklasse angehörigen Menschen
verleitet wurden / sich an verschiedeneu Orten
des Landes gegen ein bestehendes L»taatSgesetz
und fnr dessen Aufhebung auSsprechen. Der
Nuf: „Die Religion ist in Gefahr" hat also
in dicsenl Sinne eine gewisse Wirkung nicht
verfehlt und es hat sich gezcigt, daß die Kurie
durch das Sprachrohr der Geistlichcn aus der !
mangelhaften Bildung sich noch Werkzeuge
schmieven kann. Natürlich stimmen die Blätter
der Partei darob großes Hallelujah an. Auf
die Bevölkerung, namentlich auf die Gebildcten
wirkt aber die Erscheinung gerade nach der
entgegengesetzten Seite hin Sie zeigt uns mit
erschreckender Deutlichkeit den Abgrund, au den
uns der Ultramontanismus führt, weun er je«
mals wieder zur Herrschafl gelangen könnte.
Jm Kasino zu Freiburg wurde das Wort ge-
sprochen, jcder Katholik müsse sich rückhaltslos
und ausschließlich dem Gebot der Kirchc un-
terwerfen. Hiermit ist Alles gesagt, denn hier
beginnt der ausgesprochene Gegensatz gegen die
Grundgesetze nicht allein der modernen Gesit.
tung, sondern aller deutschen, ja europäischen
Verfassungen. Andersdenkende werden zu ven
Kasino's nicht mehr zugelassen, und so bewcgt
sich die nltramontane Bewegung in dcr Runde,
bis sie sich ausgelebt hat oder bis sie mit
den Strafgesetzen in unmittelbaren Widersprnch
tritt.

Berlin, 15. Febr. Abgeordnetenhaus.
(Schluß.) Ziegert: Die Partei des Abg.
Wagener habe einen großen Anlauf genommen

Die Sage, welche alle Völker als Glteder einer
Familie schildert, gibt nur dem Bewußtsein AuS-
druck, daß die That, durch welche die Mknschheit
zur Menschheit wird, kaum anderS als durch einen

voranging, unb will vielleicht nur auf die durch
spatere Geschlechter zu «rfüllende Mission hinwrisen,
wie durch vie Sage von dem verschwundenen gol-

Zukunft durchklingt. (Beifall.)

, * Vortesungen in franzöfischer Sprache.

Die hiefige Damenwelt wird sicherlich mit Freude
erfahren, baß der in verschiedenen Hauptstädten
Deutschlands wegen seiner eben sv ansprechenden
als gehaltvollen Vorträge über franzöfische Lite-
ratur vortheilhaft bekannte Rhetor und Litrrat
LouiS le Vin auch in unferer Stadt einige
Vorträge tn französischer Sprache über modernr
französische Schriftstellerinnen zu halten gedenkt.
Und zwar wird derselbe zunächst Samstag, den
4. März, Abends 7 Uhr, im Saale des Museums
über das Leben und die Werke der Frau Gräfin

mit Petitionen, Agitationen, sic habe die Arbei-
ter in Bewegung gesetzt u. s. w. Und was sei
nun von dem allem übrig geblicben? Wortc,
nichts als Worte. Die Partei befinde sich auf
vollem Rückzugc, und die Regierung habe ge-
wiß allen Grund auSzurufen: Gott beschütze
unS vor solchen Freunden! Man pflege im
Lande die Partei des Abg. Wagencr als eine
Agentur der StaatSregierung zu betrachten;
das sei fchlimm; die Arbeiter würven aber je-
denfalls wisscn , woran sie sich zu halten hät-
ten. Der M inisterpräfidcnt: Jn Folge der
gestrigen Ausla.ssung des Abg. Reichenheim
habe er Veranlassung, mitzutheilen, wie e's ge-
kommen, daß die Deputation dcr fchlesischen
Weber eine Andienz bei dem Könige erhalten.
Jm Auftrag von 200 andern Webern seien 3
Weber mit einem Bittgesuch an den König zu
ihm gekommen. Er habe diese Deputation em-
pfangen; bevor er jedoch auf etwas eingegan-
gen, habe er sich an den Landrath deS Kreises
gewandt, der das Zeugniß gegeben habe, daß
die Leute unbescholten seiell, welche Anzeige
derselbe zugleich -auch an den Minister des Jn-
nern gerichtet habe, .welch letzterer dem Land-
rathe darauf gcantwortet, daß ihm die Sache
fremo sei. Die Minister seien, bei aller Kol-
legialität, nicht gewohnt, bei ihnen eingchende
Bittgesuche cinander mitzutheilen. Der Res-
sortminister sei übrigcns eigentlich der Han-
delsministcr. So sei es gekommen, daß cr, der
Ministerpräsident, sich mit der Sache beschäf-
tigt habe. Redner verliest dann die wesent-
lichsten Stellen der von Klagen und Anklagen
überfließenden Petition und fährt dann fort:
Klagen über die eigene Armuth und Noth seien
oft übertrieben, das wisse er, wenn aber von
den Neichen die Klage der armen Leute in die-
sem Hause von der Tribüne herab eine Lüge
genannt werde, so erscheine das doch hart. Er
sehe nicht ein, mit welchem Rechte er den Ar-
beitern die Audienz beim Könige nicht hätte
verschaffen wollen. Seit wann sei unser Kö-
nig nur ein König der Reichen? Friedrich der
Große habe sich einen >oi cie« Aueux, einen
König, den Schutz der Armen gcnannt. Die
Könige von Preußen hätten die Leibeigenschaft
aufgehoben, die Bauern. emanzipirt, vielleicht
sei es möglich, daß sie auch etwas zur Lösung
der socialen Frage beitragen könnten. Könne
man etwa fragcn, wie reich cine^ Deputation
sein müsse, um Gehör beim König zu erlan-
gen? und komme det Fall vor, daß Arbeiter,
'obgleich sie im Uebrigen gut gehaltcn würden,
dennoch mit Klagen kommen, so sei das doch
eine Erscheinung, die alle Aufmerksamkeit ver-
diene. Die Privatwohlthätigkeit des Königs
entziehe sich der Kritik des Hrn. Reichenheim.
Die Zahlen, die Hr. Reichenheim eingeführt,
seien erfuuden und aus der Luft gegriffen.
Dank müsse es aber jedenfalls verdienen, wenn
ein mächtiger Monarch den Versuch mache, wie
Privatassoziationen gedeihen könnten. Re i-
chenheim: Aus der Petition könne man er-
sehen, daß ein solches Schriftstück nicht von
Arbeitern verfaßt worden sein könne. Der
Weg zum Throne solle Niemanden verschlossen
sein, er solle Allen offen stehen, auch den Stadt-

i d'Arbouville sprechen, eincr gefeierten Schrift-

amte, entsagen mußte, und auf diese Weise die
Früchte seiner ltterar-historischen Studien nutzbar
zu machen im Stande ist.

Schauspieler wie Schauspielerinnen find ohne AuS-
nahme mtt sehr achtbaren Höckern ausgestattet, und

verordneten. (Bravo!) Den Arbeitcrn solle es
so schlecht gehen — in den letzten 2 Jahrcn
HLtten sie sich 2300 Thlr. rrspart. (Hört! hört!)
Hätte der Ministerpräsident nur bei dem Ober-
präsidenten in Breslau angefragt, dann würde
er die Wahrheit erfahren haben. Er bleibe
dabei, daß die Deputation dem Könige Lügen
vorgetragen habe. Die Privatwohlthätigkeit des
Königs wolle er weder beschränken noch kriti-
siren, aber es müsse dvch einer dagewesen sein,
der dem König jcnen Rath gegebcn, und ge-
gen dicsen Rathgeber sprcche cr. . Die ganze
Deputationsgeschichte sei ein Spiel gewcsen,
wie noch keineö, ein Spiel, welcheS dem Kö-
nigthum von Gottes Gnaden nur zum Nach-
theil gereichen könne. Er sei nicht in der Lage,
von dem, waS er gestern gesagt, auch nur ein
Wort zurückneh-nen zu können. DaS Ressort-
verhältuiß betreffe allerdings auch den Minister
des Jnnern. Der Ministerpräsident: Er
sei nicht in der Lage, über seine Kompetenz
sich RathS bei dem Vorredner zu erholen. Daß
die Petition von jenen Leuten nicht verfaßt sei,
habe er auch gleich erkannt, aber eben deshalb
habe es ihm als geboten erschienen, daß der
König diese Leute auch mündlich höre. Die
Regierung habe die Sache nicht so hingehen
lassen können. Was jenen dem Könige gege-
denen Rath betreffe, so habe er denselben er-
theilt, und es sei nicht der schlechteste, den er
dem Köuige gegeben. — Es wird nunmehr
abgestimmt. Der Schulze-Faucher'sche Antrag
auf Aufhebung der §§. 181 und 182 der Ge-
werbeordnung wird — in Folge eineS Miß-
verständnisses des Hauses bei der Abstimmung
— angenommen, so daß die von dem Hause
beabsichtigte Annahme des erweiterten Kom-
missionsantrags, sowie der lieberalen Amende-
mints nicht mehr erfolgen kann.

Berlin, 18. Febr. Dic deutschen Groß-
mächte haben sich jetzt über die schleswig - hol-
steinische Landesflagge geeinigt. Dieselbe wird
die Farben blau, weiß, roth nnd im blauen
Streifen ein gelbes Feld führen^

Berlin, 20 Febr. Das von Stavenhagen
beabsichtigte Amendemenr zur Militär-Novelle
betrifft ein ContingentSgesetz mit der Bestim-
mung eines MaximalsatzeS der Friedensarmee
von etwa 180,000 Mann, über welche ohne
ein Gcsetz nicht hinausgegangen werden soll.
Sollte das AmendeMent in der Millitär-Com-
mission fallen, so würde es Stavenhagen, wie
man glaubt, im Hause einbringen.

Berlin, 20. Febr. Die „Nordh. Allgem.
Ztg." bemerkt: Nach den Beschlüssen der Com-
missionen und des Abgeordnetenhauses stehe
nicht in AuSsicht, daß die Majorität des letz-
teren nach Mitteln suche, um im Wegc der
Verständigung mit der Rcgicrung aus der von
der VolkSvertretung von 1862 bereiteten Si-
tuation herauszukommen. Der budgetlose Zu-
stand werde daher wahrscheinlich einstweilen
fortdauern. Die Regierung könne' aber der
Opposition gegenüber warten.

Wien. F.-M.-L. Frhr. v. Gablenz ist
zum Commandanten deS fünften Armeecorps
ernannt worden und wird sich in einigen Tagen

^ die Wirkung, welche fie durch diese Zubehör erzie-
di Rimini, eine unwidersteyliche sein.

Der Cafinozierde Iacob Lindau.

Mit Deinem theokratifch-weisen Rath
Beglückst Du gern den großen Haufen,

Du zeigst ihm allezeit den rechten Pfad,

Man muß fich, sagst Du, für die Kirche raufen; *)
Zieh', heil'ger Jacob, nach dem Kirckenstaat!
ES laßt Dich Heidelberg mit Freuden laufen;
Dort kannst Du Wolle dem Pontificat,

Dort kannst Du Dich der Curie verkaufen!

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