Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Utidclbrrgkr Ieitung.

Ueisuerküiiüigungsblatt für den Kreis Heidelbcrg und amtliches Berküiidigungsblatt sür die Autts- Md Anits-
Gerichtsbczirke Heidelberg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargeinünü.



Mittwoch, 1. März


Z»r Schlcswig-Holsteiii'schen
Sache.

Rendsburg, 26. Febr. Die Delegirten-
versammlung der fchlcSwig-holsteinischen Ver-
eine nahm heute dcn Kieler Antrag vom 14.
Febr. an, dahin gehend, daß Artikel t unver-
ändert bleibt, Artikel >t aber lautet: Wir stellen
es daher dem Hcrzoge und der Landesvertre-
tnng anheim, mit Preußen diejenigen StaatS-
oerträge abzuschließen, welche daS Jnteresse
Deutschlands erheischen.

Flensburg, 26. Februar. Der heutigen
Nordd. Ztg " wird als sicher mitgetheilt, man
habe sich in Berlin fast definitiv sür die Kanal-
inie von dem Eckernförder Hafen nach der
Me entschieden.

Wien, 26. Febr. Die „Neue freie Presse"
eldet, daß in der gestern hier angekommenen
epesche Preußens die Fordcrung OesterreichS,
en Herzog von Augustenburg bis zur Lösung
icr Successionsfrage provisorisch mit der Re-
zierung der Herzogthümer zu betrauen, zurück-
ivcist. Preußen läßt die Constitution der Her-
zogthümer von verschiedenen Bedingungen ab-
dangen und verlangt genügenden Ersatz. Eine
bestimmte Entscheidung solle erft dann getroften
werden, wenn man sich über fünf Hauptpunkte,
welchc in der Depesche einzeln aufgeführt sind,
verständigt habe. Diese Punkte, so heißt eS in
bcr Depesche, treten durck Nichts den Jnter-
essen Oesterreichs zu nahe und gereichen denen
Dcutschlands zum Vortheil. (Ind. b.)

Deutschland.

Karlsruhe. 27. Febr. Zur Charakteri-
sirung der versuchtcn Casinoversammlung in
Nannhcim gibt die Karlsr. Ztg. noch folgende
Änhaltspunkte:

Auf die erste Ankündigung des Casino'S in
der unt^rn Pfarrkirche war gesetzlicher Vor-
ichrift gemäß (§ 7 des Vereinsgesetzes) ein be-
zirksamtliches Verbot der Versammlung ersolgt.

erschien hierauf in den Mannheimer Blät-
lern folgende Ankündigung: „Da der Aulasaal
Wückgezogen und die Abhaltung in dcr Kirche
ron großh. Bezirksamt untersagt wurde, auch
nn geeignetes Lokal für eine so große Ver-
ümmlung z. Z. nicht zu haben ist, so unter-
bleibt das auf Donnerstag den 23. d. M. an-
Aesagte „wandernde Casino" dahier."

Allein bei diesem Akte dcr Einsicht und deS
bürgerlichen Gehorsams durfte es nicht bleiben.

Trotzdem bereits amtlich und durch öffentliche
Verkündigung der eigenen Parteigcnossen fest-
gestcllt war, daß das Casino unter diesen Um-
ständen zu einer obdachlosen und darum pein-
lichen öffentlichen Schaustcllung mit Nothwen-
digkeit werden mußte, wurde iu den Blättern
vom 21. d. M. die Abdestellung widcrrufen
und die Versammlung wicderholt auf dic früher
bestimmte Stunde angesagt.

Mit unmittelbarcm Bczug auf dicsc erneute
Ankündigung erließ nunmehr das großh. Be-
zirksamt ein öffentliches Verbot deö Casino's
mit dem Beifügen, daß Untersuchung wegen
dieser gesctzwidrigen Ankündigung bereits ein-
geleitet und daß man die Vcrsammlung nöthi-
genfalls verhindern werde.

Nachdem hierauf cin von den beiden katho-
lischen Pfarrämtern dcr Stadt gemachter Ver-
such, zum Zweck dieser politischen Versammlung
die Kirchengebäudc gleichsam als freies Eigen-
thum der Kirche ohne jede Nücksicht auf beste-
hende gesetzliche Vorschriften anzusprechen, amt-
lich zurückgewiesen «ar, durste man die ganze
Angelegenheit für erledigt halten.

Doch damit war den Leitern des Easino nicht
gedient.

Die wider bcsseres Wissen gctroffene Anord-
nung des Casino's sollte. auch wider besseres
Wissen und komme, was da wolle, durchgesetzt
werden. Jm Aufzug sollten die nach amtlicher
Schätzung auf 12-bis1500 Landleute sich be-
laufenden, von weithev bestellten Casinobesucher
vom Bahnhof in die Stadt und vor die Kirche
geführt, und das Verbot der Behörde verhöhnt
werden. Welchen Zweck dieser Aufzug der er-
regten L-timrnung der Mannheimer Bevölkerung
gegenüber haben sollte. darüber mögen die
schwer getäuschten Landleute sich von dem Ge-
wissen ihrer Führer Aufklärung erbitten. Es
folgten sodann die bereits bekannten Vorfälle,
in welchen die Volksmassen ihre Stellung ge-
genüber einem so verwerflichen Parteigetriebe
iu unzweideutigster Weise an den Tag legtcn.
So beklagenswerth diese von Seiten mancher
Geiftlichen übrigens durch Verhöhnung provo-
zirten Vorfälle immer sein mögen, so offen-
kundig wurden sie von den RLdelsführern durch
Mißachtung der amtlichen Verbote, und in er-
höhtem Maße durch die Mißachtung der öffent-
lichen Meinung der Stadt herbeigeführt.

Was es unter solchen Umständen für eine
Bewandtniß hatte mit dem bekannten Gesuch
um Zulassuug in die obere Pfarrkirche zur Ab-
haltung eines gcmeinsamen GebetS, cin Gesuch,
daö die Leiter der Versammlung an die Be-
hörde zu stellen nicht errötheten, bedarf für
keinen vernünftigen Menschen tziner besondern
Erläuterung.

Welche Achtung vor dem Gebct lag in die-
sem Ansinnen! Muß nicht jedeS religiöse Ge-
sühl über solchen Mißbrauch Dessen, was uns
Allen heilig ist, sich emporen! Gab die Behörde
Lem gestelllen Ansinnen Folge, so lag es nicht
mehr in ihrer Hand, von den geweihten Räu-
men der Kirche die ärgerlichsten Auftritte fern
zu halten, die bei der herrschenden Gereiztheit
nicht hätten ausbleiben können. Auch hier, wie
so oft zuvor, war die Staatsbehörde besser be-
sorgt um das Ansehen und die Weihe dcr Reli-
gionsübung, als jene Männer, die sich für die
begnadeten Ritter der Kirche ausgeben, und
der Würde, wie dem wahren Jnteresse dersel-
ben schon so viel geschadet haben.

Das Ergebniß dieser Vorfälle ist nicht zu
mißdeuten. Eine aus Gründen des öffentlichen
Jnteresses nntersagte und von den verständigen
Gliedern der sog. klerikalen Partei in vollkom-
men richtiger Erkenntniß der örtlichen Verhält-
nisse bereitS abbestellte Casinoversammlung wird
auf höhere Parteiweisung nochmals angeordnet,
um entweder in einer so durchaus freisinnigen
Stadt ein Spiel gespielt zu haben, daS mau
als die Gesinnung der Stadt Mannheim aus-
münzen könns oder um wenigstens bei dem sehr
voraussichtlichen Mißlingen ein Märtyrerthum,
wo möglich innerhalb der Kirche selbst, davonzu-
tragen. Beide Absichten wurden ohne künstliche
Mittel rasch und durchgrcifend vereitelt — der
Triumph durch die Gesinnung der Bevölkerung,
das Märtyrerthum durch die umsichtige und
feste Haltung der Behörde, welche den Män-
nern, die sich gegen das Staatsgebot offenkun-
dig «uflehnten, dadurch vergalt, daß sie ihnen
Schutz und Bedeckung gewährte, dercn diesel-
ben sehr bedürftig wurden.

Karlsruhe, 25. Febr. Eine Correspon-
denz der „A. A. Z.", welche die Verhältnisse in
Baden uud die Stettung, welche das Ministe-
rium dem Lande gegenüber einnehme, in ge-
hässiger Weise geschildert und auf die Mög-
lichkeit einer „Jntcrvention" von AuswärtS
(ganz wie die „Kreuzztg." diese schon längst

Der Schloßdrand in Sraunschweig.

^Ueber den sckon kurz gemcldeten Branb bes
Vkbloffrs in Braunschweig wird drr „Hanno-
"rschen Zcitung" untrr dem 24. von dort geschrie-
Es war gestern Abend um 8 Uhr, als drr
'osball — das rinzige alljährlicb stattfinoende Hof-
ch — seinen Anfang nahm. Etwa um halb 9 Uhr
kgab fich Se. Hoheit auS den Wohngemächern in
kkn Ballsaal, und kurzc Zeit darauf cntstand im
«rbeitSzimmer drS Herzogs der Brand. Eine halbe
«tunde nachher glaubte man deS KeuerS Herr ge-
^orden zu sein, und ein großrr Thril der vor dem
vchloffc versammclten Menge vcrlor fich tn der
"kbrrzeugung, daß es bri einem klrinen Zimmer-
°rande sein Bewenden habrn werde. Jnzwischen
"krbreitetc sich jedoch drr Rauch in den Corridoren
drang bis zum Baüsaale vor, währrnd die
olammr plötzlich aus mehreren Fenstern deS von
Hohett bewohnten rerbten Flügels deS Schlos-
I schlug. Nun erkanntc man den Ernst der Lage.
^rr BaUgästc verließen das Sckloß. Die Lösch-
^annschaft eilte hcrbri, aber noch immer hatte
°ittmand eine Ahnung, wie weit fich das Unglück
'usdehnrn werde. Es fehlte an Waffer; denn der
?"ne Arm der Oker, welcher hinter drm Schloffe
'7 hinzieht, war zugefroren, und im Gebäude
"bst brfand fich keine Wafferleitung. Bald stellten
"ch auch cinzelne Mängel in dcn Löschapparaten

heraus; Schläuche rtffen oder reichten nicht aus,
und in sehr kurzer Zrit zcigte drr ganze rrchte
Klügel ein Meer von Flammrn. Man suchte den
Kortgang zu hemmcn. Das Feuer fand jeboch
scinen Weg durch das Gcbälkc untrr dem Dach
und verbreitcte fich bis zur mittleren Rotunde. An
wenig Zeit stand de^Ballsaal^in Flammen, daS

Quadriga, das Metsterwerk Rietschel'S und nnsereS
Howald, welchc hoch oben auf der Mittc des Schlos-
scS erst seit 0/4 Jahren prangte. Schon sah man

bild züngcln; das schmelzende Kupfer und andere
Metalle gaben blaue, vtolrtte und hellgelbe Flam-
men. Anzwiscken prasselte das Feucr, raffelte das
zusammenstürzende Gebälk und donnerten die großen
Quadern, die von der Glühhitze zersprengt wurden.

— Und jetzt — ein Angstruf ei tfuhr den Zuschauern

— jetzt begann die Quadriga sich langsam zu senken,
man sah fie tiefer und tiefer verfinken, und dann
plötzlich in die Mitte der Rotunde hknabstürzen.
Dies Alles gefchah etwa um 11Vr Uhr. Die ko-
loffalc Gruppe vrrsank majestätisch und allmälig,
bis zuletzt das ganze Dach mit ihr zusammenbrach.
Viel weiter verbreitete fich das Feuer dann nicht

ergriffrnen Theile. Der ltnke Flügel des SckloffeS,
der jedoch nie ganz ausgebaut wurde und zum
großen Thetl im Jnnern aus rohen Mauern be-

steht, ist verschont gebliebrn — wenn man cS so
nennen kann. AlleS, waS von Löschmannschaften

war herbeigeeil?; die WolfcnbutUler kamen ziem-
lich frühzeitig, und gegen 12 Uhr brachte ein
Ertrazug auch von Hannovrr die Turnerfcucrwehr.
Unser MiUtär ist die ^anzc Nacht ohne^Ablösung

und die Fkammen^schlaLrn oft lichterloh aus den
ausgebrannten Fensteröffnungen herauS. Der rechte
Flügel und dcr Mittelbau ist nur noch eine leere
Rutne. Bei der furchtbaren Schnelligkeit, mit der
das Feuer überhand nahm, konnte nicht viel ge-
rettet wrrden. Was von Möbeln, Spiegeln rc. im
>L-chloßhofe steht, waS von Bildrrn und Papieren
in dte näckstgelcgenen Häuser gebracht wurde, ist
nicht von Bebcutung.

Dupin, der berühmte franzöfisLe StaatSmann
und Rechtsbelehrte, liegt eden krank danieder, weiß
sich abcr sein Krankenlager durch heitern Scherz zu
erleichtern. Sein Arzt sagte ihm neulich, daß sein
Hauptübel in dem Druck bestehe, den er empfinde;
gegen diesen müssc man vor allem ankämpfen.
„Thun Sie das", erwiderte Dupin, „ich war ja
immer gegen Druck." Als sein Geistlicher ihn neu-
lich zum Beichten auffordertc, erwiderte er: „Un-
mögliL, mein Arzt hat mir daS vtele Sprechen
verboten."
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