Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Utidtlbtrgrr Irilmig.

Kreisverkündigungsblaü für üen Kreis Hcidclberg und auttlichcs -öerkündigungsblutt für die Ainls^ und Aints-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg unü Wicsloch md den Aintsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Mr. Donnerstag, 2 März


18«S

Auf die „Heidelbergei
Zeitung" kauu man sich
noch für den Monat
Mär; mit 21 Kreuzern abvnniren bei allen
Postanftalten, den Boten und ZeitungSträgern,
sowie der Erpedition (Schiffgasic Nr. 4).

* Politische Unischau.

Der am 27. März zusammentretenden baye-
rischen Kammer wird ein auf vollste Gewerbe-
freiheit basiiler GewerbegesetzeSentwurf »orge-
legt werden.

Einc kürzlich in Nürnberg stattgehabte sehr
zahlreich besuchte Versammlung deS VolkvereinS
faßlc u. A. folgende Resolution: „Die von
der Kirchc unabhängige confesstonSfreie VolkS-
fchule ist ein unabweisbareS Zeitbedürfniß. Der
ReligionSunterricht der Schulxflichtigen wird
dem Ermcffcn der Eltern oder deren sonstigcn
gesetzlichen Vorgesetzten anhcimgestcllt."

Der Hirtcnbricf, welchen der Erzbifchof von
Münche» und Freystng kürzlich erlassen hat,
nimmt für die katholische Kirche auf dem Ge-
biete deS UnterrichtSwesens die Leitung jämmt-
licher BildungSanstalten, von dcr untersten bis
zur oberstcn, in Auspruch.

Der „Börscnztg." zusolge sind die Verhand-
lungeu zwischen der preußischen und der eng-
lischen Regicrung BehufS AbschluffeS eineS
HandclSvertragS zwischen England und dem
Zollverein bereits so weit gediehen, daß der
Abschluß deS BertragS binnen Kurzem be-
vorstehl.

Bei der am 27. Febr. in Berlin stattgehabten
Sitzung der Bevollmächtigten Oestcrreich« und
deS Zollverein« wurden die Verhandlungen
über gegenseitige TarifSconcessioneK beendigt.
Die Paraphirung deS bezüglicheu VertrageS
steht definitiv bcvor.

Der Ocfterrcielüsche Botschafter stellt endlich
da« von dem „Vaterland" anSgestreute Gerücht,
daß die Regierung ein Wahlgcsctz sür Ungarn
zu octroyirc» beabsichtige in Abrede.

Der „Moniteur" stellt auf da« Förmlichste
verschiedene Gerüchte, nach wclchen daS Packet-
boot von Vera-Cruz schlimme Nachrichten auS
Merico gebracht hätte, in Abrede.

Der Minister DänemarkS läugnet, daß feine
Regierung den Sonderbündlern zwei Dampfer
verkanft habe.

-f. An Lie Agentur Ler römlschen Werber, resp. ^
an Las wanLernLe Cafino!

Nach dem Licd: Es kann ja nicht immer so bleiben.

D>r Auslöfnng sehr nahe
Jst der Lafino-Verband.

Vorbei find die Zeitcn dcr Wunder,

Für so einen Wanderoerein;

Ob er auch vicl täuschendc Künste
SchlieHt in die Genosseuschaft ein.

Rur ist man gar höchlich erstaunet
Ob dcn Hcrren der Rractton, —

Daß fie vor den Eisenbahnen
Noch nicht gclaufcn bavon.

Daß fic noch nicht eiligst crrichter
, Urälteste Schneckcnpost,

DieS wärc für Encyclikancr
Die gläubigstc Fastcnkost.

D e u t s ch l a n d.

Karlsruhe, 28. Febr. Die von dem Gemein-
derath und Bürgerausschuß der Residenz an
Se. K. Hoheit dem Großherzog beschlossene
und zur Unterzeichnung aufliegendc Adresse
lautet:

„Durchlauchiigster Großherzog,
Gnädigster Fürst und Herr! ,

Eine bekannte Partei, im Streite über das
Konkordat unterlegen, hat das Gesetz über die
Aufstchtsbehörden in den Volksschulen zum Ge-
genstande ihrer Aufregung gemacht.

Die Bcgrüudung einer frcien und selbststän-
digen Dtclluug der Kirche durch das Gesetz
vom 9. Oklober 1860 genügt ihr nicht; sie
sctzt die Kirche über den Staat. Die Rechte
der Prefse und der Vereinigungen, welche auf-
hören würden, zu cxistiren, so wie jcne Partei
die angestrebte Uebermacht erringen solltc, wer-
den in der übermüthigsten, ja strafwürdigften
Weise mißbraucht, um unter dem heuchlerischen
Wahlspruche: „Die Religion ist in Gefahr"
die Regierung anzugreifen.

Eine Handvoll Wortführer wagt es, Eurer
Kön. Hoheit Staatsminist'erium in hämischer
Form in seiner offiziellen Berichterstattung der
Lügenhaftigkeit zu beschuldigen, wagt es in dic-
sem Vorgehen, 7 Städte des Landes als Unter-
zeichner des verläumderischen Schriftstücks er-
scheinen zu lassen!

Jndem wir uns erlauben, vor den Stufen
des Thrones Euer Kön. Hoheit unseren tief-
sten Unwillen gegen die sich selbst richtende
Agitation zu äußern, spr^chen wir unsere leb-
hafte Ueberzeugung aus, daß wie die Stadt,
so das Land eingedenk ist des Grundsatzes:
Gehorsam dem Gesetze, daß wie die Stadt, so
das Land ihre Anerkcnnung zollen nicht nur
der verbindenden Kraft der beiden aus der
Jnitiative der Regierung und der Zustimmung
der Lakkdesrepräsention hervorgegangenen Ge-
setzc vom 9. Okl. 1860 und 29. Juli 1864,
sondern auch dem Einklange, in wclchem sie
wechselseitig stehen.

Darum ward das fürstliche Wort, das Eure
Kön. Hoheit in diesen Tagen an Höchstihren
Präsidenten deS Ministeriums des Jnnern,
Staatsrath Lamey, richteten, im ganzen Lande
mit Begcisterung vernommen.

Hoch über den Leidenschaften des Tages —
so lautet das erhabenc Wort, steht die Ver-

Jm Gegentheil fahren fie gernc i

Per Dampf trotz dem päpftlichen Thron, ?
Der Encyclika kaum mehr gedenkend,

Und leben ihr selbst nur zum Hohn.

Man fieht, — es kann nicht so kommen,

Wie die Encyclika will; —

Das Rad der Zeit, es wird rollen, - !

Und steht wegen Rom nimmer still. —

Und friedlich leben zusammen
Der Ketzer, der Katholik; —

Und unter FriedriL von Baden

Drum halten fie treultck zusammen '

Und haben einander stets lieb; —

Jndeß die Sach' vom Cafino
Jst plötzltch geworden gar trüb.

Heidelberg, dcn 19. Februar 1865.



Von den verschiedensten Seiten erheben sich Mah- !
nungen und Betrachtungen über den übermäßigen !
Lurus, der jetzt in Paris mit Stoffmangel tn den !
oberen Partieen der feinen Damentoiletten getrie- !
ben wird. Man kann fich ntcht mehr mtt Anstand !

fassung des Landeö, unter dem Schutze des
Herrschers regelt sich der geordnete Gang der
weise und vorsichtig abgestuften Gewalten der
Gesetzgebung und Regierung.

Wahrlich, der Geist, dcr auS diesen Wortcu
uns anweht, ist ber Geist der Gcrechtigkeit,
auf die Gott selber die Staaten gegründet hat,
und auch der Staat, nicht blos die Kirche, ist
Gottes Werk.

Möge dieser Geist des Friedens und der Ge-
rechtigkeit, der Geist des unvcrgeßlichen Karl
Friedrich, auch fernerhin ruhen auf der Regie-
rung Eurer Kön. Hoheit! Hoffen wir, daß
bald die Zeit kommen wird, in welcher älle
unsere Milbürger mit uns die Ueberzeugung
theilen, daß das Heiligthum der Religion und
des religiösen Friedens nirgends sicherer gebor-
gen ist, als unter der Herrschaft eines verfas-
sungslreuen Fürsten.

Gott segne Großherzog Friedrich!

Eurer Königl. Hoheit treugehorsamstc
Gemeinderath: BürgcrauSschuß:

rc. rc.

Dic bürgerlichen und staatsbürgerlichen Ein-
wobner aller Konfessionen.

Dic Adresse zähltc mehrere Tausend Untcr-
schriften. An einem Tage fanden sich gegen
1000 Unterzeichner ein.

Karlsruhe, 28. Febr. (Konferen'z der
Kreis-Schulräthe.) Vor einigen Tagen
waren erstmals die sämmtlichen Kreis-Schul-
räthe deS Landes zu einer mündlichcn Kon-
ferenz in dem Geschäftslokal des großh. Ober-
schulraths versammelt. Sämmtliche — elf —
Kreis-Schulräthe erstatteten aus eigener persön-
licher Erfahrung in ausführlichem Vortrag, dem
der Hr. Präsident des Ministeriums des Jn-
nern anwohnte, sehr erfreuliche Berichte über
die Pflanzung und das rasche Gedeihen der
neuen örtlichen Schulaufsichts-Bchörden. Wohl
dauert in einer Anzahl einzelner, meist kleinstcr
Orte zum großen Schadcn der öffentlichcn
Sitte eine gesetzesfeindliche Agitation gegen das
Schulgcsetz noch fort, und noch immer sind be-
sonders in manchen vom Verkehr abgelegenen
Gemeinden ganz unglaubliche Jrrthümer über
Jnhalt und Folgen des GeseheS verbreitet.
Allein im Ganzen ist die zunehmcnde Beruhi-
gung der Gemüther und das Wachsthum dcr
Einsicht über die große Bedeutung des Ge-
setzeS für die Familien und Gemeinden auch
in den Dörfern unverkennbar. Jn der großen

schließenden Kleide sehen lassen. Das Nrldille ist

ist. Edm. Terier sagt im „Siecle": „WaS noch
heute vom Leibe (coi-ssxe) übrig geblieben ist, ver-
lohnt fich kaum der Rede. Unsere Damen bekleiden
sich jetzt, wie die Frauen der Wilden in den süd-
amerikanischen Wäldern, mit —Halsbändern. Auch
Hr. Venet, im „Monde", sagt: „Wenn fich heute
eine unserer Modeprinzesfinnen im Ballanzug öf-
fentlick zeigte, so würde fie der erste beste Sergeant
de Ville einsperren und das Polizeigericht sie ver-
urtheilen." Bei dem letzten Balle dcS Hrn. Hauß-
mann im Stadthause fuhr eine ältliche Dame vor,
welche ibrc junge Nichte begleitete. Sie trug ein
sehr geschmackvolles grauseidenes Kleid, mit allem
Zubehör von Spitzen, Diamanten rc., allein das
Kleid ging zu weit herauf. Der Huisfier erklärte,
nach einem kurzen, prüfenden Blick, das sei keine
Balltoilette und verweigerte den Eingang. Dte
Dame bittet, reclamirt, berust fich auf ihr Alter
und ihre schwache Gesundheit, und da Nichts hilft,
wird der Hr. Oberbusfier gerufen, der mit großem
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