Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Ausstlllungül keine auSreichende Beranlassmig
gibt — ivird beschlosfen in Anwendung des
§ 82 der Bersaffung und des § ä der Kir-
chenorganisation, betreffcnd das Placet über
kirchliche Erlasse: Es sei das vorgelegte päpstl.
Rundjchreiben nicht, und das bischöfliche Fasten-
mandat nur in der Loraussetzung zu Placeti-
ren, daß alle aus das Rundschreiben bezüg-
lichen Stcllen und Verweisungen bei der Ver-
kkndigung desjelben weggelassen werden."

E „ g l a » d

London, I, März. Ueber die Fordernn-
gen PreußenS an die Herzogthümer äußert sich
der Daily Telegraph nach einigen Spöttereien
über den „Augustenburger" und überdie„un-
glücklichen" Schlcswig-Holsteiner, die sich an-
geblich jetzt sehr stark, aber zu spät, zu Däne-
mark zurücksehuen — in folgcnder Weise: Wie
wir längst vorausgesagt haben, liegt in den
preußischen Bedingungen nicht mehr und nicht
weniger als die thatsächliche Einverleibung de«
»on Dänemark abgctretenen Gebicts in Preußen.
Es ist ossenbar, daß der Staat Fricdrichs des
Großen der Admiralstaat Deutschlands zu wer<
den beabsichtigt. So weit die Sache nun Eug-
land angeht, können wir keinen Grnnd sehen,
da« Arrangement zu mißbilligen. Rie hat sich
im Gehirn deutscher Professoren eine dümmere
Vorstellnng sestgesetzt, als die Jdee, daß Eng-
land die Möglichkeit der Erhebung Preußens
zu eincr Seemacht mit Eisersucht ansehe (I).
Wir dürfen e» noch bezweifeln, ob der Besttz
von einem halben Dutzend im Winter zuge-
srorcner Häscn und das Recht, in dcn Zwil-
lings - Hcrzogthümern Matrvsen auSzuheben,
wirklich auSreichen werden, die deutsche Flottc
der Zulunft, von der so lange geschwatzl wird,
inS Leben zu rusen. Wenn unsere Zweisel
sich als irrig erweisen sollten, würden wir nnS
nnr zu sehr sreuen, da nichts den britischen
Znteressen zuträglicher sein kann, als dic Eri-
stenz ciner baltischcn Seemacht, die der rusji-
schcn als Gcgengewicht dicnte. Bctrachten wir
aber auch die inaritimen Vortheile, welche
Preußen auS dcr Einverleibung zu schöpfen
denkt, mit eiuigcm SkcptizismuS, so zweiseln
wir doch nicht, daß es dadurch einen großen
MachtzuwachS geivinnen wird. Nicht n»r wird
sein Gebiet dadurch kompaktcr und seine Be-
völkerung durch cine tüchtigc, arbeitsaine Million
Menschen verstärkt werden, sondern, waS noch
wichtigcr, es wird einen großen Schritt auf der
Bahn des AnnexirenS, dieser offenbaren Schick-
salsbestimmung dcs hohenzollern'schen König-
reichs, machen. Sowohl daheim wie im AuS-
lanoe würde das Ansehen dcS leitcndcn dcut-
schen Staates durch dic Erwerbung von Schles-
wig und Holstein anjehnlich steigen, und die
Parteigänger teutonischer Einheit in ganz
„Falherland" würden stch um die Macht schaaren,
die allein eine Ansstcht zu haben scheint, ihre
Hoffnungen verwirklichen zu können. Die Stär-
kung Preußens, alS der großcn Schranke gegen
Rußland auf der einen und gegen Frankreich
aus der andern Seite, muß jedem Engländer,
dcr stch nicht dnrch eitle Vorurthcilc vcrblenden
lißt, willkommen sein u. s. w.

Z t a l i e n.

Turin, 28. Febr. Dcr Fasching ist sehr
belebt. Aufgefallen stnd 3 Masken, welche in
einem osjenen Wagen die Straßen durchfuhren
nnd einen Holzschnitt in vielen Exemplaren
auswarfen, der einen Menschen darstellt, wie
er eben daS Fencr an einc Mine legt. Darunter
steht: „Rapoleon iii. Peter Micca, Bürger des
kleinen, am Fuße der Alpen gclegenen Länd-
chcNS." Die Manisestation bezieht sich auf dic
Bcjorgnisse d-r Picmvntesen von cincr Annexion
PicmontS durch Frankreich. Diese Mißtrauischen
sind eS auch, welche die Fortification Tnrins
verlangen. _

Achern, 24. Febr. Der Gemeinderath nnd
Bürgeransschuß von Achern hai an Herrn
Stadtpsarrer Pfeiffer daselbst solgendeS Schrei-
ben erlaffcn: Die höchst bedauerlichen Eindrücke,
dic daS svgenannte wandernde Kasino in unse-
rer Gemeinde hinterlaffen hat und dic Aufre-
gung und Entrüstung einer großen Mehrzahl
der hiestgen Einwohner über die bekannten
Vorgänge vom 15. ds. Mts. legen un« als

Vertretern der Gemcinde die ernste Pflicht anf,
Sie von der hcrrschenden Anstcht darübcr iu
Kenntniß zu setzen und uns offcn nno unum-
wunden unjerm Seelsorger gegenkber auSzu-
jprecheu. Die Agitation dcr Geistlichkeit gcgen
das neue Schulgesetz liegt im Widerstreit mit
unserer innigsten Ucberzengung, da wir in jenem
die Rechte der Kirchc in gleichem Maße, wie
jcne des StaateS gewahrt sehen, und «ir im
richtigen Vcrhältnisse desselben nur Heil und
Segen, nirgends aber eine Gefahr für die ka-
tholische Religion zu erblicken vermözen. Mit
Schmerz nnd Staunen mußten wir sehen, wie
die geheiligten Räume unserer Kirche zum
Sammelplatz einer VolkSversaminlung gemacht
wurden, wic von Demjenigen selbst die Thüren
iu jene geöffnet werden konnten, der zu ihrem
ersten Hüter bestellt ist, ohne auch nur die
Gemeindebehördc, deren Antheil daran man
nicht wird absprcchen können — um ihren
Willen zu befragen. Wir würden aber auch
einem solchen unchristlichen Begehren entschieden
entgegengetreten sein, da wir als gute Katho-
liken nicht dulden könncn, daß unsere Kirche
zu pvlitischen Zwecken mißbraucht werde. Ab-
gesehen davon, daß dics daS Gejetz verbietet,
würde eine solchc Zulassung unserm bestern
Gefühl sür die Heiligkeit deS Ortes völlig
widerstrcbt haben. Dicscs AlleS müsscn Sie
als katholischer Prister mit u»s empfinden,
und so wird dic Schuld, weiin die Kirche
durch die Vorkommnisse vom 15. d. M. cnt-
heiligt wurde, nur auf Denjenigen zurückfallen,
der ste zum Tummelplatz politischer Agitativn
gemacht hat, dic einem großen Theil der An-
wcsenden durch die Art und Weise des Aus-
tretens ihrer Lenkcr zum höchsten Unwillcn
gesteigert und zu MißfallenSbezeugungen ver-
anlaßt haben, wclchen spiter cin alle Schick-
lichkeit und daS Ehrgefühl der Theilnehmer
verletzender Tadel von geweihter Stätte wider-
fahrcn ist, wcßhald wir unS noch oie geeigne-
ten Schritte vorbehalten. Wir können es niit
dem hohen Bcruf eines Geistlichcn nicht ver-
einbarlich stndcn, wenn statt Liebe und Ein-
tracht gelehrt, die Brandfackel von Haß uud
Zwietracht in die Gemcinde geworfen und die
Gcmüther der Angehörigen — durch vorgeb-
lichc ReligionSgesahren — bcunruhigt werden.
Wenn Zhnen, Herr Pfarrer, um die Ruhe
und den Frieden in Zhrcr Pfarrgcmcinde zu
thun ist; wenn Sie sich die Liebe und das
Vertrauen derselbcn erhalten und besestigen
wollen, vhnc welcheS ein segenSreiches Wirken
nie und nimmermehr möglich ist, so bitten wir
Sie vereint, von einem Beginnen abzustehen,
daS die bereits geöffnete Kluft zwischen Zhnen
und Jhrer Pfarrgcmcinde nur erweitern und
ein Verhältniß herbeiführen kann, das vou einer
nicht zu berechnenden Tragweite ist. Wir
wollen mit diescm Schreiben wcder drohen,
noch heraussordern, sondern nur unserer Pflicht
als Gemcindebcamte genügen und nichts un-
versucht lassen, was zur Herbeiführung eines
guten Einvcrnehniens zwischen dcr Gemeinde
und ihrem Gcistlichen dienen kann. Gemeinde-
rath: Roth, Obersell, Huber, Jg. Lott, Bur-
kard, Pctcr. Bürgerausschuß: Stöcklc, C.
Berger, Gustav Wilhelm, Zg. Konrad, Zink.

Markdorf, 21. Febr. Einen sehr guten
Beweis ultramvntaner Frvmmigkeit, Heiligkcit
und Liebe können wir Jhnen von hieraus mit-
theilen. Diese Wochc starb dahicr eine alte, all-
gemein geachtete Bürgersfrau evangelischer Kon-
fession. Die Hinterbliebenen wandten stch sofort
an den katholischen Geistlichen Pfarrer Wieser,
(svviel unS bekannt, früher Kaplan bei hiestger
kathol. Pfarrei) um Gestattung des Trauerge-
läuteS. Da der Hr. Pfarrer abcr nur daS
Läutcn mit einer einzigen Glocke zusagte, stellte
man an den Bürgermeister daS Ersuchen: er
möchte den vor 2 Jahren gesaßten Gemeinde-
beschluß auSführen, wonach dcn Protestanten
bei Todesfällen der Jhrigcn daS übliche Trauer-
geläute zn geschchen habe. Der Hr. Bürger-
meister versammelte die Kirchspielsgemeinde zur
Erörterung der Frage: ob man auch phystsche
Gewalt gegen den widerstrebenden OrtSgeistli-
chen anwendcn wolle. Der inzwischen herbei-
gekvmmcnc evang. PastorationSgeistliche Fuchs
»on MeerSburg wandte sich nun auch an den

Stadtrath, indem er demselben die Nummer 9
dcs evang. VerordnungSblattcs vom Jahr 1883
übersendete, i» welchem der evang. Obcrkirchcn-
rath sämmtlichen Geistlichen befiehlt, „daß bei
Todessällen vvn Personen der anderen Konses-
stonen in den prvtest, Orten das Trauergcläute
nicht zu verweigern sei." Jn einem Begleit-
schreibcn des evang. Geistlichen war nvch hin-
zugesügt: daß man diese Pflicht christlicher
Liebe auch „nirgends" in dcn evangel. Ge-
meindcn vergesfen. Die Kirchspielsgemcinde
Markdorfs, welche am Dienstag früh Wsam-
mentrat nnd durch 36 Anwescnde vertreten
war, sah bald in ihrer Mitte auch den Herrn
Pfarrer Wieser.

Herr Bürgermeister Kolb eröffnete die Ver-
saminlung mit der Mittheilung der betreffenden
Aktenstücke: des GeindebejchlusseS vom Zahr
1862, und des Beschluffes des evangel. Ober-
kirchenraths über die gleiche Frage. Psr. Wieser
legte Nun Protest ein gegen daS Vorgehen der
Gemeinde; er gab zu, daß Thurm u. Glocken
derselben gehören, aber durch die Weihe dersel-
ben, die durch dic kathol. Kirche gegeben sci,
stehe der letztern auch daS Recht zu , übcr ste
zu verfügen u. s. w. Man war schlicßlich ge-
nöthigt, dem Herrn begreiflich zu machen, daß
andere Leute auch noch sprechen wollten, was
denn auch, und zwar nicht zur großen Freude
des geistlichen Herrn, geschah. Denn man hatte
den Muth, dem frommen Mann offen sein
unsrommes Bcnehmen vorzuhalten, und ihm
die Frage vorzulegen: „ob das die christliche
Liebe sei, die er zu predigen habe?" Zn großer
Aufrcgung warf der schwer Gekränkte, um die
Leute zu rühren, die Gegenfrage auf: „ob man
mehr zwei protest. Einwohnern folgen wolle,
welche sich der Leidtragenden angeiiommeu hat-
ten, oder dem Erzbischof?" Und mit dem Klage-
ruf: die kathol. Kirche habe keincn Schutz mehr,
vcrließ er bleichen AntlitzeS dest Ort, da die
Gvttlojen zu Gericht saßen. — Die anlvcsen-
den Gemcindemitglieder bcschlossen jetzt mit 28
gegcn 8 Stimmen, den Bejchluß von 1862
mit Gcwalt durchzusühren. Dazu versicherte
man stch deS SchlüsselS in das Glockenhaus.
Allein bald zeigte es stch, daß dcr Hr. Pfarrer
Ernst gemacht mit seiner Drohung, der Gewalt
die Gewalt entgegenzusetzen. Die rühmliche Hel-
denthat des FriedenSapostelS bestand darin, daß
er, wie man sagt, höchst eiginhändig mit dem
Meßner die GlockenhauSthür von innen ver-
barrikadirte und in VertheidigungSzustand ver-
setzte. ES versaMmelte sich darum deS Nach-
mittagS der Stadtrath wicder, um übcr die
Gegeninaßregcln zu beratheu. Es blieb nichts
anderes übrig, als die Thüre mit dem Beile
einzuhauen; die Energie der Stadträthe wollte
dissen Weg betreten, aber ihr christlichcS Ge-
fühl sträubte stch auch wiedsr gegen diesen
äußerstcn Schritt, der noch andere traurige
Folgen mit stch führen konnte. Man wollte in
dieser Verlegenheit nun auch die Ansicht des
evangel. Geistlichen vernehmen, und lnd den-
jelben -in auf das RathhauS zu kvmmen.
Dieser erklärte: „daß er weit davon entfernt
s-i, den äußersten Schritt zu billigen, und noch
weiter bavon ihn zu verlangen; wcnn der kath.
Sladtgeistlichc sich des FanatiSmus schuldig
machc, wolle er ihm diescn Ruhm nicht durch
das Verlangen einer andern Härte stnd Rück-
stchtslosigkeit streiiig machen.« Die nnnmehrige
Protcstation des cvangel. Geistlichen vor dem
Stadtrathe gegen das Läuten nur einer Glocke
wurdc durch dem Ortsdicner dem kathol. Geist-
lichsn sogskich gemcldet, aber ohne Erfolg, in-
deni der kampflustige Herr nicht zu Hause
war, sondern wahrscheinlich auf seinem Posten
stand und eines Angriffs harrle. Ebenso wenig
nützte die schriftliche Protestation an das kath.
Pfarramt, die von Seiten des Pastorations-
geistlichen FnchS erfolgte, denn alS man im
Pfarrhof hörte, von wem ein Brief abgcgeben
werden solle, nahm man ihn zweimal nicht an.
— DaS war der Hergang bei der Leichenbe-
stattung einer hiestgen Bürgersfrau, welcher
Herr Wieser selbst das Zeugniß geben mußte:
sie sei eine brave F, au gewesen. seine Betrach-
tung über vorstehenden, der Konst. Ztg. ent-
nonimenen, wahrhast betrübenden Vorfall möge
sich j-der sclbst machen.
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