Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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"Hcidelberg, 8. März. (Procetz Li»-
dau.) Fortsetzung aus dem Hauxtblatt.

I» dem Handschreiben und dcm Ministerial-
erlaß ist mit Bestimmtheit auSgesprochen, man
habe dein Grotzherzog VerfassungSverletzung,
d. h. Hochvcrrath zumuthen woüen; es ist die
gebührcnde Entrüstnng darüber auSgesprochen,
daß man stch in der Adressc anch gegen die
der Person des Landessürsten schnldige Rück-
sicht schwer vergangen habe. Es ist mithin in
diesen beiden Aktenstücken, deren Authenticität
d-r Gegner selbst nicht bestreiten wird, im We-
sentlichen AllcS bestätigt, waS ich über dic srag-
liche Adresje und insbesondere über die Heidel-
bcrger behanptet habe. Jn diesen beiden Aktcn-
stücken ist eine Adresse wie die Heidelbcrger
nicht ausgenommeu und nach dem Jnhalt ge-
hört sie vielmchr vorzugSweise nnter diesenigcn,
aus wclche sich daS Handschreiben und der Er-
laß bezieht.

Gottlob, ist in unserm Volke dieselbe Ansicht
vielfach bestätigt worden. Auf'unserm Schwarz-
wald z. B., in unsern rein katholischen Ge-
genden, hat sich eine Versammlung, an deren
Stzitze die angesehensten Männer, wie der
Landtagsabgeordnete KirSner, Beamte, Be-
zirksräthc standen, in demselben Sinn auSge-
sprochen. Die Verfassung, hcißt es in dem
Aufruf, diescs Heiligthum unseres VolkS, sollte
der hohe Träger unserer Krone verletzen, daS
war ihr verbrecherisches Bcgehren.

Za, sie sind Vcrräther an dem Frieden , in
welchem unser Baden bisher gelcbt, Vcrräther
an dcm Dank, den wir dcm bestcn der Fürsten
schulden. Aber Badcns Fürst, Ncgicrnng und
Volk sind einig, und sie werden daS schwarze,
scheinheilige Werk meincr Gcgncr zu Schanden
machcn.

Dr. Schnlz: Herr Lindan wird dic angc-
grisfenc Adresse in allcn Pnnkten vollständig
rcchtfertige».

Hcrr Lindau erhält daS Wort: Zch be-
ginne unter dem Eindrnck der Worte dcS geg-
nerischen AnwaltS, dcr uns eiu Verbrechen da-
raus macht, daß wir unserer llcberzcngung
Ausdruck gegeden habcn, daß das neue Schul-
gesctz nnjcrc religiöse Gcwissenssrcihcit verlctzt.
Meine Herren! Wir haben im Großhcrzog-
thuni Baden konfcssionelle Schulcn, katholische,
evangclische, und israelitische. Zm Charakter der
Confession licgt es, daß das ganzc ErzichungS-
shstem eiu religiöseS srin soll, deun sonst würdc
ich nicht einsehcn, wozu man koiijessivnelle
Schulen hat, nian könntc ja sonst wic in dcn
Gelehrten und Realschnlen gciiieinschaftlichcii
Unterricht einführen nnd sich mit 2 oder 3
wöchentlichen Religionsstundeii begnngen. DaS
katholische Princip, wclcheS im Gegensatz znni
ProtestantiSmuS iu kirchlichcn Sachcn eiuc Au-
torität anerkcnnt, ist oerletzt, weil unsere kirch-
liche Antvrität auS deni scithcr gesctzlich ga-
rantirten MitlcitungSrccht dcr Volksschule
hinausgedrängt worden ist, aus Protcstantijchen
Principicn. E« ist uniichllg, wenn man sagt,
der OrtSschulrath iei eine durch die neuc Aera
gewährtc Berechtigung. Wir Katholiken habcn
jchon lange katholische OrlSschulräthc gchabt,
nämlich in der kathvl. StistungSkomniiisioii,
und ich begreife nicht, wie dieselbcn Männer
Makel an der VolkSschule finden können, die
sic seither schon beaufsichtigt habcn. Einc Aus-
führiing darüber, daß wir Katholikcn in nn<
s-rm Gewisscn verletzt stnd, gehört nicht hier-
her, daS gehört auf den Boden der GcwisscnS-
sreiheit. Jch stche auf dem RcchtSboden der
katholischen Rcligion, dic im Großherzvgthnni
Badcn garantirt ist durch die Vcrfassnng, und
rechtlich anerkannt ist mit dem Papst und mit
dem Erzbischof. Wir kämPfen nicht aus Herrsch-
sucht, sondern dasür, daß cjn gcsetzlich und
faktisch bcstchendes Recht unS nicht enlrissen
wcrde, diescS Recht, wclcheS nnS in der Ge-
wissenS- und Religionssreiheit garantirt ist. Wir
machen einen Untcrschicd zwischen einem Reli-
gionSuntcrricht nnd religiöser Erziehnng, und
das kann Nicmand in Abrede stellcn, daß die
Garantie der rein katholischcn Erzichung ge-

nvmmcn ist, wenn unscre Kirche in der kath.
VolkSschule kein Mitl-itungsrecht mehr hat.
Redner geht nun auf die Gcschichte der Ent-
stehung der Adresse ein. Pfingsten vorigen
JahreS wnrde anf dem Rathhause eine Adresse
aufgelegt, d-ren Verfasser sjch auch nicht össcnt-
lich genannt habcn. Die Adresse wuide, wic
ich von kompetcntcr Scite gchört habc, in Folge
eineS'Winks »on hoher Stelle aufgelegt, eS
war cine BeisallSerklärung zum Systcm der
Regierung, welcheS der Kirche die Mitleitnng
der kath. Volksschule nehmcn will. Damals
Ichon bin ich hcrvorgetrcten, ich bittc daS rccht
inS Auge zu fassen, im Namen einer Gesell-
schaft von Katholiken, um eine öffcntliche Bc-
sprechnng sämmtlicher Katholiken über die
Schulfrage zu veranlasscii. Damals hat man
uns cntgcgnet, cs sei dic Schulfrage zu einer
vffeutlichcn Besprechung nicht geeignet. Nachdem
man unS so begegnct war, war eS unsere Pflicht,
selbstständig zusammenzukommen und zu thun,
was unser Gewiffcn fordcrte, und wozu die
Verfaffung uns bcrcchtigte. Zn Folge davon
kani jcdc Woche cine Anzahl kath. Bürgcr bei
einem Glas Bicr zusamiueu, um die Znleressen
'der kathol. Religion zu besprechcn, wie dies
die Prolestanten im Prolcstantenverein auch
thun. Da wir der Anstcht wären, daß die
katholischen Volksschule nach dem neuen Gesctz
nicht mehr katholisch ist — wir keuncn kcinen
Wau, Wau, dag die ganze Erziehung in die
HLnde der Jesuiten kommen soll, daS sind
Schlagwörter, die wir verachtcn, die nichtS mit
unserer religiöjen Anstcht zu thun haben —
da sagtcn wir uns, wir müsscn unserer Au-
sicht cincn AuSdrnck gebcn. Wir kainen aus
den Gcdanken, in eiuer öffentlichen Ver-
sammlung einen Bcjchluß zu sassen über das,
waS man von Sciten d e r Katholiken zu sagcn
hattc, dic man osficiell nicht zu Wortc komuicn
lassen wollte. Unsere Versammlung war öfsent-
lich, meine Herrcn, wirhaben allen Bethci-
ligten, dic mit unS einvcrstanden wa-
ren (Allgeineinc Heiterkeit.) gesagt: Bringt Ka-
tholiken mit, die sich sür die Schulfrage inle-'
ressiren, aher eine Kätholikcn-Verjaiiiinlung
konnteu wir nicht in d eu Blättcrn auSschrcibcn,
dic Tag sür Tag unscre heiligsten Juteressen
mit Füßcn treten. Jn diejer Versäminlung
waren 130 Bürger, keine Leute vom Lande,
aiiivcsend. (Der Advokat deS Angcklagten hatte
im Zeugeuvcrhör uach der Auwcsenheit von
Landleuten, namentlich von Eppelhcim gesragt.)
Zn mchrercn Vorträgen haben wir dic Schul-
srage genau diSkntirt, so wie man uns ver-
hiudcrn wollte, eS zu thun. Zch habe die
Adresse verfaßt, trotz allcr Zweifcl des gegne-
rifchcn Anwalls an mcincr Fähigkcit dazu; ich
habe bei Sr. Kon. Hoheit dem Großherzoge den
Eindruck empfangeu, daß die Ansicht dcsselben eine
ganz andcresei,alsdie,wclchc man ihm zuschrcibt.
Wir kamen au ciuem Montag nach KarlS-
ruhe, -S war kein Audienztag, wir wurden in'S
geheime Käbinet beschieden; der Großherzog ließ
uus eröffnen, er könne unS nicht einpsangen.
Als er uns empfing, hatte er dic Adresse be-
reits einen Tag iu Händen, und daß er ste
geleseu hat, das kann ich beweisen, wenn eS,
was ich nur wünschen kann, zu einer Unter-
suchung kommen soll. Se. K. H. bcmcrktc unter
Anderem, wir würden wohl einsxheu, daß ein
Gesetz, welchcs mit Zustimmung beider Kam-
mern zu Standc gekommen, nicht schon wieder
anßcr Wirksamkeit gcsctzt wcrdcn könnte, aber
wir würden wohl eiusehen, wenn wir die Vcr-
hältnisse der letzten Zahre überblickten, daß er
des ewigen HadcrS u»d Streitcs herzlich sätt
sci, uud er wcrdc gcwiß einc Verständigung
herbeisühren, die jeden Theil befriedigen würde,
das hat iins Se. K. H. der Grohcrzog gcsagt,
und fvrtgefahren, ich danke für den Freimuth,
mit dcm Sie mir eutgegen grkommcn sind.
Haben Sie Vertrauen zu mir; er hat das zwei-
mal wiederholt. Dieser Empfang ist allerdingS
ein ganz anderer, als ihn anonymc Artikel-
schreiber dargestellt haben.

Wir habcn eincr Gewissenspslicht Genüge

geleistet und zwar mit voller Neberzeugung,
wir kennen die Wichtigkeit deS Schrittes und
stehen für dcnfelben ein.

Wenn der Gegner behauptet, es liege hier
der Theil eineS Systems vor, dessen Werkzeug
ich sci, so ist das eine gewifsenlose Behauptung,
die nur dazu dienen kann, die Gewiffensfrei-
heit des Einzelnen zu verletzen.

Rcchtsanwalt MayS: Das ist eine persönl.
Bcleidigung.

AmtSrichter Süpfle: Zch ersuche den Herrn
Redner, sich im AuSdruck zu mäßigcn.

Käusm. Lindau fährt fort: Wer nicht mit
unS denken, rathen und handeln mag, ist ein
rechtloser Mcnsch, daS heißt, wer nicht mit uns
gcht, den schlagt tvdt, daS ist der Ausdruck,
darauf hauptsächlich mache ich die Herren
Schöffen ausmerksäm. Wir haben unserer Ge-
wiffenspflicht genügt, wir haben bei Sr. K. H.
von einem Rccht Gcbrauch gemacbt, welches
seither nicht verkimmert ward, wir habcn eincn
gnädigeu Empfang gehabt und Zusicherungen
crhalten, die uns alle befriedigten. Wir leben
in eincm parlamentarischen Staat, und jedem
Bürger ist das Recht gcgeben, seine Meinung
offen und ehrlich auszusprechen, aber Keinen,
ist daS Recht gcgeben, zu sagen, wer nicht mit
uns handclt, der ist ein ehrloser Mensch, das
ist cin Vcrbrechen. Wenn wir Vcrbrechen bc-
gehcn gegen die Einrichtungen deS Staats, so
ist der Staatsanwalt besugt, gegen unS einzu-
schreiten, aber nimmermehr können wir in den
TageSblättern eine Sprache dulben, die die
Grenze deS Erlaubten überschrcitet. (Rcdncr
schließt mit einer Bemerkung iber die letzte
SoniitagSversaiiiinliing, die der Berichterstatter,
d» cr ihrcm Wortlaut nicht vollständig folgeu
konnte, wegläßt. Dasselbe Versahren wurde
gegcnüber einigen Namen von Heidelberger
Pcrsonen, die dic Verhandlungen selbst nicht
berührten, beobachtet, da selbst eine kleine Un-
gcnauigkcit, wie sie bei der Aufzcichnung cines
raschen VortragS schr erklärlich ist, leicht zu
Mibverständnisscn führcn kann).

das der Iesiilleii bezeichnet, welche hier böfen Eameii
gcstreuk, den fsrieden gestöpt, die Protestantcii vertrieben
hällen. Die Prolestanten, die ans dein Lande gingen,

ist Niemand vertrieben worden. ^Solche Bedrückiingeit
mögen in früherer Zeit, zur Zeit der Reformation statt-
geftmdm haben, da haben protestantische Fürsten keinm
Katholiken gedukdei im Lande. Jm vorigen Jahrhunderl
nnd ftüher schon waren die Proiestanien eigentlich die
Herren im Lande; es war nur ein kalholifcher Fürst.
Die Proteftanten bildeten die Mehrheit, und sie gingen
seiner Zeit so weit, daß ste ihren Fürsten bei den Ga-
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