Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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darauf hin konüte, wie uns fcheint, es immer-
hin gewazt werden, eine bemesiene Anzahl dieser
MLnner im.Lande zu belassen. Gesetzlich ist
die Maßregel ohne Zweifel; aber nichl AlleS,
was gcsetzlich. ist darum anch human.

B-rtLn 8. MLrz. Folgender Offiziers-
Exceß wird auS Tangermünde, 6.MLrz. von
der „Magd. Pr." berichtet: Am Sonntag, den
5. d. M.. besuchten Offiziere der -Ltendaler
Garnifon ihre hiesigen Cameraden (beidc vom
7. Dragoner -Regiment) und hatten, wie es
schien, ein gemeinschaftlicheS Vergnügtsein, nach
welchem sie einen Wetlritt bis auf die Straßen
der Stadt ansdehnten und dadurch daS Miß-
fallen sowohl der BelLftigren alS anch der Nicht«
'bclLstigten erregten. Dieses Mißfallen mag
auch hin und wieder Ausdruck gefunden haben,
dcnnoch ging allcS friedlich ab. Zwischen 10
und 11 Uhr AbcndS aber vergaß sich ein Offi-
zier so wcit, daß cr auS den Tabagien friedlich
heimkchrende Bürger überzureitcn-versuchte, wo-
bci es von Wörtlichkeiten vielleicht zu THLt-
lichkeiten gekommen sein mag, denn es ent-
wickelte sich NachtS gegen 12 Uhr vor unsercn
Augen einc Scene, dic uns glauben machte,
Sobbe und Putzky seien aus Amerika zurück-
gekehrt. SchlLge und Stöße gegen die Thüren
und Fensierladcn eincs Hauses in unscrer
NLHe. schreckliche Flüche, Schimpfwörter und
Sabclgerassel weckten unS aus dem ersten Schlaf;
wir öffncten die Fenster uud sahen in demsel-
ben Augeublicke, wie ein Offizier u. ein Sol-
dat übcr einen ruhig auf der Straße gchenden
Bürger herfielen und denselben mit Säbelhie-
bcn tractirten, bis er vcrwuudet endlich um Hülfe
rief und mit den Worten „ich blute" sein Heil
in der Flucht suchte; der verfolgende Soldat
wurde von dem Ofsizier mit den Worten zurück-
gerufen: „Laß deu Kerl laufcn, hat so vicl,
hab' immcr scharf gchanen." Der Lieutenant
Hasielbach war es, wir erkannten ihn schon an
der Stimme, wenn er auch gleich darauf nicht
mehrere Male geschrieen HLtte: „Jch bin der
Leutenant Hasielbach vom 7. Dragoner-Regi.
ment, wir haben animirt getrun'kcn." Jnzwi-
schen wurden die SchlLge gegen die Thür dcS
HauseS deS TischlermeisterS Friedrich fortgesetzt
und daS Oeffnen unter Drohungen und im
Namen deS Königs verlangt. Die Offiziere,
insbesondcre Lieutenant Rust auS Stcndal.
glaubten irrthümlich, von dem Sohn dcs Hau-
ses insultirt zu sein. Der Scandel hatte die
Civil-Nachtwache uud NachtwLchtcr herbeige-
lockt. Nach Aussage dcs Nachtwächters Gaede
wurde dieser vom Lieutenant Haffelbach an der
Brust gepackt und gcschüttclt und der Nacht-
wachtmeister Mundt erhielt SchlLge an den
Kopf. Lieutenant Hasselbach stellte sich dann
mit gczogenen Schwert an dic Spitze der Drago-
nerwache. durchzog die Straßen und ries: „Gc-
wehr auf, es wird immer scharf gehauen, wir
wollen daS Loch mal säubern." Jn einigen
HLusern haben dic betheiligten Offiziere die Fen-
fter eingeschlagen. Der Verwundete ist der
Schneidermcister Hagelmann. Wir schließen un-
sern wahrheitsgetreuen Bericht mit dem Be-
merken, daß bisher Garnison und Bürger im
besten Vernehmcn lebten.

Am Markt aUhier heeßtS däht er wohne,

Jch sag' Dr, Schorschel! mit dem is nit ohne.

Heidelberg, im Februar 1865.

Berlin. Es wird nicht mehr lange dauern, so
wandern die Friseure mtt einer Locomobile in der
Tasche umber, um die Damrn mit Dampf zu be-
dienen. Die Herren können eS bereits so gut haben;
denn in dem Eoiffeurgrschäft von Nagel u. Barth
am Gendarmenmarkt ist seit einigen Wocken etne !
Locomobile aufgestellt, welche daS Bürsten der !
Toupös ea mssse mit einer halben Pferdekraft !
besorgt. Von der außerhalb des MagazinS auf- !
gestellten Maschine wird eine die Decke entlang
laufende eisrrne Walze getrieben, welche verschie-
dcne Schwungriemen von Guttapercha in rotirende
Bewegung srtzt. Zn diese elastischen Rirmen werden
doppelte Kopfbürsten eingehängt, und der Kriseur
brarbeitet nun zwischen denselben den Kopf mit
Dampfkraft. Die Maschinerie dürfte fich auch zum
Frottiren in drn türkischen oder römischen Dädern
eignrn.

Berlin, 9. MLrz. DaS Abgeordnctenhaus
beschäfligte sich gestern auch mit den Beschwer-
den der Stadtverorhncten, welchen es versagt
ist, andere, inSbesondere allgemeinere, als kom-
munale Dinge berührende Angelegenheiten in
den KreiS ihrer BeralhungeN zu ziehen. Der
Minister v. Eulenburg erklärte, die Stadtver-
ordnetcn HLtten nicht das Necht zur Diskussion
über politische Fragen. DieserAnsicht würde jeder
Minlster sein. Auch Flottwell habe so genr-
theilt. Was solle werden, wenn plötzlich 994
Stadtverordnetenversammlungen in dce Politik
eingreifen würden. Keine Korporation dürfe
ihre Kompetenz überschreiten. v. Kirchmann
und Schulzc-Delitzsch erwiedern, die Minister
wollten nicht, daß die allgeme.ine Entrüstung
über die Preßverordnung am Throne lant
würde; darum schritten sie gegen die Stadtver-
ordneten ein. Fortsctzuug der Dcbatte am Frei-
tag. NLchsten Dienstag wird der Generalbericht
vorgelegt wcrden.

Mrrgdeburg, 11. März. Wie die „Magde-
burger Presse" meldet, sind in Burg gestern
VormittagS neuerdings Arbeitseinsteüungen der
Fabrikarbeiter erfolgt. .

F r u u k r e i ch

Paris, 12. MLrz. Die. gestrige Senats-
sitzung wurde ansschließlich von der Rede des
Herrn Roulaud eiugenommen, deren Zweck war,
den verderblichen Einfluß darzulegen, welchen
die ultramontanc Parlei und deren Organ in
der Presse auf daö VerhLltniß des StaateS zur
Kirche ausübt. Hr. Rouland erklLrt, daß er in
der Frage dcr Beziehungen zwischen Staat und
Kirche nicht alle die Schwicrigkeiten sieht, von
denen man so häufig spreche, da eben diesc
Schwierigkeiten durch eine sehr lange und sehr
unbestrittene Tradition beseitigt sind. „Unsere
VLter, obgleich sic sehr cisrige Katholiken waren,
rust er aus, haben nie die Anmaßungen des
Hofes von Nom auf die ausschließliche und
absolute Regierung der universellen Kirche aner-
kannt; niemals wolltcn sic ein Land des unbe-
dingten Gehorsams sein; sie hatten in ihrer
Kirche, in der gallikanischcn Kirchc, GebrLuche,
Rechte, welche oie Päpste nicht zn verdammen
wagten, die sie nicht verdammen konuten." Der
Nedner erinnert .an den Ursprung dcr gallika-
nischen Freiheiten, an ihr Alter und an ihre
.vollstLndige Bestätigung durch das Konkordat,
daS Werk deS ersten ConsulS. Jndem er sodann
die Nothwendigkeit der Trennung der Gewal-
ten dcs SlaateS und der Kirche darlegt, fragt
er fich, was denn die Ursache der Agitation
sei, die sich heute bezüglich der religiösen Frage
kundgebe. Er findet dieselbe in einem ausge-
dehnten System, welches von einer mächtigen
Partei zur Ausführung gebracht, den h. Vater
mit sich fortreißt und ihn durch scine Zntri-
guen irre leitet. Die MLnner, diese ultramon-
tancn, welche die Vergangenhcit zurückwünschen,
reizen die untergeordncte Geistlicheit dazu, dem
Episcopat über den Kopf zu wachsen, um nur
noch das Papstthum zu schen. Was sie reli-
giöse Freiheit nennen, ist die universelle Ueber-
legenheit deS PapstthumS, die Knechtung dcr
kathol. Welt. Nachdem der Redner an das ener-

(Einer, der mttfahren will.) Am 25.

nach Pest die Station Kistelrk passirt hatte und
mit der größten Schnrlligkeit daherbrauste, stellte
sich in ziemlicher Entfernung vom Zuge ein elegant
gekleibeter Mann mitten auf die Bahn und war,
rotz aller Nothfignale von Srite des Maschinen-
führers, nicht zu bcwegen, seinen Standpunkt auf-
zugebrn. Derselbe suchte vielmehr durch fortwäh-
rende Grsticulationen drm ZugSpersonale begreif-
lich zu machen, daß er mitfahren wolle und der
Zug anhalten müsse. Es blieb endlich auch nichtS
Anderes übrig, als anzuhalten, wenn man den
eigcnsinnigen Paffagter ni<t,t übcrfabren wollte.
Dirscr hat aber srinen Zwrck keineSwrgs erreicht;
drnn statt der Rctse nach Pest mußte er einen
unfreiwilligen Spaziergang zur Eomitatsbehörde
macken, wo man zwar seine Eharaktcrstärke be-
wunderte, ihm abrr enrrgisch erklärte, daß daS
Einsteigen in einen Zug nur auf den Stationen
rrlaudt sei.

Vin Schusterlehrling, welcher in Folge seineS
Ungehorsams von setnem Metster oft spannriem-

gische Auftrcten des Cardinals von Lothringen
beim Tricntcr Coucil und an die Erklärung
von 1862 erinnert hat, stellt cr denselbcn die
beständigen Bestrebnngen der ultramontanen
Partei entgegen, und wenn er in Rom fran-
zösischen Priestern begegnet, welche vom Gelde
Frankreichs genährt sind und sich dort zum
Organ aller Verleumdungen machen, so kann
cr nicht umhin, in einem solchen Äuftreten eine
Verwirrung der Partcien und cine Gewalt-
thätigkeit dcr Leidenschaften zu erblickcn. Um
eiue Jdee davon zu geben, auf welche Weise
die Ultramontanen zu Werke gehen, führte er
eine Srelle dcr Benrtheilnng des SyllabuS an,
wie sie dcr „Monde" gibt. Er wcist auf die
Ausdchnung und auf da§ schnelle Reichwerden
der religiösen Orden hin; er bedauert die Art
und Weise des Unterrichts, der von dicsen reli-
giösen Orden ertheilt wird uud der darauf aus-
geht, die politischcn Zwistigkeiteu fortzupflanzen,
anstatt sie zn verwijchen. AlS andere bcklagens-
werthe Mittel, welche diese Partei auwcndet,
führt der Nedner noch die VerLnderung der
Lithurgie, den öster wiederholten Gcbrauch der
Entscheidungcn durch die Judex-Congrcgation
an. (Lebhaftcr Beifall.) Die Sitzung würde
auf einige Augeilblicke untcrbrocheu; alsdann
setzt Hr. Rouland seine Anklagen gegen die ultra-
montane Partei fort. Namentlich beleuchtet er
das von derselbcn ausgehende System der Ver-
dächtiguug dcr Bischöfe von dcr ihnen unter-
gebenen Geistlichkeit. Dcr Kardinal v. Bonnec-
hose protestirt' lebhaft gegcn dirse Angabe und
will weder daß cr, noch daß seine ehrwürbigen
Kollegcn auf eine solche Weise in Schutz ge-
nommen werden. Auch Kardinal Donnet stellt
die Richtigkeit dicscr Augabe in Abrede und
sagt, er würde nicht einen Augcnblick anstehen,
seine Dimlssion zu geben, wenn ein solches
VerhLltniß wirklich existirte. Hr. Rouland ant-
wortet, daß er sich nicht die Aufgabe gestcllt
habe, daS Episkopat zu vcrtheidigen, sondern
nur die Lage zu bedauern, in welche die ultra-
montane Partei dasselbe vcrsetzt habe; er bleibt
aber bei seiner Behauptung, daß die Lage der
Dinge der Wahrheit gcmäß sich so verhalte,
wie er angegeben habe. Er tadelt sodann sehr
hestig das Verfahrcn der päpstlichen Nuntlatur
in Frankreich und die Mißachtung der Erklär-
ungen des Staatsraths über stattgefundencn
Amtsmlßbrauch rc. Schlicßlich resumirt cr sich
in solgenden Worten: Es gibt 2 Systeme,
welche daö religiöse Gefühl ruiniren, nämlich
das revolntionäre nnd das ultramontane Sy-
stem. Zwischen erfterem, welcheS aus daS Re-
sultat der frcien Kirche im freien Staate hinaus-
läuft, und letzterem, welchcs die Neligion mit
dcr UnabhLngigkeit der Völker und somit mit
dem wcisen uno gerechtfertigten Fortschritt der
Civilisation unvereinbar machen würdc, liegt
ein anderes Verfahren, wclches darin bcsteht,
die Vollziehung der Gesetze zu fordcrn. Wenn
sie zuweilen unmächtig, der Sanktion entbehrcnd
sind, so muß die Negierung sehen, was zu
thun ist. Die Rcgierung des Kaiscrs mit ihrer
MLßigung, Weisheit und Festigkeit und die
ReprLscntanten dcs Volkes werden darüber zu
entschciden haben. Sie werden ganz sicherlich

in die Stadt (in Köln nämlicb) daS messingene
Sckild einer Röckversickerungs-Gesellschaft. Er eilte
augenblicklick zu dem Hause hinein und sragte bort
auf dem Burcau an, waS eS wohl kosten würde,
wenn er fich setnen Rücken versichern ließe, denn
sein Meistcr hätte es darauf abgesehen, thm den-
selben zu ruiniren. Die gelehrten Herren, welcke
die Nnwiffenheit deS Jungen sür Fopperet hielten,
eröffneten mit ihm ein SpeditionSgesckäft, indem
man thn an dte Luft versrtzte.

* Gedankenspäne.

Aufklärung ist: richtige^ volle, bestimmte
Einsicht in unserc Natur, unscre Fähigkeiten und
Vrrhältniffe, heller Begriff von unsrrn Recktrn
unv Pflichten und ibrem gegrnseitigen Zusammen-
'hang. Wer biese Aufklärung hemmrn will, ist ganz
fickcr ein Gauner, odrr etn Dummkops, oft auch
beideS; nur zuweilen eins mehr als das anbere
(Seume.)

JrsuS EhristuS, Du Etnziger, Du Erhabener!
Dick verkannten deine Feindc, aber noch mehr detne
Anhänger btS zum heutigen Tag! ->
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