Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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seiner Ergcbenheit gegen daS Herrscherhaus,
dem er so treu sei, wie den früheren Herrschern
FrankreichS, spricht er, was im gegenwärtigen
Augenblick einen doppelt schlimmerr Eindrnck
machen muß, forlwährend von der Möglichkeit
deS TodeS des Kaisers, von der Nothmendig-
keit der Einführnng des parlamentarischen Re-
giments, der Pretzsrciheit u. s. w. Seine Nede
verdicnt um so größere Beachtung, alö sie neben
vielen Paradoxen in mancher Beziehung ein
getreuer Ausdruck der öffentlichen Meinung ist.
Seine Rede ist ein schlimmer Prolog zu den
beginnenden Adreßverhandlungen. — Die preu-
ßische Regierung hat bei Armand, Abgeord-
neten von Bordeaux, den Bau von zehn großen
Kriegsschiffen bestellt.

Paris, 11. MLrz. Der Kaiser ist seit
dcm Todc des Herzogs von Morny sehr düster
und will Niemanden scheN. Heute Morgen
präsidirte er zwar dem Ministerrathc, aber
gestcrn sowohl als heute wurde sonst Niemand
in den Tuilerien empfangen. — Der gesctz-
gebeitde Körper war heute zusammcnberufen
worden. Der Vicepräsident richtete einige Worte
an die Kammer und gab dann Kenntniß von
folgenden beiden Actenstücken, die ihm der
Staatsminister Rouher zugesandt:

Hr. ViceprLsident! Jch habe die Ehre. Jhnen die
Abschrift deS DecreteS zu^ehen zu lassen^ in welchem der

mert werden soll. Dic Trauerfeier wird Montag, 13.
MLrz, um 12 Uhr siattfinden. Drr Kaiser, der gesetz-
gebende K'örper, daS Land verlieren einen vollsiändig er-

andere große Dienste zu leisten. Golt ^erläß^stren^

Palast, am 10. März 1865. Napoleon.

Nach Mittheilung dieser Actenstücke wurde
die Sitznng des gesetzgebenden Körpers sofort
aufgehoben.

Paris, 13. März. Wir entnchmeu dem
Berichte des Abendmvniteurs über das Leichcn-
begängniß des Herzogs v. Morny folgende
Nachrichtcn. BereitS von 10 Uhr Morgens an
strömte eine ungeheuere Volksmenge nach der
Stadtgegend zwischcn dem Palast des gesetzge-
benden Körpcrs und der Madeleine. Auf der
Invalidcn-Esplanade war eine halbe Batterie
Artillerie aufgcstellt, welche die vorgeschriebenen
Salvcn gab. Die Vorderseite des Palastes war
schwarz behangen, man gewahrte darauf die
Worte: ?k-o putria «t imperntvne neben dem
Wappen des Vcrstorbenen. Von dem Palast
des gesetzgebenden Körpers bis zur Madeleine
Kirche bildete auf der eiucn Seite Linienmili-
tär, auf der anderen die Garde Spalier. Das
Jnnere der Kirche war mit Schwarz und Sil-
berfranzcn behangen und in der Mitte stand,
von Kandelabern und Kerzen umgcben, ein
hoher Katafalk. Ein Viertel vor 12 Uhr kün-
digten 15 Kanonenschüsse an, daß der Sarg
auf den Wagcn gelegt wurde. Um Mittag setzte
sich der Zug in Bewegung, und zwar in fol-
gcnder Ordnung: Die Garde von Paris; eine
Schwadron von Gardejägern zu Pferde; ein
Bataillon von Garde-Fußjägern; drei Linicn-
bataillone; ein Bataillon Gardegrenadiere. Die
Fahncu warcn umstort. Darauf folgte. vou
einer Eskorte eincs Peletons von Gardejägern
zu Pfcrde beglcitet, Marschall Magnan und
der Geveralstab dcs HecreS von Paris. Drei
Trauerwagen mit dem Wappen des Verstor-
bcnen, in welchen die Geistlichkeit saß, gingen
unmittelbar dem Lcichenwagen voran, wclcher
von 6 Pfcrden gczogen wurde und dem drei
Zeremouicnmeister mit den Ordensdekorationen
des HcrzogS folgten. Die Zipfel des Leichen-
tuchs wnrdcn vom Staatsminister Nouher, vom
Herzog v. Pcrsigny, vom Vizepräsidenten des
gesctzgebeuden Körpers Herrn Schueidcr und
dem erstcn Präsidenten dcs Nechuungshofes
Hrn. de Royer getragen. Der Kaiser hatte sich
durch Gcncral Flcury, seinen Ndjudanten, Prinz
Napoleon durch den Oberstcn Ferri-Pisone und
Prinzcssin Mathilde durch den General Bou-

genel repräsentireu lassen. Die Dicuerschast des
Verstorbenen in tieser Trauer folgte dem Lei-
chenwagen. Darauf folgten die Marschälle, die
Minister, die Mitglieder des diplomatischen
Korps, der ganze gesetzgebende Körper. die
SenatSdeputation, Abordnung des Staatsrathcs.
des Nechnungshofes, des Kassationshofes, deS
Gerichtcs erster Jnstanz und des HandelSge-
richts, der Universität, eine Abordnung der
Gesellschaft Galleu-Paris-Cher, deren Beschützcr
Herr v. Morny gewcsen war. Nach diesen Ab-
ordnungen bemerkte man noch vicle Senatoren
und Mitglieder des Staatsrathes in Kostüm,
General Mellinet und seincn Generalstab, so
wie die Bataillon-Chefs der Nationalgarde. Der
Seinepräfekt und der Polizeipräfekt und die
Spitzen der städtischcn Behördcn beschlofsen dcn
Zug. Auch die nicht amtliche Welt, namentlich
die hohe Finanzwelt, war zahlreich vertreten.
Von der Kirche aus bewegte sich der Zug nach
dem Fricdhof Pere-Lachaise über sämmtliche
Boulevards. Am Grabe sollen die Hrn.Rouher
und Scbneider Neden gehalten haben.

G n g l a rr d

Malta, 12. MLrz. Man hat Nachrichten
ans Shang-Hai bis zum 26. Jan. AuS
Jäpan erfuhr man, daß das Gcrücht des Wie-
deraufbaues der Forts von Simonosaki unge-
nau ist. Jn der Meerenge ist man auf sechS
japanische Steamer gestoßen, die einer zur Be-
strasung dcs Fürsten von Nagato ausgesandten
Erpedition angehürten.

S ch w e i z.

Genf, 9. Marz. Unter dcm Arbeiterstand
von Lausanne herrscht eine lebhafte Agitation
gegen den Niederlassungsvertrag, welcher zwi-
schen der Schweiz und Würtemberg projectirt
wird. Die Arbeiter wollen davon nichts wif-
sen, sie fürchten die „Lawine vvn Schwaben",
welche sich in die Schweiz ergießen würde.
Vorgestern fand im großen Saale des Stadt-
hauses eine Versammlung statt, welchc so zahl-
reich war, daß das Local die Besucher nicht
alle fassen konnte. Eine Gcgenpetition an den
Bundesrath wurde beschlossen. Zn Waadt sind
solche Erscheinungen cines beschränkten Know-
nothingismus gerade nicht selten.

Z t a l i e n.

Turin, 8. März. Der gut unterrichtete
römische Korrespondent der Opinione giebt die
Nede wieder, die jüngst Pius IX. im Jesuiten-
kollegium vor den versammelten Vätern hielt.
Nachdem er von den großen Gefahren gespro-
chen, die der Religion durch die Neuerer und
durch die alle Throne und Altäre umstürzende
Nevolutiou drohen, fuhr cr, an die Väter ge-
wandt, also fort: „Zhr ehrwürdigen Vätcr seid
die hauptsächliche Stütze des Glaubens, indem
ihr unvcrdroffeu arbeitet, die gesunden Grnnd-
sätze der Philosophie aufrecht zu erhalten, ebenso
die von der Vorsehung eingesetzte Ordnung der
Dinge, indem ihr die heiligcn Lehrcn Noms
durch die Welt verbreitet. Wie dieses aber auch
unserem vätcrlichen Herzen zum Trost gercichcn
mag, so betrübt es aber uns ebenso sehr, sehcn
zu müssen, wie die revolutionäre Trculosigkeit
eure gcmeinschaftlichcn Bestrebungen aufs Grim-
migste bekämpft. Eine hochh'erzige Nation ist
es, welche diesen heiligen Stuhl aus's Erbit-
tertste und Nachhaltigste bekämpft; aber was
sage ich eine hochherzige Nation! Nein, dcr
Fürst, welcher an ihrer Spitze steht, ist der
Urhebcr aller Aufstände Europas, der sich vor-
genommen hat, die Kirche Gottes aller ihrer
weltlichcn Güter zu berauben, die ihr die Vor-
sehung verlieh, um die getreucn Völker beffcr
führen und regieren zu können. Er hat sich
vorgesetzt, die gegenwärnge Ordnung der Dinge,
auf wclcher Gescllschaft und Kirche bcruhen.
umzustoßen und nach und nach wieder das
Heidenthum einzuführen." Diese mit ungcwöhn-
licher Lebhaftigkeit gesprochenen und sichtlich an
Napoleon gerichteten Worte machten alle Um-
stehenden, den Ordensgencral Pater Beckx nicht
ausgcschlossen, erblassen, da die gescheidten Väter
nur zu gut wissen, daß schon seit sechzchn
Jahren es nnr noch Dank Napoleon und
seinen Bataillonen eine römijche Negierung gibt.

Turin, 13. März. Die „Opinione" zeigt
an, daß der König ein Amnestiedecret für alle

politischen und Preßvergehen und für drc Con-
raveution gegen daS Nationalgardegesetz unter»
zeichnet hat. Ein anderes Decret ertheilt den
wegen der Angelegenhcit von> Aspromonte ver-
urtheilten Soldaten Amnestie.

Neueste Nachrichten.

Messtna, 12. März. Die Nachrichten aus
Jndien melden, daß in Bootan der Kricg
wiever auSgebrochcn ist. Die Eingeborenen
haben die Engländer angegriffen, denen ein
Officier getödtct und mehrerc Soldaten getödtet
oder verwundct wurden. — Man meldet aus
Neu-Seeland, daß der Anführer der Jn-
surgenten eincn Waffenstillstand bis April vcr-
langt hat. Man zweiselt daran, daß dicsem
Verlangen gewillfahrt werden wird. — Briefe
aus Konstantinopel melden, daß die Pforte
eiue Commission crnannt hat, die damit beauf-
tragt ist, die Befestigung mehrerer Städte der
asiatischen Grenze zu beaufsichtigen. — Hr. v.
Lesseps war in Konstantinopel eingetroffcn.

Berlin, 14. März. Jm Abgeordnetenhaus
bcgann hcute die Diskuffion über den General-
bericht der Budgetkommission. Der Referent
v. Forkenbeck bemerkt, das Eingchen auf die
Diskussion sei cin Schritt des Hauses zur Ver-
ständigung. v. Vinke: Die Debatte sei nicht
zeitgemäß, ein Steuerdruck nicht vorhanden.
Virchow verlangt Vorschläge der Regierung im
Sinne des BerichteS. v. Rcichensperger: Das
Haus möge einen mäßigen Gebrauch von sei-
nem Rechte machen. Waldeck: Preußcn brauche
zu Machterweiterungen keine Armeercsorm; die
Annexion Schleswig - HolsteinS sei durch alt-
preußische Neformen, nicht aber durch Heeres-
macht errcichbar. Wagener: Das Budgctrecht
sei nur durch daS AbgeordnetenhauS verküm-
mert. — Eine Aeußerung der Negierung ist
heute nicht crfolgt.

Paris, 14. März. Der „Moniteur" ver-
öffcntlicht die Reden, welche Vizepräsident
Schneider und Rouher geftern am Grabe des
HerzogS v. Morny hielten. Nouher erinnerte
an daS Wort Morny's: die Frciheit kann nur
begründet werden auf friedlichem Weg, durch
das aufrichtige Einverständniß eines liberalen
Fürsten und einer maßvollen Volksvertretung.

H Heidelberg, 14. März. Wir kommen
noch einmal auf den jüngsten erzbischöflichcn
Hirtenbrief zurück, der an die Mannhcimer
Casinobewegung anknüpfend, sein Bedauern
ausspricht, daß die Geistlichen daselbst als
„Diener der Neligion mißhandclt worden seien,
und es erschcine dieß als eine Verfolgung dcr
Religion selbst; sie sei ein Beweis, daß die
innerliche Achtung vor der Religion erkaltet
oder gar gcstorben, daß das Bewußffein ab-
handen gckommen sei, daß die Pricster Gesandte
an Christi Statt des SohncS Gottes — seicn!"
— Dieser Vorwurf beruht auf einer vollstän-
digen Verkennung der thatsächlichen Verhältnisse.
Bekanntlich war die Vcrsammlung in Mann-
heim verboten, dennoch wagten es einige fana-
tische Geistliche mit eincr Anzahl von Land-
leuten der obrigkeitlichcn Anordnung zuwider,
dahin zu ziehen, um ein sogen. wanderndes
Casino abzuhalten; wären sie wirkliche Diener
der Religion, wie sie der erzbischöfliche Hirten-
brief bezeichnet, so hätten sie dem Gesetze Folge
geleistet — da sie es nicht Zethan, kwtraten sie
den Weg der Nevolution, und die Eigenschast
als Gcistliche gab ihnen kein Recht sich außer
das Gesetz zn stcllcn, sie haben vielmehr da-
durch den Beweis geliefert, daß sie kcinc Diener
der Religion, sondern „Dicnev der Revolution"
sind. -Weder die katholischc Kirche, weder der
Papst, noch der Bischof kann die katholischen
Geistlichen crmächtigen, den Staatsgcsctzen keine
Folge zu leisten — thun sie es dennoch, so ver-
faüen sie den Strafgesetzen. WaK die Miß-
handlung bctrifft, so beoauern wir solche. wenn
sic.stattgefunden — wissen aber auch auf das
Bestlmmteste, daß von Seite der Geistlichen
manche handgreifliche Zurcchtweisung mit allcm
Vorbedacht theils im nüchterncn, theils im be-
trunkenen Zustande provocirt wurde.

Der Hirtenbrief enthält im Weiteren viel
von den gewöhnlichen Vorwürfen „der Verfol-
gung der Kirche, dcr katholischcn Religion, von
Mißhandlungen treuer Katholikcn und Priester,
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