Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Andenken, wie erst vor einigen Wochen oder
Monaten ein Conflict zwischen dem damaligen
Vorsitzenden und den Mitglicdern deS Kirchen-
gemeinderalhs ausbrach. Wcnn nun gar erst.
wie die erwähnte Correspondenz bemerkt, hier
Billigkeitsrücksichten entscheiden sollen, blos um
den ältern Mann i'n seinem Einkommen besser
zu stellen, warum sollte es nicht möglich sein,
ihm von dem Einkommen der ersten Stelle
Etwas abzngeben, im Falle der statt seiner ge-
wählte Geistliche ein jüngerer Mann ist. Dieses
ist in keinem Fall im Widerspruch mit der
Kirchenversassung, während das Vorrücken in
derselben nirgends vorgesehen, sondern überall
nur von dem Wahlrecht der Gemeinde auf die
erledigte Stelle die Rede ist. Wir wollten durch
diese Erörterung nur zeigen, daß sich die Frage
allerdings mit Recht auch von einem andern
Standpunct betrachtcn laßt.*)

Aus dem Badischen, 6. April. Das
seit dem Hcrbste v. I. in Wirksamkeit getretene
Jnstitut der Kreisschulräthe hat, soweit
bisher competente Stimmen und Urtheile sich
vernehmen ließen, entschiedenen Anklang gefun-
den. Hinsichtlich zeitgemäßer PLdagogik und
Schulaufsicht ist jedenfalls geschehen, was unter
den obwaltenden Verhältnissen irgend möglich
wär. Die Regierung hat auch in diesem Falle
wieder jene durchaus leidenschaftslpse Gerechtig-
keitsliebe gezeigt, durch welche sie so vortheil-
haft absticht gegen die Haltung der Curie und
gegen das öfters hcflige und animose Gebahren
und Auftreten derselben in diesem Principien-
kampfe, der über Badens Grenzen hinauS eine
gewifse Celebrität erlangt hat, indem sich selhst
italienische, englische und französische Blätter
mit demselben beschäftigen. Ohnc allen Zweifel
stand es vollkommen in der Macht der Re-
gierung. protestantische Geistliche auS dem acti-
ven Kirchendienst für das nun eingeführte Jn-
stitut der Kreisschulräthe zu gewinnen; man
hätte damit, wenn man einen politischen Hieb
gegen die Curie führen wollte, gar leicht dcn
Abstand zeigen können, dcr zwischen der Hal-
tung der beiden Kirchen zum Staatsgesetz be-
fteht. Das großh. Ministerium des Jnnern hat
eS vermiedcn, eine solche, gewissen Kreisen unbe-
hagliche und unwillkommene Vergleichung zu
realisiren.und die Mehrzahl unparteiischer Beur-
theiler wird ihm auch dafür Dank wissen. So
hat sich bei uns in Baden seit einiger Zeit
das Verhältniß völlig umgekehrt: im Kirchen-
regiment berrscht die ungebändigte politische
Leidenschaftlichkeit und das in jüngster Zeit
vorgekommcne, an die G eißelfahrten erin-
nernde Wandern fauatisirter Landgeistlichen und
Laien ohne Wanderbücher; im Staatsregiment
dagegen erblickt man jene ächtchristliche Milde
und Versöhnlichkeit, dic man sonst als die vor-
züglichsten Attribute und crsten Pflichten
der Kirche anzusehen gewohnt war.

Frankfurt, 6. April. Jn der heutigen
Sitzung des Bundestages wurde der bayerisch-
sächsisch-hcssische Antrag mit 9 gegen 6 Stim-
men angenommen. So weit uns berichtet wird,

fich am folgenden Morgen zu schießen, was auch
geschab. Der Majvr reiste nach dem unglücklichen
AuSgange des Duells sofort von Paris ab. Dieses
ist der einfache Verlauf einer Angelegenheit, die
natürlich in Paris nicht wenig Aufsehen macht.

Ueber eine neue Art Bettelei beklagen fich „Ein-
gesandt" in den Londonrr Blättern, — eine Art,
die an Originalität ihreS Gleichen sucht. Die Be-
schwerdcfuhrer, merkwürdiger Wcise meist Advoca-
ten, berichten, daß fast regelmäßig an jedem Mor-
gen, sobald fie, von ihrem Landhause kommend,
auf den Londoner Babnhöfen ausftrigen, alte
Krauen in sehr zerlumptem Costume ihnen ent-

diesen oder jenen Grad von Blutsverwandtschaft
beanspruchen, um Geld zu erpressen. Diescm und
jenem sehr sauberen und sehr ernsten Iustizmanne
fiel eine solche Gestalt um den HalS, mit über-
lanter Stimme rufend: „Mein Sohn, mein so
lange verloren geglaubter Sohn, schäme dich deiner

stimmte Oesterreich für dcn Antrag, währcnd
Preußen eine Protesterklärung abgab und er-
klärte, eS könne eine Erfüllung desselben nicht
in AuSsicht stellen. Der österreichische Gesandte
sah sich hierdurch zu der Erklärung veranlaßt,
daß Oesterreich bis zur vollen Verwirklichung
der berechtigten Ansprüche des Deutschen
Bundes von seinem Mitbesitzrechte Gebrauch
machcn werde.

Jsny (Würtemb.), 31. März. Die Ri n-
derpest um Jmst m Tyrol scheint trotz öffent-
licher Abläugnung in Wirklichkeit doch zu be-
stehen, denn das königl. Oberamt Wangen zeigt
den Bezirksangehörigen die einstweilige Sperre
der bayerischen Grenze gegen Oesterreich hin-
sichtlich der verwehrten Einfuhr von Vieh aller
Art, Pferde auSgenommen, so wie aller thie-
rischen Roherzeugnisse amtlich an.

Münchcn, 5. April. Der RechtSpflege-
auSschuß der Abgeordnetenkammer hat sich
gestern Abend wegen des Antrags auf Amnestie
versammclt. Der Bericht des Referenten Prof.
Edel ist eine nach Form und Jnhalt treffliche
Arbeit, die dem Verfasser in hohem Grade zur
Ehre gereicht. Er erklärt sich mit aller Ent-
schiedenheit für vollständige Amnestie, nicht nur
zu Gunsten der in Contumaciam verurtheilten
Civil-, sondern auch der Militärpersonen, und
nicht blos hinsichtlich der condemnirten Jnlän-
der, sondern ebenso der Ausländer. Es wird
scharf betont, daß das Strcben. welches in den
Bewegungsjahren hervortrat, das Verlangen
nach Herstellung eines auf freiheitlicher Grund-
lage zu einigenden Deutschland ein vollberech-
tigtes war, so sehr, daß seitdem, namcntlich
auf dem Frankfurter Fürstentage, das Bedürf-
niß einer Umgestaltung der deutschen Verhält-
niffe von den Fürsten ausdrücklich anerkannt
wurde. Es wird ferner hervorgehoben, daß in
der Zeit der großen Bewegung nicht etwa
blos von einer Seite, sondern daß ebenso von
der ander-n gefehlt wurde. Humanität und
politische Klugheit (wir möchten beifügen: auch
die höhere Moral) gebieten die Gewährung
der Amnestie. — Jm Ausschusse fand dieser
Bericht allseitige Zustimmung. Wie man ver-
nimmt, harrte man nach der Berichterstattung
auf eine Erklärung des anwesenden Justizmi-
nisterS. Dieser aber bcharrte im Schweigen.
Da erfolgte denn die Abstimmung, d. h. die
einstimmige Annahme des Antrags. Nun erst
äußerte der Justizminister Hr. Bomhard, daß
er eine kurze Bemerkung mitzutheilen habe:
die Negierung kenne nunmehr die Ansicht des
AuSschusses und werde demgemäß ivfort ihre
Anträge dem Könige unterbreiten. — Daß
eine Amnestie erfolgt, steht kaum zu bezweifeln.

Berlin, 5. April. Nach Eröffnung der
sitzung des Abgeordnetenhauses nimmt
— wie schon gestern kurz mitgetheilt — der
Kriegsminister das Wort: „Mit Allerhöchster
Genehmigung bin ich ermächtigt, dem Haus
einen Gesetzesentwurs vorzulegen, betreffend die
außerordentlichen Geldbedürfniffc der k. Marine.
Es dürfte angemessen sein, wenngleich die Vor-
lage selbst und ihre Motive das Nöthige über
den Gesetzesentwurf beibringen, einige Worte I

nothleidenden alten Mutter nicht!" Im Nu ist eine
Maffengruppe fertig. Viele der Neugierigen haben
alles Ernstes ofterS die Partei der „Mutter" ge-
nommen, und wie sehr auck der erstaunte „Sohn"
protestirte, es half ihm nichts. Er konntc dem
Auflaufe und der „ErkennungSscene" nur durch
eine Spende entgehen und hatte noch „moralische
Vorwürfe" der Umstehenden mit auf den Weg
nach seinem Bureau zu nehmen. Das Heiterste ist,
daß Einige, welche die aufg'edrängte Mutter einem
„Gentleman der Polizei" übermachen wollten, von
diesem mit jenem leisen, achselzuckenden Lächeln,
wie nur ein Londoner Policemann lächeln kann,
die Antwort erhielten: „Ich habe Ordre, mich nie
in Familienangelegenheiten zu mischen." Seit dem
öffcntlichen „Eingesandt" ist diesc Art von Gelb-
speculation in Verfall gekommcn.

* LLterarisches.

Wichtig für Gewerbetreibende aller Art ist
die im Verlage von I. Engelhorn in Stutt-

werbehalle", welche vortreffliche Muster für Tifch-
ler, Zimmerleute, Schloffer, Tapezirer, Decora-

über den Jnhalt zu sagen. Das Bedürfmß
nach einer Erweiterung und Vermehrung un-
serer maritimen Streitbarkeit, unserer Wehr-
haftigkeit zur See ist allgemein bekannt. Nicht
bloß innerhalb der Landesvertretung, sonbern
auch in weiteren Kreisen, in der öffentlichen
Meinung ift das Bedürfniß als ein dringen-
des anerkannt. Auch die K. Regierung hat
sich mit dieser Frage auf das Eingehendfte be-
schäftigt, um diesem Bedürfniß. so weit es die
allgemeinen Verhältnisse des Staates gestatten,
Rechnung zu tragen. Die Erfahrungen des
letzten Jahres haben das Bedürfniß der Re-
gierung näher gerückt und ihr zu gleicher Zeit
Fiugerzeige gegeben über die Art und Weise
der Erweiterung. Die Bedürfniß-Frage ist nach
meiner Auffassung und nach Auffassung der
Regierung keineswegs mehr zweifelhaft, es
kommt nur auf das Maß der Erweiterung an,
und darüber können allcrdingS verschiedene
Auffassungen stattfinden. Die Frage, in wie weit
Preußen im Stande ist, dieser Seite seines
Staatslebens höhere Beträge zuzuwenden, ist
zunächst eine finanzielle. Aber die finanzielle
Frage kann dabei nicht allein maßgebend sein,
es handelt sich dabei um die Bereicherung un-
seres StaatslebenS überhaupt, und diese Be-
reicherung unseres StaatSlebens ist nach meiner
Auffassung nicht wcgzuleugnen, sie ist eine Noth-
wendigkeit gewordcn. Es mußte also auch die
Regierung sich die Frage vorlegen, in wie weit
die gewöhnlichen Einnahmen des Staatcs auS-
reichen, um diesem Bedürfniß nach einer Er-
weiterung unserer maritimen Streikräfte zu
genügen. Nach einer reiflichen Erwägung aller
Verhältnisse, bei denen auch die technische Frage
nothwendig eine bedeutende Rolle spielen muß,
ist man zu der gegenwärtigen Gesetzesvorlage
gekommen. Zur Feststellung des Te^nschen ist
der Admiralitätsrath berufen worden, und er
hat in mehreren eingehenden Erörterungen die
Frage festzustellen gesucht. Die gewöhnlichen
Einnahmen des Staats sind nach den Erfah-
rungen der Vorjahre im Steigen begriffen;
es war also auch die Erwartung berechtigt,
daß auch in der Zukunft solche Steigerung
stattfinden würde, und daß der königl. Marine
Behufs ihrer Erweiterung Zuwendnngen aus
dieser Vermehrung der Staatseinnahmen ge-
macht werden könnten." (Siehe auch das gestrige
Telegr.) (Köln. Ztg.)

Berlin, 5. April. Die Budgetcommission
versagte einstimmig der Staatsschuldenverwal-
tung wegen mangelden Etatsgesetzes die Ent-
lastung für die Rechnung von 1862.

Hamburg, 5. April. Die preuß. Bank-
Direction Fallinger und Schayer haben Ham-
burg verlaffen. Dem Vernehmen nach bean-
tragt die von der Kaufmannschaft niedergesetzte
Valuta-Commiffion, die Girobank soll künftig
die Conten in preußischen Thalern führen und
gleichzeitig befugt werden, auf Silber in Barren
und Gold darzuleihen.

K r «i » k r e i ch

Paris, 4. April. Wie der „Constitution-
nel" meldet, gehen MO Mann Truppen nach

> teure, Maler, Bildhauer, Stuccateure u. s. w.
enthält. Iedem Handwerksmeister und Gesellen,.
der es in feinem Fache vorwärts bringen und mit
den stcts neuen Ansprüchen ber Zeit Schritt halten
will, ist ein Organ unentbehrlich, aus dem er fich
belfhren und stetS das Neueste schöpfen kann, und
können wir für diesen Zweck die „Gewerbehalle"
bestens empfehlen, die ein wahres Organ des Kort-
schritts in allen Zwcigen der Kunst-Industrie ist.
Ansprechend finden wir besonders, baß den Erfin-
dungen und Motiven der Ietztzeit immer ausge-
wählte Muster aus der clasfischen und mittelalter-
lichen Zeit neben hergehen. Es wird nie gefehlt
setn, in unsern modernen Bestrebungen stetS auf
diesc meisterlichen Vorgänge das Augc gerichtet zu
haltsn. — Das neueste Hest bringt unS als Ideen
der Ietztzeit: eine Fontäne, einen laufenden Brun-
nen, etnen Fauteuil, einen Lredcnztisch, einige
Goldwaaren, einen Fußboden und einen Zimmer-
plafond, ein Gebetbuch und eine schmiedeiserne
UmzLunung nebst einem Beilagebogrn mit Detail-
Zetchnungen. Dies Alles in einem Monatheft und'
daS Heft zu 24 kr.
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