Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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kidelbtrgrr Zeilung.

Kreisuerkiiildigllngsblatt für den Kreis Heidelberg nnü amtliches Lerkündigungsblatt für die Amts- und AintS-
Gerichtsbezirkc Hcidelberg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 86


Dienstag, >1 April


Besiellungen auf die „Heidelberger
Zeitung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Familienblätte^ für das mit 1.
April 186S begonnene 2. Quartal
werden fortwährend angenommen.

Die Expedition

^ Staat und Kirche in Frankreich.

Jn der großen Sladt an der Scine ift nach
dcn lebhaften Discussionen und nach dcn zicm-
lich hestigen Dcbatten im Senat Windstille in
der Politik eingctretcn. Jm Ganzen ist keine
Partei und kein Mensch mit dem Ergebnisse
zusrieden, obwohl kein Einsichtiger, welcher die
Zustände und Persönlichkeiten einigermaßen
kcnnt, eine andere Abstimmung odcr eine andere
Taktik dcr Rchierung erwarten konnte. Die
Ultramontanen, die da wähncn, jeuscits der
Berge sei ihr Heil und ihre Zuflucht zu fin-
den, wollen Vernichtung des Septembervertrags,
der ihnen ein großer und harter Stein deS
Anstoßes ist; die Opposition will Trennung
zwischen Staat und Kirchc, um die Media-
tisirung desPontificats vollständig zu machen;
die Regierung will weder das Eine noch das
andere, sondern den 8tntu8 qu<. in der Rechts-
frage und sreie Hand in ihrer Hattung gegen
Rom. Nun gibt es aber eine im Parlamente
nur schwach vertretenc Mittelpartei, welchc mit
den jederzeit zufriedencu Leuten der Majorität
nicht zu verwechseln ist. Diese Aufgeklärten
wollen eine tiefere Ansgleichung der Spannung
und sie haben an Rouher's sonst so eindring-
licher Rede kein Wohlgefallen. Diese Mcinung
ist besonders klar in der Wochenchronik der jüng-
sten vue cie8 ri^ux mou<l68 von dem geistvollen
Publizisten Forcarde entwickelt: Rouland, ist
der kurze Sinn dicser bemerkenswerthen AuS-
einandersetzung, hat ein trcues und ergreifen-
des Gcmälde von den ncueren Fortschrittcn des
Ultramontanismus, der allenthalben rastlos
thätig ist, entworfcn; doch statt die Erschei-
nungen nur zusammenzureihcn, hätte er auch
dic Ursachen erforschen sollen. Ein Franzofe,
der sich wundert, daß der Gallicanismus
im französischen Clerus ausstirbt, HLtte sich
sragen müssen, warum gerade der Clerus auf-
hört, gallicanisch zu sein, da dies doch cigent-
lich die vorthcilhafteste Position für ihn sein
müßte.

Dcr Grund liegt tiefer, er liegt in den un-
vollkommenen widersprcchenden Staatsverhäkt-
nissen. Statt möglichstc Freiheit zu lassen, mischt
sich der Staat in alles und die Präfectenwirth-
schaft blüht und gedeiht wie unter der Herr-
fchast des erstcn Napoleon; der Regierung mag
sie Vortheil bringen, aber dem Lande wahrlich
nicht; diese Einrichtung hat ihre guten Seiten,
aber auch ihre sehr bedenklichen schlimmen. Der
Clerus, der zwei Herren dienen soll, zieht den
entfernteren desto mehr vor, je umbequemer
sich ihm der'nähere macht, der ihm auf dem
Nacken sitzt und jede seiner Schritte und Tritte
belauscht. Der Staat ist ewig voll Mißtrauen
und hat vollkommen Grund dazu.

Wenn die Kirche in Frankreich unter die
Bedingungen des allgemeinen Rechts gestellt
würde und diese Bedingungen einen möglichst
weiten Spielraum dcn gerechten Ansprüchen
aus Freiheit ließen, so würde die französische
Kirche in ihrem nationalen Boden wieder Wur-
zeln schlagen, statt Luftwurzeln nach Rom zu
trciben. Wenn ein wahrhaft freisinniges Frank-
reich, wie es den großen Männern der ersten
Staatsumwälzung vorschwebte, jemals wieder i

zu Stande käme, wcnn die Versammlungs- und
Vereinssrciheit, wenn die Freihcit zu reden
und zu schreiben wieder blühte, dann würde cs
mit dcn Kniffen und Pfiffen der hierarchi-
schen Politik bald zu Ende sein, unter denen
das Gewissen der Menschen verbittert, das
frcundliche gesellige Verhältniß wie dic gemüth-
liche Unkrhaltung feindselig gestört, die Köpfe
verwirrr und der Regierung selbst eine Masse
undankbarer Arbeiten gemacht wird. Haben wir
nicht in manchen deutschen Staaten, uament-
lich jüngft erst in Badcn hinsichtlich der Ueber-
griffe und Umtriebe der ultramontanen Partei
ähnlichc traurige Erfahrungen gemacht?

Jn der Lust der Freiheit wird zwischen der
bürgerlichen Gesellschast uud den religiösen Ge- !
scllschaften das Gleichgewicht kommen. Mon- i
tesquieu in seinem unsterblichcn Buche vom
Geist der Gesetze hat dies vor hundert Zahren i
bcreits ausgesprochen. Wer guten Glaubens !
anderswo eine Ausgleichung sucht, wird immer ^
und überall gcgen die Schranken, die der Frei-
heit gestellt wurden, anlaufen und sich dabei
verbittern. Diese hemmenden Schranken gleichen
öfters den Fallen und Fangeisen, die in fürst-
lichcn Jagdbezirken ehcdem vorhanden warcn,
um Wilderer zu erhaschen. Auch daran, daß
die so wichtige Unterrichtsfrage so viel
Widerspruch fand und noch findet. sind die
mangelhasten französischen Einrichtnngen schuld.
Was in dicser und anderer Hinsicht dcr kaiser-
liche Biograph und Geschichtschreiber Cäsars
thun und vollbringen wird, muß abgewartct
werden. Ein Pariscr Journalist meint, die
Zcit sei jetzt gekommcn sür das zwcite Kaiser-
reich, wo es entweder tiefere Wurzeln treiben
oder unfruchtbar werden müsse und wo es dann
bci dem nächsten starken Sturm Gefahr laufe,
entwurzclt zu.wcrden. Man hal diesen frei-
müthigen Plauderer, der so bedenkliche und
staatsgefährliche BetrSchtungen anstellt, bis jetzt
noch nicht geholt und eingesteckt, es könnte
aber noch dazu kommen, indem die einsamen
Zcllcn von Mazas für vorwitzige Journalisten
eingerichtet sind.

* Politische Nmfchan.

Jn einer an die Gesandten Nußlands an
den deutschen Höfen ergangencn Jnstruction,
wclchc denselben nochmals den Standpunct der
russiichcn Regierung in der Herzogthümcrfrage
ausführlich darlegt und sic anweist, bei jeder
sich darbietenden Gelegenheit sich den betreffen-
den Höfen gegenüber in dicsem Sinne zu äußern,
soll, nach der „Karlsr. Ztg." betont scin, daß
Rußland fort und fort entschlossen sei, in der
durchaus reservirten Stellung zu verharren,
welche es sich durch die Uebertragung seiner
Rechte an den Chef des jüngsten Zweiges sei-
ncs Hauses (an Oldenburg) auferlegt, und
daß es Werth darauf setze und die Hoffnung
hege, es werde die Einsicht und die Mäßigung
jeder einzelnen deutschen Regierung derjenigen
Lösung eine bereitwillige Mitwirkung leihcn,
welchc mit Fernhaltung aller selbstsüchtigen Be-
strcbungen und unter vollcr Wahrung der be-
rechtigten Einflußnahme des Bundcs die nur
zu lange schon offene Frage definitiv zu schließen
geeignet erscheinen könnte. Unter allen Um-
ständen aber, und glcichviel wer schließlich in
Schleswig-Holstein zu herrschen berufen wer-
den möchte, werde Rußland darauf bestehen
müffen, daß derselbc mit allen Attributionen
der Souvcränetät die Herrschaft über einen
selbständigen Staat antrete.

Die auswärtige Tagespresfe wird in Frank-

j rcich seit dem Rücktritte Boudcts ungewöhnlich
scharf überwacht. Manche deutsche Blätter sind
in den letzten acht Tagen nicht ein einziges
Mal ausgegcben worden.

Das östcrreichische Abgeordnetenhaus hat sich
biö zum 24. April vcrtagt.

Cardinal Antonelli hat die Annahme des
ihm vom Kaiscr von Mexico verlichenen Adler-
ördcns abgelehnt.

D e II t s ch l a » d.

Karlsruhe, 8. April. Se. Kö»igl. Hoh.
der Großherzog haben, dem von des Prinzen
Wilhelm von Baden, Großherzoglicher Hoheit,
geäußerten Wunsche entsprechcnd, das Fräulein
Emma-von Mollenbec zur Hofdame Jhrcr
Kaiserlichen Hoheit der Prinzessin Wilhelm gnä-
digst zu ernennen geruht.

Durch Allcrhöchste Ordre vom 6. d. M. wird
dem Generalmajor von Böckh, Director dcs
Kriegsministeriums und Bundesmilitärbevoll-
mächtigter in Frankfurt a. M., dic untertha-
nigst nachgesuchte Erlaubniß ertheilt. das ihm
von Sr. Maj. dem König von Würtemberg
verliehenc Großkreuz des Friedrichs-Ordens an-
zunehmen und zu tragen.

Karlsruke, 8. April. DaS heute erschie-
ncnc Rcgbl. Nr. 15 enthält (außer Pcrsonal-
nachrichten):

I. Verfügungcn und Bekanntmachungen dcr
Ministerien. 1) Bekanntmachunqen dcs großh.
Ministcriums dcs Jnnern. u) Die Erthcilung
der Apothekerlicenz an Karl Daetken von Rohr-
bach betreffend. lr) Die Zutheilung der Ge-
meinde Robern zu dem Amts- und Amtsge-
richtsbezirk Mosbach betreffend. 2) Bekannt-
machung des großh. Finanzministeriums. Die
erste diesjährige Gewinnziehung des Lotterie-
anlehens dcr Eisenbahnschuldentilgungskassc zu
14 Millionen Gulden vom Jahr 1845 betr.

II. Todesfälle. Gestorben sind: Am 21. v.
M. der pcnsionirte kath. Pfarrcr A Schwarz
in Walldüru; am 28. v. M. der Stiftungs-
vcrwalter Fr. Beck zu Bruchsal; am 30. v. M.
Major Ludwig v. Seldcneck vom Armcecorps;
am 1. d. M. Rechtsanwalt Fr. S. Derndinger
zu Ettenheim.

c5 Heidelberg, 7. April. Don großer
Bedeutnng waren die vor cinigen Tagen statt-
gehabten Debatten des prcußischcn Abgeordneten-
hauses. Eine Reihe von Eisenbahnvorlagen der
Regierung, in dencn sie theils Gclder zum Bau
von Staatsbahncn, theils staatliche Zinsgarantien
verlangte, sind in einem Umfange angenommen
worden, der allgemein überrascht hat. (Die
Ablchnung der Bankvorlage tritt hiernach weit
zurück.) Damit ist zum thatsächlichen Ercig-
nisse geworden, was lange schon vorauszusehcn
war. Diese Abstimmungen haben dcn Zwicspalt
offen zu Tage gebracht, der in der liberalcn
Majorität des preuß. Abgeordnetenhauses schon
längst bestand. Und zwar ist der Bruch, der
sich herausgestellt hat, keine bloße Behauptung
cines schon bestehenden (wenn auch bishcr nicht
so schroff hervorgetretenen) Unterschieds in den
Grundsätzen der beiden Fractionen, sondcrn cs
haben leider die letzten Abstimmungcn bcwiesen,
daß der Bruch nicht zwischen den beiden Frac-
tioncn, sondern innerhalb ciner jeden
derselben zum Vorschein gckommen ist, und daß
dicser Zwiespalt die ganze bisherige Haltung
de^Majorität gegenübcr der Regicrung in Frage
zu stellen droht. Dies ntuß die nothwendige
Folge jencr Erschcinung sein, daß in den ver-
schiedenen Fragen dieselben Kammermitglieder
heute die und morgen die andere Richtung ver-
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