Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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mcht angreifen will. dieselben könuen und müssen
dis zu einer durch gemachte Erfahrungcn be-
dingten uerjassungsmäßigcn Revision verselben
bcstehen bleiben, und von jcdem gewisscnhaslen
' Staatöbürger befolgt werden. Allcin ivaS nur
im Wcge der Derordnung zu Ztande kam,
z. B. dre Organisation der Oberschulbehörden,
kann auch wieder durch Verordnung ohne Zu-
ftimmung der Stande abgeändert werden.

(Fortsehung folgt.)

Karlsruhe, 12. Mai. Der Bericht des
Abg. Obkirchcr über die an die 2. Kammer gc-
langten Petitionen in der Schulfrage fchließt
wie folgt: Die hohe Kammer wird — so hoffen
wir — durch ihre Beschlußfassung in dieser
Sache zeigen, daß sie die ausgesireuten Besorg-
niffe für unbegründct, die gestelllen Begehren
für unzulässig, am wenigsten aber den Weg der
Nntergrabung gesetzlicher Autoritat und der
höhnenden Darlegung eineS lrügerischen Pro-
ductS in solchem Sinne durchgeführter Agitation
und der Ohnmacht des Gesetzes selbst für den-
jenigen hält, auf welchem sie bestimmt werden
könnte, der großh. Regierung die Abänderung
wohl erwogener, von den Kammern mit so
großcr Mehrheit genehmigler Gesetze in Dor-
schlag zu bringen. -Lie wird auf wachsende
Einsicht im Volke über die wahre Sachlage,
adcr auch auf die Festigkeit der großh. Negie-
rung vertrauen, dem Gesetze die volle Anwen-
dmig zu sichern. Der Antrag der Commission
gehl dahiu: die hohe Kammer wolle über dre
bezeichneten Petitionen zur Tagesordnung über-
gehen.

7* Karlsruhe, 12. Mai. Sitzung der
2. Kammer. Fortsetzung der Verhandlungen
über die Reorganisation der 1. Kammer. Der
Abg. Schaaf:' Eine Verfassung ändere man
nicht wie eine AcciSordnung. Er wenigstens
werdc seine Stimme nicht vazu geben, wiewohl
er wisse, daß eS nichtS nühen werdc; die Re-
gierung werde einflußreichen Stimmen
nachgeben, er bitte nur, daß man sich auf
ein Minimum beschränke. v. Fedcr: weder
mit den allzu idealen Ansichten des Abg. Beck,
noch mit den conservativen deS Abg. Schaaf
könne er übereinstimmcn. Verfasfungen dürfen
nicht unverändcrlich sein, auch sie müßten oen
feweiligen Bedürfnissen angepaßt werden. Er
stimmc der Adressc der 1. Kammer bei unter
der Bedinguna. daß das bisherige Verhältniß
der Mitgliederzahl in beiden Kammern beibe-
halten werde. — Busch für die Adresse; er
will aber, daß man in Bezug auf § 71 der
Verfassung, d. h. bei Abstimmungen über Fi-
nanzsachen, die Stimmen der 2. Kammer dop-
pelt zähle. Knies: die Verfassung sei wie
jedes organische Leben Wandelungen unterwor-
fen, nur die Stellvertretung, welche die Adresse
für die Standesherren und den Erzbischof ein-
führen wolle, sei ein unannehmbares Jnstitut.
— Pickford drückt sein Bedauern aus, daß
zu einem so wichtigen Gegenstand nur eine
kurze Zeit zur Vorbereitung gegeben worden.
Der Präsidcnt bemerkt ihm, daß der Gegen-
stand bald seit einem Jahre eingeleitet worden.
Pickford fährt fort: Die Verfassung sei aller-

sacher Bezirhung mißlich. Ein jeder der, Vercine
vroducirte fich nur mit einer Particularpiece, und
trotz des ex ullFue leouem kann die Kritik daher
nicht genügend orientirt sein. Dazu kommt, daß
die Ltedrr in Bezug auf mufikalische Schwicrig-
keiten theils sehr weit von cinander abstanden;
Abt's „Vineta", von der Heidelberger Licdertafel
vorgetragen, ist z. B. rine Ausgabe, deren voll-
kommeve Lösung nur sehr gut geschultcn Ehörcn
gelingt. Gleichwohl gelang fie dieSmal in befrie-
digendster Weise, und wir tragen deshalb durch-
aus kein Bedenken, den Heidelbergern das Prtn-
cipat in iknscrm friedlichen Wettstreit zuzuerkennen.
Neben ihnen verdienen aber auch die Weinheimer,
Zirgelhauser und Neckargemünder genannt zu wer-
den. Sie alle bewährten viel Präcifion, Frisckc u,.d
Schwung. Der Gesammtchor, den Herr Engeffer
aus Weinhcim (sein Verein sang auch rine seiner
eigenen sehr ansprechenden Compofitionen: „Der
deutsche Männergrsang") dirigirtc, imponirte durch
mächtige Tonfülle. Pon ergreifender Wirkung war
namentlich daS Mendrlsohn'sche „Licd der Deutschen
in Lyon". Die Feier schloß um funf Uhr mit
einigen DaukeSwortcn deS Herrn Götz an Herrn

dings in manchen Pnnkten einer Verbefferung
bedürftig; die Theorie aber könne hier nicht
das letzte Wort sprecheu, sondern nur die Er-
fahrung. Die Vorschlägc der Motion Bluutsch-
li's seien entweder ein Luxus, oder wenn der
Antragsteller hinreichende Capacitäten in die
1. Kammer brinze, eine Abschwächung der
zweiten. Die zweite Kammer habc bis jetzt
allcn Erwarlungen entsprochen; an sie seien
die glorreichstcn Erinnerungen des constitutio-
nellen LebenS in Baden geknüpft. Das Zwei-
kammersystem weroe in deutschen Mittelstaaten
seinem Schicksal nicht entgehen. Er könne sich
mit der Vermehrung der Mitgliederzahl der
1. Kammer nicht einverftanden erklären; man
scheine die Creirung eincs preußischen Herren-
hauses im Auge zu haben, dessen schädliche
Wirksamkeit man kenne. — Gcrwig: die
Motion gehc zn weit; denn die beantragle Um-
gestaltung der 1. Kammer geschehe auf Kosten
der zweiten, und auf Kostcn des bürgerlichen
Gcistes überhaupt. Beck habe Recht, wenn er
von zwei parallel laufenden Kammern fpreche;
man woüe bnrgerliche Baronc schaffen, die
fchwerlich vine Zierde der 1. Kammer sein
würden.

Staatsrath Lamey: er könne dem Satz des
Abgeordn. Beck nichl nnbedingt beistimmen; der
Staatsmann (Nebenius), den dieser im Auge
hade, würde jetzt wohl felbft eine andere An-
sichl haben. Die Regierung verkenne die großcn
Schwierigkeilcn der vorliegendeu Frage nichl,
und habe sie schon in der 1. Kammer ange-
deutet. Die Verhältnisse der Grnndherrlichkeit
feieu andere geworden, die aus ihr füeßendett
Rechte feien großentheils gcschwundcn. Bei einer
Aenderung der Verfasfung seien allein die Jn-
tereffen deS Landes. nicht die eines Hauses allein
maßgebend. Es sei kein absoluter Grund zu
deuken, warum oie jetzige Zusammensetzung der
1. Kammer für alle Zukunft beftehen solle.
Eine angcmesscne Vermehrung ihrer Mitgliedcr
crscheine zur Wahrung ihrcr Würde unentbehr-
üch. Diejenigen. welche das Einkammersystem
wollten, yälten Recht, sich einer Reorganisation
der 1. Kammer zu widersetzen, denn dadurch
erreichten sie sichcrlich in Zukunft ihren Zweck.
— Roßhirt, Moll stimmen unter Beschrän-
kungen für die Vorschläge der Motion; Pagen-
stecher stimml von Herzen den Propositionen
zu; Federcr dagegen.

Der Berichterstatter Häusser rechtfertigt in
fehr gewandtem Schlußwort die Anträge der
Commission, welche unter mehrfachen Modifi-
caüonen die Anträge der Motion billigt. Das
Einkammersystem werde kommen. aber erst wenn
der deutsche Bundesstaat da ist. Wegen vor-'
gcschrittener Zeil (es ist 2 Uhr) werden die
Verhandlungen untcrbrochen, unv in einer Nach-
miltagsitzung (Z^/z Uhr) wieder aufgenommen.

Jn viefer zweiten Sitzung geht die Kammer
zur Specialberathung der Anträge der Commif-
sion über. die meist nach kurzen Debatten mit
Sümmenmehrheit mit nur einer einzigen Mo-
dification hinsichtlich der.Stellvertretung anze-
uommen werden. Wir kommen auf das Wich-
ügere diefer Debatte zurück.

Nach dcm Schlusse dcr Abstimmung erklärt
der Prasident der 2. Kammcr, daß diese den
Beilritt zur Adresse abgelchnt habe, wcil die
angenommenen Anträge der Commi.ssion in
mehreren Punkten von den Vorschlägen der
Adresse abweichen; er werdc übcr dieses End-
rcsultat der ersten Kammcr Mittheilung machen.
Damil wird dic Sitzung um 6 Uhr geschlossen.

7* Kar lsruhe, 13. Mai. Sitzung der II.
Kammer. Aus der Ministerbank: Staatsmini-
sier Stabel, der Präsident des Kriegsministe-
riums Geuerallieulenaul Ludwig, Ministerial-
präsident Or. Lamey, die Minisierialräthe v.
Freydorf und v. Dusch. Das Sekretarial zeigt
den Einlauf mehrerer Pettonen an, darunter
auch gegeil die L)chulreform. Sraatsmiuister
Stabel theilt dem Hause mil, daß Se. Königl.
Hoheil der Großherzog den gegeuwärttgen Land-
tag künftigeu Mttlwoch, 17. Mai, schließeu
werde, und fügt bei, daß unmittelbar nach
Schluß der Kammeru der ständische Ausschuß
berufen werde.

Der erste Gegeuftaud der Lagesordnuug ist
der Bericht des Abg Haager über deu Ge-
setzentwurf, die Gerichisbarkeit und das Ver-
fahren in Untersuchungssachen wegen Refrak-
tion und Defertioil betreffeud. Der Commis-
sionsbericht hatte bemerkl, daß das System des
Eiltwurfs sich gerave uicht ourch Einfachheit
und cousequente Durchführung sich empfehle,
woriu Justizminister Slabel einen Tadel gegen
die Regierung erblicken will; auch diese wüusche
eiu eiufacheres Verfahreu, aber die Bestimmun-
geu des Slrafgesetzbuches seyen hinderlich ge-
wesen; er wäre dankbar, wenn die Commission
angegeben hätle, wie man die ^ache einsacher
hätle machen köllnen. Prestinari: man habe
keinen Tadel aussprechen wollen, sondern nur
die Hofflluilg, oaß die Regierung au die be-
treffeudeu Gesetze bald Halld auleze, damit sie
mit uuserer ueueu Gesetzgebung und den An-
schauungen der Neuzeil überhaupt besser über-
einstimmten.

Der Gesetzentwurs selbst gibl zu keinen be-
merkeuswerthen Debatten Anlaß, und wird
schließlich mit den oon der ersten Kammer
gemachten unbeoeulenoell Aenderungen einstim-
mig ailgeilommell.

Der zweite Gegenstand der Tagesordnung
war oer Bericht des Abg. Prestinari über den
Gesetzes-Entwurs, die Gerichtsbarkeit in Pri-
valsachen der Miütärpersoneil betreffend. Nach
diesem Entwurs soll nur dre bürgerliche Ge-
richtsbarkeit mit einigen Beschränkungen den
orventüchen Gerichten des Landes übertragen
werden, nicht aber auch die Strafgerichtsbar-
keit sür gemeine Verbrechen und Vergehen her
Miülärpersonen; und voch hat gerade das Straf-
versahren der Militärbehörden die lautesten
und begründetsten Klagen hervorgerufen, und
das Verlangen nach Aufhebung der' Militär-
gerichtsbarkeit immer allgemeiner und dringen-
der gemacht. Die bestehenden Gesetze und Vor-
schriften entsprechen nach Jnhalt und Form
den Ansorderungen der dteuzeit nicht mehr;
sie sind einer gründlichen Revision bedürftig.
Die Kommission stellte daher den Antrag, die

Engesser, der fich der Vorbereitung und Leitung
des Concerts mit der aufopferndsten Hingabe un-
terzogen hatte. — Im Städtcken wirkte die fest-
liche Stimmung noch länger fort, namentück wäbrte
in den Gasthäusern zur Harfe, zum Schwan und
zum Hirsch bis spät in die Nacht die munterste
Fröhlichkeit bei Trunk und Tanz. Der Tag verlief
ohne jede Störung, und so kann er zwar keine

der freundlichen Erinnerung aller Neckarsteinacher,
sowie unserer GLstc noch lange fortleben.

Oic Mutter im Sprichwort.

„Es gibt keinc solchc Mutter," sagt der Spanier.
„wie die, wclche ihr Kind getragen hat."

„Einer Mutter Liebe ist die beste von allen,"
heißt es hindostanifch.

Der Bergamaske sagt:

„Mutter mein immer mein,

Möge reich oder arm ich sein."
und der Vrnetianer:

„Mutter, Mutter!

Wer fie hat. ruft fie,

Wer fie nicht hat, vermißt fie."

, Der Deutsche hat über den Werth der Mutter
die köstlichsten Sprichwortperlen:

i „Besscr einen reichen Vater verlieren, als eine
! arme Mutter."

„Was dcr Mutter ans Herz geht, geht dem Vater
l nur ans Knie."

! Der kindliche Russc sagt sehr poetisch:
j „Das Gebet der Mutter holt vvm Meeresgrunde
herauf."

Der Lzecke und Lctte sagt:

„Mutterhand ist weick, auch wenn fie schlägt."

Fast bei allen Völkern gilt das Svrichwort:

„Eine arme Mutter kann eher fieben Kinder
ernähren, als sieben Kinver eine Mutter."

Was Mütter leiden müssen, drückcn die Italie-
ner mit den Worten aus:

„Mutter will sagen: „Märtyrin'."

Der Verlust einer guten Mutter ist unersetzlick.

> „Ohne Mutter find die Kinver verloren, wie die
Bienen ohne Wcisel", spricht der Russe.

„Wenn dte Mutter stirbt, löst die Familie sich",
sagt der Indier.

„Jst die Mutter todt, ist der Vater blind", —
der Italiener.

Darum, ibr Mütter, reich oder arm, könnt ihr
stolz sein auf den Sckmuck diescs Namens, wenn
ibr ihn rechtfertigt durch die That.
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