Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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an. wo die Curie ernstlich ihrer Seits Frieden machcn
will, ist der Friede qcmacht. bört dic bestebende Auf-
re.'.ung im Lande bis in die entserntesten Bergtb^er mit

ich vötlkommen ^mit Dem überein, was Hr. Ministerial-
rath Jolly hinsichtlich des hohen WerHeS deS Religions-
unterrichtes und über Confessic-nSschulen gesagt hat. Jch

richtung bei uns hielte ich für ein große« Ünglück. Ein
Volk, das statt mit der Milch des ckristlichen GlaubenS

bald zu Grnnde geben. Die einfache TageSordnung hat
nichlS Berletzendes, ntchtS RücksicktSloses für die Pe-

Karlsruke, 20. Mai?Die K. Z. "schreibt an
bcvorzugter StelleDie „L. Z." bringt in ihren
drei lctzten Nrn. unter verschiedenen Correspon-
denzzeichen Artikel. deren Tendcnz dahin ge-
richtct ist. dem Lande den Cindruck zu geben,
als ob die Politik der großh. Regierung unter
dem Eindruck der Kammerverhandkungen eine
Wandlung erfahren habe. Während die früheren
Artikel Namens der Kammer sprechen zu dür-
fen sich den Anschein gaben, drückt ein neuester
sich über die Stellnng der Regicrung mit einer
Posttivität aus, welche es nothwendig macht,
auf den Umstand aufmerksam zu machen, daß
weder die „Landeszeitung" noch ihr Correspon-
dent über die Auffassung der Regierung sich
rühmen können, irgcndwie unterrichtet zu sein.

Wenn derselbe daher schreibt: „Auf die Re-
gierung ist diese einmüthige Kundgebung der
Volksvertretung nicht ohne Wirkung geblieben,
und mit Recht" — sa wird er darin so wenig
Glaubcn verdienen, als wenn Tags zuvor die
Jntention der Kammcr in folgenver Weise dem
Publikum dargestellt wird: „Zum ersten Male
scit 4 Jahren hat es die Kammer für nöthig
gefunden, mit unverkennbarer Absichtlichkeit
an die Regierung eine Mahnung zu folgcrich-
tiger und scharf bestimmter Festigkeit auf den
Grundsätzen von 4860 zu stellcn." Beide Vor-
gänge mögen in den Wünfchen des odcr der
Verfasser gelegen haben.

Die Thatsachen sind folgende: Die großh.
Regierung hat der zweiten Kammer in einer
bestimmt formulirten Erklärung die Gruudsätze
dargelegt, nach welchen sie in der Schulange-
legcnheit verfahren wird. Die Discussion im
Hause hat Nichts erbracht, was Veranlassung
zu einem Abweichen von der Linie geben könnte,
welche ste stch damit für ihr Handeln vorge-
zeichnet hat. Ein Druck auf die Ueberzeugung
lrer großh. Regierung hat von keiner Seite
ausgeübt werden wollen, und gewiß würdc er
von keinem ihrer Mitglieder angenommen wor-
den scin. Zu welchen Erwägungen die Letztern
sich in Folge der verschiedencn kundgegebenen
Meinungsäußerungen veranlaßt gesehen haben,
darüber glanben wir um so znrückhaltender
sein zu sollen, als die Berathungen über die-
selben noch nicht abgefchlossen sind. Schwerlich
dürften die Ergebnisfe indessen mit den Nach-
richten des Correspondenten der „Landesztg."
zusammenstimmen.

* Heidelberq, 22. Mai. Ueber das von
uns unter allem Vorbehalt mitgetheilte Gcrücht
von dcr Ermordung Napoleons bringt die „N.
Fr. Z." noch folgende Details aus Frankfurt
vom 20. Mai: Heute früh waren über Brüsfel
hierhergelangte Gerüchte von einem Attentat
auf den Kaiser Napoleon vcrbreitet. Es herrschte
große Aufregung in der Stadr, und zahlreiche
Tclegramme mit Anfragen wurden nach Brüssel,
Paris und London hinausgesendct. Gegen Mit-
tag wurden sene Gerüchte durch cinlaufcnde
Depeschen aufs allerbestimmteste für erfun-
den erklärt. Jn Brüssel scheinen solche
Allarmnachrichten fabrikmäßig erzeugt zu wer-
den, man ist über die leichtsinnigen Verbreiter

derselben mit Recht eNtrüstet. An der Börse
blieb von dcr während des ganzen VormittagS
dauernden Aufregung eiue gewisse Verstimmung
zurück, die in niedrigeren Cursen ihren Aus-
druck fand. Wahrscheinlich sind jene Gerüchte
schon nach auswärts gedrungen und hatten
. Verkaufsordres hergebracht. Das Gcschäfl war
im Ganzen nicht bedeutend und die Tendenz
bis zum Schlusse unverändert matt. '

Dagegen melden heute hier eingelaufene Pri-
vatnachrichten aus Frankfurt, deren Bestätigung'
zwar abzuwarten, dic jedoch innere Wahr-
fcheinlichkeit in sich tragen, daß die Unionisten
den Präsidcnten Jefferson Davis unweit Aork-
town erreicht und mit seiner Begleitung ver-
haftet hättcn.

Aus Baden, 19. Mai. Der S.M. schreibt:
Unter den Planen für eine Vereinigung mit der
Kurie nimmt die Bildung einer kathol. Sektion
des Oberschulraths eine vielbesprochene Stelle
ein. Diese Anordnung klingt sehr unfchuldig,
sie wäre aber ein starker Rückfchritt aus der
Gesetzgebung des Jahres 1860 und würde
uns mitten auf die Bahnen einer Vergangen-
heit führen, der wir uns mühsam entrungen
haben. Der Staat als solcher hat nach unsern
Gesetzcn keine Konfession, und nicht nur nach
unsern Gesetzen, sondern nach der gesammten
Weltanfchauung des 19. Jahrh. Bci der ein-
zelnen Schule können wir daher den konfes-
sionellen Bestand vollkommen ehren, bei der
allgemeinen obersten Staatsschulbehörde dürfen
wir aber nicht plötzlich ein konfessionelles Re-
giment einfügen in eine neue Gcsetzgebung, die
sich die Grenzvercinigung zwischcn Staat und
Kirchc geradezu und in erstcr Linie znr Auf-
gabe geseht hat. Auf dieser verfasfungsmäßi-
gen Grundlage kann ein Friede nur bestehen
durch Verminderung, nicht durch Vermehrung
der Berührungspunkte. Mit Freuden hat man
daher vernommen, daß auch, gemäß unserem
bürgerlichen Gesetzbuch, die Umgestaltung der
bürgerlichen Standesbeamtuug fich vorbereitet.

Berlin, 20. Mai. Preußen hat Oester-
reich vorgeschlagen, dic Schleswiger zu amne-
stiren, welche wegen einer Petition an Napoleon
verurtheilt worden. Der preußifche Civilcom-
missär hat Weisung erhalten, eine Untersuchung
über den Bestaud der dänischen Sprache in
Nordschleswig anstellen zu lassen. Oesterreich
ist eingeladen worden, sich daran zu betheiligen.

Berlin. 20. Mai. Jn dcr heutigen Sitzung
des Abgeordnetenhauses wurde die Funktion der
Oberstaatsanwälte kritisirt. Der Justizminister
weist die Beschuldigung zurück und sagt, die
Staatsanwaltschaft habe stets ihre schwere Pflicht
gewifsenhaft erfüllt.

Der Abgeord. Twcsten kritisirt lebhaft die
Sprüche des Obertribunals, die Auslegungen
des Preßgefetzes, die Einleitung des Polen-
Processes, die Prozesse wegen der Stellvertre-
tungskosten, sowie die Erlasse des Disciplinar-
hofes. — Der Justizminister äußerte darauf:
Es ist mir vorgeworfen worden, ich korrum-
pirte dic Gerichte. Jch habe vom Richter nichts
verlangt, als die Fernhaltung der politischen
Strömung. Jn Betreff des Vorwurfs, ich hätte
Perioncn befördert, die in den Prozessen wegen
der Stellvertretungskostcn für den Fiskus vo-
tirten, bemerke ich: es sind auch Beförderungen
von solchen vorgekommen, die gegen die Regie-
rung votirten.

Leipzig, den 17. Mai. Eine heute Abend
im Odeon gehaltene Volksversammlung war
zahlrcich besucht. Abg. Franz Dunker aus
Berlin und nach dem Prof. Biedermann
von hier sprachen über die Stellung Preußens
zu Schleswig-Holstein. Dunker verwarf die
Annexion, ermahnte aber die gesammte natio-
nale Partei in Deutschland, die Vertreter die-
ser Richtung im preußischen Abgeordnetenhause
durch immer neue Vota wcnigsteus in den-
jenigen Ansprüchen an die Herzogthümer zu
unterstützen, welche unerläßlich durch die Lage
Preußens bedingt wären, namentlich in der
Fordcrung der maritimcn Konvention mit
Schleswig-Holftein.

Leipzig, 18. Mai. Die Mitglieder der
Tarifcommission der hiesigen Buchdruckerge-
hülfen sind nach der „D. A. Z " unter der
Anklage, gegen ihre Berufsgenossen moralische
Zwangsmittel angewendet und sie dadurch zur
Theilnahme an der Arbeitseinstellung genöthigt

zu haben, vom Rath, als dcr competenten Ge-
werbspolizeibchörde, znr Uutersuchung gczogen
und auf Grnnd vom § 73 des Gewcrbcgesetzcs
zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt worden.
Sie habcn dagegen Berufung angezeigt.

Dresden, 19. Mai. Es wird ein mittel-
staatlichcr Bundesantrag von ungefähr folgen-
dem Jnhalt vorbereitct: Die Bundesversamm-
lung wollc beschlicßen, daß ein Gesandter für
Holstein - Lauenburg wieder zur Bundesver-
sammlung zugelasscn werde, und gegen Oester-
reich und Preußcn die Erwartung aussprechen,
daß sie baldigst Eröffnungen machen, was unter
ihnen, bezüglich dieses Punktcs, sowie neuer-
dings wegen fofortiger Einberufung der hol-
steinischen Stände vereinbart sei.

Wien, 20- Mai. Unterhaus. Die Debatte
über den Handelsvertrag mit dem Zollverein
wird beendet. Alle Vertagungsanträge werden
abgelehnt, dagegen wird der Antrag der Majo-
rität des Ausschusses (dem Hnndelsvertrag die
Zustimmung zu ertheilen) mit großer Majo-
rität angenommen.

Frankretch

Paris, 17. Mai. Der schon bejahrtc Ober-
befehlshaber der französischen Truppen in
Mexiko. Atarschall Bazaine, wird sich mit der
minderjährigcn Tochter eineS dcr reichsten
Mexikaner verheirathcn.

ParLs, 20. Mai. Heutc erscheint Per-
fignys Broschüre, welche sich über Jtalien sehr
günstig ausspricht. Der Verfasser glaubt fest
an den definiliven solidcn Bestand der Einheit
Jtaliens, und daß Jtatien einst reich genug
sein werde, Venetien zu kaufen. Frankreich
sei, um die Herrschaft Ocsterreichs zu zerstören,
nicht um ihr cine Franzosenherrschaft zu sub-
stituiren, nach Italien gegangen. Der Verf.
kritisirt weitcr die in Rom herrschende anti-
französische' Partei, und hofft schließlich eine
Wiederversöhnung des PapstthumS mit einem
freien und selbstständigen Jtalien.

G u g l a n D

London, »19. Mai. Jm Unterhaus fragt
Hr. -Griffith an, ob die britische Regierung der
amerikanischen Unionsregierung Vorstellungen
zu machcn gedenke in Betreff der Behandlung
der Rcbellcnführer? Lord Palmerston antwortct,
die Rcgierung Jhrer Majestät beabsichtigc keiner-
lei Einmiscbung.

A m e r i k a.

Newyvrk, 6. Mai. Präsident Johnson
hat folgende Proklamation erlaffen: „Da es
aus Beweisen in den Akten des Militärdeparte-
ments erhellt, daß die Ermordung Lincoln's
und die beabsichtigte Ermvrdung Seward's durch
Jesfcrson Davis, Jakob Thompson, Clement
C. Cleari, Beverlei Tucker, George N. Saun-
ders, W. C. Cleary und andcre Rebellen und
Verräther gegen die Regieruug der Vereinigten
Staatcn, welche sich in Canada aufhalten, an-
gestiftet, vereinbart und zurAusführung gebracht
worden, so werden die folgcnden Belohnungen
für die innerhalb der Grenzen der vereinigten
Staaten geschehene Haftnahme geboten: 100,000
Dollars für DaviS; 10,000 Dollars für Cleary
nnd 25,000 Dollars für jeden der Andern.
Cleary, den die große Jury in Toronto (Canada)
wegen Neutralitätsbruches vor die Assisen zu
stellen bcschloß, hat sich ergeben. Er stellte
cine Bürgschaft von 8000 Doll. und wird vor
den Oktober-Assifen abgeurtheilt werden. Be-
verlei Tucker und Cleary leugnen aufs Ent-
schiedenste Kenntniß von den Mordanfällen ge-
habt zu haben. Gcorge N. Saunders und
Tucker haben ein Manifest erlassen, worin sie
Präsident Johnsohn „des höllischen Vorhabens"
beschuldigen, „er habe ihrcn christlichen Präsi-
denten" (Davis) morden wollen! Sie erklären
sich bereit nach Rouse's Point oder jeden an-
deren Platz zu kommen und sich aburtheilen zu
lasfen, wenn dic Unionsregierung ihre Ver-
theidiger bezahlen und ihre Sicherheit verbür-
gen will. Washingtoner Depeschen versichern,
daß bei der kanadischen Regierung das förm-
liche Verlangen gestellt worden sei, die bcim
Morde betheiligten Verschwornen, welche im
Gebiete ihrer Gerichtsbarkeit sich befinden, aus-
zuliefern. Canadische Zcitungen melden die
Ankunft Surratt's in Canada.
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