Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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bekannt wären, daß man alles Mögliche und
Unmögliche von ihnen erwarten dürfte. Es
lohnt nicht der Mühe, immer wieder darauf zu
verweisen, wie in einem conslitutionellen Staat
der Ncgiernng ihre ganz feste Bahn durch die
Gesctze vorgezeichnet ist. Die einzelnen Parteien
mögen verschiedcner Ansicht

sein, darüber gibt es aber keine Meinung, ob
ein Gesetz auszuführen und ob EtwaS gegen
dic Gesetze gcschehen dürfe. Wohl hat es die
Regierung zugesagt. daß sie einer Vcrstandi-
gung mit der Curie nicht aus dem Wege gehen
werde. aber damit hat sie nicht versprochen, sich
mit der Curic über die Gesetze hinweg
zu berstandigen. Seit einer Woche befindet sich
ein Seminardirector aus Frciburg hier, um sich
über die hiesigen Ans dauungen zu orientiren;
falsch ist, daß derselbe Unterhandlungen mit
der Regierung führe, falsch, daß er irgend
welche Fvrderungen hier gcstellt habe, falsch.
daß ihm Gegenvorschläge gemacht seien. Daß
von verschiedenen Seiten seit Jahr und Tag
versucht wurde, eine Verständigung zwischen der
Regierung und der Curie herbeizuführen, ist
bekannt genug, aber auch, daß die Curie es
bisher vermieden hat, ihre Wünsche zu formu-
lircn; ebcn so, daß jede Entgegnung an die
(berufenen und unberufenen) Unterhändler Sei-
tens der Regiernng mit der Erklärung begon-
nen hat, die Vorbedingung jeder Verhandlung
müsse die rückhaltlose Anerkennung des Gesetzes
durch die Curie sein.

<5 Vou» Neckar, 17. Mai. Jn der bren-
nendstcn unserer inneren Fragen, der Schul-
frage, hat die Regierung in der letzten Kam-
mersitzung ihre Ansicht in amtlicher Weise kund-
gethan. Sie ist so ausgefallen, daß Diejeni-
gen sich nicht getäuscht haben, welche die volle
Energie des Gesammtministeriums gegen die
Uebergrifie und Auflehnungsversuche der Curie
als cin Recht des Volkes beansp^uchten. Denn
so viel ist richtig, eine Regierung kann über-
hanpt einen solchen Kampf nur herbeisühren,
wenn sie in allen ihren Gliedern einmnthig
. entschlossen ist, ihn kraftvoll zu Ende zu führen.
JedeS Nachgcben zu Gunsten oc« Ulnamon-
taniSmus wäre mit dem Geiste dcr Gesetzgebung
von 1860 unvereinbar erschienen und hätte —
wäre es auch in dcr besten versöhnlichen Ab-
ficht geschehen — schließlich Niemand befricdigt.
Der Gedanke, die klerikalc Partei zu befriedi-
gen, ist an und für sich schon ganz unausführ-
bar. Bei jeder Gelegenheit würde sich das alte
Verfahren wiederholcn — und auf der andern
Seire würde ein theilweises Fallenlasscn der
Reformideen nur die Abneigung der Freunde
des Fortschritts zur Folge haben. Gerade bei
einem Gegenstande, wo nothwendigerweise die
Principien sich schrofi gegenüberstehen, haben
alle vermittelnden Elemente keinen dauernden
Erfolg und nicht einmal den vollen Dank der
einen oder andern Partei zu erwarten. Will
man die Stellung der badischen Regierung rich-
tig beurtheilen, so darf man übrigenS nie ver-
gefien, daß die Confessionsschule noch immer
den Gegenstand des Kampfobjectes bildet. Der
Minifter des Jnnern, Hr. Lamey, hat deshalb

IbHubikmeilen also sür 80,000 Iahre hinreichend.
Berechnet man, wie viel Holz nöthig sein würde,
um diese 16 Cubikmeilen Kohlenmaffe zu bilden,
so findet man, daß dazu die ganze Erdoberfläche,
das Meer mit inbegriffen, mit einem 134jährigen
Walde bedeckt sein müßte. A. D.

(Bestrafte Eitelkeit.) Einer rusfischeu Grä-
fin begegnete es, daß fie auf einem der letzten^glän-
zenden Bälle im Pariser Hotrl de Ville mit Schrecken
plötzlich bemerkte, wie ihr früher schwanenweiß ge-
wesener HalS und die wie Alabaster schtmmernden
Schultern, und daS mit dem Weiß der Lilie pran-
gende Antlitz fich plötzlich mit der Schwarze deS
Ebenholzes färbten. Die Arme hatte fich zur Er°
zielung deS AlabasterteintS etnes jener brrühmten
Waschwaffer bedient, deren Hauptbestandtheil Blei
ist. WLhrend der Fahrt von threm Hause bis zum
Hotel de Ville war fie durch eine Gasse grkommen,
in der eben einr jener tn der Regel nur zur Nacht-
zeit durchgeführten Operationen stattfand, bei denen
fich aus den Srnkgruben und Canälen Schwefel-
wafferstoffgas entwickelt; daS GaS hatte fich nun
mtt dem der Haut noch anhangenden Blei combt-

ausdrücklich erklärt, die Regierung werde an
diesem Standpunkte festhalten. (Damit sind
auch die in letzterer Zeit vielfach auftanchen-
den Gerüchte von eincr Nachgiebigkeit der Re-
gierung oder gar einem Rücktritte des Mini-
steriums sattsam widerlegt.) Eine Nachgiebig-
keit gegen die klerikale Partei würde dieselbe
nur zu größeren Forderungen anspornen. Hat
dieselbe ihre jetzige Agitation doch crst da be-
gonnen, als sie sich von ihrer Ueberraschung
erholt hatte, daß auS dem Gesetze von 1860
nicht die gewünschte oder confessionslose Schule
heransschlüpfte; unG frohlocken doch die Kleri-
kalen im Stillen jetzt darüber, daß sie mit
ihrer Agitation wenigstens das erreicht haben,
daß an eine solche durchgreifende Schulreform
mit confessionslosen oder Communalschulen jetzt
nicht mehr gedacht wcrden könne.

Freiburg, 22. Mai. Heute tagte hier die
Wanderversammlung badischer Landwirthe im
Saal des Museumsgebäudes unter dem Vorsitz
des Frhrn. v. Türckheim. Nachdem die Saz-
zungen kurzer Hand angenommen waren, wurde
zur Erörterung der vorausbestimmten Themala
geschritten. Das erste derselben betraf die Ver«
pflichtungen, welche der Staat gegenüber den
kleinen Grundbesitzern habe, und erfuhr eine
sehr eingehende Besprechung,, an welcher sich
außer Prof. v. Mangoldt, dcr den einleitenden
Vortrag hielt, u. a. die Professoren Stengel
und Diezel aus Karlsruhe, Regierungsrath Rau
dahier, Dr. Herth von Heidelberg, Generalsecre-
tär v. Langsdorff, Bürgermeister Heidenreich
von Müllheim, der landwirthschaftl. Wander-
lehrer Gsell, Oekonom und Jnstitutsvorsteher
Bender von Weinheim rc. betheiligten. Das
schließliche Ergebniß war die Annahme einer
von Hrn. Lauter, Directionsmitglied der bad.
Tabaksbaugesellschaft, vorgeschlagenen Nesolu-
lion, welche die Regierung für verpflichtet er-
klärte, für die Errichtung landwirthschaftlicher
Mittelschulen- zu sorgen und die landw. Ver-
eine mit den erforderlichen Mitteln zur Ver-
breitung landwirthschaftlicher Kenntnisse auszu-
statten. Die zweite, der Besprechung ausge-
setzte Frage drehte sich um die Betriebsweise,
welche dermalen für größere Gutswirthschaften
als entsprechend und lohnend bezeichnet werden
könne; bei der Discussion waren es insbeson-
dete die Nothwendigkeit uud die Vortheile der
Drainage, welche. auf das gründlichste erörlert
wurden. Die heutigen Verhandlungen, bei wel-
chen etwa 60—70 Theilnehmer anwcsend wa-
ren, dauerten mit einer zweistündigen Unter-
brechung von 9 Uhr früh bis Abends 5Vz Uhr.
Morgen werdcn dieselben fortgesetzt, worauf
Nachmittags und am folgenden Tage landwirth-
schastliche Ausflüge gemacht werden sollen.

Freiburg, 24. Mai. Jn der gestern ab-
gehaltenen Sitzung der Wanderversammlung
badischer Landwirthe und Gutsbesitzer wurde
als der nächstjährige Versammlungsort Hei-
delberg und als geschästsführendes Präsidium
Staatsrath v. Rüdt und Dr. Herth gewählt.
Nachdem hierauf Prof. Stengel das Programm
einer landwirthschaftlichen Hochschule entwickelt
hatte, wurde der Tagesordnung gemäß zur Er-

nirr und so vie Umwandlung einer Europäerin in
eine Negerin herbeigeführt. (Jn Schwefelthermen,
so in den Vollbädern in Baden bei Wien, find
ähnliche Erscheinungen häufig beobachtet worden.)

* LLterarisches.

Das soeben rrschienene dritte Heft der von
Rudolf Gottsckall herauSgegebene» Neucn Folge
von „Unsere Zeit" (Leipzig, F. A. BrockhauS)
enthält folgenve Aufsätze: „Der Kriog gegen Däne-
mark im Aahre 1865", erster Artikel; „Die Nil-
quellen nach den neuesten Forschungen und Ent-
deckungen"; „Der Nord-Ostsee-Kanal"; und ein
reichhalttgeS Feuilleton.

Die jedenfalls aus militärischer Feder stammende
Darstellung des Kriegs gegen Dänemark zeigt be-
reits in diesem ersten Artikel ebenso quellenmäßige
Genauigkeit wie Schärfe der militärischen Kritik.
Wir sehrn der Fortsetzung dieser etngehenden Sckil-
derung deS deutsch-dänischen KriegS mit Spannung
rntgegen. Der Artikel über die Nilquellen ist ohne
Zweifel aus der Feder eines tüchtigen Geographen
gefloffrn, der vas Einzelne im Zusammenhang mit

örtcrung der Frage übergegangen, welche Mittel
der Staat zur Hebung der Pferdezucht gegen-
über der freien Thätigkeit auf diesem Gebiete
in Anwendung bringen solle. Referent hier-
über war Hr. ZLger; an der Debatte bethei-
ligten sich insbesondere die HH. Dr. Herth,
Lauter, Wenz; die schließlich gefaßtc Resolution
ging auf Förderung dcr Privatzüchter durch
Prämiirung. Das nächstfolgende Erörterungs-
thema betraf die neucrcn Fortschritte, welche in
der Behaudlung dcr Weine und Weinberge ge-
macht worden. Als Referent trat Hr. Nestler,
als Redner die HH. Dr. Herth und Bender
auf. Schließlich sprachen das Präsidium und
die HH. Referenten einander wechselseitig Dank
und Anerkennung für ihre rcsp. Leistungen und
ihre Mitwirkung zur Förderung so hochwichti-
ger Jnteressen aus.

Der gestrige Nachmittag war dem Ausfluge
nach der Hochburg gewidmet, insbesondere der
Besichtigung der Wiesenculturcn unter Führung
der HH. Director Jägcr und Wiesenbaumeister
Abel; auch einem Probepflügen wurde mit leb-
haftem Jnterefie beigewohnt.

Aus Baden, 23. Mai. Außer den 16
durch das Loos ausgeschiedenen Mitgliedern der
zweiten Kammer beabsichtigen bis jetzt noch 5
bis 6 Abgeordnete ihr Manoat niederzulegen.
Die nicht unbedeutenden persönlichen Opfer, die
der Einzelnc zu bringen hat, sind wohl der
Grund dieser Erscheinung, die früher bei uns
nur höchst selten vorkam. Unter den freiwillig
Austretenden besinden sich, wie der „S. M."
vernimmt, auch Prof. Hchusser, dessen Aus-
tritt seine Freunde im öffentlichen Jnterefie
nur beklagen könnten.

Nürnberg, 22. Mai. Die gestrige Volks-
versammlung zum Zweck einer Besprechung
über den Erlaß des Ministeriums des Jnnern,
über das Verbot der Versammlungen und Peti-
tionen der Landwehrmänner, hat die vom Mi-
nister v. Ncumayr auf die Völk'sche Jnterpel-
lation abgegebene Erklärung als nicht befrie-
digend angesehen, wenn sie auch formell den
Landwehrmännern ihr Recht als StaatSbürger
wahre. Jedenfalls sei das Vertrauen in den,
wie man annehme, rreisinnigsten Minister er-
schüttert, ünd es sei darauf hinzuwirken, daß
das gegenwärtige der Reaction zugethane Mini-
sterium durch ein volkthümlicheres und libera-
leres crsctzt werde. Es wurde deßhalb eine Re-
solution, welche eine Reihe von Jndizien rück-
schrittlicher Bewegung der bayerischen Regierung
anfführt, als Ausdruck der in der Versamm-
lung herrschenden Stimmung angenommen, und
die Uebermittelung derselben an die Landstände
durch den Vvrstand und Ausschuß des Volks-
vereins beschlossen.

Wien, 23. Mai. Graf Mensdorff sagte
gestern im Finanz-Ausschusse, die römisch-ita-
lienischen Unterhandlungen seien blos kirchlicher
Natur. — Rußland verschärfte die Gränzbe-
wachung Polens, wcil es einen Jnsurgenten-
Einbruch aus Galizien besorgt.

G n g ! ^ d

London, 23. Mai. Unterhaus. Hr. Ma-

dem Ganzen drr Erdoberfläche betrachtet, die ge-
gebenen Thatsachen in einen wissenschaftlichen Zu-
sammenhang zu bringen sucht und ein anschaulicheS
Bild der Nilquellen selbst wic aller derjenigen Flüffe
gibt, durch deren Zusammenfluß der ehrwürdige

Interesse ist ver Artikel über den Nord-Ostsee-
Eanal, indem der Verfaffer dessclben fich nicht für
die officiell in Ausficht genommene Linie ves Ober-
baurathS Lentze: Eckernförde-St.-Margarethen,
entscheibet, sonvern für die Linie Kiel-Brunsbüttel.
Die Gründe des Verfassers find jedenfalls sehr
inS Gewicht fallend und zeugen dabei von solcher
Sachkenntniß, daß deren Darlegung eine nochma-
lige Prüfung der beiden Projecte seitens der preußi-
schen Regierung veranlaffen dürfte. Das Feuilleton
bringt Nekrologe von Otto Ludwig und Eardinal
Wiseman, literarische Kritiken vorzugsweise über
Laube's und Brachvogel'S neue Romane, und No-
tizen aus dem Gebiete des Theaters, der Alter-
thumskunde und Technologie.
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