Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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senstrich vor dem Stationshaus am Neckarufer
hin dazu abgetreten, und die Erdarbeiten sollen
nächsteus schon in Angriff genommen werden.
Man sieht es hier wieder: wo sich ein wirk-
liches Bedürfniß zeigt, da macht es sich eben
geltcnd und verlangt, daß ihm entsprochen werde.
Das wird sich auch noch mit der projektirten
und schon so viel besprochenen, stehenden Brücke
bei Neuenhcim zeigen, wo der Verkehr der
Eisenbahn mit der Bergstraße ein noch viel
stärkerer ist, als oben am Neckar zwischen dem
Odenwald und der Eiscnbahn. Große Umwege
und alle Arten von Schwierigkeitcn sind jetzt
nicht mehr an der Tagesordnung, sondern viel-
mehr direkte und lcichte Verbindungen mit den
Schienenwegen. Für die Besucher der Station
Schlierbach dürfte es von Jnteresse fein, zu
erfahren, daß die Eisenhardt'sche Bierhalle,
welche oben an der Anlagc stand und welche
der Nestaurateur auf der Station käuflich an
sich gebracht hat, nun an einem Punkte aufge-
stellt ist, von dcm auL man eine schöne und
weite Aussicht auf dcn Neckar, das gegenüber-
liegende Ziegelhausen und die grünbewaldeten
Berge genicßt. Dieser Vergnügungsort hat
auch dadurch mchr Bedeutung für die Besucher
bekommen, alS untcr der HaHe ein vorzüglicher
Kcller hergestellt wurde, dessen Mangel sich
bisher fühlbar machte.

— Vom Neckar, 1. Juni. Wir sind
zwar mit dem aus der „Konst. Ztg." enlnom-
mcnen Karlsruher Correspondenzartikel, den
Sie in Nr. 125 Jhrer Zeitung mitgetheilt
haben, in so weit einverstanden, als auch wir
glauben, daß die hie und da lautgewordenen
Besorgnisse über cine mögliche zu große Nach-
giebigkeit der Regierung gegen die Ansprüche
der Curic ganz unbegründet sind. Die Regic-
rung wird an dem von ihr ausgegangenen und
von der Kammer genehmigtcn Schulgesetze fest-
halten und sich zu nichtS verstehen, was gegen
den Geist und das Princip oesselben verstößt.
Allein cs ist nicht zu läugnen, daß einige in
dcr Kammer auS dem Munde der Regierungs-
vertreter vernommene Aeußerungen unter einem
großen Theile dcr Volksschullehrer die Besorgniß
erwecktcn, die Regierung möchte sich um dcS
Friedens mit der Kirche willen zu Conccssionen
drängen lassen, wodurch die in dem Gesetze ent-
haltenen Wohlthaten illusorisch würden. Diese
Furcht schien hauptsächlich dadurch gerechtfertigt
zu sein, daß die beiden Kammern zwar die
Durchführung des Schulgesetzcs entschieden be-
fürwortcten, aber kaum eine Stimme sich vcr-
nehmen ließ, welche es betont hätte, daß man
bereits an der äußersten Grenze der Nachgie-
bigkeit gegen die Kirche angekommen sei, und
wclche der stets unzufriedenen Geiftlichkeit ge-
genüber eine noch entschiedenere Geltendmachung
der Rechte des Staates an die Volksschulc ge-
fordert hätte. Nimmt man hinzu, daß alsbald
nach jenen Kammerverhandlungen ein Abge-
ordneter des Erzbischofs in Karlsruhe erschien,
um eine Vereinbarung mit der Regierung an-
zubahnen oder wenigstens, wie eine andere
Nachricht lautet, die in den Regierungskreisen
herrschende Stimmung zu recognosciren, so wird
man die aufgetauchten Besorgnisse noch mehr
zu entschuldigen geneigt sein. Allein dieselben
haben sich jetzt schon als grunvlos erwiesenp
der Beauftragte der Curie ist wieder abgereist,
ohne etwas erreicht zu haben; und wenn es
richtig ist, was versichert wird, daß nämlich die
Regierung eine unbedingte Anerkennung des
Schulgesetzes zur conliitiv sino gua nnn aller
Unterhandlungen gemacht habe, so ist eher ein
vollständiger Bruch mit der Curie als- ein das
Princip des Gesetzes verletzcndes Eingehen in
deren Forderungen zu erwartcn. Gestützt auf
ncue und alte Erfahrungen möchte man fast
wünschen, daß es so weit komme, nicht allein
im Jnteresse des nur auf diesc Art zu gewin-
nenden dauerhaften Friedens, sondern auch zur
Befestigung des Ansehens des Staates uno der
Staatsordnung, wie zum Segen des.Volks-
unterrichtes.

c5 Vom Neckar, 2. Juni. Bekanntlich
ist in neuerer Zeit die Frage der Ausdehnung
der WLHlbarkeit in die zweite bad. Kammer,
sowie eine Aenderung der Zusammensetzung
der 1. Kammer vielfach besprochen worden.
Beide Fragen greifen tief in unser Verfasiungs-
leben ein und enthalten geradezu eine Aendcrung

der Verfasiung selbst. Diese nun, die immer
als schr freisinnig galt und noch geltcn kann,
entspricht allerdings in Bczug auf jene beiden
Punkte den Anforderungen und Verhältnisien
dcr Jetztzeit nicht mehr. Die Zusammensetzung
der ersten Kammer hat, wie die meisten Mit-
glieder dieser politischen Körperschaft selbst zuge-
ben, sich überlebt; auch eine Reform dcr
Wählbarkeit zur zweiten Kammer erscheint uner-
läßlich; zudem sind manche Bestimmungen von
großer staatsrechtlicher Bedeutung, z. B. über
die Jnitiative dcr Stände, über die Prcßfrei-
heit, über Ministerverantwortlichkeit noch sehr
unvollständig, die berüchtigte Urlaubsfrage ist
im Prinzip noch unerledigt und die Befugnisie
der Kammern über Mitwirkung bei Staats-
verträgen sind ebenfalls prinzipiell nicht genau
bestimmt (was namentlich bei Gelegenheit der
Concordatsverhandlungen sich wieder gczeigt
hat). Jn diescn Beziehungen dürfte die Ver-
fasiung im Laufe der Zeiten ungenügend ge-
worden sein. Es sind deshalb schon Stimmen
laut geworden, welche verlangen, daß man eine
Aenderung der Verfasiung nicht auf cinzelne
Punkte beschränken, vielmehr die ganze Vcr-
fassung selbst einer Revision unterziehcn solle.
So sehr man übrigens auch von anderer Seite
hcr übcr die Nothwendigkcit von Modificationen
in den angcgebenen Punkten einverstanden ist,
so scheint im Ganzen doch die Ueberzeugung
zu überwiegen, daß man in dieser Richtung
sehr behutsam vorgehen, und die ganze Sache
lieber einer folgenden Zeitperiode, in dcr sich
eine größere u. schwunghaftere politische Thätig-
keit kundthue, überlasien solle.

Aus Baden, 1. Juni, schreibt der „Sch.
M.": Von Hrn. v. Roggenbach existirt cine
Depesche an die bad. Gesandten über die Schul-
frage, in welcher, schon vor einiger Zeit, die
Haltung der clericalen Partei in scharfen Zü-
gen dargelegt wird.

§ Bremen, Anfang Juni. Die Arbeiten
auf dem Festplatze, welche ununterbrochen fleißig
betriebeu werden, sind jetzt hinreichend vorge-
rückt, um erkennen zu lassen, daß wir nach
Vollendung derselben einer der sinnreichsten und
intercssantcsten baulichen Schöpsungen der Neu-
zeit gegenüberstehen werden. — Die Fcsthalle,
der Gabentempel, die Nebengebäude, obwohl
durchweg aus Holz aufgeführt, sind auf das
Strengste im Styl antiker Stcinbauten gehfll-
ten. Die Formen, obwohl einfach, sind durch-
weg im edelsten Geschmack. Für Fachmänner
werden diese verschiedenen Gebäude ohne Zweifel
ein großcs Jntcresie bieten; vor Allem wird
dic Decke des Festbaues. die ohne Unterstützung
in der Mitte hergestellt ist, die Aufmerksamkcit
auf sich ziehen. — Auch die Arbeiten der übri-
gen Comite's werden ohne Hinderniß tüchtig
gefördert. Das Wirthschaftscomite hat durch
zahlreiche Contracte die Befriedigung aller An-
forderungen sicher gestellt, die von den Gästen
erhoben werden mögen. Der Festplan, der für
die Abendstunden die mannigfachsten Abwechse-
lungen verspricht, ist ausgearbcitet. — Die
Marine- und Produkten - Ausftellung, welche
auf dem Festplatze veranstaltet wird, ist ein
für Deutschland neues Unternehmen, wclches
viel Anregung und Jnteresie verheißt. Die
Zahl der Ehrengaben ist auf etwas über 300
gcstiegen, im Werthe von mehr als 14,000
Thalcrn. Die Theilnahme für das Fest ist
sichtlich in erfreulichem Wachsen.

Berlin, 2. Juni. Jn der heutigen Sitzung
des Abgeordnetenhauses wurden die Verhand-
lungen über die Marinevorlage fortgesetzt. Der
Min.-Präsident Bismarck wies die Behauptung,
daß Preußen mit Dänemar? wegen Heraus-
gabe von Nordschleswig unterhandelt habe,
zurück. Die Nichtcrlediguna der Herzogthümer-
frage licge an den hinhaltenden Erklärungen
des Herzogs von Augustenburg. Wenn die
Herzogthümer die preußischen Bedingungen er-
füllen, sei es Preußen gleichgültig, welche Ver-
fassung sie sich geben. Bei der Abstimmung
wurdc dic Regierungsvorlage, wie schon ge-
meldet, mit großer Mehrheit verworfen. —
Minister v. Bodelschwingh überreichte den Han-
delsvertrag des Zollvereins mit England; der-
selbe wurde an die vereinigten Handels- und
Finanzcommissionen verwiesen.

Glogau, 31. Mai. Zn dem Ofenklappen-
proceß vernichtete das Appellationsgericht das

Erkenntniß der ersten Jnstanz, sprach die An-
geklagten von dcr Anklage der Schmähung der
Militärgerichte und der öffentlichen Vcrleumdung
der beiden Offiziere frei, und verurtheilte wegen
einfacher Beleidigung der Offiziere den Ver-
fasier Michaelis zu 50 und den Verleger Flem-
ming zu 30 Thaler Geldstrafe. (Brsl. Z.)

Schtverin, 31. Mai. Hr. v. Maneke auf
Duggenkoppel hat nach eingehender Begrün-
dung — in welcher die immer zunehmende
Answanderung und der gänzliche Verfall deS
wirthschaftlichen Lebcns in Mecklenburg als
eine Folge der dermalen bestehenden (octroyir-
ten) FeudalvSrfasiuna dargestellt wird, seinen
im August vorigen Jahres zurückgewiesenen
Antrag auf thatsächliche Wiedereinführung der
allein zu Recht bestehenden Repräsentativ-Ver-
fassung vom 10. Oktober 1849 wiederholt bei
der Kammer eingebracht.

Wien, 3. Juni. Ein Artikel der officiösen
„Oesterr. Ztg." constatirt, daß Oesterreich zu-
nächst noch als Bundespräsidialmacht eine Lösung
der Herzogthümerfrage im deutschen Gesammt-
Jnteresse anstrebe und deßhalb auf cine rasche
Entscheidung verzickten müsie. Sollte von dieser
Stellung aus für Oesterreich die Lösung uner-
reichbar sein, dann müßte es nunmehr vom
speziellen Großmachtsstandpunktc aus eine seinen
Rechten, Pflichten und Jnteressen entsprechende
Lösung anstrcben, wo dann die Bestimmtheit
und Schnelligkcit der Entschlüsie der kaiserlichen
Regierung nichts zu wünschen übrig lasien
würden.

F » a >« k r e i ch.

Paris, 3. Ju»>. Zn der heutigen Sitzung
des gejrtzgebenden KirperS nahm ThierS daS
Wort, um zunächst daS Syftcm, nach dem die
verichiedenen Budgets heS find dercn süns, die
er auf eineS zurückgesührt sehen mvchte) fun-
giren, angreist, Er will ferner Bcschränkung,
nicht völligc Einstellung dcr außcrordentlichen
öffentlichcn Arbeiten, Abberusnng der Truppen
ans Meriko nnd, was in seinem Mnnde etwas

S ch w e i ,.

Bern, 3. Juni, Der neue Staatsrath von
Ncuenburg wurde ganz radical bestcllt ans
Piaget, Gnillaume, Monnier, Jeanrenand,
Touchon, Dnconimun und Borel, Letzterer und
und Aime Humbert stnd Ständcräthe,

E n g l a n d

London, 3, Juni, Die Kronprinzessin
wurde heute Nacht von einem gcsundcn Knabcn
entbunden, Auch die Mutter ist im besten
Wohlsein,

S Pan i en

Madrid, 1, Juni, Hr, GonzaleS Bravo
sagte heute in dcr Dcputirtcnlammer, die jetzige
Lage der Regierung sei stärker, als diejenige
dcr französischen Regierung «or dem Februar
1848, weil ste auf einer sehr' consolidirten erb-
lichen Dynastie bcruhc.

A m e r i k a.

Neuyork, 2ä, Mai. Der Prästdent John-
son crklärt, daß nach dem 1, Jnli alle Häsen,
mit AnSnahnie derjenigen von Teras, dem
Handcl offen stnd. Ein mit bewaffneten Aus-
wandcrern nach Mcxico gehendes Schiff wurdc
von den UnionSbchörden in San Francisco
zurückgehaltcn, DaS Rebcllenschiff „Stonewald"
hat jich ohnc Bedingungen an di- Behvrden
von Cuba ergeben, Aus MatamoraS wird ge-
meldet: Ncgrctc steht mit 4000 Mann einige
Meile» von MatamoraS, Das Gerücht geht,
zwischcn ihm und Megia habe einc schlacht
stattgesunden.

Ncneste Kaehrichten.

Rio de Janeiro, 10, Mai, Di- brast-
lianisebe Flotte ist nach CorricnteS und Hu-
marar abgegangen, — Dcr Krieg zwischcn
Paraguay nnd BuenoS-AyrcS ist noch nicht
erklärt; aber man kann ihn als g-wiß betrach-
ten. — Da« Bündniß deS Lopez mit Bolivia
hat einc Wiederaufnahme der Geschäfie in
Montevideo zur Folgc gehabi.

Berlin, 4, Zuni, Gcrüchtweise verlaulet,
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