Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Utidkibkrgrr Zeitung.

Kreisverkündigungsblatt sür üen Kreis Hcidelberg unü amtlichcs ÄerkündigungSblatt für die Aints- und Aaits-
Gcrichtsbezirke Heidelbcrg nnd Wiesloch unü dcn Amtsgerichtsbezirk NeckargemünS.

Nk 132


Donnerstag, 8 Zuni


Auf die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
noch für den Monat
)uni niit 21 Kreuzerir abonniren bei allen Post-
stanstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Politische Umschirn.

* Die türkischen Vasallenstaaten (zumeist von
christlichen Völkern bewohnt) dürften nach neuen,
sich wiederholenden Nachrichten in Bälde der
Schauplatz bedeutungsvoller Ereignisse werden.
Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, daß eine
allgcmeine Verbrüderung und Annäherung der
Bevölkerungen dieser Staaten ins Werk gesetzt
wird. Diesem Zwecke soll vor Allem die Na-
tionalfeier dienen, die in Serbien im Laufe
dieses Monats zum Andenken an die Befrei-
ung von dem türkischen Joche vor 50 Jahren
veranstaltet wird. Auch Moutenegro wird hier
vertreten sein, und zwar durch den Fürsten
NikolauS, der auch eine Zeitlang als even-
tucller Thronfolger für Serbien ins Auge ge-
faßt war. Zn Oesterreich wie in Rußland wer-
den diese Vorgäuge mit Aufmerksamkeit ver-
folgt, und es steht zu erwarten, daß von Seiten
dieser Mächte gegen die gemeldete Adoption
zweier bereits bezeichneter Personen, als Nach-
folger der Fürsten von Serbien und der Donau-
fürstenthümer, Einsprache erhoben wird.

Das politische Departement der Eidgenossen-
schafl beantragt bei dem Bundesrathe in aus-
führlichem Bericht eine Revision der Bundesver-
fassung in mehreren Artikeln.

Man versichert, Lord Palmerston werde,
bevor er eine definitive Antwort auf die letzte
Note des Präfidenten Zohnson bezüglich der
Entschädigungen crtheilt, wclche für die dem
föderalistischen Handel von den in England
gebauten conföderirten Kaperschiffen zugefügten
Schäden verlangt werden, eine Discussion in
beiden Häusern des Parlaments und Meetings
in den bedeutendsten Städten veranlassen, um
die Stimmung der öffentlichcn Meinung in
dieser Angelegenheit genau zu constatiren.

Eine Volkssubscription von je 10 Centimen,
um Madame Lincoln eine goldene Medaille
zu widmen, welche von vielen Pariser Zour-
nalen und der Provinzen unterstützt war, ist
plötzlich in mehreren Departementen verboten
worden. Das „Journal des Debats" kann sich I

Ern Seitrag zu den saciaten Verhältnissen
Sertins.

Großes Aufsehen, schreibt man aus Berlin, er-
regt hier ein Vorfall, der zugleich ein charakte-
ristisches Licht auf unsere socialen Verhältnisse wirft.
Die Wittwe eines hochgestellten Staatsbeamten hatte
außer einer Penfion von 500 Thalern noch ein baa-
rrS Vermögen von 80.000 Thalern geerbt, so daß
fie in den angrnehmsten und sorglosesten Verhält-
nissen lebte. Eine Freundin heiterer Grselligkeit,
versammelte fie in ihrem Hause einen Kreis von
Bekannten; zu diesem gehörte auch ein junger
Mann, der durch sein empfehlendes Aeußere, durch
sein liebenswürdiges und einschmeichelndes Beneh-
men dermaßen thr Vertrauen erworben hatte, daß
fie ihn häufig zu kleinen Commisfionen benutzte.
Böse Zungen, und deren gibt es auch in Berlin,
sprachen von einem intimen Verhältniffe der älte-
ren, aber noch immer lebenslustigen Dame zu dem
jungen Günstling, den fie mit ihren Wohlthaten
überhäufte. Im Begriff, eine größere Reise an-
zutreten, wollte die Frau Geheimräthin ihr in

diese unerwarlelc Strenge nicht erklären, beson-
derS wenn man sich an die Huldigungen erin-
nere, die erst jüngst in Frankreich dem An-
denken des berühmten Präsidenten Lincoln zu
Theil geworden seien.

Aus dem Casino in Trier sind sämmtliche
Offiziere, welche Mitglieder dieser Gesellschaft
waren, ausgelreten, weil anl Huldigungslage
der Rheinprovinz einer der Diener des Vereins,
und zwar ohne Auflrag des DirectoriumS, eine
'„deutsche Fahne neben zmei preußischen an
dem Hause ausgestcckt hatle.

Die „Berliner Revue", das Hauptorgan der
Feudalen und Iunker, hält den Momenl ge-
kommen, für den Staatsstreich zu plaidiren.
Sie betrachtet es in dem gegenwärtigen Sta-
dium der parlamentarischen Rebellion für nicht
mehr genügend, dem Strafgericht die Thüre deS
Abgeordnetenhauses zu öffnen, um jene Gott-
losen und Royalistenschänder zu faffen, die sich
in frechen Redensarten über das heutige Neu-
preußenthnm ergehen. Zm Zntereffe der Zucht
und Ordnung, um der Siltlichkeit des Volkes
willen und um den preußischen Staat vor der
rothen Anarchie zu retten, verlangt die „Revue"
noch einen Uebergangsversuch zur Abhilfe der
Zustände von heute, und sie meint, daß allen
öffentlichen Beamten die aclive wie die paffive
Wählbarkeit entzogen werden sollte. „Ueberzeugt
aber, daß keine die Wohlfahrt des Landes för-
dernde Kammer zu Stande käme," schließt das
Leiborgan dcr Feudalen, „gebe man dreist und
mit gutem Gewissen eine Regierungsform auf,
die sich al« ungenügend erwiesen hat."

Deutschland

Freiburg, 3. Juni. Gestern Abend ist
die wegen der Eisenbahnangelegenheit nach
Karlsruhe abgegangene Deputation auS der Re-
sidenz zurückgekehrt. Dieselbe wurde von den
Herren StaatSräthen Mathy und Lamey, sowie
dem Präsidenten des auswärtigen Ministeriums
Herrn v. Voggenbach, auf das Frcundlichste
empfangen und hatte die Ehre, dem Erstern
eine Dorsiellung in der Eisenbahnfrage, unter-
zeichnet von den Gemeinderäthen der Slädte
Freiburg und Breisach, zu überreichen. Der
hierauf ertheilte Bcscheid lautete dem Unterneh-
men günstig. Wenn auch nicht in Aussicht
gestellt werden konnte, daß der Staat selbst die
Erbauung der Strecke Freiburg-Breisach über-

Staatspapieren und Acticn bestehendes Vermögen

gab zu dirsern Vehuf dem jungen Mann die be-
treffenden Papiere, wclche dieser in ihrer Gegen-
wart mit ihrem Siegel versah, auf die Bank trug
und gegen die übltche Bescheinkgung niederlegte,
dte er.auch der Dame richtig einhändigte. Als die-
selbe jedoch nach Monaten wieder zurückkehrte und
das von der Bank zurückgcforderte Packet öffnete,
fand fie zu ihrem.Schreck statt der vor ihren Augen
hineingelegten Actien — werthioscs Zeitnngspapier.
Zugleich legte ber junge Mann das offene Geständ-
niß ab, daß er auf dem Wege nach der Bank die
Gelegrnheit benutzt habe, um daS Geld auS dem
Packete zu entwenden. Mit vemselben war er nach
Homburg gereist, um fein Glöck im Spiele zu
versuchcn, war aber so unglücklkch gewesen, in we-
nigen Tagen die ganze große Summe zu verlieren.
Aus Mitleid oder aus Furcht vor Scandal begnügte
fich die betrogcne Dame mit einem ReverS deS jun-
gen ManneS, worin derselbe fich verpflichtete, mit
seinem zukünftigen Vermögen für ihren Verlust auf-
zukommen. Derselbe hat fich, unverfolgt von der
Polizet, nach Amerika begeben., während die arme

nehme, so wurde doch für den Fall, daß die
betheiligten Gemeinden selbst dek Bahnbau un-
ternehmen, nicht allein dic Uebernahme des
Betriebs in Aussicht gestellt, sondern auch,
entsprechend der empfehlenden Ueberweisung
der srüheren Petitionen von den Landständen
an die großh. Regierung, eine allSgiebige Un-
terstützung von Seiten des Staates zugcsichert.

Berlin, 3. Zuni. Die Stelle der Virchow'-
schen Rede, welche Hrn. v. Bismarck so stark
aufregte, lautet nach dem stenographischen Be-
richt: „Mcine Herren! Der Herr Minister-
präsident meint, nachdem gerade diese Sache
(die Marine) so populär sci, nachdem sie so
sehr vicle Zahre hindurch eine Sache gerade
der liberalen Partei gewesen sci, jetzt habe er
erwartet, der Bericht werde constatiren, daß
die Regierung noch nicht genug fordere, er
werde constatiren, daß die Regicrung noch nicht
schnell genug in der Sache vorgehc; statt alles
dessen stehe nichts davon durin, gar kein Wort
der Anerkennung, der Sympathie. Meine Her-
ren, gcgenüber der Behauptung bin ich geuö-
thigt, Zhnen cinige Stellen des Berichts unmit-
telbar vorzuführen, von dcnen ich nur annch-
men kann, daß der Herr Ministerpräsident sich
nicht die Mühe gcnommen hat, den Bericht
ganz zu lesen, indem ich vielleicht nur voraus-
setzen darf, daß es ihm genügt hat, den Schluß,
soweit es gerade sich um die schwebende Schles-
wig-Holsteinische Frage bewegt, seiner Prüfung
zu uuterziehen. Aber, wenn er ihn gclesen hat
und sagen kann, es seien keine solche Erklä-
rungen darin, so weiß ich in dcr That njcht,
was ich von seiner Wahrhaftigkeit denken soll."
(Sehr gut.)

Bertin, 5. Zuni. Ueber die Affaire Bis-
marck-Virchow meldet die „K. Z.": „Der Abg.
Prof. Virchow ist am Samstag zu einem Kran-
ken nach Elberfeld berufeu und abgereist. Zn
Bezug auf den mitgetheilten Vorfall scheinen
seine Freunde einstimmig der Ansicht, daß kein
Abgeordneter berechtigt wäre, eine im Abgc-
ordnetenhakse angeregte politische Frage auf
das Gebiet persönlicher Genugthuung übertragen
zu lasien."

Kiel, 2. Zuni. 582 Bürger von Jtzehoe
erheben öffentlich Protest gegen die ihnen von
der „Nordd. A. Ztg." zugeschriebene preußen-
freundliche Gesinnung und fordern als ersteS
unveräußerliches Recht die Einsetzung des Her- .
zogs Friedrich und das Grundgesetz von 1848.

Geheimräthin jetzt von ihrer kleinen Pension in
beschränkten Vcrhältniffen leben muß.

Vor eintgen Tagen wurde im Großglockner
Forste von cinem Iäger ein junger Mann in
einem wahrhaft bejammernswerthen Zustande auf-
gefujlden. Derselbe war ein Tourist, Namenö
A. B., Sohn des bekannten Hofrathes B. in Ber-
lin, welcher vor ungefähr acht Tagen den Groß-
glockner ohne Führer besteigen wollte. In der
Nähe einer Holzhaurrhütte stürzte er von einem
Felsen herab, brach sich den rechten Fuß und blieb
nach seiner AuSsage bis gegen Abend befinnungslos
liegen, worauf er sich unter unsäglichen Schmerzen
in die erwähnte Hütte schleppte. Dort brachte der
junge Mann, durch Schnee vor dem Verdursten
gesichert, ohne die geringste Nahrung volle sechs
Tage zu, und war bereits dem Tode nahe, als er
durch rinen glücklichen Zufall von dem erwähnten
Jäger gefunden und auf dessen Veranlaffung hier
nach Heiligenblut übertragen wurde. Drffen Vater
ist auf telegraphischem Wege aus Berltn dahin
gerufen worden; an seinem Aufkommen wird je-
doch gezweifelt.
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