Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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auf einander. Der erste galt Sr. Majestat dem
König von Sachsen; ein anderer den deutschen
Lehrern. als die Stütze der Einigkeit und
des Rühmes dcs Vaterlandes, ausgebracht
von Profcfsor Dr. Masius aus Leipzig.
Dr. Stern aus Frankfurt bringl ein „Hoch"
den deutschen Frauen und Müttern der deulschen
Jugcnd.

Um 6 Uhr Abends traten im L>chützenhause
55 Turnlehrer zusammen, um sich über die
zur Besprechung vorgelegtcn Fragen zu einigen.
Die Sitzung der Turnlehrer fand dann am
Mittwoch statt und man einigte sich zu der
Erklärung: Das Turnen möge durch Gesetz in
allen Schulen eingeführt werden; auch um die
Schwierigkeit des Mädcbenturnens zu beseitigen,
sei dersclbe Weg zu betreten. Auch erklärte man
für sehr geeignet, daß das Turnen an einer
Schule Einem Lehrer übertragen werden möge.
Unter Dr. Kern's Vorsitz und in Gegenwart
vou 13 andern Fachgenosfen ünd Frcunden der
Jdiotenbildung beschloß man, als „Gesell-
schaft zur Förderung der Schwach- u.
Blödsinnige n - Bi l dung" zusämmenzu-
treten und die erste Hasrptversammlung
im September d. I. in Hildesheim abzu-
halten. Es wurde auch ein auS drei Mitglie-
dern bestehendes Comite gewählt: Dr. Kern,
Dr. Georgens, Jnspector Rößler, welches sich
durch Cooptation erweitern könne.

* Politische Nmschan.

Die Verlegung der Flottenstation von Danzig
nach Kiel wird in den nächsten Tagen ein sait
ucOvmpii sein. Eine ver „N. A. Ztg." aus
Kiel zugehende telegraphische Depesche von heute
Morgcn meldet: „Vineta geht morgen, um die
Seesoldaten, die Marine - Stations - Bureaux
und den „Barbarossa" hierher überzuführen,
uach Danzig."

Zn dcr Sitzung des Nationalvereins - Aus-
schusses zu Eisenach wurde bcschlossen, die
Generalversammlung im October in Frankfurt
zu halten.

Pesti Naplo, Dcak's Organ, sagt in einem
Artikel über die Antwortsrede des Kaisers an
den Primas, daß die Schlußworte der kaiser-
lichon Antwort, womit die Einberufung des
ungarifchen LandtagS in nächste Aussicht ge-
stellt wird, dem Höchstcn,ja1>em einzigen Wunsche
der Nation entsprechen. Der Kaiscr möge daher
die Eljenrufe der in Ofen um den Thron ver«
sammelt gewesenen Auserwählten kühn als das
Eljen der ganzen ungarischen Nation be-
trachten.

Die Nachricht von einem tn Sizilren ausge-
brvchenen Aufstande hat sich bis jetzt nicht
beftätigt.

Dentschland

Karlsruhe, 12. Juni. Durch Allerhöchste
Ordre vom 10. d. M. wird Major v. Khuon
vom Festungsartilleriebataillon zum Feldartil-
lerieregiment und Hauptmann v. Theobald im
Festungsartilleriebataillon in den Stab dieses

sie doch nicht auf die Straße; so schnell als möglich
knöpste sie daS Hemd auf und wollte eS abstreifen,
allein es ging nicht, mit ihm zusammen hob fich
auch das schwarze Taffetkletd und selbst die Unter-
röcke, der Bösewicht hatte mit langen Nadeln hin-
ten überall das Hemd festgesteckt. Ehe fie alle Hin-
derniffe brseitigt und als fie endlich in höchster
Aufregung auf die Straße stürzte, war drr Gau-
ner längst um die Ecke der K—straße verschwunden,
und die Destohlrne hat nur den einen Trost be-
halten, daß jener kein volles Dutzend von den
schönrn Hemden befitzt.

Eine Dame, die am Pfingstmontag in Biebrich
in den Rhein stürztr und durch Herrn Dr. Lon-
fetd mit LebenSgefahr gerettet wurde, ist die erst
frit Kurzem vermählte Krau einrs auSlandischen
DfficierS. Zwischen dem juugen, auf einer Braut-
rretse begriffruen Ehepaare sptelte an jenem Tage
nach einer reichlichen Ehampagner-Libation rine
Eisersuchtsscene, in Folge deren die Frau ihrem
Manne drohte, fich in den Rhein zu stürzen, was
dieser als eine müßige Drohung verlachte. Die
«rventrifche Dame war darüber empört und lirf.

Bataillons versetzt. Hauptmann Weizel, zur
Artilleriedirection der Bundesfestung Rastatt
befehligt, wird zum Battericcommandantcn im
Festungsartilleriebataillon ernannt. Portepee-
fähnrich v. Beck wird zum Lieutenant im Feld-
artillerieregiment, als aggregirt, befördert.

c? Heidetberg, 9. Z«ni. Die Verwer-
sung der Marinevorlage im preußischen Abge-
ordnetenhause ift vielleicht das bedeutungsvollste
Ereigniß der diesjährigen Kammersession in
Berlin, und zwar wurde dieser ministerielle
Antrag auf Genehmigung einer Anleihe zum
Zweck der Befestigung von Kiel und der Ver-
größerung der preußischen Flotte mit emincnter
Majorität in der entschiedenstcn Weisc ver-
worfen. Wenn nun das preußische Volk zu
seinen Abgeordneten in diescr Sache stchl, was
zu hoffen ist, so bildet diese Verwerfung unter
Umständen einen Wendepuukt in der politischett
Sonderstellung PreußenS. Begründeten doch
die preußischen Volksvertreter ihre Verwerfung
damit, daß das preußische Volk, nach den Wor-
ten des Abg. Dunker „keine particularistischen
Bestrebnngen, sondern eine deutsche Flotte unter
deutscher Führung wiü." Die Versuchc der
neufriedcricianischen Aera (d. h. deS Ministe-
riums Bismarck, im Bunde mit dem Neu-
preußenthum), mit dem Köder spccifisch-preu-
ßischer Großmachtsträume die Abgeordneten
zu verlocken, und sie zu bewegen, nicht blos
das Necht und die Freiheit des Landes zu ver-
leugnen, sondern auch den Bund mit Deutsch-
land factisch aufzugeben — sind damit als ge-
scheitert zu betrachten und die materiellen Schein-
gründe, mit denen Hr. v. Bismarck das Abge-
ordnetenhaus znr Anerkennung seiner Plane in
den Herzogthümern zu bewegen suchte, sind als
solche in ihrer Hohlheit und Falschheit erkannt
worden.

München, 11. Juni. Trotz des Zusam-
mentreffens zufälliger ungünstiger Verhältnisse
und mancherlei Jntriguen ist die Rich. Wag-
ner'sche Oper Tristan und Jsolde gestern doch
zur Aufführung gelangt. Die neuc Oper ist
jedenfalls cin Kunstwerk nicht gewöhnlicher
Art. Sie sagt sich-von dcm Hergebrachten loS
und ist darum eben ungewöhnt für dic Hörer;
aber dennoch glaube ich, daß kein Unbefangener
die Genialität, welche Wagner in diesem Stück
beurkundet, irgend bestreiten wird. Zur Durch-
führung bcdarf es allerdings ganz ungewöhn-
licher Kräftc. Besonders leisteten Frau u. Herr
Schnorr v. Carolsfeld wahrhaft Außerordent-
licheS. Es war, neben der Kunst, eine physische
Anstrengung in kolossalem Maße erfordcrjich,
denn Tristan und Jsolde kamen während 4^/,
Stunden beinahe gar nicht von der Bühne hin-
weg. Das Publikum schien mir seiner Mehr-
zahl nach unbefangen das Haus betreten zu
haben, — gespannt in der Erwartung nach
so vielen vorgängigen widersprechenden Abur-
theilungen. Das Ergebniß aber war, daß nach
jedem Akte die beiden Hauptkünstler, am Schluffe
mit diesen auch Rich. Wagner stürmisch heraus-
gerufen wurdcn. Soviel ich wahrnehmen konnte,
wagten bloß nach dem ersten Akte cinige schwache
Zischlaute den Beifallsruf zu unterbrechen;

Wasser plumpste. Der eifersüchtige Ehemann, der
diesen tragischrn AuSgang nicht im Mindesten ge-
ahnt und deshalb ruhtg im Hotel geblieben, wurde
rasch ernüchtert, als man einige Augenblicke nach-
her den leblosen Körper seiner Frau in daS Hotel
trug, wo man fie rasch wieder zum Bewußtsein
brachte. Eine recht nette Episode zu einer Braut-
reise!

Die Amerikaner haben wenig Ursache, über
die Saumseltgkeit ihrer Iustiz zu klagen. In Lon-
don, einem Städtchen an der westlichen Grenze
Eanada's, geräth ein eben aus dem Coupö aus-
steigenver Paffagier mit einem Bürger ves Orts
in Händel, eS kommt zur Rauferei, ein Policist
faßt die beidrn Friedensbrecher, schleppt fie vor bas
Tribuual des Polizeirtchters, der Richter hört Klä-
grr, Verklagten und Zeugen an, fällt feinen Spruch,
welcher beide Ruhestörer zu etnem Dollar Strafe
nebst Tragung der Kosten verurtheilt, entläßt fie

doch kaum vernehmbar und in der Folge ganz
verstummeud.

Berlin, 9. Juni. Die Berliner Studenten
sollen sich in ihrer Weise bei den parlamentari-
schen Duell-Velleitäten betheiligt haben. Wie
man erzählt, erschienen gestern zwei Studenten
bei Hrn. v. Hennig mit der Erklärung, nach-
dem zwei pensionirte Generale in einer von
ihnen näher bezeichnetcn Gesellschaft sich er-
boten hätten, statt des Hrn. v. Bismarck, der
dazu eigentlich zu schade sei, sich mit Abgeord-
neten zu schießen, so bäten sie (die Stu-
denten), für Virchow, oder wer sonst gefordert
sei, auf die Mensur gelaffep zu werden; hierzu
seien nicht blos sie, sondern mindestens zwei
Drittel aller berliner Studeuten sofort bereit,
und es sei ihnen einerlei, ob die Gegner Pi-
stolen oder Säbel wünschten.

Heute früh wurde die Morgenausgabe der
Berliner Börsenzeitung in Beschlag genommen,
vorgestern traf daffelbe Schicksal die Berliner
Reform und das Wochenbl. „Die Verfaffung".
Die Beschlagnahmen hatten alle Bezug auf die
Besprechung der Duell-Angelegeuheit, die zwi-
schen den Hcrren von Bismarck und Dr. Vir-
chow schwebt.

Berlin, 10. Juni. Die Motive zu dem
Antrag des Abg. v. d. Heyot (s. gestrige Nr.)
sind solgende:

Die Debalten des HauseS der Abgeordneten haben in

wenigen Jahren nnerhört wär. Die Redefreiheit der
Tribüne ist zu AuSschreilungen gediehen, welche die
Würde des HauseS auf'S änßerste zu gefährden drohen.

G^^äfis o ^ ai^y

die Ausdehnung des Recurscs auch auf den letzteren Fall
geboten crscheinen. — Die Neorganisalion der Armee,
unzweifelhaft eine Anorduung der Obrigkeit im Sinne

wö micht schwerere Vergehen vor, deremwegen'ohne den
Schutz.des § 84 der Verfassung gcrichtliche Verurthei-
^ng ^lausbleib^^ ^die Wahrhaftigkei^

Fall ist charakteristisch jstr die eigeuMmliche Auffassung
des Präsidenten vom Begriffe ciner Jnjurie. Sie be-
findet sich im entschiedensten Widersprnche nicht nur mit
den gewöhnlichen Anschauungen des qesellschaftlichen
Lebens, sondern auch^mit den hervorragendsten Straf-

schehen sei, ausdrücklich verneineu.^ (Weber.^Ueber Jn-
jurien und Schmähschriften Bd. l. S. 169. Hcffler,
Lchrbuch des gemeinen deutscheu Strafrechts Titel 9.
8 301 i. s. Nr. 9. Temme, Lehrbuch deS preußischen
Slrafrechts S. 857.) Es kann aMh nicht auf die sub-

nach geleisteter Zahlung ihres Weges, der Passagier
etlt zur Station zurück und kommt noch zur rechten
Zeit an, um mit demselben Zug, drr ihn zum
Schauplatz deS kleinen Intermezzo's gebracht, seine
Reise nach Saonia fortzusetzen. Fünfzehn Minuten
waren zwischen Ankunft und Abfahkt des ZugcS
verfloffen!

Die Königin von England erhielt auS Iava ein
PfeVd zum Geschenk, welches 4 Iahre alt, voll-
kommen ausgebildet und dabei nur 27 Vr Zoll hoch
ist, von manchem Neufundlänver Hunde wird eS
an Größe übertroffen. Der Ueberbringer deS
Pferdes, Eapitain Luckey vom Schiffe „Victor",
brachte daffelbe in seinem Wagen mit in eine Ge-
sellschaft bet der Lady Majoreß, galoppirte mtt
demselben in dem Salon herum, nahm es beim
Abschied unter großem Gelächter auf die Arme
und trug es dte Treppe hinunter in sein Eabriolet.

Ehristoph Columbus, ver Entdecker Amerika's,
soll heiltg gesprochen unh zum Patron der Schiffs-
leute gemacht werden.
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