Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Mlage ;ur Hetdetberger Zettung.

Donnerstag, den 1S Jnni

138.

D e u t s ch l a » v.

Leipzig. 11. Juli. Unter vielversprechen-
den Anzeichen wurde die gestrige Borversamm-
lung zu»> dcutjchen Journalistentagc crössnet
und nach dcm Ergebnisse derselben dürstc die
h-utigc eigenlliche Versammlung eincn erfreu-
lichen Abschnitt im deutschen Journal- und
Journalistcnwescn bezeichnen. AlS dcr Vor-
sitzende deS OrtsauSschusscS. Hr. Prof. Bieder-
mann, AbendS 8 Uhr die Versammlung eröff-
nete, wareu bereitS gegcn 30 Vertretcr von
Zeitschristen gegenwärtig. Gegenstand der Ver-
handlung war die TageSordnung für heute.
Eine Reihe von Rednern wieS auf die MLngel
der jährigen Statuten hin, aus denen nicht
klar zu ersehen sei, ob die Vcrsammlung die
Zournale oder die Journalisten zn vertreten
befugt sei. Man einigte sich endlich dahin, zur
Stelle einen AuSschuß von drei Mitgliedern zu
ernennen, welchcr noch der heutigen Versamm-
lung einen Entwurj der abgeandertcn Satzun-
gen zur Berathung vorzulegcn habe; es wur-
den dazu die Hcri^n Engel vvn Frankfurt a. M.
(Frankf. Jonrnal), Dr. Guido Weiß von Ber-
lin (Rcform) und Dr. Bccker von Düsseldors
(Rheinische Zeitung) crwählt. Vcrschiedcne an-
dere Anträge wurden hierauf eincr vorläufigen
Erörternng unterzogen, und wird es sich hcute
zeigen, ob eine Verhandlung derselben bei der
Kürze der BcrathungSzeit noch möglich sein
wird. Bei dcr zum L-chlussc der Vorverjamni-
lung vorgenommcnen Vorbesprechung der Wahl
dcS Vorsitzendcn ficlen die nieistcn Stimmen
auf Dr. Beckcr znm ersten, Profcssor Bieder-
manu zum zweiten und Engel zum drittcn Por-
sitzenden, welche Wahl wahrschcinlich heute defi-
nitiv angenommen werden wird.

F r a « k r e i ch.

Paris, 9. Juni. Jn der gestrigen Sitzung
deS gesetzgcbenden KörperS ging eS wicder ein-
mal heiß hcr. Eie DiScusfion drehte sich nm
das rectificativc Budget der außerordentlichcn
Ausgaben für daS KriegSministerium im Zahre
186S. ES handelte sich namcntlich um 39 Mill.
für Unterhalt der mexicanischen Expcdition.
I. Favre trat mit einer Schärfe anf, wclche
stellenweise die Majorität in um so größcre
Wuth versctzte, als diese sclber dem tranSat-
lantischen Uiiternchnien cin baldiges Endc ge-
sctzt sehen möchte. I. Favre, der diese Frage
seit Bcginn der Expedition regclmäßig jcdeS
Jahr zum Gegcnstand seiner heftigsten Angriffe
gemacht hatte, hob namentlich die gewaltigen
Widersprüche hcrvor, in dencn alle früheren
Erklärungen der Regierung, ja selbst die Wünsche
der Kanimer zu dcn Ereignissen stünden, die
sich trotz aller erhobenen Einsprache in so be-
drohlicher Gestalt fortwährend entwickelt hätten
und viellcicht noch weiter cntwickeln wirden.
Er macht darauf ausmerksani, wie stets die
Opposition daS Aufgeben der Expedition anem-
psohlen, dic Regierung die Absicht, sie zu so
gewaltigen Uinrissen anschwellen zu lassen, in
Abrede gcftellt habe. Er greift unter den Aus-
brüchen dcr größten Erbitterung verschiedener
Mitglieder das strcnge Verfahren einzelncr fran-
zösischer Generale an, namentlich die Verbren-
nnng der Stadt San-Sebastion durch den Ge-
ncral Castagnp, die standrechtliche Execution
d-r Juaristischen Bandenführer -c. Er crklärt
dieS als offene Verletznngen deS Völkerrechtes,
als Handlungen, die deS französische» Namens
unwürdig seien. Eben so erhebt cr sich gegen
die Aburtheilung mexicanischer Preßvergehcn
durch fraiizösiiche Kriegsgerichte und spiclt nicht
undeutlich auf cin ihnlichcs Austreten Napo-
leonS I. in Spanien an. Die Vorsehung habe
heutzutage die Ausgabe, die providenticllen Män-
ner überflüssig irnd den Nationen -S möglich
zu machen, sich selber zu rcgieren und ihre
eigenen Geschicke zu bestimmen. Wie weit Napo-
leon l. mit seiner Miflion und seinen Plänen !

gekommcn, zeige das Absetzungsdecret deSStaatS-
raths vom 14. April 1814. Diese Angrifle
rufcn cinen großen Stnrm hervor, i» dem
namentlich Marquis Pire cine hervorragende
Rolle spiclt. Prästdeut Schncider wirst ein,
daß wcnn, wie Z. Favre sage, Is dem erstcn
Kaiserrcich an Opposttion gefehlt, man dieS
wahrlich dem zwciten nicht nachrcden könne.
— Der Reduer geht nun auf die precäre Lage
über, in der sich daS ncue mericanische Kaijer-
rcich befinde, nachdem eS sich mit der einzigen
Partei, auf die eS stch habe stützen können,
der clericalcn, überworfcn habe. Er beschwert
sich uber die mangelhasten Mittheilungen, die
nicht allein dem Publicum, sondern auch den
Deputirten über die -igentliche Sachlage jenscitS
deS Oceans gcmacht würden, u. wie man crst zwi-
schen denZeilendeS lctztenMoniteurb-richtes hcr-
auSlösen könne, welche bedeukliche Wendung
der Stand dcr Angelegenheitcn in Mexico für
das neue Kaiserreich genommen habc. Zulctzt
kommt Z. Favre auf dre Finanzlage zu sprechen,
die ihm Lußerst verkommen erscheint. Nameut-
lich weist er dies an dcn nvch nie dageivesenen
Bcdingungen nach, unter d-uen daS jüngste
Anleihen zu Stande gebracht werdcn niußte;
er fühlt, wie ihm dic Schamröthe inS Gcsicht
steigt, wenn er daran denkt, daß dieseS Anleihcn
durch die indirccte Unterstützung Frankrcichs
abgelchloflen wurde. Von dcn ganzen Anleihen
kämen Mexico, nach Abzug allcr Commiflioncn
und Lasten, kaum 133 Mill. zu gut, für die
eS 400 Mill. zurückzuzahlcu habe. I. Favre
schließt mit einem feicrlichen Protcst gegen die
Expedition, die er öffentlich als eine »errückte
Jdee erklärt. Nach Z. Favre sprichl, als Re-
gieruugscommissär, Ehaix d'Est Ange. Er recht-
scrtigt die Expedition in ihrem Ursprunge, wie
in'dem weiteren Verlaus, dcn sie nothwendig
habc nehmen müffen. Eine VolkSabstinimung,
wie sie Maximilian gewünjcht, habc stattgefun-
den und 5,500,000 Jndividuen hätten sich für
daS Kaiserreich auSgesprochen, nur die wilden
Zndianer in der Souora, bei dcnrn n,an die
Slimmen nicht habe einsammeln können, hätten
nicht mitgestimml, etwa 1,500,000 an der Zahl.

Es könne daraus weder die Kammer noch
überhaupt ein vernünstiger Mensch schließc»,
daß in Mexiko 1,500,000 Mexikaner gegen daö
Kaiserreich protestirtcn. Kaiser Maximilian,
erklärt der kühue Nedner unter allgemeinem
beifälligem Gelächter, ist geweiht durch den
Willen des Bolks, er lst der AuSerkorene des
allgemcinen StimmrechtS. Dic Sachc ist nun
einmal abgemacht und kann nicht jedes Jahr
wieder neu angcfangcn iverden." Um den Eredit
Mexiko's sei es noch gar nicht so übel bestellt,
allein auch der beste Credil müsse endlich er-
schüttcrt werden, wtnn man, wie ZuleS Favre,
„in der größten Versammlung der Wclt" ihn
sortivähreud in jo hcftiger Weise angreife. BiS
jetzt habe Mexiko alle seine im Vertrage von
Mirainar eingegaiigemn Verpflichtungen erfüllt.
Allerdings seien die Bedingungen deS AnleihenS
drückend, allcin wurdc selbst unlid diesen und
vielleicht noch schlimmeren Bedingungen Zuarez
ein Anleihen zu Stande g-bracht haben? Hatte
vielleicht kürzlich noch der anierikanische Norden
unter befleren Bedingungen Geld ausgenommen?
Die so vielfach gcschmähte Einrichtung von
StaatSlotterien sci allgemein cingesührt, Oester-
reich nnd Preußen hättcn Anleihen mit Prä-
micn gemacht, die Februarrepublik sogar habe
die Stadt Paris dazu ermächtigt. Außerdem
hat Hr. Chaix d'Est Augc die beste Meinung
von dem Rcichthum und der LeistungSfähigkeit
Mexiko's. Alexander v. Humboldt muß wie-
der einmal herhalten, um das jährliche Ein-
kommen von 20 Millionen Piaster zu consta-
tiren, von dcnen das Land selbst 10 Millioncn
brauchte und den Uebcrrest nach Spanicn oder
nach Cuba schickte. Heute ist aber AlleS weit
günstiger; Alles ift in ersreulichstem Gedeihen, !
auf den Feldern, in den Bergwerken und in >

18«S

den Zollkaflen. WaS die Rückkehr der Truppen
anbelangt, so kann Hr. Ehaix d'Est Ange vcr-
sichern, „daß in dieser Beziehung die Regicrung
vollkoinmen die Wünsche der Vcrsammlung
thcilt und thut was ste nur thun kann, damit
die Truppcn heimkehren. Von 34,000 Mann
sind jetzt nur noch 26,000 in Meriko, woraus
folgt, daß bereits 8000 zurückgekehrt sind. Auf
dic viclen DetailS, Berichte und Tclegramme,
welche I. Favre angesührt, kann sich Chaix
d'Est Angc nicht anderS einlaflen, alS sie ein-
fach in Abrcde stellen odcr entschieden prote-
stircn. Wie könne man eS wagen, auf irgend
beliebige Telegrainme hin einen ftanzösischen
General, der dem Feind gegeuübersteht, alS
einen NLuber und leibhastigen Vandalen hin-
zustellen? Gegen solche Beschuldigungen muß
protestirt werden. (Ja! ja l schr gutl) Ge-
ncral Castagny hat gehandelt wie jeder tüchtige
Soldat gehandelt haben würde und mußte.
Zum Schluß sucht Chajx d'Est Ange die Schwie-
rigkciten in Abrede zu stellen, die von Rom
und deu Vereinigten Staaten her dem mexika-
nischen Kaiserreich bereitet werden könnten. —
Hr. Picard beleuchtete hierauf mit der ihm ei-
gcnen schneidenden Schärfe noch cinmal daS
ganze für Frankreich so verderblich gewordene.
Unternehmen; cr wieS nach, daß die samvse
Abstimmung der fünf und eine halbe Million
Mcxikaner, welche angeblich Maximilian I. auf
den Thron gerusen haben, nichtS alS ein schni-
der Humbug sei — und dcr RegierungSver-
treter, StaatSminister Rouher, sand eS nicht
für gut, die von Picard in dieser Beziehung
gestellten Fragen zu deantworten — er ver-
langlc, daß die Regierung endlich aushören
möge, Millionen GeldeS und daS Blut «on
Tausenden sür eine Sache zu verschwenden, die
nienial» für Frankreich eincn Nutzen bringen
könue und so cnden werde, als ste eS verdiene,
nämlich mit ihrem ruhmlosen Zusammensturz.
Die regierungsfreundliche Majorität untcrbrach
dcu Rcdner oft mit hcftigcn ZorneSauSbrüchen,
währeud der istaatSniinister Rouher, welcher
in seiner Rede feierlich daS vvllständigste Ver-
Irauen auf die Befestigung dcs mexikanischen
Thrones und auf die Friedfertigkeit der amcri-
kanijchen Union aussprach, auch dieSmal „all-
scitigen Beisall" erntete. DaS Resultat der
DiScussion war vorauSzusehen; der Budget-
posten wurde mit 232 gegen 13 Stimmcn an-.
genominin.

R u ß la n d

Warschau, 5. Juni. Vor vier Tagen
sind 40 politische Verurtheilte nach Sibiricn
abqeschickt worden; einige daruntcr in Eisen
geschmiedet. Es befand stch dabei der Advocat
KobhlanSki, welcher von hier nach PariS ge-
flüchtct war, und dann die Unvorstchtigkeit be-
ging, von Paris auS eincn AuSflug nach Wien
zu machen, wo er von der österreichischen Poli-
zei verhaftet und .hierher auSgeliesert wurde.
Das Kriegsgericht hat den Mann, al» Mitglied
der Nationalregierung, znm Tode verurtheilt,
welcheS Urtheil, wie bereitS gemeldct, in fünf-
zehnjährige schwere FestungSarbeit unigcwandelt
wurdc.

A m e r i k a.

Newyork, 31. Mai. WaS den Vcrschwö-
rungsproceß betrifft, so sagte der Belastungs-
zeuge Louis Bates aus, daß in seinem Hause
zu Charlotte Hr. Breckinridge zn Hrn. Davi»
gesagt habe, daß er die Ermordung Lincvln'S
bedauere und daß das Ereigniß cin Unglück
sür den Süden sei, woraus DaviS erwidcrt
habe, wenn die That überhaupt hätte gethan
werden müflen, so hätte sie auch ordentlich ge-
than werden müssen, und wenn der Bestie
Johnson und Hrn. Stanton da» Gleiche «idcr-
sahren wäre, so würde da» Gcschist vollstindig
abgemacht worden sein.
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