Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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vi-l Zeit in Anspruch; die Deutschcn sollen
daS '„Volk von Denkcrn" sein, 12-jähr. Kinder
seien aber bci nns vicl writer zurück, al« bei
andern Nationcn, Ma» ntüsse der Schnle cine
practischere Richtung gebcn; eS müssen Arbeits-
schulen mit dc» VoikSschulcn in Verbindung
gcbracht werdcn, kausmännischcö Rcchncn, Land-
niirthschaft, Gesetzgebnng in den L-Hrplan ausge-
nommcn werden, Es könne viel mehr gcleistet
wcrdcn, wenn man die Zahl der Religivns-
stnnden bcschränke und damit auch die Masse
deS religiösen Memvrirstosses, der den Kopf
v-rdnmme und daS Herz lcer ausgchen lasse.
Auch müsse mehr zur Krästigung und Hcbung
d-S deutschen Nationalgesühls geschehen. Hier-
a»f wurde dic Verhandlung geschlossen.

Der Vorsitzendc warf »vch einen Blick zurück
auf die THLtigkeit der Versammlung und nannte
fie eine würdige Fvrtsetzung der Mannheimer;
hebt hervor, wie bie nativnalen Znlerrssc» im-
mer uechr ihre Vertretung und Anerkcnnung
finden. Erfreulich ist eS, wie Städte und Län-
der dnrch Abordnung von Lehrcrn an dicser
wichtigen Sachc Anthcil nehmen, wie man jetzt
iberall dic Vcrsammlung freudig aufnehme. Er
bat den Vorsitzenden des OrtSausschusses, der
Stadt Lcipzig dc» Dank der Versammlung für
die gastlichc Aufnahmc anSzusprcchen.

* Politische ttmschau. ^

Dtt „Offervatorc" stellt die Nachricht, wel-
chcr z«folge Hr. v. Hübner im Auflrage der
gewesenen Fürsten von Toscana, Parma. und
Modena nach Rom gekommen wäre, in Abrede.

Man telegraphirt der „Fr. P.-Ztg.": Zuver-
lässigcü Nachrichten aus Rom zufolge ist die
zwcite Mission Vegezzi's an der Forderung dss
HomagialcideS der Bischöfe gescheitert.

Die „Morning-Post" widerlegt in bcstimm-
tester Weise das Gerücht, daß Lord Palmerston
die Absicht habc, sich von den Geschästen zurück-
zuziehen.

Berichten aus Algerien zufolge dauert, trotz
der Reise Napvleons dahin, der AuHand im
Süden des Landes svrt.

Deutschland

Baden, 14. Juni. Gestern früh 11U. fand aus
Anlaß deS hochersteulichen Ereigniffes der glück-
lichen Entbindung I. K. H. der Großherzogin
Luise vonBaden eine großeBeglückwünschungs-
Cour im großh. Schlosse dahicr statt. Der Stadt-
director Frhr. v. Göler, der Kreisgerichtsdirector
Dr. Puchelt, so wie die Mitglieder des hiesigen
Kreisgerichts, der Amtmann Und die Ämts-
richter unserer Stadt, die hiesige Geistlichkeit,
eine Abordnung des Gemeinderaths und ein
Obmattn deS engeren Bürgerausschusses, wur-
den von Sr. K. Hoh. dem Großherzog auf's
Huldvollste empfangen. Se. K. H. geruhten,
Jhren allerh. Dank gegen sämmtkiche Abord-
nungen, und insbesondere gegen den Gemein-
derath der Stabt Baden, gnadigst auszusprechen.
Hierauf bat der Stellvertrcter dcs BürgerMei-
sters, Gcmeinderath Schreiber, im Namen der
Stadt um die allergnädigste Erlaubniß, den

in Gefahren schon oft beigestanden, und er rechnet
auch diesmal nicht vergebenS; denn diesMal noch
führt ihn sein Roß in rasender Hast durch die
furchtbaren Gluthen, und läßt ihn endlich, nach
fünfstündigrr Todesangst, den Zug wohlbehalten
in den Bahnhof von Philadekphia einführen.

(Inn-Ztg.)

Mnßigiähriges Zudiläum der „Surfchenschast".

Am 12 Iuni ttzlb, also gerade vor nUn 50
Aahren, war im Gasthofe „zur TanNe" in Iena
eine Vereinigung von 113 Studenten abgehalten
worden, um daS Fcst der Gründung der Burschen-
fchaft zu feiern. Unter den 113 Studenten begeg-
nen wir manchem vielgenaNnten Namen. Zur selben
Stunde, wo in Iena dte Gründungsfeier abge-
balten wurde, rückten Wellington und Blücher mit
ihren Heeressäulen gegen Napoleon, drr, von
Elba zurückgekehrt, an der Spitzc einer großen
Armec noch etnmal den blUtigcn Retgen begann.
Sechs Tage darauf (18. Juni) wurde dte Schlackt
von Waterloo grschlagen. Drutschland war zum
zweitenmal gerettet. Diesrr Tag, wie der IahreS-

Platz an der evangel. Kirche, zum bleibenden
Andenken an dies freudige Ereigniß, nach dem
neugebornen Prinzcn nennen zu dürfen. Se.
Königl. Hoheit gewährte sichtlich erfreut auf's
Huldvollste diese Bitte und theilte mit, daß der
junge Prinz die Namen Ludwig Wilhelm (zur
Erinnerung an den im Zahre 1668 letztmalig
hier geborenen badischen Prinzen), Karl Frie-
drich (zur Erinnerung an seinen glorreichen
Ahnen), Berthold (zur Erinnerung an den
Gründer des hohen Geschlechtes der Zähringer)
in der heil. Taufe erhalten solle. Hierauf lud
Se. K. H. die Anwesenden ein, den neuge-
borenen Prinzen zu sehen, dessen gesundes, kräf-
tiges Aussehen zu den schönsten Hoffnungen
bercchtigt und die größte Freude erregte. —
Heute, bei anbrechender Dunkelheit, strahlte
das alte Schloß in abwechselnd rothem, grünem
und gelbeM begalischcn Feutr und weit in die
Nacht hinaus donnerten von den Zinnen des-
selben Böllerschüsse.

c? Vom Neekar, 13. Juni. Es ift noch
immer keinc ausgemachte Sache, ob ein Besuch
des Kaisers von Oesterreich während des Auf-
cnthalts des Königs von Preußen in Karlsbad
erfolgcn wird oder nicht. Daß bei der gegen-
wärtigen Lage dcr Beziehungen zwischen ven
beiden deutschen Großmächten eine Zusammen-
kunft der beiden Souveräne ein Ereigniß von
großcr politischer Wichtigkeit wäre, ist nicht zu
leugnen. Jn jedem Falle dürfte sie doch die
Wirkung haben, die zur Zeit wieder besonders
fühlbare Spannung zu mildern. Ob gerade,
wie von mancher Seite gehofft wird, eine volle
Verständigung über die Schleswig-Holstein'sche
Frage sich ergeben würde — dürfte mindestens
zweisclhast erscheinen. Es ist allerdings ge-
wiß-, daß der Käiser Franz Joseph grotzen
Werth auf die Erhaltung der Freundschaft Mit
Preußen legt, und daß er dieser zu lieb auch
große Zugeständnisse. in Bezug auf die Herzog-
thümer zu machen bereit ist. — Diefer Geneigt-
neigtheit des Kaisers stehen aber politische Hin-
verrüffe in Oesterreich entgegen, die sich leicht
stärker erweisen werden, als sein guter Willen.
Die libersle, die deutschc Bevölkerung des Reichs
repräsentirettde Mehrheit des Abgeordnetetthanfes
ist nämlich ebensowenig für das preußische
Bündniß, als für Nachgiebigkeit gegen Preußcn
in BetreffSchleswig-Holfteins, und die Regie-
rung ist zur Zeit nothwendig darauf angdwre-
sett, eincn Bruch mit dieser Partei zu vermei-
den. Selbst der jetzt eingeleitete Versuch zu
einer Versöhnung mit Ungarn nöthigt die Re-
gierung, sich die Stütze der deutschen Pavtei
um jeden Preis zu erhalten. Die Ungarn
würden sicher, sobald zwischen jenen beiden cin
Bruch erfvlgt, ihre Forderungen choher spannen.
So lange diese Verhältnisse fortdauern, Mird
der Eittfluß SchMerlings, des bekannten Geg-
ners der preußischen Allianz, nicht zu ftürzen
sein, und selbst der sonst freundlicher gegen
Preußen gestimmtc Graf Mensdorff muß sol-
chen wichtigen Rücksichten gerecht werden. Jn
Berlin wird man sich nicht über diese Sachlage
täuschen, und wenn man auch fortfahren wird,
nach Kräften auf daS Wiener Cabinvt einen
Druck zu üben, so ist doch einleuchtend, daß

ta^ der großen Völkcrschlacht bet Leipzig, blieben ;
fortan Feste für die Burschenschaft, an ihnen trat !
sie öffentlich auf. Die Gründung der Burschen-
schaft hatte einen gewaltigen Umschwung im socia-

roher Zügellofigkeit konnte man an den Aenaer
Stuventen nnn Fleiß, treffliche Sitten, Mäßigung
und Entyaltfamkeit von Spiel und Saufgelagen
bemerken. EinWahlspruch galtursprünglich: „Dem
Biedern Ehre und Achtung." Bald trat an seine
Stelle: „Ehre, Freiheit und Vaterland." Als ge-

angenommen, zum Bundesliede die erhabene Dich- ^
tung von Ernst Moritz Arndt gewählt, die da
beginnt mit Ven Worteti:

Sind wir vereint zur guten Stunde,

Wir, starker, deutscher Männerchor,
und mit dem Wunsche für das Vaterland schlteßt:

„Es geh', durch Tugenden bewundert,

Geliebt durch Redlichkeit und Recht,

Stolz von Aobhrhundert zu Aahrhundert,

An Kraft und Ehren ungeschwächt." —

Und „Einheit des Vaterlandes' war das Ziel der
am 12. Juni'1815 grstifteten „Burschenschaft".

mair überhaupt die österreichische Regierung
nur so weil drängen kann, als ihr die innere
Lage deS eigenen LandeS zu gehen ermöglicht.

x Heidelberg, 15. Juni. Die vor einigen
Tagen zum dritten Male wiederholte Ableh-
nung des vom Ministerium Bismarck geforder-
ten Buvgets bezeichnet ein neues Stadium in
der Geschichte des preußischen Conflicls. Es
geht hieraus hervor, daß die Krisis in Preußen
nicht auf eine baldige Erledigung rechnen kann,
daß das Uebel, um welches es sich handelt,
viclmehr einen chronischen Charakter angenom-
men hat, und die Möglichkcit einer Heilung in
weile Ferne gerückt ist. Alle Versuche einer
Verständigung in der Militär- und Budgetsrage
sind gescheitert. Nach jedem mcnschlichen Er-
messen ist auch die Ablehnung eiues jeden wei-
teru Militär- und Budget-Gesetzes entschieden,
welches dassclbe Ministerium dem Abgeordncten-
hause etwa noch vorlegen möchte. Vorv Haus
aus war der Conflict gerade nicht ein unheil-
barer. Das Ministcrium forderte cine Ver-
starkung der Wehrkraft des Landes, ohne auf
die Finanzen gebührende Rücksicht zu nehmeN.
Die Finanzlage und die Wehrkraft aber erfor-
derten gleichmäßige Berücksichtigung. Jn dieser
Richtung war der Streit dazu angethan, durch
ein Compromiß erledigt zu werden. Wie dic
Sachen jetzt stehen, sehen wir einer vollftän-
digen Stagnation der preußischen Verhältniffe
entgegen, dic bis zum Eintritt unerwarteter
Ereignisse forldauern wird.

Aus Baden, 15. Juni, schreibt der „S.
Merk.": Jch glaube aus verlässigster Quelle
versichern zu können, daß alle Vorschläge der
Curie, welche auf eine Verständigung außer-
halb der Grundlagen des Schulgesetzes abziel-
ten und neue organische Einwirkung auf die
Schulbehörden zur Grundlage HLttcn, als un-
annehmbar von Seiten der Regierung bezeich-
net worden sind. Der Satz, daß die Schule —
die cottfessionclle ^chule mit obligatorischem
Religionsunterricht — Staatsanstalt ift, hüt
nicht die geringste Beeinträchtigung erlitten.
Wie man versicherl, hat sich nunmehr die Curie
zunächst an das Staatsministerium gcwendet,
allein ohne präcisirende Forderungen. Alle Bc-
fürchtuttgen über ein Verlcrssett des bisherigen
StaNdpunktes, bezw. eine prmcipwidrige Nach^
giebigkeit von Seilen der Regierung sind hier-
nach vvrerst beseitigt, es müßte deun, was nicht
zu erwarten, innerhalb des Gcsammtministe-
riums ein andercr Geist zur Geltung gelan-
gen Dieß ist ttm so unwahrscheinlicher, als
sicher auch die bisherigen Träger der Verhand-
lungen nicht ohne eingehende Jnstruction ge-
handelt haben.

1-* Aus Sckwaben, 15. Juni. Die
Sitznngen der würtembergischen Stände werden
sich voraussichtlich noch bis Juli hineinziehen.
Dic wichtigste Aufgabe des gcgenwärtigen Land-
tags, die Berathung und Schlußfassung über
die Eisenbahnvorlagen der Regierung, ist noch
rückständig, und wird erst in den nächsten Ta-
gen die zweite Kammer in Anspruch nehmen
könncn. Die Berathungen der volkswirthschaft-
lichen Commission. die mit diesem Gegenstand
betraut ist, zogen sich in endlose Länge. Man

! Heute, nach fünfzig Aahren, ist eS derselbe Her-

! zenswunsch, von dem die deutsche Augend erfüllt ist.

Das Münchener Wochenblatt „Die Raketen"

bringt nachstrhende, die dichterische Sprache der

Wagner'schen Mufteroper parodirende Verse:

Asolde an Tristan.

Traue, treuer Tristan! trügertsch tollkühnen Träu°
men nicht,

Treibe trotzig triumphirend fort das tolle Traum-
gesicht,

Trockne mir die Thräne tückischen Trübsals tröpfelnd
auf,

Trinke trautenTraubentrankesTrostestropfen dvauf.

Die Theater-Buchhandlung von Ed. Bloch in
Berlin machte kürzlich eine ältere Forderung gegrn
den kön. preußischen Hofschauspieler D. gerichtltch
geltend. Sein Erstaunen war nicht gering, alS
er nachfolgenden Befcheid erhielt: Nach § 704 und
862, Theil I, Titel 11 deS Allgem. LandrechtS
dürfen königlichen Schauspielern Sachen auf Eredit
nicht gegeben werden. Ahre Klage wird deShalb
zurückgewiesen. Königl. Stadtgericht.
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