Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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thüringischcn Zoll- und Handelsverein gehö-
renden Slaaten, Braunschweig und Oldenburg
von dem in bcn übrigen Lollvereinsstaaten er-
zeugten Wein- und Traudenmost gegenwärtig
noch erhoben wird, schon vielsach — und diey
mit Recht — Gegenstand der Anfechtung. Wie
die Leser stch aus den Mittheilungen über die
Verhandlungen unserer Kammern übcr die
neuen ZollvereinSverträge wohl noch erinnern
werden, ist es denn auch den vereinten Be-
mühungen der süddeutschen Staaten gelungen,
die Beseitigung jener Uebergangsabgabe zu er-
wirken. Jndcssen scheint es am Platz, die
Weinproduzenten und Weinhandler noch be-
sonders daraus aufmerksam zu machen, daß
nach den unter den Zollvereinsstaaten getroffe-
nen Verabredungen vie Erhebung mit dem
Zeitpunkt der Wirksamkeit des neuen Zoll-
vercinslariss, also mit dcm 1. künstigen Mo-
natS, eingestellt werden wird. Dabei sind wir
in der Lage, die weiterc erfreuliche Mitthei-
lung zu machen, daß vom gleichen Zeitpunkt
an für die nach Norddeutschland gehenden
Weinsenduugen nicht unerhebliche Erleichte-
rungen in der Transportkontrole ein-
treten werden. worüber dem Vernehmen nach
das Nähere demnächst durch die betreffenden
Verordnungsblätter bekannt gemacht werden
wird.

c? Heidelberg, 20. Juni. Was die dies-
jährige, Schlußrede des preußischen Minister-
Präsidenten in der Kammer von der vorjäh-
rigen unterscheidct, ist ein gewisser Ton größerer
Siegesgewißheit, offenbar geschöpft aus den Er-
solgen der auswärtigen Politik im letztverflosse-
ncn Jahre. Wie vorauszusehen war, stellt das
Ministerium gerabe diese auswärtigen Verhält-
nisse, dic Zielpunktederäußern PolitikPreußens,
in den Vordergrund, um das Abgeordnetcnhaus
als gleichgiltig, wohl gar gefühllos gegen die
Größe, die Ehre, dic Jnteressen Preußens vor
dem Volke anzuklagen. Daß die Regierung auch
fernerhin an ihrem Standpunkt unverweilt
festhalten will, spricht die Rede des Herrn
v. Bismarck sehr entschieden aus, ebenfalls
noch umwundener als im vorigen Jahre. Ob
sie zu außerordentlichen Mitteln zu greifen denke,
um ihren Willen durchzusetzen und den Wider-
stand des AbgcordnetenhauseS zu brechen, da-
von findet sich keine bestimmte Andeutung. H)ie
Erwartung einer gouvernementalen Majorität
an der Stelle der jetzigen oppositionellen scheint
zwar auf eine beabsichtigte Anflösung des jetzi-
gen Abgeordnetenhauscs hinzuweisen, nicht aber
nnbedingt auf den Plan einer Abänderung des
Wahlgesetzcs. Für alle Fälle ist, wie wir schon
früher bemerkt haben, unter den jetzigen Um?
ständen aller und jeder Weg einer Verständi-
gung zmischcn Krone und Volksvertretung aus-
geschlossen, und das preußische Staatsschiff wird
von seinen Leitern einer immer schwierigeren
Alternative zugelenkt.

Aus Baden, 18. Juni. Die Unter-
handlungen zwischen der großh. Regierung
und der Kurie in Freibnrg hinsichllich des
Schulstreikes werden, wie der Schw. M. aus
guter Quclle erfährt, zu keinem Resultat füh-
ren. Bciderseitig stellt man Forderungen auf,

Abschied! Adieu! mein Herr!" — Hierauf nahm
der Kaiser seine Tabaksdose vonr Tischr, warf noch
einen ernsten Blick auf P. und ging in sein Schlaf-
zimmer.

P. war in einer solchen Verzweiflung, daß er
seinem Leben rin Ende machen wollte und nach
einem Pfriem griff, um sein Herz zu ourchbohren,
aber sein College Mr. de M. trat ins Zimmer,
und es gelang ihm mit vieler Mühe, ihn wieder
aufzurichten.

Nach einer Stunde trat General Lemarrois,
Flügel-Adjutant des Kaisers, hrrein und übergab
P. ein versiegeltes Paket mit oen Worten: „Vom
Kaiser!"

P. nahm dcn Brief und zerfloß in Thränen.
Er gab ihn seinem Freunde de M., welcher Fol-
gendes vorlas:

„Ich wollte Sie aus meinem Cabinet fortjagen,
denn Sie haben es verdient; allein ich habe an
Zhren alten blinden Vater gedackt, an Jhre Mut-
ter und Ihre junge Schwester, und wegen diesen
Allcn verzeihe ich Jhnen. Da es nun besvnders
diese find, wrlche unter Ihrrr Aufführung leiden
müssen, so schicke ich Jhnen, indem ich Sie hier-

dic nach seilherigen Kundgebungen eine güt-
liche Vereinbarung nicht allein erschweren, son-
dern wohl unmöglich machen. Von Seite der
Kurie wird auf Aenderungen bestanden, die
nur im Gesetzeswege vollführt werden können;
sie betont dabei, daß nur auf diesem Wege
einer augenblicklichen Strömung eines Kabi-
netes vorgebeugt werden künne. Dagcgen be-
harrt die großh. Regierung auf Beibehaltung
der Grundsätze, die dem Schulgesetze zu Grunde
liegen; sie ist aber bereit, in Bezug auf Pcr-
sönlichkeiten, welche die Schule in oberster Jn-
stanz leiten und ebenso iu Bezug auf die An-
stellung gcistlicher Kreisschulräthe, weitgehenoc
Konzeisioncn zu machen. Des laugen Artikels
der Karlsruher Zcitung kurzer Sinn stimmt
mit dieser kurzen Anveutung vollkommeu über-
ein und wird wohl durch diese wenigen Zeilen
erft recht verständlich.

Berlin, 21. Zuni. Eine Anzahl orthodoxer
Geistlichcr har bei dem Könige im Laufe dieser
Woche durch eine Deputation eine Adresse über-
reichen lassen, um ein Zeugniß abzulegen
„wider das unchristliche Treiben, das sich in
jüngster Zeit, zumal im Hause der Abgeord-
neten, gegen die Obrigkeit von GotteS Gnaden
hervorgethan." Der

Nordschieswig, 20. Juni. Die Schlesw.-
Holst.-Z. bringt mit gesp. Schrift Nachstehendes:
Aus einer Quelle, für deren Zuverlässigkeit ich
ohne Anstand mich verbürgen kann, erfahre ich,
daß das Auftreten des Prinzen Hohenlohe, nach
den geheimen Jnformationen, die aus Kopen-
hagen kommen. eincn ganz andern Zweck hat,
als man gewöhnlich annimmt. Nicht um eine
AuSnutzung der Dänischen Stimmen in der
Schleswigschen Ständeversammlung handelt es
sich; nein, die Absichten laufcn auf elwas ganz
Anderes hinaus. Die dänischen Führer sind
von Kopenhagen aus vollstänoig über die Sach-
lagc informirt und angewiesen, in allen Stücken
den Weisungen der prcußischen Emissäre Folge
zu geben. Um cinc diplomatische Jntervention
der Europäischen Mächte herbeizuführen und
die öffentliche Vreinung in Deutschland allge-
mach auf den Gedankcn einer Abtretung Nord-
schleswigs vorzubereiten, soll ein dänischer
Schmerzcnsschrei in Scene gesetzt werden. Das
ist es. was zunächst geschehen soll. Dann sollen
Conflicte zwischen der dänischen Bevölkerung
und den neuen Beamten herbeigeführt werden
u. s. w. u. s. w. Natürlich ist die Abtre-
tung Nordschleswigs ver Preis für
die Annexion.

Die Cabinctte von Petersburg', Paris und
London sind, wie die Kopenhagener Jnforma-
tionen besagen, sür vie Sache gewon,ien.

Das scheinbare Zurückgehen Preußens auf
die Forderungen vom 22. Februar ist, wie die
dänischen Führer — die im Ernft natürlich
noch weniger von einer Oberherrschaft Preu-
ßens, als von einem unabhängigen Schleswig-
Holstein wissen wollen — aus zuverlässiger
Quelle zu wissen behaupten. Maske, nichls
als Maske. Diese Forderungen, so lautet die
Kopenhagcner Jnformation, find nur gestellt,
um abgelehnt zu werden. Darum das feste
Beharrcn auf denselben, obgleich die Unmög-

mit entlassc, aber nnr für heute, eine An-
weisung von 20,000 Francs, welche Estini Ihnen
sogleich ausbezahlen wird.

Schaffen Sie sich mit dieser Summe alle Eng-
länder, welche Sie quälen, vom Halse, und führen
Sie sich so auf, daß Sie denselben nickt mehr in
die Klauen gerathen; denn in diesem Falle würbe
ich mich nicht weiter um Sie bekümmern. — Uebri-
gens sahren Sie fort, so zu arbeiten, wie zeither.
Auf Morgen, mein Herr!

(Das Jubiläum der Burschenschaft in
j Jena.) Die Festkarte zeigt folgende Fcstordnung:
I 14. August Abends: Begrüßung der Ankommen-
! den und geselligc Unterhaltung in der auf der

> Paradieswiese crbautcn Festhalle. Musikfreunden
! wird vorher Gelegenheit geboten sein, einer Auf-
! kührung clasfiscker Musik beizuwohnen. 15. August

> Vormittagö: Festzug durch die Stadt, Gesang

lichkeit, für sie die Zuftimmung des schleswig-
holsteinischen Volks, des deutschen Bnndes,
Qesterreichs u. der übrigen europäischen MLchte
zu gewinnen, in die Augen springt.

Die dänischen Führer haben ferner die Wei-
sung erhalten, eine Massenpetitionfürdie
Entfernung des Herzogs zu Stande zu
bringen. Prinz Hohcnlohe hat 30,000 Unter-
schriften für dieselbe gefordert und für diesen
Fall stcheren Erfolg in Aussicht gestellt.

Wer auch immer diesc Mittheilungen zu
dementiren unternehmen sollte, lassen Sie sich
davon nicht beirren. Jch stehe für die Richtig-
keit meincr Meldungen. Verkünden Sie allen
redlichen Schleswig-Holsteinern, verkünden Sie
allen ehrlichen Deutschen, so weit Jhrc Stimme
reicht, die traurige Botschaft: Das Vater-
l and ist in Gefahr! Unheimliche Dinge
sind im Werke!

Wien^ 20. Juni. Der Feldmarschalllieu-
tenant Frciherr v. Melczer ist im allerh. Auf-
trage nach Karlsbad gereist, um den König
von Preußen im Namen des Kaisers zu be-
grüßen. Der preuß. Gesandte, Frhr. v. Werther,
begibt sich den 24. d. zum Empfange deS Kö-
nigs nach Karlsbad.

A m e r i k a.

Newyork, 10. Juni. Eine Negerdepu-
tation aus Kentucky hat sich beim Präsidenten
Johnson darüber beklagt, daß die Weißen den
Schwarzen jewede Arbeit verweigern, und um
Schutz der Regierung, so wie Beibehaltung der
Kriegsgcrichte in Kenlucky petitionirt. Jn Was-
hington ist die Stimmung gegen die Schwar-
zen ebenfalls sehr gehässig. Die Negerschulen
in Richmond mußten wegen grausamer Bc-
handlussg der Negerkinder geschloffen werden.
Der Nothstand in Virginien ist groß und die
Regierung speist daselbst 200,000 Nothleidende.

Newyork, 11. Juni. Der Staatssecretär
Sewaro wohnte am 7. einer Cabinetsversamm-
lung bei, war aber zu schwach, um während
der ganzen Sitzung anwesend zu bleiben. Hr.
Friedrich A. Seward befindet sich cbenfalls
wohl. Die unionistische Gesinnung in den nun
zu reconstruirenden südlichen Staaten ist selbst-
verständlich noch sehr zweifelhafter Natur, wie
der AuSgang der neulichen Wahl in Virginien
beweist. Bekanntlich ift dort eine große Anzahl
der Gesinnungsgenossen der Rebellen gcwählt
worden, und selbst in Districten, die vier Jahre
von Unionstruppen besetzt waren. Die jetzt
veröffentlichten Aussagen des Zeugen Cannover
und des Arztes James B. Merritt in dem
Hochverrathsprocesse sinp sehr beschwerend für
die Angeklagten und beweisen die lange Vor-
bereitung 'Lnd weite Verzweigung des Com-
plotts zur Ermordung des Präsidenten'Lincoln
und anderer hervorragender Staatsmänner.
Connover, welcher in alle Pläne der Verschwörer
tief eingemeiht war, scheiut vom Aufange an
im Einverständniß mit der Unionsregierung
gehandelt zu haben.

Neueste Ikachrichten.

Madrid, 22. Juni. Der Marschall Ser-
rano ist zum Generalcapitän von Madrid er-

^ einiger Lieder auf dem Eichplatz und Festrede auf
^ dem Markte. Mittags: Fesieffen in der Festhalle.

! AbendS: Geselliger Verkehr in der Festhalle und
j verschicdcncn anderen Locakitäten. 16. August,

! Vormittags: Gemeinschaftlicher Ausflug nach dem
i Forst. Mittags: Effen in der Festhallc und tn
> den Gasthöfen „Sonne", „Bär" und „Teutsches
: Haus". Nackmittags und Abends: AUgemeiner
! Commers auf der Paradieswiese.

Dawison geht nach Amerika. Der bekannte Im-
presario Herr Ullmann steht bereits mit dem Künst-
ler in Unterhandlung. Es soll Seitens des Herrn
Ullmann eine vollständige deutsche Sckauspieler-
gesellsckaft zusammengestellt werden, an deren Spitze
Dawison stehen würde; ebenso ist an Krau Nie-
mann-Secbach die Anfrage ergangen, ob sie dem
Unlernehmen ihre Mitwirknng gewähren wolle;
eine bestimmte Erklärung der Dame ist bis jetzt
nock nicht erfolgt. _

Nachrichten, leider gar kein beruhtgendes sein. Die
kleinste geistige Anstrengung oder Anfregung ver-
schlimmert sofort sein Leiben.
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