Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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ihrer angesiedelten Kurzarbeiter ins Auge zu fassen?
Vom modernen Städtebau wird eine solche Dezentrali-
sierung als Gegengewicht gegen stärkere Betonung des
Citygedankens seit langem gefordert; aber ist sie in der
gegenwärtigen Krisenzeit überhaupt denkbar?

Gegenüber allen diesen — noch nicht einmal er-
schöpfenden — Fragen wird die Praxis sich vermutlich in
der nächsten Zeit darauf beschränken, die Möglichkeiten
wahrzunehmen, die sich da und dort nahezu von selbst
bieten. Man wird, und mit Recht, darauf verweisen, daß
hier offenbar eine im Volk lebendige instinktive Be-
wegung sich trifft mit einem Gedanken, der wenigstens

eine gewisse Nothilfe gegenüber einem Teil der Be-
drängnis der Arbeitslosigkeit verheißt. Und man wird
geneigt sein, alle Fragen grundsätzlicher Art nach Ziel-
setzung, Richtung und möglichem Ausmaß der Aktion zu
vernachlässigen. Diese Selbstbeschränkung der Ver-
waltungspraxis mag man beurteilen wie man will — die
bisher unerreichte Ansiedlungspraxis Friedrichs II. war ja
immerhin ohne umfassendes Gesamtprogramm nicht
denkbar —, man wird doch nicht verzichten dürfen auf
eine gründliche, über den Tag hinausschauende Prüfung
der Dinge durch die Theoretiker, denen die Praxis doch
meist ihr Bestes verdankt.

Selbstversorgersiedlung

R. WILBRANDT

Was ich auf der Königsberger Tagung des Vereins für
Sozialpolitik als Lösung des Problems der strukturellen
Arbeitslosigkeit vorschlug, ist nun in überraschend
schneller Verwirklichung begriffen. Selbstverständlich
unter Anpassung an die Not der Zeit, den stärksten
Faktor für die Verwirklichung jener Ideen und zugleich
den Umgestalter, der alles auf das augenblicklich Mög-
liche reduziert. Vor allem ist es die Selbsthilfe der Siedler
beim Aufbauen ihrer Häuser, die die Verwirklichung
kühner Träume nun erleichtert.

Blicken wir freilich weiter zurück, so hat die Idee schon
ein langes Leben. Ihre Verwirklichung erfolgt viel zu
spät. Schon vor Jahren hat K. v. Meyenburg, der Er-
finder der Gartenfräse und bahnbrechende Forscher auf
diesem Gebiet, auf einer Tagung der deutschen Garten-
stadtgesellschaft die ungenutzten Möglichkeiten ge-
würdigt, die unser deutscher Boden noch bietet, wenn
er in kleinen Parzellen aufs Intensivste und vor allem aufs
Sachkundigste ausgenutzt wird. In einer äußerst lesens-
werten Abhandlung, die 1927 als Beiheft zu der Zeit-
schrift „Die Gartenstadt" herauskam, hat Meyenburg die
wissenschaftlichen Grundlagen gelegt, auf denen wir
seitdem aufzubauen beginnen. Vergeblich hat er daran
die Forderung geknüpft, daß in Versuchs-, Lehr- und
Mustersiedlungen praktisch erprobt werde, was er theo-
retisch abgeleitet hatte. Nun stehen wir ohne jede Vor-
bereitung vor einer Aufgabe, die sehr viel Lehrgeld
kosten wird.

Vor Meyenburg hatte der Gartenarchitekt Migge die
Idee vertreten, als deren Herold er gewürdigt werden
muß. Noch weiter zurückblickend treffen wir Franz
Oppenheimer und schließlich Peter Kropotkin als Ahn-
herren der Idee. Sie hat also schon ein Leben von bei-
nahe 50 Jahren. Doch erst die Not der Zeit hat ihr zur
Verwirklichung verholfen.

Der ausgezeichnete Aufsatz über Stadtrandsiedlung in
Heft 10 dieser Zeitschrift hat bereits die Fragen auf-
geworfen, die sich aufdrängen, wenn man dem nun so
raschen Geschehen kritisch folgt. Vor allem müssen wir
uns klar werden, um was es sich handelt. Der Titel
„Selbstversorgersiedlung" bringt es zum Ausdruck. Im
Normalfall soll überhaupt nicht für den Markt produziert
werden. Es handelt sich lediglich darum, daß diejenigen
Lebensmittel, die mit Vorteil im Kleinen hergestellt werden
können, nun ein Naturaleinkommen als Ergänzung un-
zureichenden Geldeinkommens bilden. Im gleichen Sinne
wirkt es, wenn der Selbstversorgungssiedler im Verein
mit seinen Schicksalsgenossen auch das Siedlerhäuschen

soviel als möglich selbst erbaut. Beides zusammen ergibt
ein Naturaleinkommen, das für diejenigen Schichten, um
die es sich handelt, etwa ein Drittel des Gesamt-
einkommens auszumachen vermag.

Nur in Ausnahmefällen ist daran zu denken, daß der
Selbstversorgungssiedler über den eigenen Bedarf hin-
aus auch den von anderen Leuten befriedigt. In gewissen
Gegenden ist Gemüse noch so fremd, daß erst der Siedler
es auf den Markt bringt. Es muß aber vorsichtig geprüft
werden, wo das der Fall ist. Und es bedarf einer sorg-
fältigen Absatzorganisation, um Enttäuschungen vor-
zubeugen, wie sie schon eingetreten sind. Ein Vorbild
ist die Obstbaukolonie Eden in Oranienburg bei Berlin;
noch vollkommener ist die Verbindung zum Konsumenten,
wenn, wie ich es in England gesehen habe, das Last-
auto des Konsumvereins dem Siedler Konsumvereins-
waren bring;- und die Überschußprodukte der Siedlung
zum Verkauf im Konsumverein abholt.

Gerade die Gefahr, daß der Siedler sich verleiten
lassen könnte, die durch seine Barauslagen erforderten
Geldeinnahmen durch Verkauf auf dem Markt herein-
zubringen, hat gegenüber der Lebensfähigkeit meiner
Idee zu kritischen Betrachtungen Anlaß gegeben. Ein
hervorragender Landwirt, C. H. Schröter, hat in der Zeit-
schrift für Wohnungswesen 1931 (Nr. 17/18) durch ein-
gehende Berechnungen zu zeigen versucht, in welche
Schwierigkeiten man da gerate. Ich verweise demgegen-
über auf diejenige Gestalt, welche dem Plan inzwischen
durch meine Schülerin Dr. Gertrud Laupheimer gegeben
worden ist. (Erstmals in der Zeitschrift „Die Gartenstadt"
1931 Heft 3, demnächst eingehender in einer Schrift, die
wir vorbereiten.) Dank den mühevollen Berechnungen
dieser Gartenbauspezialistin verfügen wir nun über ge-
naue Vorstellungen, wo man bis dahin nur unbestimmte
Erwartungen hegen konnte. Ich muß mich hier auf die
Wiedergabe des Endergebnisses beschränken. Es be-
steht darin, daß die laufenden Ausgaben für den Be-
trieb zwar Bargeld aus irgendeiner Quelle stets zur Vor-
aussetzung machen, daß aber, nach Abzug dieser Aus-
gaben, sich ein Naturaleinkommen von etwa 500 RM im
Jahr ergibt, wenn eine Familie mit zwei Kindern dazu
übergeht, statt bisherigen Einkaufs beim Einzelhandel, nun
Gemüse, Obst, Eier, Ziegenmilch und ein Schwein im
eigenen Haushalt zu produzieren. Dabei ist eine Aus-
stattung vorausgesetzt, die keinen beträchtlichen Auf-
wand erfordert. Es genügt eine Parzelle von einem
Viertel-Morgen (Vie ha); will man auch das Futter für das
Schwein sowie die Kartoffeln für den Haushalt selbst

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