Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Brücke besteht, eine Brücke aber mit eigener Prägung.
Vor allem scheint es uns wichtig, die Projektion des
großen geistigen Geschehens im Alltag, im Geschehen
des Lebens, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Technik
zu beobachten.

Dieser Aufsatz soll gewissermaßen ein Auftakt für
kommende Erörterungen sein. Er wird daher statt mit
Ergebnissen mit Fragestellungen schließen müssen.

Eine der wichtigsten Fragestellungen, die sich aus die-
sem Problem ergeben, ist bereits im letzten Heft des
vorigen Jahrgangs von Alexander Schwab schon an-
geschnitten worden am Schluß seiner Ausführungen
„Westeuropa und der russische Städtebau". Er spricht
davon, offenbar mit einem bedenklichen Blick auf die
kommenden Erwerbslosensiedlungen, daß bei uns der
Weg von den geplanten Großstadthäusern mit allen
technischen Neuerungen versehen nun zur Bretterhütte
führt, während in Rußland der Weg von den Bretter-
hütten zur neuen, mit allen technischen Hilfsmitteln ver-
sehenen Wohn- und Industriestadt sichtbar wird. Man
könnte sich denken, daß von kommunistischer Seite
— wir denken dabei nicht an den Parteikommunismus,
sondern an die Menschen, die in der Entwicklung und in
den Plänen Rußlands den wirklichen Fortschritt sehen —
stärkste Bedenken gegen die Erwerbslosensiedlung gel-
tend gemacht werden, und zwar aus folgenden beiden
Gründen: einmal, weil bei dieser Form der Aussiedlung
ein großer Teil der Arbeit des Ausgesiedelten in höchst
individueller Form vor sich geht, weil er damit zu einem
Kleinbürger statt zu einem klassenbewußten Mitglied der
Gesellschaft wird, zum anderen Mal, weil der Aus-
gesiedelte zu höchst primitiven Wohn- und Arbeitsformen
zurückkehrt; das nicht nur bindende, sondern auch kultur-
und fortschrittbringende Element der Technik ist damit
für eine Zeitlang ausgeschaltet oder zurückgeworfen.
Mag die Erstellung der Wohn- und Wirtschaftsgebäude
auch in kollektiver Form vor sich gehen, mit Ausnutzung
sehr weit gediehener industriell gelieferter Normteile, so
wird doch die Bodenbewirtschaftung in ihrem Arbeits-

prozeß sehr individuell sein. Wir haben ja unsere Aus-
führungen darauf eingestellt, daß wir ein Stück Zukunft
darin sehen, daß der Arbeiter zur Hälfte im kollektiven
Arbeitsprozeß der Industrie tätig ist und zum anderen
Teil individueller Selbsterzeuger. Natürlich berühren uns
in unserer Zeitschrift Fragen der politischen Struktur und
des wirtschaftlichen Besitzes überhaupt nicht, uns gehen
nur die kulturellen, die geistigen und die wirtschaftlichen
Voraussetzungen etwas an.

Nun müssen unbedingt von Fachleuten Fragen be-
handelt werden, die wieder etwas enger in das Arbeits-
gebiet unserer Zeitschrift gehören. Vor allem die städte-
bauliche Frage, die aber nicht gelöst werden darf, ohne
daß man an die Einbeziehung des Arbeiters in den
industriellen Arbeitsprozeß denkt, die Frage des Trans-
ports zur Arbeitsstelle, die damit verbundenen Kosten
und Zeitaufwände müssen berücksichtigt werden. Eine
besondere Frage ist die, wieweit man den Siedlern in-
dustriell sehr weit genormte Teile zur Verfügung stellen
kann. Wichtig ist auch, daß die Siedlergruppen mit
Baufachleuten und beratenden Architekten durchsetzt
werden, ebenso wie es notwendig sein wird, daß eine
genügende agrarwirtschaftliche Beratung eintritt.

Von ganz großer Bedeutung könnte eine Beeinflussung
des ländlichen agrarischen Siedlungsbaues durch sach-
gemäße wirtschaftlich und technisch durchdachte Er-
stellung der Bauten der neuen Siedler werden. Denn
der agrarische Siedlungsbau liegt noch sehr darnieder.
Die besonderen architektonischen Aufgaben sind noch
nicht richtig durchdacht. Und wenn man auch heute be-
sorgt sein muß wegen der Bretterbuden und der primitiven
Wohn- und Wirtschaftsbauten der Ausgesiedelten, so
hilft vielleicht gerade die Not dazu, die Grundlagen
dieses Bauens zu revidieren und auf die einfachsten und
besten Formen zu bringen, genau so wie bei der
städtischen Kleinwohnung gerade die wirtschaftlichen
Nöte gezwungen haben, die Wohnungen bis auf den
letzten Quadratzentimeter vernünftig und brauchbar
durchzugestalten.

Wirtschaftsfragen zur Erwerbslosensiedlung

ALEXANDER SCHWAB

Alle Kreise, die an der kulturellen Arbeit des Deut-
schen Werkbundes Anteil nehmen, sind als Produzenten
wie als Konsumenten und in ihren gesamten Wirkungs-
möglichkeiten in so hohem Maße abhängig von der
wirtschaftlichen Entwicklung, von der Hebung oder
Senkung oder auch Umgestaltung des Lebensstandards
des deutschen Volkes und darüber hinaus aller zivili-
sierten Länder, daß die Frage nach dem Ausweg aus
der gegenwärtigen Krise jeden aufs tiefste berühren
muß. Ist es daher ein Verdienst der Schriftleitung der
„Form", der Behandlung dieser Frage überhaupt Raum
gegeben zu haben, so hat die Zuspitzung auf die Frage
der Erwerbslosensiedlung ihren besonderen Sinn in den
kulturellen Zusammenhängen, die Dr. Lötz in seinem
einleitenden Aufsatz andeutet.

Dennoch ist auch diese Einzelfrage nur richtig zu be-
urteilen in Verbindung mit den wirtschaftlichen Gesamt-
fragen. Die Probleme, die hier zur Beurteilung stehen,
sollen im folgenden als Grundlage einer weiteren Dis-
kussion — also nur in problematischer, nicht in Pro-

grammform — umrissen werden. Es handelt sich kurz
etwa um folgende, durchweg untereinander zusammen-
hängende Punkte:

1. Weltwirtschaft oder Autarkie:

Ergibt eine Analyse der gegenwärtigen Lage und der
Entwicklungstendenzen des Weltkapitalismus, daß das
Zeitalter der Exportindustrie und der wachsenden Ver-
flechtung der großen Wirtschaftsvölker vorüber ist? Oder
ergibt eine solche Analyse vielleicht, daß nur die Export-
industrie der westeuropäischen Völker mit relativ hohem
Lebensstandard auf die Dauer gegenüber dem Aufstieg
Ostasiens mir niedrigen Löhnen und niedrigem Lebens-
standard nicht mehr lebensfähig bleibt? Ist hierin eine
dauernd wirksame Ursache der Arbeitslosigkeit in den
westeuropäischen Ländern und insbesondere in Deutsch-
land zu sehen? Wenn ja, ergibt sich daraus als einzige
Möglichkeit der Rettung auf lange Sicht der Zwang zur
Autarkie, d. h. zur Herstellung einer für die Volks-
ernährung ausreichenden eigenen landwirtschaftlichen
Basis? Oder schließlich: Ist anzunehmen, daß die

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