Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Die Wiener Werkbundsiedlung

WILHELM LÖTZ

Es ist dem österreichischen Werkbund gelungen, in
Wien eine Siedlung von 70 Einfamilienhäusern zu er-
richten. Es wird kaum jemand geben, der angesichts
der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse, vor allem
Österreichs, diese Tatsache nicht als eine große Lei-
stung ansprechen wird. Gewiß haben es unsere öster-
reichischen Freunde nicht leicht gehabt, diesen schon
lange gehegten Plan in die Wirklichkeit umzusetzen.
Aber es ist ihnen gelungen. Die Baufreudigkeit der
Stadt Wien und die großen Aufgaben, die dort be-
wältigt worden sind, haben ja überall in der Welt
allergrößtes Aufsehen erregt. Anfänglich haben bei
dieser Bautätigkeit auch hervorragende österreichische
Werkbund-Architekten mitgewirkt, aber diese an Zahl
und Umfang so große städtische Bautätigkeit wurde
bald schon und weiter bis heute von beamteten Archi-
tekten geleitet, die, von der Seite der modernen Archi-
tektur her gesehen, keine beachtenswerten Fähigkeiten
bewiesen haben. Nun konnte der österreichische
Werkbund mit dieser Siedlung seine Fähigkeiten be-
weisen und hat eine Leistung vollbracht, die als eine

stille aber eindringliche Forderung für die Durchfüh-
rung der weiteren Wohnbauvorhaben der Stadt Wien
vor aller Augen steht.

Es mag denjenigen bei uns, die von den Wiener
Wohnungsbauten nur die riesenhaften Wohnburgen
kennen, erstaunlich erscheinen, daß bei dieser Sied-
lung der Nachdruck auf dem kleinen Einfamilienhaus
liegt, und sie kommen vielleicht in die Versuchung, dar-
in eine für Wien programmatische Forderung zu
sehen. Aber es muß betont werden, daß das nicht der
Fall ist, denn in Wien sind in all den Jahren überall
kleine Einfamilienhäusersiedlungen entstanden, offen-
bar ebenso aus einem örtlichen Bedürfnis und aus der
soziologischen Struktur dieser Großstadt heraus wie
aus einer besonderen Vorliebe für diese Wohnform*
Tatsächlich ist auch schon vor Eröffnung der Ausstel-
lung ein ziemlich großer Teil der Häuser nach dem
Plan oder nach dem Rohbau verkauft worden.

Wenn man dieser Siedlung und der architekto-
nischen Leistung gerecht werden will, muß man die
sehr unproblematische und im besten Sinn traditions-

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