Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Abbruch des Kölner

Doms und kein Ende

HANS SCHMITT

Es klingt in einer Zeit unerhörter Not frivol und un-
verständlich, von der Erhaltung antiker und gotischer
Bauwerke zu sprechen. Da aber sehr, sehr hohe
Summen, die die Öffentlichkeit zusammengebracht hat,
bei allem Kultur- und Museumswerk verbraucht werden,
besieht auch heute die Berechtigung, über scheinbar fern-
liegende Dinge zu sprechen.

Die Kölner Dombauhütte ähnelt mit ihren rund 70 Bild-
hauern, Steinmetzen und Arbeitern, mit Druckluft, Ma-
schinen und Zuschlaghämmern dem Leistungsbestand
einer ganz großen Neubaustelle.

Neubauten sind es auch, die aus ihr hervorgehen. Die
originalsten Teile des ganzen Domwerkes, die Strebe-
pfeiler des Hochchores, werden entfernt und durch
moderne Steinmetzarbeit ersetzt.

Schon jetzt kann man einige bereits ausgewechselte
Pfeiler an der Südostseite sehen. Obwohl sie noch zum
Teil von Gerüsten verdeckt sind, ist man von der er-
schreckenden Attrappenhaftigkeit des frischen hellen
Steines betroffen.

Nun ging vor einer Reihe von Monaten ein Aufsatz
durch die westdeutsche Presse, der, von Kunstgelehrten
und Architekten unterzeichnet, recht unsicher und tastend
eine Rechtfertigung für die jetzigen Methoden der Dom-
renovierung suchte und für den Dom eine Sonderstellung
eingeräumt wissen wollte.

Gegenströmungen früherer Tagungen für Denkmai-
schutz und Heimatpflege wurden hier aufgefangen und
umgebogen in einer Sache., in der es überhaupt nur ein
Entweder — Oder gibt.

Ein Satz der Erklärung gibt nun besonders zu dieser
Kritik Anlaß, einer Kritik übrigens, die in Köln selbst
bezeichnenderweise in Presse oder Rundfunk kein Sprach-
rohr finden kann.

Es wird behauptet, auf die Erhaltung der Domsubstanz
käme es gar nicht an, sondern auf die „symbolisch ge-
nommene Form", die das Gesamtkunstwerk darstellt.

Hiermit hat man nun ein äußerst vieldeutiges und ge-
fährliches Axiom aufgestellt. Jede Schändung an jeg-
lichem Kunstwerk läßt sich entschuldigen, wenn es einem
unverständigen, bürokratischen Denken einfällt, dieses
oder jenes Bauwerk zum Symbol und damit zum Sonder-
fall zu erklären.

Es ist ein so verwaschener, uns heutigen Menschen so
unlebendiger, verstandesmäßiger Begriff, daß seine Be-
deutung gegenüber der trotz der Jahrhunderte lebendig
gebliebenen Substanz zur Nichtigkeit herabsinkt. Man
tut dem Geiste der Schöpfer der Kathedralen und der
Gemeinschaft, in der sie wuchsen, unrecht, ihre Arbeit
heutigen, etv/a politischen Wertigkeiten zuliebe zu ver-
fälschen.

Sollte aber das böse Wort vom Symbol so gemeint
sein, daß die alte Form in frischen Stein (aber in andere
Substanz) transponiert werden soll der Form zuliebe,
so hieße dies die Geliebte töten, weil man ein gutes
Foto von ihr hat.

Nun nützt es aber selbst der gewandtesten Dialektik
nichts, das Gewicht flugs von der Substanz auf die „sym-

bolisch genommene Form" zu verlagern. Schon die paar
ausgewechselten Pfeiler beweisen es. Sie liegen in einer
ganz anderen visuellen Ebene als die plastische Chor-
form, die das Gedächtnis bewahrt, kurz, wenn wirklich
die Form das zentrale Problem der Domerhaltung wäre,
die Form ist gar nicht mehr die alte Form. Die erstrebte
„Licht- und Schattenwirkung" ist eine Fiktion. Volumen,
Metrik, Meißelschlag und ähnliche mechanistische Kon-
gruenzen mögen, gerne zugegeben, peinlich und
pedantisch gewahrt sein, sind aber untergeordnete, zur
Hauptsache erhobene Wichtigkeiten. Es wird nützlich
sein, kurz zu entwicKeln, wie allein Denkmalschutz be-
irieben werden darf. Es ist ein übles Mißdeuten, denen,
die die Erhaltung der Domsubstanz obenan stellen, nach-
zusagen, sie wollten den Dom in Schönheit sterben lassen.

Nicht Passivität dem Zerstörungswerk der
Schwefelsäuredämpfe gegenüber soll die allzu lebendige
Aktivität von heute ersetzen, sondern eine andere
Art der Aktivität, nämlich die, zu konser-
vieren, mit allen Mitteln der modernen Chemie und
Steinerhaltungstechnik organisierte Versuche anzustellen
und das Beste und Erprobteste hiervon auf den Dom an-
zuwenden. Keine Dombauhütte, sondern ein Labora-
torium muß das Betätigungsfeld der Domkonservierer
sein, geführt nicht vom gotischen Architekten, nicht vom
ästhetisierenden Museumsmann, sondern vom Chemiker
und allenfalls vom Ingenieur.

Der modernen Chemie, die aus Pech und stinkenden
Dämpfen Arzneimittel, Farben und Parfüm machen kann,
darf man eine befriedigende Lösung getrost zutrauen.

Nichts Unsinnigeres also, als der Vorwurf, die Substanz-
erhalter wollten den Dom „in Schönheit sterben" lassen,
unsinnig auch aus anderem Grunde. Denn längst
bevor der langsame Zerstörungsprozeß
das Domwerk aufgefressen hat, hat es die
leidige Renovierungsarbeit zerstört. Sie
zerstört es täglich und stündlich vor unseren Augen.
Selbst bei absoluter Passivität gegenüber der langsamen
Zersetzung hat das eigentliche Domwerk hundertmal
länger noch zu leben, als bei Anwendung der meuchel-
mordenden Methoden von heute.

Eins ist klar, gegen das eherne Gesetz des Vergehens,
gegen den Tod, das schließliche Ausgelöschtwerden
kann weder eine Dombauhütte noch die Chemie an.
Aber dort stehen wir noch lange nicht, der Dom kann
noch Jahrhunderte überdauern, auch mit der alten
Substanz.

Wo es um die Erhaltung der Standfestigkeit
des Domes geht, also um die Behandlung der konstruktiv
wichtigen Bauglieder, kann man natürlich auf die bau-
technische Arbeit nicht verzichten. Auch hier muß das
Prinzip der Erhaltung obenan stehen, und nur wo Aus-
wechslungen im Gestein unumgänglich notwendig sind,
da darf der Statiker und Konstrukteur (wiederum nicht
der Kunsthistoriker) eingreifen, aber nicht eingreifen, in-
dem er echte Gotik durch Pseudogotik ersetzt, sondern
unter ausschließlicher Verwendung der technischen Mittel
unserer Zeit, etwa von Eisen, Beton, Hilfskonstruktionen
usw., die ganz klar erkennen lassen, daß sie unserer Zeit

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