Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Eine wichtige Aufgabe für den Deutschen Werkbund ist
ferner die Stellungnahme zu den Sparmaßnahmen des
Reichs, der Länder und Gemeinden. Wir müssen darauf
dringen, daß bei allen Sparmaßnahmen das Qualitäts-
prinzip im Sinne der Auslese des zu Erhaltenden gewahrt
wird. Wir müssen uns dagegen wenden, daß in einer
Zeit, in der kulturell wertvolle Betriebe untergehen, 25 Mil-
lionen aufgebracht werden, um einen Warenhauskonzern
zu stützen, der neben den bestehenden Unternehmungen
dieser Art eine Fehlleitung des Kapitals bedeutet.
Sparmaßnahmen auf dem Gebiet des gewerblichen Er-
ziehungs- und Bildungswesens müssen so durchgeführt
werden, daß veraltete und unfruchtbare Einrichtungen zu-
erst abgebaut werden. Dann bleiben genug Mittel für die
kleinere Zahl lebendiger und wirksamer Schulen und In-
stitute, die für einen Aufbau der Wirtschaft unentbehrlich
sind. Wir müssen darauf dringen, daß man in jedem Fall
die Qualität der Leistungen prüft und nicht aus Mangel an
Zielbewußtheif und Urteilskraft das Lebensnotwendige
schematisch abbaut. Hier muß der Werkbund seine Hilfe
und Mitwirkung anbieten.

Auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik steht die Export-
frage im Vordergrund. Hier ist die Einsicht wohl vorhanden,
daß wir — wie auch die Weltwirtschaft sich entwickeln
möge — jene Märkte, die wir früher gehabt haben, nicht
wiedergewinnen werden, vor allem nicht wiedergewinnen
werden mit der gleichen Ware. Sehr zielbewußt beschäf-
tigt man sich mit dieser Frage in England. Der Be-
richt des Britischen Enquete-Ausschusses für Industrie und
Handel (Balfour-Komitee) gibt wertvolle Aufschlüsse. Er
enthält eine ausführliche Darstellung der Entwicklung der
sogenannten neuen Industrieländer. In Kanada, Austra-

Werkbund und Erziehu

Bericht des Ausschusses für Erziehungsfragen
PAUL RENNER

Sie werden nicht erwarten, daß man bei so knapp be-
messener Zeit, in ein so weitläufiges Gebiet wie unser
Schulwesen, tief eindringen kann. Ich will nur auf das
hinweisen, was uns im Werkbund am nächsten liegt; das
ist erstens die künstlerische Erziehung, als Berufsaus-
bildung des Künstlers und als Weg zur Allgemeinbildung;
und das ist zweitens jede Werkarbeit in Schulen; auch sie
einmal als Ausbildung von Fachleuten und Facharbeitern
in Berufs- und Fachschulen aller Art und dann auch als
ein immer mehr und mehr anerkanntes Lehr- und Er-
ziehungsmittel in allgemein bildenden Schulen.

Kunsterziehung und Werkarbeit also nicht nur zur Aus-
bildung von Professionellen, wie es im Sportjargon
heißen würde, sondern auch von Amateuren. Und beides
als Mittel zur Erweckung von Kunstverständnis überhaupt,
zur Pflege guten Geschmacks und zur Werbung für rein-
liche Formgebung und für gediegene Arbeit im Sinne der
Werkbundidee.

Künstler und Fachmann sind heute nicht gut auf den
Dilettantismus zu sprechen. Aber unsere Konzertsäle
wären leer, wenn es keine musikalischen Dilettanten gäbe,
und die gesellschaftliche Liebhaberei des Buchbindens
blüht am üppigsten in Ländern, in denen hochbezahlte
Buchbindermeister auch heute noch eine gute Kundschaft
haben. Ich bezweifle darum, ob der so heftig geführte
Kampf gegen handwerkliche Unterweisung von Schülern
und Laien dem Handwerk förderlich ist. Es war von jeher
ein Vorzug alter Kulturländer, daß sie, im Gegensatz

lien, Indien, Südamerika, Brasilien, in China und Japan,
überall wird eine ungeheure Zunahme der Industrie fest-
gestellt. Allein in Brasilien wird der jährliche Produktions-
wert der neuen Industrien mit 45 Millionen engl. Pfund
bewertet. Die Jahresproduktion in Stahl betrug in China,
Japan, Indien und Australien vor dem Kriege 360 000 t,
im Jahre 1928 betrug sie 858 000 t. Mit diesen Tatsachen
beschäftigen sich in England die Männer, denen gleicher-
maßen wie uns das Wohl der einheimischen Industrie am
Herzen liegi\

Es wird gesagt: „Während der Gesamtumfang des inter-
nationalen Handels sich vermindert, ergibt sich die Wahr-
scheinlichkeit, daß von dem verbleibenden freien Handel
ein wachsender Anteil von demjenigen Ausfuhrland er-
obert wird, das die stärkste Fähigkeit besitzt, hochwertige
Ware zu produzieren, Qualitätsarbeit, die alles in sich be-
greift, was eine Ware für ihren Zweck geeignet und für
den Käufer anziehend macht. Die starke Vermehrung des
Wohlstandes aus der neuen Industriearbeit hat zur Bildung
einer Nachfrage nach Qualitätserzeugnissen geführt. Von
der Fähigkeit der britischen Kaufleute, diese Veränderung
zu verstehen und sich darauf einzustellen, dürfte für die
Zukunft des britischen Handels alles abhängen."

Es ist sehr bemerkswert, daß die Denkschrift, die diese
Tatsachen zusammenstellt und einen sehr eindringlichen
Appell an das englische Unternehmertum richtet, so ge-
schrieben ist, als stünden ihre Ausführungen in einem der
ersten Jahrbücher des Deutschen Werkbundes. Es wird
eine der wichtigsten Aufgaben des Deutschen Werkbundes
sein, unablässig darauf zu dringen, daß alle Stellen,
welche sich mit Wirtschaftspolitik befassen, solchen Ge-
dankengängen sich aufgeschlossen zeigen.

ng

etwa zu Rußland, Amerika und den Kolonien, nicht nur
geschickte Handwerker und Facharbeiter haben, sondern
daß in allen Schichten des Volkes Vorliebe und Ver-
ständnis für handwerkliche Betätigung verbreitet ist.

Die künstlerische Erziehung in den allgemein bildenden
Schulen hat ihren Schwerpunkt im Zeichenunterricht. Wir
begrüßen die lebhafte geistige Bewegung in den Krei-
sen der jungen Zeichenlehrer, die es selbst am besten
wissen, wie weit man heute noch von dem Ziel entfernt
ist, die von fast allen Kindern mitgebrachte Begabung
mit der Behutsamkeit eines Gärtners zu pflegen, zu war-
ten und sie geduldig reifen zu lassen. Man kann sich
kaum bessere Richtlinien denken, als die von Ludwig
Pallat für die Preußische Unterrichtsverwaitung erlassenen.
Aber mit Richtlinien allein ist es nicht getan. Die für die
Lehrer so bequeme und für die Schüler so unfruchtbare
Methode des akademisch-naturalistischen Abzeichnens
kommt in den Schulen glücklicherweise mehr und mehr
in Verruf. Aber in der noch recht planlosen Ausbildung
unserer Zeichenlehrer spielt sie immer noch eine viel zu
große Rolle.

Es fehlt hier vor allen Dingen an der Klärung des
kunstpädagogischen Problems. Der Zeichenunterricht hat
eine doppelte Aufgabe. Zeichnen als darstellende
Leistung setzt Formenkenntnis des darzustellenden Gegen-
standes voraus. Das Studium der Naturformen im Sinne
einer naturwissenschaftlichen Morphologie ist aber an
sich noch keine Kunsterziehung, wie Darstellung an sich

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