Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Rundschau

Diskussion um die Stadtrandsiedlung

Otto Haesler:

Arbeitsbeschaffungsprogramme oder Aufbauprogramm

Arbeitsbeschaffungsprogramme werden so lange Ver-
lustmaßnahmen sein, wie sie mangels eines Aufbaupro-
gramms nicht oder nicht rechtzeitig in die Gesetzmäßig-
keit eingeordnet werden können, welche unsere Volkswirt-
schaft in Form veränderter Faktoren bereits beherrscht
und die nur mangels genügender Erkenntnis weder aus-
reichend untersucht noch klar genug erfaßt ist, um sich
lebensfähig auswirken zu können.

Die Lösung dieses großen Problems fordert die Be-
arbeitung eines neuen gesetzmäßigen Aufbauplanes
unserer gesamten Wirtschaft im Sinne höchstmöglicher
Prosperität des deutschen Volkes, und dies ist nicht nur seit
mehr denn 10 Jahren die vordringlichste Aufgabe für
das Wohlergehen des deutschen Volkes, sondern auch
die erste Voraussetzung für eine gesunde Wandlung der
katastrophalen Lage.

Die Tatsache, daß kleineren Teilproblemen die größere
Dringlichkeit zugesprochen wurde und die vordringlichen
größeren Aufgaben eines Aufbauprogramms heute noch
nicht erkannt sind, belastet das deutsche Volk mehr als
ein verlorener Krieg.

Nur mangels eines Aufbauprogramms konnte sich der
ins riesenhafte gesteigerte Wohnungsbau fehlerhaft aus-
wirken, ungeheure Aufwendungen konnten die deutsche
Landwirtschaft nicht retten.

Alle weiteren Maßnahmen: Erwerbslosensiedlung, jetzt

Stadtrandsiedlung, primitive ländliche Siedlungen und
andere auftauchende Pläne mit dem Ziele reiner Arbeits-
beschaffung müssen ebenso zu Verlustmaßnahmen großen
Stils werden, weil sie nicht aus einem auf lebensfähige
Arbeitsteilung gerichteten Aufbauprogramm hervorgehen
und einem solchen nicht eingereiht werden können. Hun-
derttausende von Stadtrandsiedlungen und ländlichen
Siedlerstellen mögen zwar ein reines Arbeitsbeschaffungs-
programm abgeben, aber sie bleiben Verlustmaßnahmen,
wenn es nicht gelingt, jede einzelne Stelle so wirtschaftlich
zu gestalten, daß auch die für den Staat unentbehrliche
Steuerleistung gewährleistet ist. Die Schaffung von nur
1000 steuerertragsgesicherten Stellen ist eine positivere Tat.
Sie vorzubereiten, ist Sache eines Aufbauprogramms. Von
den getrennten Fachministerien mit deren engbegrenzten
Kompetenzen sind lebensfähige Lösungen nicht zu er-
warten. Für die Organisation eines Aufbauprogramms
ist vielmehr ein Aufbaukommissar erforderlich, welcher
unabhängig die für die Bearbeitung eines neuen lebens-
fähigen Aufbauplanes geeigneten Kräfte anzusetzen und
diese entscheidende Vorarbeit voranzutreiben hat, um die
Ergebnisse den Parlamenten zur Beschlußfassung unter-
breiten zu können. Da die hierfür erforderlichen Mittel
nur geringfügig sind, wäre es zu begrüßen, wenn in
letzter Stunde mit dieser dringenden Aufgabe begonnen
würde.

Roger Ginsburger:

Warum und wozu Selbstversorgersiedlungen?

Es scheint noch viele Intellektuelle zu geben, die sich den
Glauben bewahrt haben, daß sie weit über den Klassen
stehen, daß der Hunger der Massen und die Gewinnsucht
der Besitzenden sie so lange nichts angehen, wie das, was
sie Kultur nennen, nicht bedroht ist. Kriege, Arbeitslosig-
keit und Notverordnungen sind ihnen nur vom geistigen
Standpunkte aus wichtig. Wenn einmal irgendeine Frage
ihr Interesse erweckt, weil sie kulturelle Folgen von ihrer
Lösung erwarten, dann gehen sie mit einem rührenden
Eifer an sie heran, sehen nicht die Ursachen und Zusam-
menhänge, propagieren ihre eigene Ideenverwirrung und
schaffen so dem herrschenden Monopolkapital und seiner
Politik die ideologischen Waffen.

So haben sie 1914 den Krieg im Namen der nationalen
Kultur oder Ehre verteidigt, so verteidigen sie heute die
Selbstversorgersiedlung im Namen der Rückkehr zur Natur,
der Verminderung des Zigarrettenrauchens und der Hebung
der Arbeitsfreude.

Warum verhilft ihnen ihre Bildung nicht wirklich zu einer
unvoreingenommenen Erkenntnis der Tatsachen und in-
folgedessen zu einer Stellungnahme für diejenigen, deren
Gesundheit, Lebensfreude, physische und psychische Ent-
wicklungsbedürfnisse und -möglichkeiten den Interessen

der Klasse geopfert wird, welche die Produktionsmittel
monopolisiert und ihren Luxus mit dem Blut, dem Schweiß
und der Not der anderen erkauft? Weil ihre Er-
ziehung und historische, philosophische, ja sogar wissen-
schaftliche Bildung der Denkart und den Bedürfnissen der
herrschenden Klasse angepaßt ist. Vor allem aber weil
sich der Intellektuelle innerlich trotz allem sozialen Libera-
lismus, trotz Humanismus und Philantropie zu dieser Klasse
gehörig fühlt. Sie bezahlt ihn als staatsbesoldeten Pro-
fessor oder Pastor, als freien Künstler, Advokaten, Archi-
tekten oder Ingenieur. Da sie ihn besser bezahlt als den
Arbeiter, hat er gesicherte Nahrung, eine saubere Woh-
nung und sogar verfeinerte Lebensgenüsse zu verteidigen.
Der Selbsterhaltungstrieb verhütet, daß sein spekulatives
Denken zu Schlußfolgerungen kommt, welche Opfer an
Bequemlichkeit verlangen würden. Auch hofft er immer,
wie alle Kleinbürger, irgendwie noch höher in der sozialen
Stufenleiter aufzurücken, Besitz anzusammeln und als ge-
machter Mann von der heutigen Gesellschaftsordnung zu
profitieren, und er baut sich so eine Lebensphilosophie von
persönlicher Tüchtigkeit und Herrenmenschentum auf, hin-
ter der man die Angst spürt, daß die Kravatte schief sitzt
oder das Monokel gleich herunterfällt, das heißt, die
Angst, nicht für voll genommen zu werden.

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