Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Materialstudium

ALFRED EHRHARDT

Vorbemerkung

Die Landeskunstschule Hamburg hat seit über zwei
Jahren das Materialstudium in Form einer Material-
studienklasse organisch in den Gesamtausbildungsgang
eingebaut. Alle Studierenden müssen die Klasse durch-
laufen, soweit sie nicht im Kunsthandwerklichen oder im
Kunstgewerblichen eine mehrjährige praktische Lehrzeit
nachweisen können oder soweit sie im frei Künstlerischen
nicht in entsprechend langer Zeit gründlich vorgebildet
sind. Wir sind der Meinung, daß das Material-
studium die notwendige Grundlage für die Möglich-
keit einer zeitgemäßen künstlerischen, kunstgewerblichen
und kunsthandwerklichen Gestaltung der Gegenwart und
der sich aus ihr entwickelnden Zukunft schafft. Hier stehen
wir im scharfen Gegensatz zu der bisherigen Anschauung,
die das Naturstudium (als nachahmendes Zeichnen,
das bestenfalls nur das einseitig optische Erfassen der
Materie ermöglichen kann) zum Ausgangspunkt für eine
Ausbildung auf den oben erwähnten Gebieten nimmt.
Nach unseren Erfahrungen scheint das Naturstudium für den
Anfänger außerdem unverstanden zu bleiben; es kommt
beim Anfänger immer wieder ein mehr oder weniger starkes
Kopieren der Natur zustande, mechanisch, oft gleichgültig
und unlebendig. Für unsere sich grundsätzlich um-
stellende, neue bildende Gestaltung ist aber eine solche
Ausgangsebene unmöglich. Sie wird unserem neuen Ge-
staltungssinn entsprechend neu geschaffen werden müs-
sen. Selbstverständlich ist das Naturstudium auch für die
Kunstschule Hamburg ein sehr wichtiger kunstpädagogi-
scher Baustein. Es ist neu in die Schule eingeordnet, und
ihm kommt eine grundsätzlich neue Bedeutung zu. Wir
versuchen, auf der Anfangs- und Ausgangsstufe den ele-
mentaren Gestaltungssinn allseitig an den Grundstoffen
der Gestaltung, am Material in seinen lebendigen Eigen-
arten zu entwickeln, gehen also nicht nur von der optischen
Veranlagung des Menschen aus, sondern beteiligen seine
Totalität*).

Allgemeines

Weltbild und Lebensgefühl haben sich in den letzten
Jahrzehnten grundsätzlich gewandelt. Der neue Inhalt
des gegenwärtigen Geschehens fordert neue Formen, und
diese neuen Formen können nur geschaffen werden
mit entsprechenden neuen Mitteln, d.h. mit uns ent-
sprechenden Werkstoffen, die in einer neuen, uns ge-
mäßen Arbeitsweise geschaffen und gestaltet werden.
Daraus ergibt sich natürlich auch eine grundsätzliche Um-
stellung und Neuorientierung auf dem Gebiete der ele-
mentaren Lehr- und Lernarbeit des bildenden Gestaltens,
in der Methodik des Studiums. Während bisher das An-
eignen von überlieferten, fertigen Techniken, das An-
wenden-Lernen erprobter, fertiger Werkzeuge im Vorder-
grund des Elementarunterrichtes standen, versucht man heute
von der Eigenart des Werkstoffes her in die jeweiligen
Fachgebiete einzuführen. Bisher ging man von den ferti-
gen, eindeutig nur eine Richtung zulassenden Mitteln, vom
fertig übernommenen Werkzeug, von der in sich abge-
schlossenen Arbeitsweise (Technik) aus. Entdeckung und
Erfindung waren dadurch so gut wie ausgeschlossen. Die

*) Ober einen sechsjährigen praktischen Versuch des Material-
studiums in dem Landschulheim Marienau-Dahlenburg (Hann.) be-
richtet der Verfasser in seinem Buch „Gestaltungslehre" (Herrn.
Böhlaus Nachf. Verlag, Weimar 1932).

beteiligten Kräfte wurden zum guten Teil im Sinne der
Maschine, oder besser im Sinne des Mechanischen ver-
wendet; hatte doch ein schöpferischer Mensch vor Jahr-
hunderten ein materialgerechtes Werkzeug erfunden für
die Gestaltung der damaligen Formen (die stillschweigend
als auch heute noch verbindlich angenommen werden).
Dies Werkzeug war materialentsprechend, es war zeit-
gemäß, es wurde sanktioniert, es wurde übernommen und
von der übernächsten Generation nochmals übernommen.
Das aktuelle Zweck- und Formbedürfnis, der „Zeitstil",
aber hatte sich inzwischen längst geändert. Durch das
dauernde übernehmen des einmal aktuellen Werkzeugs
sind Entdeckerfreude und Erfindergeist der Arbeitenden
nicht zu ihrem Recht gekommen, schöpferische Kräfte, die
für jede lebensnahe Gestaltung nötig sind, wurden ver-
nachlässigt, die Kräfte des Menschen wurden mechanisiert,
zu gedankenarmem oder auch gedankenlosem, dauerndem
Wiederholen gezwungen. Diese Kräfte blieben unfrucht-
bar und das daraus erstandene Werk trug den Geist der
Unlebendigkeit. So kamen wir zu jener grausamen Dis-
krepanz zwischen dem lebendigen, sich dauernd weiter
entwickelnden Lebensgefühl und den ihm nicht mehr ent-
sprechenden, unwahren Formen. Die stark erregte Gegen-
wart zeigt in oft sehr grellem Licht die daraus ent-
standenen schweren Schädigungen.

Man versucht darum heute bereits im elementaren Stu-
dium schöpferische Kräfte stärker zu beteiligen. Das
Werkzeug muß gefunden, erfunden werden und zwar von
der Eigenart des Materials und den aktuellen Gestaltungs-
bedürfnissen aus. Von vornherein vorhanden ist nur das
rohe Material. So wird ein weiter Spielraum da sein für
den Geist der Erfindung und Entdeckung; und damit wird
die Arbeit des jungen, lebendigen und gegenwartsnahen
Menschen Ergebnisse schaffen, die uns entsprechen. So
wird eine bildende Gestaltung möglich sein, die in ihren
Formen den Geist unserer Zeit offenbart.

Das Studium des Materials in seiner Besonderheit, in
seiner Einmaligkeit und Eigenart ist der Hauptpunkt der
elementaren Gestaltungsschulung. Genaues und strenges
Beobachten der Materie, wirkliches Kennen und Erkennen
der inneren und äußeren Energien, der Strukturen und
Texturen, Erkennen der spezifischen Materiegesetze.

Das bisherige Leben, Denken, Gestalten, kurz das bis-
herige Geschehen stand in seiner Entwicklung stärkstens
im Zeichen eines kalten Intellektualismus, der als ausge-
prägte Einseitigkeit hemmend und allmählich verkrampfend
wirkte und in seinen Auswirkungen zur Verzerrung und
Zersetzung führen mußte.

Wenn nun von der kleinen Gruppe der in vorderster
Front Kämpfenden die Forderung erhoben wird: Lösung
der Verkrampfung durch Beseitigen der Einseitigkeit des
Intellektualismus, Aktivieren möglichst aller menschlichen
Innenkräfte, Beteiligen nicht nur rationaler, sondern auch
irrationaler Fähigkeiten, nicht nur intellektueller, sondern
ebenso stark intuitiver Elemente, so ist damit nicht etwas
Ungeheuerliches, Hypermodernes gefordert, denn es ist
weiter nichts als das Wiederherstellen eines gesunden,
ausgeglichenen Zustandes, das Anerkennen des Menschen
als lebendigen, einheitlichen Organismus. Die Forderung
ist auch nicht etwas „so Neue s", etwas „Noch-nie-da-
gewesenes", sie ist vielmehr etwas U r altes. Es ist ein
Wiederherstellen eines natürlichen Zustandes zwischen

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