Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Die Gründung des Deutschen Werkbundes
6. Oktober 1907

PETER BRUCKMANN

Die Geschichte der Gründung des Deutschen Werkbundes ist bisher nirgends historisch genau festgelegt. Weder aus
der einschlägigen Literatur noch aus Protokollen oder Notizen kann die Gründungsgeschichte genau ermittelt werden.
Der 1. Vorsitzende des Werkbundes hat sich nun der Mühe unterzogen, aus seinen persönlichen Notizen und Erinne-
rungen und aus den Notizen und Berichten der Mitbegründer die Geschichte der Gründung ausführlich für diese
Jubiläumsnummer zusammenzustellen.

Es war im Jahre 1907, als der Architekt Hermann Muthe-
sius, Geheimer Rat im Handelsministerium in Berlin, in
einer Rede in der neuen Handelshochschule in Berlin das
deutsche Handwerk und die deutsche Industrie, soweit sie
in das Gebiet des sogenannten Kunstgewerbes gehörten,
ernstlich warnte vor der Oberflächlichkeit, mit der sie ihren
Erzeugnissen eine sogenannte Stilform gaben. Er prophe-
zeite einen starken wirtschaftlichen Rückschlag, wenn auch
weiterhin aus dem Formenschatz vergangener Jahrhun-
derte gedanken- und skrupellos die Motive für die Gestal-
tung ihrer Erzeugnisse genommen werden. Er gab zu
erwägen, ob nicht das moderne Leben, die neuen Ge-
wohnheiten und Wohnbedürfnisse ganz von selbst eine
neue Durchgeistigung und formale Durchdringung und
Gestaltung erforderten.

Muthesius war einige Jahre der Deutschen Botschaft in
London beigegeben worden, um den englischen Woh-
nungsbau zu studieren und die Ergebnisse seiner Studien
zu veröffentlichen. Er hat dies getan in seinem bekannten
Werk: „Das englische Haus". Er sah in der immer mehr
erstarrenden Formgebung gerade des Handwerks und der
Industrie in Deutschland die große Gefahr einer über-
flügelung, besonders durch Holland, Belgien und England.

Was Muthesius in seinen Vorlesungen öffentlich aus-
sprach, erregte starken Widerspruch beim Handwerk und
bei der Industrie, und der Verband für die wirtschaftlichen
Interessen des Kunstgewerbes in Berlin bekämpfte ihn
heftig und setzte auf die Tagesordnung eines Verbands-
tages im Juni 1907 einen Punkt: „Der Fall Muthesius". Zu
diesem Kongreß bekam ich eine Einladung mit der Be-
merkung: „Da wir auch Gegner zum Worte kommen
lassen wollen, bitten wir Sie um Ihre Teilnahme."

Ich bin nie Mitglied des Verbandes für die wirtschaft-
lichen Interessen gewesen, hatte es aber immer beanstan-
det, daß dieser Verband auch künstlerische und formale
Fragen der Gestaltung behandelte. Ich kannte auch
Muthesius nicht persönlich. Aber gerade als Industrieller
hatte ich die feste Überzeugung, daß er mit seinen Aus-
führungen auf der Hochschule recht hatte. Die Ausplün-
derung der alten Stile und die furchtbaren Entgleisungen
des Jugendstils hatte ich im eigenen Betrieb erfahren, und
ich empfand die vollständige Anarchie in der Formgebung
als einen unmöglichen Zustand, der die angewandte Kunst
in Deutschland zu raschem Verfall bringen mußte. Ich
ahnte, daß in Düsseldorf eine Wende kommen würde und

fühlte, daß ein Vertreter der Industrie für Muthesius und
seine Gedanken eintreten müsse.

Ich besann mich keinen Augenblick, fuhr nach Nikolas-
see, stellte mich Muthesius vor, er zeigte mir verschiedene
Bauten, die er ausgeführt hatte, und ich lernte ihn in seiner
ganzen klugen, logischen und künstlerischen Eigenart
kennen. Ich wußte, daß ich eine gute Sache vertrat, wenn
ich in Düsseldorf mich für ihn einsetzte.

Dort kam der Vorstand des Kongresses in große Ver-
legenheit, denn kein Mensch wußte, wer mich eingeladen
hatte. Ich wurde aber doch zugelassen und als ich dringend
darum bat, zu Punkt 6 der Tagesordnung (Muthesius) zu
sprechen, wurde mir nach langer Beratung auch dies ge-
stattet. Ich kam, ganz durch Zufall, an einem Tisch mit
Dr. Wolf Dohm von den Dresdner Werkstätten und mit
Jos. Aug. Lux, dem kunstgewerblichen Schriftsteller, zu-
sammen, die ich beide noch nicht kannte. Beim Fall
Muthesius entwickelte nun der Referent, Kommerzienrat
Sy, die Beschwerden des Handwerks und der Industrie
und verdammte Muthesius als ihren Schädiger und als
Feind der deutschen Kunst. In einer Eingabe an das
Ministerium wurde gebeten, Muthesius solche Reden vor
den Schülern der Hochschule zu verbieten. Nirgends war
zu erkennen, daß man die Schuld an der Verwilderung
der Formgebung und am Sinken der Qualität der Arbeit
zu einem großen Teil sich selbst zu verdanken hatte. Auch
das wichtige Gebiet der gewerblichen Erziehung wurde
mit durchaus unsozialen, brutalen Äußerungen abgetan,
die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Künstlern,
Handwerkern und Industriellen wurde abgelehnt, zum
letzten Male trat vor der Öffentlichkeit eine Anschauung
zu Tage, die von vielen denkenden Männern schon über-
wunden war, die ein neues geistiges Durcharbeiten all
dieser Fragen gerade im Sinn von Muthesius und im Sinn
von Friedrich Naumann, Theodor Fischer, Karl Schmidt
u. a., dringend forderten.

Dohm, Lux und ich traten den Referenten und der gan-
zen Versammlung entgegen. Wir bekamen zehn Minuten
Redezeit. Ich darf vielleicht einen Satz aus meinen da-
maligen Ausführungen wiederholen:

„Künstlerische und kaufmännische Kräfte müssen sich die
Hand reichen, und die Hilfsarbeiter bis zum Lehrling her-
ab mit Freude und innerer Anteilnahme führen, um ge-
meinsam gute Arbeit zu leisten. Dies letztere erstrebt auch

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