Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Über den ideologischen Ausdruck in der Architektur

A. RUCHLJADIEW und W.KRINSKIJ
übersetzt von J. WEINFELD

In der russischen Zeitschrift „Sowjet-Architektur" erschien vor einiger Zeit dieser Aufsatz, den wir als Beitrag zu der durch das „Haus Tugendhat"
entfachten Diskussion hier abdrucken. Es erscheint uns von großer Bedeutung, daß bereits heute die Frage des „ideologischen Ausdrucks" in der
neuen Baukunst vom russischen Volke selbst wichtig genommen wird. R.

Das Problem des ideologischen Ausdrucks in der Archi-
tektur beschäftigt die Arbeiterorganisationen immer häu-
figer. Der Metallarbeiterverband stellte bei dem Wett-
bewerb für den an Stelle des Simonowklosters zu er-
richtenden Kulturpalast den beteiligten Architekten die
Aufgabe, ein Gebäude im Geiste unserer Epoche zu ent-
werfen. Infolge der ungünstigen Beurteilung der von dem
Mosstroj (Moskauer Bautrust) erbauten Wohnhäuser so-
wie anderer analoger Fälle durch die Arbeiter — die
schlechte äußere Gestaltung der Gebäude wurde ge-
tadelt — wurde die Frage des ideologischen Ausdrucks
aktuell. Dieses Problem, das vorher nur in engen Archi-
tektenkreisen diskutiert wurde, sollte in aller Öffentlich-
keit behandelt werden. Die Arbeiterschaft warte darauf.

Weiter zwingt uns zur Behandlung dieses Problems
die Tatsache, daß unsere Architekten immer noch stark
von der uns sehr nahen Vergangenheit beeinflußt werden.
Es war Aufgabe der Architektur der Vergangenheit, die
Psyche der Masse im Sinne der herrschenden Klasse
zu beeinflussen und damit deren Stellung zu befestigen.
Erreicht wurde dies durch eine hohe Entwicklung der
architektonischen Form, die den spezifischen Inhalt durch
entsprechende architektonische Gestaltung zum Ausdruck
brachte. Ein Beispiel dafür ist das erwähnte Simonow-
kloster. Seine architektonische Form ist von hoher
Meisterschaft.

1. Wurden hier die klassischen Gestaltungsgesetze der
Architektur angewandt. Die proportioneile Gliederung,
welche sich auch in den Details wiederholt, ist ein
Beispiel für das streng eingehaltene Prinzip der Unter-
werfung und der Einheit.

2. Werden große einfache Flächen (der schwere, wenig
gegliederte untere Teil) den vielfach gegliederten oberen
Teilen und der Mitte des Gebäudes entgegengesetzt.

3. Das Prinzip der Perspektive, der Verjüngung und
Verkleinerung der nach oben gehenden Elemente, die
endlich mit scharfen Spitzen enden.

4. Alle diese Mittel schaffen in der Gesamtwirkung
die Form als Ausdruck einer Macht und Gewalt, welche
die Psyche einer Masse sehr stark beeinflußt.

5. Das in sich vollkommene Gebäude des Klosters
diente letzten Endes der Sache der Machtbefestigung der
herrschenden Klasse.

Die Architekten der Vergangenheit folgten als Reprä-
sentanten des gesellschaftlichen Systems streng fest-
gelegten Grundlagen und Gesetzen bei ihrer formalen
Gestaltung. Sie benutzten außerdem die überlieferten
alten Formen, die zur Tradition wurden und letzten
Endes zu erstarrten Symbolen und Zeichen führten. In
den Verfallszeiten wurde die „reine Meisterschaft der
Form" gezüchtet, die anfangs zwar den ideologischen
Inhalt deckte, später aber jeden Zusammenhang mit ihrem
ursprünglichen Inhalt verlor und zum hohlen inhaltslosen
Automatismus und Eklektizismus wurde. Die Arbeit der
vorrevolutionären Architekten beschränkte sich auf das
Nachahmen des Empirestils. Eine Forderung der auf-
steigenden Geldbourgeoisie, die den Adel ablöste, der

seine Güter und damit auch seine Privilegien verlor. Den
erlöschenden Glanz adligen Lebens wollte die Bourgeoisie
bei sich wieder entfachen. Daher der Hang zu Ehe-
schließungen mit verarmten Adligen und das Nachahmen
des äußeren Prunks einer vergangenen Epoche. Diese
Gesellschaftsklasse besaß keine ideologischen Voraus-
setzungen, die für die Schaffung eines neuen Stils
nötig sind.

Nur mit großer Mühe gelang es, sich von den tradi-
tionellen Bindungen, dem Eklektizismus der Vergangen-
heit, zu befreien. Ebenso muß jetzt der einseitige Kon-
struktivismus überwunden werden. Es muß eine klare
Stellung zu den neuen Bauproblemen gefunden werden,
um nicht den Verführungen des Konstruktivismus zu ver-
fallen. Die Sowjetarchitekten müssen zu einer objektiven
Methode für ihre Arbeit und für die Bewertung ihrer
Produktion kommen. Die Grundlage für diese Methode
liefert der dialektische Materialismus. An jedes Projekt
müssen als grundlegende Voraussetzung folgende Forde-
rungen gestellt werden:

1. Die volle Berücksichtigung der sozialen und bio-
logischen Bedürfnisse, das entsprechende Verhältnis der
Raumgrößen, rationelle Verbindung untereinander, größte
Zweckmäßigkeit der einzelnen Räume und des ganzen
Bauorganismus.

2. Die Berücksichtigung der für seine Verwirklichung
gegebenen ökonomischen Möglichkeiten.

3. Die konstruktive und technische Durchbildung.

4. Als letzte Forderung, die erst in letzter Zeit bei uns
aufgestellt wird: die Architektur als gesellschaftliche Er-
scheinung und als künstlerisches Ausdrucksmittel.

Von diesem Gesichtspunkt aus soll jetzt die Frage der
Form und des Inhalts der Architektur behandelt werden.
Zwischen den drei ersten Punkten und dem letzten besteht
ein enger innerer Zusammenhang. Diese Abhängigkeit
hat Hegel folgendermaßen formuliert: „Die Form ist als
objektiver materieller Faktor betrachtet — die These;
der Inhalt und die Idee als der subjektive ideologische
Faktor — die Antithese. Das Kunstwerk ist Versöhnung
dieser Gegensätze in eine höhere organische Synthese."
Das vollkommene Kunstwerk ist also nur dann möglich,
wenn außer der formalen Vollkommenheit auch die ideo-
logischen Voraussetzungen gegeben sind, deren Inhalt
den Künstler mitreißt. Vergleicht man Sowjetrußland mit
Westeuropa, wird man erkennen, daß Rußland durch
seine Wandlung des ganzen Lebens zu höheren Formen
die Voraussetzungen für unbeschränkte künstlerische Mög-
lichkeiten schafft. Nur hier kann man von der Erfassung
eines großen Ganzen durch eine schöpferische Idee
sprechen. Unter diesen Voraussetzungen werden die
Architekten jede konkrete Bauaufgabe als Teil eines
großen Ganzen betrachten, wie es nur bei einem
sozialistischen System und in einer vergesellschafteten
Wirtschaft möglich ist. Kein Staat, der noch am Prinzip
des Privateigentums festhält, wird diese Grundsätze bei
seinen Bauaufgaben anwenden können.

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