Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Bildung''

WALTER RIEZLER

Vor kurzem starb Georg Kerschensteiner, Mitglied
des Werkbunds seit dessen Gründung, 24 Jahre Stadt-
schulrat von München, dann noch im Alter von 65 Jah-
ren an die Münchener Universität berufen, — einer der
leidenschaftlichsten und erfolgreichsten Kämpfer um
ein neues Erziehungsideal. Auf sein Wirken geht nicht
nur die Organisation des gesamten Berufsschulwesens
in Deutschland zurück, sondern auch viele verwandte
Organisationen in anderen Ländern, und es gibt kaum
eine Bemühung um eine freiheitlichere Gestaltung des
Schulwesens unserer Zeit, die nicht irgendwie durch die
Ideen dieses Mannes gefördert und befruchtet worden
wäre. In der Welt draußen genoß er ein für einen
Deutschen fast unerhörtes Ansehen, das nicht einmal
durch die Haßpropaganda des Krieges erschüttert
werden konnte. Dieser außerordentliche Erfolg lag
weniger an der Originalität seiner Ideen — er hat An-
regungen aufgenommen, wo er sie fand, auch im Aus-
land*) — als an der Sicherheit, mit der er es verstand,
hochfliegende Ideen aus dem Wolkenreich der Utopie
auf den festen Boden der Erreichbarkeit hinüberzu-
führen. Sein „common sense", der ihm in einem für
einen Deutschen seltenen Maße eigen war, bewahrte
ihn vor der verhängnisvollen Beharrung in allzu-
tiefen Theorien, die den Blick für die Wirklichkeit ver-
nebeln, und gab ihm den Mut zu Kompromissen, über
denen er aber niemals das Wesentliche vergaß. Mit
einer bewundernswerten Sicherheit und einer nie er-
lahmenden Energie hielt er an dern als wichtig und
entscheidend einmal Erkannten fest, und ein echter En-
thusiasmus, der aus einem warmen Herzen kam, gab
ihm die Kraft, auch die Widerstrebenden und Unver-
ständigen mitzureißen.

Der Werkbund hat alle Ursache, dieses Mannes zu
gedenken, dessen organisatorische Arbeit schon zu
einer Zeit, da es noch keinen Werkbund gab, von
Werkbundideen beherrscht war und der diesen Ideen
bis zuletzt treu geblieben ist, wenn er auch sicher nicht
mit allem, was im Werkbund geschah und was der

*) Eine persönliche Erinnerung sei mir gestattet: Um das Jahr 1898
hatte ich als junger Student im Seminar von Hans Cornelius ein Re-
ferat zu halten über ein Buch des Amerikaners Liberty Tadd über
eine neue Methode des Zeichenunterrichts. Plötzlich öffnet sich die
Tür und es erscheint Kerschensteiner, schon damals weißhaarig, in
Begleitung von drei würdigen Herren des Münchener Magistrats, um
das Referat und die darauf folgende Diskussion anzuhören. Dies ist
bezeichnend für die freie und originelle Art, mit der er eine wider-
strebende Behörde für seine Ideen gewinnen wollte: die Herren
sollten einmal hören, wie die Fragen, die ihn bewegten und wegen
derer er oft als Eigenbrötler angesehen wurde, auch im wissenschaft-
lichen Betrieb der Hochschule wichtig genommen wurden. — Wie er
ja überhaupt ein Meister der Menschenbehandlung von ganz beson-
derer, wohl echt bayrischer Prägung gewesen ist: nirgendwo anders
gibt es diese Mischung von bezaubernder Liebenswürdigkeit und er-
staunlicher Grobheit, — und die Meisterschaft, in jedem Augenblick
das richtige Register zu ziehen.

Werkbund vertrat, einverstanden war. Wie ja ander-
seits auch der Werkbund in der Kerschensteinerschen
Reform nur einen Versuch, niemals aber die endgültige
Lösung des Problems sehen konnte. Vielleicht wissen
wir heute schon, daß das Ziel, das sich Kerschensteiner
gesteckt hatte — „durch die praktische Arbeit hindurch
den Weg zur allgemeinen Menschenbildung zu fin-
den", wie er es in einer Diskussionsrede auf der Werk-
bundtagung 1908 formuliert hat —, auf dem Wege
einer wie immer gearteten Schulbildung niemals er-
reicht werden kann. Wenn von den Gegnern der
Kerschensteinerschen Berufsschule immer wieder dar-
auf hingewiesen wurde, daß der gewerbliche Nach-
wuchs dort niemals das lernen könne, was ihm durch
eine tüchtige Meisterlehre vermittelt werde, so ist da-
mit nur die technische Seite eines viel umfassenderen,
in viel größere Tiefen reichenden Problems angerührt.
Und wenn gegen diese Kritik die Berufsschule mit dem
Argument verteidigt wurde und noch immer wird, daß
es heute eben diese tüchtige Meisterlehre, der man
den Nachwuchs ohne weiteres anvertrauen könnte,
nur in Ausnahmefällen gebe, so ist auch damit nur ein
Sonderfall einer ganz allgemeinen kulturellen Not
unserer Zeit bezeichnet.

Den alten Satz: „non scholae, sed vitae discimus",
in allen Ehren, — aber noch niemals und nirgends in
der Geschichte der menschlichen Kultur hat eine Schule
als solche wirklich Menschen „gebildet". Wohl sind
aus ihr da und dort, in besonders glücklich gelagerten
Fällen „gebildete Menschen" in dem heute üblichen
Sinne des Wortes hervorgegangen — man denke
etwa an humanistische Anstalten vom Range Schul-
pfortas —,aber imGrunde konnten auch diese Schulen
nichts tun wie Wissen und ein gewisses geistig-forma-
les Können übermitteln und mußten die eigentliche
„Menschenbildung" im tieferen Sinne des Wortes dem
Leben und der geistigen Gemeinschaft überlassen, von
der die Schüler aufgenommen wurden. Seit langem
klagen wir über den zunehmenden „Verfall der Bil-
dung", und sicher mit vollem Recht. Aber wir haben
durchaus unrecht, wenn wir die Schuld daran der
Schule geben. Denn wenn auch ohne Zweifel die An-
forderungen an das eigentliche Schulwissen im letzten
Jahrhundert allmählich immer geringer wurden, so hat
sich doch das Schulwesen im allgemeinen in dieser
Zeit sicherlich nach oben entwickelt, vor allem, was den
Reichtum an pädagogischen Ideen anlangt. Nur ist es
leider so, daß keine Schulbildung, und sei sie mensch-
lich noch so tief fundiert, das ersetzen kann, was durch
die formende Kraft des Lebens selber nicht mehr ge-

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