Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Die soziologische These

W. R I E Z L E R

Wenn die Russen bei den mit großem Pomp be-
gangenen Goethefeiern dieses Jahres als leitenden
Gedanken immer wieder die Verkettung des Dichters
in der gesellschaftlichen Struktur seiner Zeit in den
Vordergrund stellten, so ist das nur der folgerichtige
Ausdruck des Glaubens an das soziologische Dogma,
dem sie alles unterordnen. Wer von dem fanatischen
Glauben besessen und für diesen Glauben alle Opfer
zu bringen bereit ist: daß es gelingen müsse durch
eine radikale Änderung der Gesellschaftsordnung die
Natur des Menschen und damit das ganze Dasein zum
Besseren zu ändern, der hat nicht nur das Recht, son-
dern sogar die Pflicht, alle Erscheinungen der Ver-
gangenheit, also auch die Kunst unter diesem Aspekt
der Gesellschaft zu betrachten, — wenn es dabei
auch nicht ohne gewalttätige Verfälschungen der ge-
schichtlichen Tatbestände abgehen kann. Aber etwas
anderes ist es, wenn die Wissenschaft gezwungen
wird, die Beweise für dieses Dogma herbeizuschaffen,
wie es ja bekanntlich von der neuen russischen Wis-
senschaft verlangt wird. Sie wird sich hierbei vor Ver-
gewaltigungen zu hüten haben, — die als solche auch
bei anfänglichen Erfolgen der neuen Theorie sehr
bald erkannt würden, weil sich das lebendige Gefühl
dem Kunstwerk gegenüber dagegen sträubt.

Wie weit die Russen in ihren kunstsoziologischen
Forschungen bis jetzt gekommen sind, ist noch wenig
bekanntgeworden. Man hört sogar, daß die mit die-
sen Forschungen betraute Kommission ihre Tätigkeit
eingestellt habe, weil sie habe feststellen müssen, daß
die Kunst in allem Wesentlichen und Tieferen von der
sozialen Struktur unabhängig sei. Auch wenn das
richtig sein sollte, ist das Problem noch keineswegs
erledigt; denn auch außerhalb Rußlands und von sol-
chen Forschern, die nicht auf die Theorie des „histo-
rischen Materialismus" eingeschworen sind, wird es
heute ernst genommen. Die Zahl der Bücher, die der
„Soziologie der Kunst" gewidmet sind, wächst mit
jedem Jahre, und es hat schon etwas zu bedeuten,
wenn ein so kluger Kopf wie Joseph Gantner in einer
neuen Schrift (die an anderer Stelle dieses Heftes be-
sprochen ist) die Erwartung ausspricht, „daß die so-
ziologischen Kategorien die formal-stilistischen eines
Tages zu ersetzen haben werden".

Nun ist es ganz richtig, daß die Kunstwissenschaft
bis heute eine sehr wichtige und völlig unbestreitbare
Tatsache noch nicht genügend berücksichtigt hat: daß
auch der Künstler jeweils einer in ganz bestimmter
Weise strukturierten Gesellschaft angehört und daß
es daher mehr als wahrscheinlich ist, daß sich diese

Bindung an die Gesellschaft auch im Kunstwerk in
irgendeiner Weise zeigen müsse, — zumal da ja das
Kunstwerk gerade in den künstlerisch produktivsten
Zeiten unmittelbar Ausdruck der äußeren und inneren
Bedürfnisse der „Gesellschaft" ist. Bei der Baukunst,
von der Gantner bei jenem Satze ausgeht, ist das am
unmittelbarsten deutlich, am einleuchtendsten bei der
„Architektur der Zahl- und Namenlosen", deren Be-
rücksichtigung Gantner mit vollem Recht bei der bis-
herigen Kunstwissenschaft vermißt. Es gilt aber ebenso
auch von der „höheren" Baukunst, bei der dann aller-
dings die soziologische Betrachtung sofort auch die
geistigen und religiösen Grundlagen einer Epoche
einzubeziehen hat. Es bedarf hier keines Wortes, daß
in jedem Falle die dem Baumeister gestellte Aufgabe
durch die geistige und seelische Haltung der herr-
schenden, also die Aufträge erteilenden Schicht be-
stimmt war und daß daher auch die feinste und künst-
lerisch lebendigste formale Analyse allein zu einem
umfassenden Verständnis nicht ausreicht. Es würde
der Kunstgeschichte nichts schaden, wenn sie diese
Bindungen mehr berücksichtigen würde, — wie dies
ja umgekehrt auf der Seite der Soziologen bereits mit
einigem Erfolg versucht wurde. (Ich erinnere an das
in der „Form", Heft 12, 1931 besprochene Buch von
H. Bechtel.)

Auf den Einwand, daß sich die soziologische Bin-
dung bei der Baukunst ja gar nicht auf das eigentlich
Künstlerische, sondern allein auf die der realen Welt
angehörende äußere Aufgabe, also auf etwas, was
es bei den anderen, „reinen" Künsten gar nicht gibt,
beziehe, ist zu erwidern, daß diese reale Komponente
auch bei den absolutesten, völlig gegenstandlosen
Künsten vorhanden sei: auch die Musik wird von und
für Menschen einer ganz bestimmten soziologischen
Struktur gemacht, und trägt die Spuren dieser gesell-
schaftlichen Bindung deutlich genug zur Schau. Paul
Bekker hat ein ganzes Buch auf die These von der
„gesellschaftsbildenden Kraft" der Musik aufgebaut,
und wenn er auch hierbei viel zu einseitig vorgegan-
gen ist, so ist doch so viel richtig, daß die Musik immer
in besonders hohem Grade Angelegenheit einer Ge-
meinschaft gewesen und das auch noch in Zeiten ge-
blieben ist, in denen sich die übrigen Künste längst
aus der Bindung an die Gesellschaft gelöst und in den
Bereich der „art pour l'art" zurückgezogen hatten.
Nicht nur die religiöse Musik ist an die Formen der
religiösen Gemeinschaft, also an die Realität des
katholischen Kultus und der evangelischen Gemeinde
gebunden und ist von da nicht nur in ihrer äußeren
Form, sondern auch in ihrem seelischen Gehalt be-

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