Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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ringe, die auf genau umrissenen Gütevorschriften begrün-
det sein sollten, aufzurichten und hat mit dieser Bemühung
keine guten Früchte geerntet. Wir können diese Werkringe
nur dadurch vorbereiten, daß wir die lernende Jugend für
die Idee einer handwerklichen Gütevorschrift begeistern.
Und dies geschieht! Der Organisationsgedanke (und
Werkringe sind Organisationen im besten Sinne) ist im
Handwerk trotz aller Gegenbeweise sehr schlecht ver-
ankert. Die Ursache dieser Erscheinung hängt erneut von
der Zwiespältigkeit der Beurteilung des Sinnes und Wer-
tes des Handwerks ab und weiterhin mit anderen mensch-
lichen, allzu menschlichen Gründen zusammen. Ein Gut-
teil der Schuld kann und muß dem outrierten Individuaii-
tätsprinzip, auf das eine ganze Reihe der führenden Män-
ner des Handwerks eingeschworen ist, beigemessen wer-
den. Die stete Hervorkehrung individualistischer Ziele und
Prinzipien ist die dräuende Waffe in den Händen aller
jener, die im ohnmächtigen Kampfe gegen alles, was nach
Kollektivismus aussehen könnte, zu Felde ziehen. Und nun
muß ich Ihnen erneut recht geben! Die Mehrzahl unserer

Handwerker berauscht sich an diesen und ähnlichen
Tönen und da die kritische Haltung des Einzelnen in dem
Schatten des „Gebildeten" ins Wanken gerät, spendet man
diesem brausenden Beifali und übersieht alle jene, die aus
eigenem Erlebnis heraus die Untiefen ihres Standes kennen
lernten.

Wir sind von dem untertänig hingenommenen Hände-
druck ausgegangen, um folgerichtig wieder in seinem
Bannkreis zu landen.

Die Zeit wird aber lehren, daß nur ein freimütiger und
gebildeter Handwerkerstand, der seine Sinne allen Dingen
dieser Welt freudig öffnet und der sich seiner Werte eben-
so bewußt ist wie der Nachbar zur Rechten und Linken, den
Bestand des „ewigen Handwerks" mehren und erhalten
kann.

Im übrigen bin ich gerne bereit, diese oder jene Frage
in der Folge näher zu umreißen und bin mit freundschaft-
lichen Grüßen Ihr stets ergebener

Otto Rückert

(Vgl. „Die Form", Heft 5/1932. Die Diskussion wird fortgesetzt)

Buchbesprechungen

Die Geschmacksbildung in der Berufsschule
von Walter K r e f t i n g , unter Mitarbeit von Dr. Erna Bar-
schak, Martha Gauger, Dr. Paul Greeff, Dr. Walter Hen-
sel, Elsbeth Hübner, Dr. Konrad Maria Krug, Studienrat
Ludwig Müller, Heinrich Pralle, Elfriede Ritter-Cario, Ger-
trud Rudtke, Otto Voelkers, Joh. Henny Walther.

Verlag Oskar Leiner, Leipzig 1929.

Die pädagogische Grundidee, von der aus eine Ge-
schmacksbildung in der Berufsschule erstrebt wird, ist: „die
lebenerhöhenden Kräfte, die dem Wesen alles Künstle-
rischen verbunden sind, in höherem Maße in der Erziehung
der werktätigen Jugend nutzbar zu machen." Man darf
vielleicht hinzufügen, daß die nahe Heranführung des Zög-
lings an das Geheimnis der schöpferischen Gestaltung am
ehesten dazu dienen magf jene „gestaltende" Arbeitsein-
stellung anzuregen, der man seit Pestalozzis Tagen die
tiefste pädagogische Wirkung zuschreibt. Uber die Bedeu-
tung solcher Erziehung ist an dieser Stelle kürzlich disku-
tiert worden. Wilhelm Lötz zeigte, wie stark der Werkbund
und sein Streben an diesen Fragen beteiligt ist. Die prole-
tarische Jugend, und um diese handelt es sich ja vorwie-
gend, wächst in einer Atmosphäre von verlogenstem Kitsch
auf. Sie aber stellt den künftigen Konsumentenkreis, so gut
wie den künftigen Hersteller. Gewiß kann die Berufsschule
nicht Wunder wirken. Aber das Eingehen auf die Gefühls-
lage des Entwicklungsalters und eine Aufgabestellung, die
an das „sichere moralische Empfinden der Jugendlichen für
Arbeitsqualität" (so nannte es Walter Dexel) anknüpft,
kann wenigstens den magischen Kreis sprengen: den Kreis,
den Sentimentalität, Historismus und die aus Ressentiments
stammende Nachahmung höherklassiger und nicht adä-
quater Lebensformen gezogen haben.

Walter Krefting gibt in der, wenn man es einmal so
nennen darf: Anthologie der „Geschmacksbildung in der
Berufsschule" ebensosehr Erfahrungs- und Rechenschafts-
berichte, wie Vorschläge und Methodenangaben für die
Erziehung der jungen Arbeiter. Jede Zeit hat ihr eigenes

Kunst- und Schönheitsideal und verspricht sich den besten
erziehlichen Erfolg für die Jugend von der Beschäftigung
mit dem Schönen. Aber indem dasSchöne, zu weichem der
Geschmack hier und heute gebildet werden soll — besser
wäre zu sagen: die Empfindung, mindestens, wo es sich um
Erziehung zum Gestalten handelt —, im wesentlichen mit
einem Begriff von Werkgerechtigkeit, Sauberkeit, Zweck-
mäßigkeit identifiziert wird, mit einem (rein ästhetisch ge-
nommen nicht existierenden) Anspruch auf Wahrhaftigkeit,
wird ein neues Arbeitsethos zum mindesten in der Ziel-
setzung des Unterrichts erkennbar, welches pädagogisch
ungleich wichtiger und dringlicher ist als eben nur Ge-
schmacksbildung. Die Methoden, je nach den Referenten
mannigfach verschieden, gehen sämtlich auf Verselbständi-
gung aus. Nicht etwa mit dem Anspruch auf künstlerische
Ergebnisse, sondern mit dem Streben nach unbefangenem,
von traditioneller Gebundenheit freiem Sehen. Daraus
folgt, neben dem pädagogischen Ziel der Stärkung und
Bewußtmachung des Persönlichen, auch Beglückung und
Befriedigung — eben jene lebenerhöhende Kraft.

Ein Plan für den Unterricht in der Geschmacksbildung
umfaßt Literatur, Musik und bildende Kunst; als Vorstufen
die allgemeineren Lehren von Form und Farbe, aber auch
vom Menschen in seiner Lebenshaltung, seiner Wohnung,
seiner Kleidung usw. EinLehrplan also, der imGeiste dieses
klar die Aufgabe stellenden und zugleich beschränkenden
Programms durchgeführt zu werden verdient.

Dr. N.-R.

Mitarbeiter dieses Heftes:

Hugo Höring, Berlin, Architekt

Dr. Otto Neurath, Direktor des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums
in Wien

Otto Rückert, München, Leiter der Meisterschule für das Deutsche Maler-
handwerk

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