Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Sonne, Luft und Haus für Alle!

Wl LH ELM LÖTZ

Man kann nicht behaupten, daß der Titel der Ausstellung
sehr einprägsam ist. Die Zusammensetzungen mit Licht,
Luft, Sonne sind schon etwas abgebraucht, man denkt sich
nichts mehr dabei. Vielleicht ist es schwer, einen ein-
prägsamen Titel zu finden, wenn man so verschiedene
Dinge unter einen Nenner bringen muß. Man spürt die
Verbindung, man fühlt den Sinn, aber es fehlt die klare
Zielstrebigkeit. Auch der Aufbau der Ausstellung, die Ver-
bindung der verschiedenen Gruppen leidet unter dem glei-
chen Übel wie der Titel. Natürlich hat es einen großen Reiz,
in einer Großstadt eine Ausstellung zu veranstalten, die die
Probleme der Großstadt negiert und die eine werdende
Kultur der Erholungszeit aufdeutet. Allerdings brauchte es
keine Negierung der Großstadt zu sein, es könnte auch
der Versuch gemacht werden, die organische Verbindung
von Großstadt und Landschaft, von Wohnstadt und Er-
holungsmöglichkeiten zu zeigen. Aber das fehlt hier voll-
kommen, und es wirkt etwas merkwürdig, wenn all die
Architekten, die als eifrige Vertreter der Großstadtgestal-
tung bekannt sind, hier die kleinen Einfamilien- und Som-
merhäuschen zeigen, an derselben Stelle, wo sie im
vorigen Jahr bei der Bauausstellung noch Großwohn-
blöcke propagierten. Wo in Schaubildern, Fotomontagen,
in lehrhaften Darstellungen etwas über den Sinn der Aus-
stellung gesagt wird, „fliehen" überall die Leute aus den
Mietskasernen, die ihnen im vorigen Jahr auf der Bauaus-
stellung in moderner Form gezeigt wurden. Die Ausstellung
ist bewußt auf Sommer, auf Grün und Sonne eingestellt.
Man wirbt für Wochenende und Kleingarten, für das wach-
sende Haus im Grünen, für Sport und Wanderung. Vor
einigen Jahren gab es in Berlin schon einmal eine Wochen-
endausstellung, zu einer Zeit, in der man noch für das
Wochenende werben mußte und konnte. Man warb viel-
leicht nicht mit den richtigen Mitteln, denn das Wochen-
endhäuschen ist ja ein Objekt, das sich nur ganz wenige
Leute leisten können. Heute sind Wochenende, Kleingarten-
bewegung,Sport und Wandern eine wirkliche, in die Breite
gehende Volksbewegung geworden. Und diese etwas
stürmisch und sprunghaft aufgekommene Bewegung ver-
langt jetzt Organisation in der Bereitstellung der Mittel,
sachliche, fachliche Belehrung und vor allem Raum und
Möglichkeiten. Man kann nicht mehr für eine Sache wer-
ben, die schon da ist, aber man muß ihr zu einer Form, zu
einer Kultur verhelfen. Diese Aufgabe müßte folglich die
Berliner Sommerschau erfüllen. Was hätte man nun
draußen zu sehen gewünscht?

In dieser bitteren Zeit hätte es sicher nichts geschadet,
wenn man einmal nach den Kosten des Wochenendes ge-
fragt und Erhebungen darüber angestellt hätte, was sich
Leute mit verschiedenen Einkommen heute tatsächlich zum
Wochenende gönnen, welche Mittel sie aufwenden und auf
welchem Wege sie sich ihr Wochenendgerät, wenn wir das
einmal so bezeichnen wollen, erwerben. Die zweite Frage
wäre: Was wird von öffentlichen Stellen getan, um das
Wochenende zu verbilligen, und was könnte noch weiter
zur Verbilligung geschehen? Es ist ja ganz nett, wenn
man erfährt, was eine Wochenendlaube kostet, aber man
hätte auch gern gewußt, was das kostet, was dazu gehört,
einschließlich Grundstück, Fahrpreis, Geräte und anderer
Dinge. Ich glaube, daß unter solchen Fragestellungen
das Ausstellungsmaterial sich herrlich und anschaulich hätte
gruppieren lassen und daß sich in dieser schlechten Zeit

etwas Erhebendes herausgestellt hätte: nämlich, daß der
Großstadtmensch von heute aus seinem kärglichen Ein-
kommen einen großen Teil für dieses Stück Lebensgenuß,
das das Wochenende für ihn bedeutet, aufwendet. Und
daraus hätten wir lernen können, daß der Mensch von
heute doch allmählich nach einer neuen Lebensgestaltung
verlangt, daß es ihm weniger auf den Besitz der eingerich-
teten Drei- oder Vier-Zimmerwohnung ankommt, als
daß er auf die Gestaltung des Lebens selbst viel mehr Wert
legt als auf repräsentative Herausstellung der Wohnmittel,
sagen wir ruhig, um es zu kennzeichnen, auf die guteStube.
Für eine im Werden begriffene neue Lebensgestaltung sind
Paddelboote und Sommerlauben wichtigere Ausdrucks-
mittel als die modernen Möbel. Ich habe schon einmal
darauf hingewiesen, daß der Begriff „Wohnen" heute
größer zu fassen ist, daß er sich auf die Gestaltung des
Lebens auch außerhalb der Wohnung erstreckt und daß
die Zeltstädte an den Ufern der Seen um Berlin herum am
Sonntag mit einbegriffen werden müssen, wenn jemand
über modernes Wohnen etwas sagen will. So ähnlich steht
es in dem Aufsatz „Siedlung und Arbeit" in dem ersten
Heft dieses Jahrgangs. Roger Ginsburger hat mich dieses
Aufsatzes wegen heftig angegriffen, und ich nehme in der
Erwiderung, die in diesem Heft steht, ausführlicher dazu
Stellung.

Wenn ich hier von der sachlichen Frage der Kosten des
Wochenendes und der Verbindung mit dem tiefen ethischen
Gehalt dieser Bewegung spreche, so wollte ich damit nur
andeuten, daß eine Ausstellung viel lebendiger und aus-
drucksvoller werden kann, wenn man sie unter großen zu-
sammenhängenden Fragestellungen ordnet. Auch bei der
Sommerschau findet man Fragestellungen. Zwei Abteilun-
gen heißen „Wochenende wie?" und „Wochenende wo?"
Die Antworten, die die Abteilungen liefern, sind nicht ge-
rade reichhaltig oder umfassend. Vor allen Dingen ist die
Darstellung nicht besonders lebendig. Die Abteilung
„Wochenende wie?" umfaßt eine Halle mit Fotomontagen
und Schaubildern. In der Darstellungsweise findet man
recht interessante Ansätze. Aber die Darstellungsmittel
sind sehr unterschiedlich. Und ich glaube, hier wiederum
auf etwas hinweisen zu müssen, was ich schon bei dem
theoretischen Teil der Bauausstellung bemängelt habe,
nämlich, daß man nicht versucht, allgemein verständliche
Normen für die Darstellung zu finden. Um ein ganz grobes
Beispiel zu nennen, alle Beschriftungen, die negative Dinge
ausdrücken, sollten rot, alle Beschriftungen, die Positives
ausdrücken, schwarz sein. Wenn man schon so verschie-
dene Darstellungsmittel wie Transparente, Fotomontagen,
Malereien, plastische Darstellungen, Diarame nebenein-
ander verwendet, so muß man den Eindruck haben, daß es
nicht aus dem Spieltrieb des Grafikers heraus entsteht, son-
dern für diesen und jenen Fall die beste Darstellungsart
ist. Das Ganze aber muß miteinander in Gruppen zu-
sammenhängen. Sehr wichtig ist es auch, daß diese theo-
retischen Dinge enger mit dem eigentlichen Ausstellungs-
material verbunden wird, daß Verbindungen und ört-
liche Zusammenhänge entstehen. Es wirkt nachgerade
langweilig, wenn jede Ausstellung durch den theoretischen
Teil eingeleitet und wenn dann das Ausstellungsmaterial
ohne jede Verbindung damit nach kommerziellen oder
ästhetischen Gesichtspunkten aufgebaut wird. Recht
erfreulich in dieser Beziehung ist eine Rangierung von

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