Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Aus der Werkbund-Entwicklung

Arbeiten und Gedanken aus den ersten zwanzig Jahren
zusammengestellt von W. Lötz

Diese Zusammenstellung will und kann in diesem Rahmen nicht vollständig sein, aber es ist notwendig, daß wir in unserer
Zeitschrift bei dieser Gelegenheit einiges aus der Zeit veröffentlichen, in der unsere Zeitschrift noch nicht auf dem Plan
war, wenn man von den wenigen Heften absieht, die 1922 erschienen sind. Wir haben die letzten 5 Jahre nicht berück-
sichtigt, weil diese 5 Jahre Werkbundarbeit sich ja deutlich und ausführlich in den Jahrgängen unserer Zeitschrift spie-
geln. Für die Werkbündler, die die Entwicklung des Bundes selbst miterlebt haben, wird diese Zusammenstellung manche
erfreuliche Erinnerung bringen. Für die jüngeren soll sie ein Hinweis darauf sein, daß heutiges Schaffen im Geist des
Werkbundes allerbeste Tradition hat, und für die Gegner, die immer gern behaupten, daß der Werkbund seinen ur-
sprünglichen Grundsätzen untreu geworden ist, wird es eine Widerlegung sein, wie sie deutlicher und objektiver nicht
gegeben werden kann.

Der Bund

Ich glaube nicht, daß es eine Überhebung ist, wenn ich
ausspreche, daß heute hier in diesem Raum und zu dieser
Stunde eine außerordentliche Summe von Idealismus ver-
sammelt ist. Es ist nun dem Idealismus eigentümlich, daß
er seine Ziele weit steckt und mit dem Glauben an die
Arbeit geht, sein Ziel bald zu erreichen. Diejenigen also,die
sich berechtigt glauben, in diesem Sinne der Allgemeinheit
zu helfen, können ihren Beruf nicht besser erfüllen als in-
dem sie gewissermaßen daran arbeiten, sich und ihre Ar-
beit überflüssig zu machen. So wird auch, so hoffen wir,
unser Bund nicht ein allzu langes Leben haben. Das klingt
paradox, aber wir meinen, wenn unser Bund in annähernd
zehn Jahren seine Arbeit getan hat, dann könnte er das
Zeitliche segnen. Bis dahin aber ist außerordentlich viel
Arbeit zu leisten, und ich bitte auch Sie, mitzuarbeiten, in-
dem Sie uns heute ein freundliches Gehör schenken.

1908 Theodor Fischer Eröffnungsansprache auf der 1. Jahres-
versammlung

Der Bund will eine Auslese der besten in Kunst, In-
dustrie, Handwerk und Handel tätigen Kräfte vollziehen.
Er will zusammenfassen, was an Qualitätsleistung und
Streben in der gewerblichen Arbeit vorhanden ist. Er bil-
det den Sammelpunkt für alle, welche zur Qualitätsleistung
gewillt und befähigt sind, für alle, welche die gewerbliche
Arbeit als ein Stück — und nicht das geringste — der all-
gemeinen Kulturarbeit ansehen, welche sich selbst und
anderen einen Mittelpunkt schaffen wollen zur Ver-
tretung ihrer Interessen unter ausschließlicher Geltung des
Qualitätsgedankens. Das Ziel des Bundes ist daher „die
Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken
von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Pro-
paganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägi-
gen Fragen". (Bundessatzung § 2.) So wirkt der Bund als
Vertretung von Fachleuten für ein Kulturziel, das zwar
über dem nächsten Fachinteresse gelegen ist, doch aber
der gewerblichen Arbeit selbst vor allem zugute kommt.

Der Bund sucht seine Mitarbeiter in erster Linie auf jenem
Gebiete, wo sich die gewerbliche Arbeit der Veredelung
durch künstlerische Formgedanken zugänglich erweist. Er
sieht sich dabei zunächst auf das ganze Gebiet der Fer-
tigindustrie, insbesondere auf das sogenannte Kunst-
gewerbe hingewiesen.

1910 Gründung und Programm

Was kann überhaupt der Werkbund und was kann er
nicht? Zunächst ist klar, was er nicht kann. Der Werk-
bund kann nie ein Kunstwerk schaffen, vielleicht kann er
selber einmal eines werden, was Gott gnädig so wenden
möge! Aber er kann kein Kunstwerk schaffen; das machen
die Künstler, die Unternehmer, die Arbeiter. Der Werk-
bund ist eine Organisation. Er soll auch keine Richtung
geben, in dem Sinne, daß er einen neuen Stil macht.

1912 Friedrich Naumann Vorfrag auf der Jahresversammlung Wien

Dabei soll aber diese Organisation des Deutschen
Werkbundes eben nicht n u r eine Organisation sein mit
großen Worten, mit großen Programmen, sondern sie soll
innerlich lebendig sein. Die guten schöpferischen und aus-
führenden Kräfte müssen im Werkbund alle vertreten sein
und im gemeinsamen vertrauensvollen Zusammenarbeiten
sich gegenseitig erziehen. In allen Fragen des Tages, wo
es sich um die künstlerische Form handelt, soll er gehört
werden und sich Geltung verschaffen!

1916 Peter Bruckmann Begrüßungsansprache Jahresversammlung in
Bamberg

Soll auf die Frage nach dem Zweck des Deutschen
Werkbundes eine recht leicht faßliche Antwort gegeben
werden, so mag sie etwa so lauten: er arbeitet daran,
im Deutschen Volk die Einsicht zu verbreiten, daß es
nicht nur unanständig, sondern auch dumm ist, seiner
Hände Arbeit lieblos, auf den Schein hin zu machen. Das
eigentlich ist's, was der Werkbund will, und wer meint, das
sei zu wenig, oder allzu bescheiden, der gehört nichi
herein und kann nicht mitarbeiten, sondern hat's nötig,
erst bearbeitet zu werden. Lieblose Arbeit vermeiden, das
heißt nämlich soviel wie: das ganze Können und alle
Kräfte in die Arbeit legen; denn vorher hat Liebe sich nicht
genug getan. Wirtschaftlicher ebenso wie geistiger Wohl-
stand müßte dem Volk erblühen, das dauernd die Kraft
hätte, unbeirrt durch die vorübergehenden Erfolge einer
gewissenlosen Gewandtheit, überall solche Gesinnung zu
betätigen. Vergeudung von Zeit und Kraft und Material
muß erkannt werden in der Arbeit an Dingen und Wer-
ken, die schlechter sein als scheinen woilen und die also
enttäuschen müssen. Ist sie erkannt, dann taucht damit —
überraschend fast — die Möglichkeit auf, trotz der Hast
und der Verwirrung unserer unseligen Zeit die nötige
Ruhe und überzeugtheit zu gewinnen, um überall mit
wertiger Arbeit die minderwertige zurückzudrängen; frei-
lich, die allzu Beschränkten, Ängstlichen werden nie dahin
gelangen, nur die, welche gesunde Kraft haben und einen
frohen Willen, Schwierigkeiten zu überwinden.

Wenn der Werkbund in ernsthaftem Bemühen sich seine
Werturteile bildet und stets umbildet und neu bildet — in
dem Sinne, wie alles Lebendige in täglicher Neu- und Um-
bildung begriffen ist — so will er dabei im übrigen keiner-
lei geheiligte Satzungen gelten lassen, weder altehr-
würdige noch jungunehrerbietige; nur an einem soll fest-
gehalten werden: Der Werkbund will der wertvollen
Leistung den Weg ebnen, dem Minderwertigen überall
das Hochwertige entgegenstellen, den Begriff der Wertig-
keit einhämmern, bis er zur Selbstverständlichkeit v/ird, so
daß kein rechter Deutscher sich daran vorbeidrücken kann,
ohne sich in seinem Gewissen beschwert zu fühlen.

1925 Richard Riemerschmid Programmschrift

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