Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Alt und Neu

HERBERT GÜNTHER

Auch ein wenig geschultes Auge würde wahrscheinlich
den künstlerischen Rang der neuen Architektur sofort
erkennen, wenn es sie zwischen traurigen Zeugen der
subalternen Stümperei des ausgehenden vorigen Jahr-
hunderts findet. Aber neben Hilflosigkeiten zu glänzen,
ist noch kein Beweis für wirklichen Wert. Anders ist es,
wo das Neue neben guter alter Architektur steht.

Und hier stellt sich beim ersten Blick eine Tatsache
heraus, die zunächst vielleicht Erstaunen begegnen

Tores). Vielleicht ist dieser Helm etwas zu schlank und
glatt für die Schwere von Turm und Chor, sicher ist, auch
er hat Charakter, und die Kirche ist eine Einheit trotz
ihrer Baugeschichte von einem halben Jahrtausend.
Schräg gegenüber nun erhebt sich ein guter „Zweckbau"
aus der Gegenwart — und das Ganze ist städtebaulich
nicht nur befriedigend, sondern erfreulich. (Wenn jedoch
ein kunstbestrebter, aber irregeleiteter Kaufmann um
1890 sein in nächster Nähe der Kirche gelegenes Ge-

könnte, bei näherem überlegen aber, nach dem Voraus-
geschickten, auch kunsttheoretisch völlig einleuchtet: gute
alte und gute neue Architektur vertragen sich aus-
gezeichnet. Und vertragen sich nicht nur — sondern
steigern sich gegenseitig zu größerer Wirkung.

Berlin bietet eine ganze Anzahl von Beispielen guter
alter und guter neuer Architektur in engster Nähe.

Die Marienkirche ist eine der beiden ältesten Pfarr-
kirchen der Stadt; der Unterbau des Turmes stammt aus
dem 13. Jahrhundert, der zierliche Turmhelm ist genau
500 Jahre jünger (und sein Schöpfer ist seltsamerweise
Langhans, der Meister des gewaltigen Brandenburger

schäftshaus durch „gotische" Spitzbögen, Fialen und dgl.
ihrem Stile „anpassen" zu sollen glaubte, so wendet man
sich heute mit Grausen.)

Oder: Ecke Taubenstraße und Kanonierstraße. Rechts
das typische gepflegte zweistöckige Wohnhaus aus der
Mitte des 18. Jahrhunderts, das Pfarrhaus der Dreifaltig-
keitskirche (im dazugehörigen Nachbarhause wohnte
Schleiermacher als amtierender Geistlicher). Es ist 1738
gebaut. Gegenüber ein siebenstöckiger Neubau, bei-
nahe 200 Jahre später aufgeführt und alles andere als
ein Wohnhaus. Aber beide sind charakteristische Zeugen
ihrer Epoche, und wie gut stehen sie nebeneinander!

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