Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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Die Fassade

WALTER Rl EZLER

Es ist nicht leicht, Deutschland gegen die Vorwürfe
zu verteidigen, die ihm wegen seiner „Verschwen-
dung" im letzten Jahrzehnt vom Ausland, und zwar
nicht nur von böswilligen Beurteilern, gemacht worden
sind. Auch der Deutsche, der im Ausland, etwa in
Frankreich reist, muß zugeben, daß sich die Energie,
mit der auch dort nach dem Kriege das normale
Leben wieder in Gang gesetzt wurde, nach außen
durch keinen wie immer gearteten Aufwand sichtbar zu
erkennen gibt. Nur die zerstörten Provinzen des Nor-
dens machen eine Ausnahme: hier ist allerdings offen-
bar mit dem größten Aufwand dasZerstörte wiederauf-
gebaut worden. Aber da dieser Wiederaufbau unter
der Voraussetzung geschah, daß Deutschland die
Kosten trage, fühlte sehr begreiflicherweise niemand
das Bedürfnis, zu sparen. Die Formen, in denen gebaut
wurde — eine Musterkarte sämtlicher Geschmacks-
richtungen zwischen 1880 und 1920 —, ist für uns eben-
so erstaunlich wie der völlige Mangel an irgend-
welchen städtebaulichen oder sonstigen architektoni-
schen Ideen. Aber das steht auf einem anderen Blatt
und hat uns hier nicht zu kümmern. Jedenfalls lebt und
arbeitet man im übrigen Frankreich auch heute noch in
jenen von jeher bekannten, oft geschilderten, sehr be-
scheidenen, veralteten, wenig bequemen und oft un-
hygienischen Räumen, Schulen, Büros und Fabriken,
und der Betrieb auf den Eisenbahnen ist von einer
Primitivität, die an den guten Willen und die persön-
liche Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit des Reisen-
den die größten Anforderungen stellt, — während man
bei uns sich umgekehrt gar nicht genug tun kann, um
dem Reisenden das Leben immer bequemer und ein-
facher zu machen. Überall trifft man auf jenen Geist,
den man je nach seiner Einstellung als konservativ
oder rückständig, positiv oder negativ werten mag, —
dem aber nur Verständnislosigkeit das eine ab-
sprechen kann: daß es ihm weniger auf die„Fassade",
die äußere Form, ankommt, daß ihm wichtiger als
alles, was nach außen sichtbar in Erscheinung tritt,
eine gewisse innere Sicherheit und Erfülltheit des
Lebensstiles ist. Dies einzusehen wird allerdings dem
Deutschen nicht ganz leicht, da er zu sehr geneigt ist,
die Sicherheit und harmonische Ausgeglichenheit der
äußeren Form des Franzosen für eine reine „Fassade"
zu halten.

Es ist notwendig, sich diesen Sachverhalt klar zu
machen, um jene Kritik, die gerade von den Franzo-
sen an dem deutschen Gebahren der letzten Zeit ge-
übt wird, richtig zu verstehen: der Deutsche irrt, wenn

er in dieser Kritik nur eine politische Feindseligkeit sieht.
In Wirklichkeit ist es dem Franzosen einfach mensch-
lich unbegreiflich, wie ein Volk, das eben einen
finanziellen Zusammenbruch sondergleichen erlebt
hatte, sofort nach dem höchst schwierigen Wieder-
aufbau seiner Währung einen großen Teil des vom
Ausland geliehenen Geldes dazu verwenden konnte,
um in einem Umfang und mit einem Aufwände zu
bauen, wie es sich in der gleichen Zeit kein einziges
der am Kriege beteiligten Länder leistete. Wir wissen
selber ganz genau, daß es sich hier um keine nur
böswillige Auffassung handelt, und es hat deshalb
auch keinen Sinn, über derartige Vorwürfe einfach
mit Stillschweigen hinwegzugehen: wir haben in-
zwischen alle gelernt, einzusehen, daß im letzten
Jahrzehnt weder die Wirtschaft noch das sich immer
mehr ausbreitende, sozialistischen Wirtschaftsformen
nahekommende Genossenschaftswesen und am aller-
wenigsten die staatlichen und kommunalen Gewalten
sich von einer „Großzügigkeit" in allem, in erster Linie
aber im Bauwesen freigehalten haben, die fast im-
mer gedankenlos und unvorsichtig, manchmal aber
auch geradezu gewissenlos genannt werden muß
und deren verhängnisvolle Folgen wir alle heute be-
reits am eigenen Leibe spüren. Wir dürfen uns nicht
wundern, wenn noch die wohlwollendsten unserer
Kritiker uns vorhalten: daß es ja an sich sehr erfreu-
lich sei, wenn ein Land seine Eisenbahnen und Fabri-
ken, seine Schulen, Krankenhäuser, Hotels und Ver-
waltungsgebäude innen und außen so schön, gesund
und „zeitgemäß" wie möglich gestalten wolle, und
zugleich auch noch sehr viel zur Beseitigung der
Wohnungsnot tue, — daß aber doch schließlich die
Voraussetzung dafür sein müsse, daß die erforder-
lichen Mittel unter Berücksichtigung aller nun einmal
gegebenen Umstände auf normalem Wege zu be-
schaffen sind. Es ist auch nicht weiter verwunderlich,
daß weniger wohlwollende Kritiker in diesem ganzen
Gebahren nichts weiter als eine neue Form des
„wilhelminischen" Geistes erblicken wollen, den das
neue Deutschland ganz zu Unrecht als glücklicher-
weise überwunden ansehe: den Ausdruck einer
Großmannsucht, der die „Fassade", also die Wir-
kung nach außen, wichtiger sei als der Gehalt, der
hochragende Aufbau wesentlicher als das solide
Fundament. Und sogar diesen Vorwurf wird man als
Deutscher nicht ohne weiteres ablehnen dürfen: es
ließen sich viele Fälle aufzählen, von Kommunen und
Genossenschaften oder sonstigen Gemeinwesen, fast

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