Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 7.1932

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An die Leser der »Form«

Die wirtschaftliche Lage zwingt auch den Verlag Hermann Reckendorf zu Einschränkungen.
Das von Paul Westheim herausgegebene »Kunstblatt« wird nicht mehr in der seitherigen
Weise erscheinen. Da jedoch derVerlag von derWichtigkeit der dort behandelten Fragen
überzeugt ist, hat er sich entschlossen, künftig der »Form« eine Beilage von 8 Seiten
beizufügen, die eine verkleinerte Ausgabe des »Kunstblatts« sein und unter der selb-
ständigen Leitung Paul Westheims stehen soll. Bei der »Form« bleibt alles beim alten. Sie
wird den Weg, auf dem sie so zahlreiche Gefolgschaft gefunden hat, weiter gehen, — und
hofft, durch die neue Beilage auch den Lesern zu dienen, die bisher die Behandlung der
Probleme der bildenden Kunst vermißten.

Herausgeber und Schriftleiter der »Form«
Herausgeber des »Kunstblatts«
Verlag Hermann Reckendorf G.m.b.H.

Front 1932

W. R I E Z L E R

Nun ist also das Jahr erreicht, in dem der
Deutsche Werkbund die Feier seines fünfund-
zwanzigsten Geburtstages nicht nur vor der deut-
schen Öffentlichkeit, sondern vor der ganzen
Welt begehen wollte. Als Manifest größten Stils
war die Ausstellung „Die Neue Zeit" gedacht,
nicht nur als Rechenschaftsbericht über das in
schicksalsvoller Zeit Geleistete, sondern zugleich
als kühner Versuch, dem Kommenden den Weg
zu weisen, unternommen in dem Vertrauen auf
die Sicherheit der Leistung und des Urteils derer,
die im Werkbund oder von ihm berufen das
Unternehmen leiten sollten. Gelingen oder Miß-
lingen hätte über das Schicksal des Werkbunds
entschieden: er wäre anerkannt worden als eine
kulturelle Macht, nach deren Urteil jeder hätte
fragen müssen —, oder seine Feinde hätten recht
behalten, die immer schon in dem, was der Werk-
bund tat oder redete, nur die Anmaßung einer
kleinen Gruppe, die sich allzu wichtig nahm, er-
blicken wollten.

Die Zeit hat anders entschieden: sie hat dem
Werkbund die Feier nicht gegönnt — oder sie
hat es gnädig mit ihm gemeint. In absehbarer
Zeit wird weder Deutschland noch ein anderes
Land — mit einziger Ausnahme Rußlands — zu
einem kulturellen Manifest des geplanten Um-
fangs geneigt oder imstande sein. Nicht daß die

Ideen, aus denen der Plan jenes Manifests —
oder seine Kritik — erwuchs, an Bedeutung ver-
loren hätten: im Gegenteil, sie sind wichtiger als
je, und die Zahl derer, die um diese Ideen kämp-
fen, wächst immer mehr. Aber das wirtschaftliche
und politische Chaos ist inzwischen so über-
mächtig geworden, und die Sorgen drücken so
schwer, daß es schlechterdings ausgeschlossen
wäre, die zur Durchführung derartiger Pläne nun
einmal unentbehrlichen realen Mächte der Idee
dienstbar zu machen. So wird der Werkbund wohl
nur sehr selten noch Gelegenheit haben, durch
Ausstellungen und ähnliche Unternehmungen nach
außen zu wirken und für seine Ideen zu werben.

Damit ist er aber ganz gewiß nicht überflüssig
geworden. Wohl kann man sagen, daß er auf
manchen Gebieten das Ziel, das ihm bei der
Gründung Theodor Fischer steckte: sich selber
überflüssig zu machen — schon beinahe erreicht
hat. Niemand hätte erwartet, daß die Saat jener
denkwürdigen Stuttgarter Werkbundausstellung
„Die Form" des Jahres 1923 so bald schon auf-
gehen würde, wie zuletzt noch die ausgezeich-
nete Ausstellung „Das einfache Gebrauchsgerät"
im Berliner Kunstgewerbemuseum bewiesen hat.
Daß es neben diesem einfach und echt geformten
Gerät einstweilen noch immer eine Fülle von
Mißgeformtem gibt, braucht den Werkbund

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